Essay

Demenz und Würde – eine lebensgefährliche Mischung (für die Dementen)

Peter Schneider schreibt auch für alzheimer.ch mit spitzer Feder.
Peter Schneider schreibt auch für alzheimer.ch mit spitzer Feder. Bild SRF

Eine Krankheit wie Demenz geht nicht einfach nur an die Substanz der Person, sondern auch an die Substanz der Rechte als Person. Ein Mensch mit Demenz ist allenfalls noch der, der er einmal war. Und der, der er einmal war, wollte möglicherweise niemals «das» werden, was seine Post-Person nun ist.

Von Peter Schneider

Was aber ist der angemessene Umgang mit Menschen, die ihre Funktionen, welche das Menschsein ausmachen, verloren haben? ...wann hört ein Mensch auf, Mensch zu sein? Diese Fragen führen unmittelbar zu jener nach dem würdigen Ende unseres Lebens... (Gottfried Schatz: «Abschied vom Ich», NZZ, 4.Juni 2015)

Die Antworten auf so grosse Fragen wie Was ist Leben?, Was ist eine Person? oder Was ist der Tod? werden nicht vor allem in philosophischen Seminaren oder Ethikkommissionen formuliert, sondern durch die alltägliche Praxis auf Intensivstationen, in der Transplantationsmedizin oder in Pflegeheimen sowie in Leserbriefen und Online-Kommentaren zu Berichten über die erschreckende Zunahme der Zahl von Demenz-Erkrankten. Das Konzept des Hirntodes verdanken wir nicht etwa neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Wesen des Todes, sondern dem Wunsch nach mehr transplantationsfähigen Organen.

Diese Antworten sind alles andere als bloss akademisch, sie können über Leben und Tod entscheiden, indem sie festlegen, was «noch» Leben in einem empathischen Sinn ist oder nur noch blosses Vegetieren. Sie ziehen weitere Fragen nach sich, die nicht mehr ganz so subtil sind, wie die nach dem Wesen personaler Existenz.

Zum Beispiel: Wie kann ich dafür sorgen, dass ich meinem Leben noch rechtzeitig und selbstbestimmt ein Ende setzen kann, bevor ich im geistigen Zustand eines Gemüses in einem Heim vor mich hin vegetiere? oder Wie soll eine Gesellschaft das auf Dauer noch bezahlen?

Als Gunter Sachs sich 2011 das Leben nahm, weil er befürchtete, an Demenz erkrankt zu sein, kommentierte der Berliner Schriftsteller Peter Schneider im Tagesspiegel: 

«Die Politiker sagen ihren Wählern nicht, was die ‹Kollateralschäden› der viel gefeierten Lebensverlängerung sind: Jeder vierte Bürger über 85, jeder dritte über 90 wird an Demenz erkranken. Die Gesellschaft schliesst vor diesem wachsenden Millionenheer die Augen und schiebt es in meist menschenunwürdige Verwahranstalten ab oder überlässt es überforderten Angehörigen. Mithilfe der Kirchen drückt sie sich aber auch um die Frage herum, ob diejenigen, die ein Leben mit der Demenz nicht auf sich nehmen wollen, nicht ein Menschenrecht auf einen selbstbestimmten Tod haben.»

Für jemanden, der seine Karriere als Intellektueller in der Studentenrebellion von 1968 begann, ist das eine seltsame Position, welche gegen die Abschiebung in «menschenunwürdigen Verwahranstalten» als gleichsam naturwüchsige Alternative zum «selbstbestimmten Tod» unterstellt: Mit Würde von dieser Welt gehen, bevor einen die Demenz (ein)holt.

In einer online-Umfrage des Tages-Anzeigers «Verstehen Sie, dass jemand wegen der Diagnose Alzheimer den Freitod wählt?» anlässlich von Gunter Sachs’ Suizid antworten 82,2 Prozent von 903 Teilnehmern mit «Ja».

In seinem Buch The Ethics of Killing knüpft der Moralphilosoph Jeff MacMahan die Rechte eines Menschen an die Existenz seines Selbstbewusstseins: «Wenn eine Person sich dauerhaft in einem ‹vegetativen› Zustand befindet, hört sie zu existieren auf. Was übrig bleibt, ist ein lebendiger, aber unbesetzter menschlicher Organismus.»

Schwer Demenzkranke sind somit «Post-Personen» bzw. auf dem Weg dorthin. In der «Dekade des Gehirns», die nach ihrem Ablauf Ende der 1990er-Jahre sogleich zum «Jahrhundert» verlängert wurde, gilt es als selbstverständlich, dass ich mich in erster Linie als mein Gehirn konzeptualisiere. Somit geht eine Krankheit wie Demenz nicht einfach nur an die Substanz meiner Person, sondern auch an die Substanz meiner Rechte als Person. Als Dementer bin allenfalls noch der, der ich einmal war. Und der, der ich einmal war, wollte möglicherweise niemals «das» werden, was meine Post-Person nun ist.

«Lebensqualität ist mehr als Lebensstandard», schrieb Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vom 18. Januar 1973. Etwas später heisst es dort: «Die Qualität des Lebens ist zu einem zentralen Begriff unserer politischen Arbeit geworden.» Der Begriff hat inzwischen längst Eingang in medizinethische Überlegungen gefunden und wird als Argument gegen sogenannt unnötige und unmenschliche Massnahmen der Lebensverlängerung («um jeden Preis») ins Feld geführt. Ist die aufwendige Pflege von schwer Dementen möglicherweise eine Art der Lebensverlängerung, die man mittels einer Patientenverfügung für sich selber vorsorglich ausschliessen kann?

