Einzelzimmer

Gemeinsam ist man weniger allein

«Ob dement oder nicht, je weniger Möglichkeiten der Mensch hat, sich zu bewegen, desto stärker verengt sich sein Blick auf die Welt.»
«Ob dement oder nicht, je weniger Möglichkeiten der Mensch hat, sich zu bewegen, desto stärker verengt sich sein Blick auf die Welt.» Bild Daniel Kellenberger

Einzelzimmer für Heimbewohner sind ein Segen. Zumindest theoretisch. In der Praxis empfinden es die Betroffenen als Belastung.

Von Uschi Entenmann

Stellen Sie sich vor, Sie sind achtzig Jahre alt und ein bisschen verwirrt, Ihr Mann ist gestorben, und wenn die Tochter mit den Kindern zu Besuch kommt, sagt sie zum Abschied, dass es allmählich Zeit wird an einen Platz im Heim zu denken.

Vielleicht hat sie Recht. Es fällt Ihnen zunehmend schwer, den Alltag allein zu stemmen. Sie suchen oft Brille und Schlüssel und finden sie an absurden Orten, Ihre Bankkarte ist verschwunden, dafür sind im Kühlschrank vier Milchtüten und sechs Butterpäckchen.

Die Sprechstundenhilfe rief schon zweimal an, weil Sie den Termin beim Arzt verpasst haben. Treppensteigen fällt Ihnen schwer. Aber ins Heim? Ein Zimmer teilen mit einer Fremden? Undenkbar.

Keine Sorge, Sie können aufatmen. Die Zeit der Mehrbettzimmer in Heimen ist vorbei, zumindest in den meisten deutschen Bundesländern und in Österreich, nur in der Schweiz sind sie noch zugelassen.

Mit der Föderalismusreform im Jahr 2008 führten fast alle deutschen Bundesländer ein Gesetz ein, das Einzelzimmer vorschreibt. Die Verordnung muss bis 2019 umgesetzt sein.

Unzählige Heime, allein in Baden-Württemberg gibt es 600, werden seither für viel Geld umgebaut oder gar neu gebaut. Da wartet Arbeit auf die Heimaufsicht.

«Wir haben schon gehört, dass Heimbetreiber überfordert sind mit den Umbaumassnahmen und dem Zeitplan», sagt Axel Wörner, Leitender Regierungssprecher im Referat 23 der Heimaufsicht in Baden-Württemberg. «Es werden Fristverlängerungen beantragt, da müssen wir jeden Einzelfall prüfen.»

«Es gab immer Wartezeiten für Einzelzimmer», begründete Katrin Altpeter, bis 2015 Sozialministerin in Baden Württemberg, die neue Verordnung. Was verständlich sei. «Einzelzimmer gewähren eine geschützte Privatsphäre. Betroffene sollten nicht gegen ihren Willen mit Unbekannten in einem Zimmer leben.»

Eine Zumutung. Wer will das schon? Offenbar keiner, wenn man in Deutschland zuständige Politiker und Wissenschaftler befragt – und Gegenargumente einer Minderheit überhört, die sich an den Erfahrungen ihrer täglichen Praxis orientiert.

Professor Andreas Kruse
Professor Andreas Kruse Bild Uni Heidelberg

Für Andreas Kruse jedenfalls ist das Einzelzimmer alternativlos. Der Professor am gerontologischen Institut der Uni Heidelberg gilt als Koryphäe der Altersforschung, ist Autor zahlreicher Bücher und Vorsitzender der Kommission zur Lage der älteren Generation, zudem Mitglied des Deutschen Ethikrats, der sich auch mit dem Thema Demenz und Selbstbestimmung beschäftigt.

Zum Einzelzimmer ist seine Haltung klar: «Auch Demenzkranke brauchen einen Rückzugsraum. Am besten einen Raum mit ihren persönlichen Möbeln und Bildern. Sonst geht der Streit schon beim Fernsehprogramm los.»

Die neuen Gesetze der Bundesländer machten Sinn, meint Kruse. Wenn ein Demenzkranker unruhig sei und nachts aufstehe, störe er seinen Zimmernachbarn. Um für Ruhe zu sorgen, würden diese Konflikte oft mit Schlafmittel, Psychopharmaka oder einem Bettgitter gelöst.

Hinzu käme: «Die Generation, die in den nächsten Jahren ins Heim eintritt, hat ein stärkeres Bedürfnis nach Individualität.» Wer nicht alleine sein möchte, könne in den Gemeinschaftsraum gehen.

Peter Wissmann sieht das ein wenig differenzierter. Er leitet den Demenz-Support Stuttgart, der Demenzkranke und ihre Angehörigen berät. Er schlägt vor, Heime so zu bauen, dass man jeweils zwei Einzelzimmer zu einem Zweierzimmer zusammenschliessen kann. 