Ist möglicherweise sogar die Euthanasie von Dementen zu rechtfertigen, da diese wesentliche Elemente des Person-Seins verloren haben – z.B. «Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Sinn für die Zukunft, Sinn für die Vergangenheit, die Fähigkeit mit anderen Beziehungen zu knüpfen, sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier» (Peter Singer, Praktische Ethik)?

Der rabiat-rationalistische Utilitarismus Peter Singers oder im deutschsprachigen Raum – Norbert Hoersters stösst immer wieder auf heftigen Protest von Behinderten und ihren Organisationen. Die Dementen sind aus verständlichen Gründen nicht in der Lage, eine derartige Protestlobby in eigener Sache zu bilden. Sie sind in existentieller Weise auf die Hilfe anderer angewiesen und damit zuweilen auch einem Mitleid ausgeliefert, das tödlich sein kann.

Die Auffassungen, die Singer und Hoerster hinsichtlich der Tötung von schwerstbehinderten Kindern (Nicht-Personen) und dementen Post-Personen vertreten, sind gewiss nicht philosophischer Mainstream. Ihr antimetaphysischer Selbstbestimmungsfuror deckt sich aber weitgehend mit dem, was man eine populär gewordene Erlösungsmoral nennen kann. Und diese ist keineswegs eine Moral, der man lediglich die anderen, die bereits Dementen, unterwerfen, sondern die man auch auf sich selbst – für den Fall der Fälle angewendet wissen möchte.

Um die Umrisse dieser Erlösungsmoral möglichst konkret zu skizzieren, greife ich auf einen Tötungsfall zurück, der im «Blick» am 15.10.2010 unter der Überschrift: «Alzheimer-Drama von Rupperswil» dargestellt wurde: «Seine Liebste litt an Alzheimer. Fritz W. pflegte Ruth daheim, bis er nicht mehr konnte. Er erwürgte sie im Ehebett».

Wie immer diskutierte die «Blick»-Leserschaft diesen Fall leidenschaftlich. Auszüge einer Diskussion über eine Tötung aus Barmherzigkeit vom 16. Oktober 2010:

 «Ich ziehe meinen Hut vor Fritz W. und verbeuge mich zutiefst. . . . Er konnte es einfach nicht mehr ertragen, seine Ruth so leiden zu sehen. Ich glaube, wir können ihm nicht mal das Wasser reichen. Kein Gericht dieser Welt dürfte so einen Mann verurteilen. Gott schütze ihn. »

Blick-Leser

 «Dieser Mann hat das Herz am rechten Fleck! Ich wünsche Fritz W. ganz viel Kraft für seine Zukunft, die ihm nun von unseren Paragrafenreitern zur Hölle gemacht werden könnte. Ich würde fast darauf wetten (man verzeihe mir den Sarkasmus), dass nun eine härtere Bestrafung auf ihn wartet, als wenn er seine Frau betrunken als Raser mit 120 km/h innerorts überfahren hätte . . . »

«Einen demenzkranken Menschen (je nach Demenz-Art) zu betreuen, kann sehr aufreibend sein. Meine Mutter hatte auch eine sehr starke Demenz, sie war gegenüber andern aber eher pflegeleicht. Dieser Mann liebte seine Frau und konnte die immer grösser werdende Entfremdung, die bei der Krankheit entsteht, nicht mehr ertragen, auch die Pflege-Belastung war für ihn viel zu gross. obwohl es nicht sein Recht ist, über das Leben zu entscheiden, verstehe ich seine Verzweiflungstat, die er bestimmt aus Liebe beging.» 

«Wahre Liebe bis in den Tod. Ohne irgendwelche egoistische Gedanken erlöste er seine Frau und sich, damit sie nicht noch länger leiden müssen. Hut ab vor dieser grossen Liebe!» 

«Tragisches Ende einer wahrscheinlich grossen Liebe. Angehörige ersticken morphiumberauschte Krebs- kranke im Endstadium. Das ist keine Seltenheit. Der den Tod feststellende Arzt drückt beide Augen zu. Es ist nicht an uns, hier zu richten.» 

«Ich habe selbst eine demenzkranke Grossmutter. Die Erlösung ist für diese Menschen besser als jahrelanges Dahinvegetieren. Dieser arme Mann sollte nicht bestraft werden. Er hat seine geliebte Frau nur vor noch Schlimmerem bewahrt.» 

«Von solchen Schicksalen werden wir wohl in Zukunft noch des Öfteren zu hören bekommen.» «Er hat seine Frau vielleicht vor jahrelangen Qualen bewahrt, auch wenn uns die Tat ‹barbarisch› erscheint.»

Zwei Jahre später, zum Abschluss des Strafprozesses gegen Fritz W. (er wird wegen vorsätzlicher Tötung zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt), titelte der Blick: «Alzheimer-Lüge». Aus der Erlösungstat war eine Tat aus Eigennutz geworden. Ruth W. hatte erst im Anfangsstadium an Alzheimer gelitten und Zeugenaussagen ergaben ein Bild von Fritz W. als eines immer schon groben Ehemanns.

Der vormalige Zuspruch bei den Leserbriefschreibern verwandelte sich in Ablehnung. Daniel Frey aus Pfäffikon schrieb: «Eigentlich gibt es ja Sterbehilfeorganisationen. Selbstjustiz geht gar nicht. Auch wenn die Frau vielleicht schwer krank war. Wo sind wir Menschen hingekommen.»

Die Frage ist insbesondere angesichts dieser Zuschrift nicht ganz unberechtigt.

 

 

 

 

erschienen: 18.04.2016

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