«Es gibt Modelle, bei denen alle ein Einzelzimmer haben, die aber so gruppiert sind, dass tagsüber die Türen auf sind und alle Blickkontakt haben. Ich habe die Gemeinschaft, aber ich habe auch meinen Raum für mich. Für mich wäre es grausam, das Zimmer mit einem Anderen zu teilen. Ich bin Individualist.»

Im Seniorenzentrum Süssendell nahe Aachen, das 2016 eröffnet wurde und sich schon an die neuen Richtlinien halten musste, gibt es ausschliesslich Einbettzimmer. Doch Nicole Mehr, die Leiterin, bedauert das, denn es hat sich gezeigt, dass es keiner ihrer Schützlinge auf Dauer in seinem Zimmer hält.

Keine Überraschung für sie, weil sie immer wieder die Erfahrung macht, dass demenzkranke Menschen vereinsamen, wenn sie nicht mehr mobil genug sind, dahin zu gehen, wo die anderen sind. «Wer möchte schon allein sein?»

Vor allem schwer demenzkranke Menschen brauchten Nähe und Zuwendung. Einzelzimmer vorzuschreiben, wohin sollte das führen?

Ein Mensch mit schwerster Demenz könne nicht einmal mehr einen Klingelknopf drücken, wenn er Hilfe brauche.

«Aber wir lösen das Problem kreativ», sagt Nicole Mehr und lächelt verschmitzt. Wer noch gehen kann, ist ohnehin kaum im Zimmer. «Die Bettlägerigen schieben wir in den Gemeinschaftsraum oder an warmen Tagen auf die Terrasse.» Dort sind sie beieinander und werden ruhiger, sie entspannen sich. Nicht nur tagsüber. «Wer Angst vorm Alleinsein hat, den lassen wir auch nachts nicht allein.»

Rüdiger Jezewski ist einer der Pflegedienstleiter im Diakonischen Werk Bethanien in Solingen. Das Seniorenzentrum hat 300 Plätze, im sogenannten Haus Eiche sind die Demenzkranken untergebracht, es hat die vorgeschriebene Zahl von achtzig Plätzen

«Wir haben für den Neubau in jeder Wohngruppe zwei Doppelzimmer geplant, weil wir wissen, dass Menschen mit Demenz das Zusammenleben brauchen, nicht das Alleinsein. Im Alltag schieben die Pflegenden die Bewohner mit den Betten oft in die Gemeinschaftsräume, wo was los ist.» Die Architektur der Einzelzimmer entspräche nicht den Bedürfnissen der Bewohner, sondern sei nach politischen Aspekten ausgerichtet.

Haus Eiche gilt in Nordrhein Westfahlen als Modell, weil Rüdiger Jezewski schon vor neun Jahren die Genehmigung erhielt, eine so genannte Pflegeoase einzurichten. Einen Raum, in dem sieben schwer demenzkranke Menschen leben. «Es geht ihnen gut dort», sagt er. «Denn sie sind nie allein».

Ein Mensch mit schwerer Demenz kann nicht mehr rufen, wenn es ihm schlecht geht. Er ist hilfloser als ein Säugling, der schreit, sobald ihm etwas auf den Magen drückt oder ihn der Hunger plagt. Die Folge ist, dass sich der Demenzkranke über Stunden in eine Embryohaltung krümmt, womöglich mit vollen Windeln, vor Angst schwitzend, weil er sich verlassen fühlt und es ja auch ist.

Die erste Institution, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen hatte, war das Schweizer Demenzheim Sonnweid. Michael Schmieder, ihr Begründer, sieht die Gefahr der Vereinsamung nicht nur im Krankheitsfall.

Er sagt: «Ob dement oder nicht, je weniger Möglichkeiten der Mensch hat, sich zu bewegen, etwas wahrzunehmen, zu kommunizieren, desto stärker verengt sich sein Blick auf die Welt. Er zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, büsst Stück für Stück seines Körpergefühls ein und fällt in ein Vakuum.»

Für Schmieder war es deshalb schon vor 25 Jahren wichtig, einen Gemeinschaftsraum zu schaffen, der ein Miteinander von Patienten und Betreuern ermöglichte, aber auch der Patienten untereinander, selbst auf die Gefahr hin, dass sich der eine oder andere durch Leidensgefährten gestört fühlte. Er fragt:

«Aber was heisst in diesem Zusammenhang schon Gefahr? Sind denn Störungen wirklich so schlimm? Signalisiert ein Schnarchen oder Stöhnen nicht auch, dass noch jemand da ist?»

Ermutigend war und ist, dass auch Angehörige die Pflegeoasen im Vergleich zur bisherigen Wohnform in Einzel- und Doppelbettzimmern, positiv bewerten. Es entlastet sie, dass sich das Familienmitglied wohler fühlt als vorher und nicht mehr allein ist, wenn der Besucher geht.

Sie freuen sich, dass ihr kranker Angehöriger länger wach ist, mit grösserem Appetit isst, seine Umwelt aufmerksamer verfolgt und enger in die Gemeinschaft der Betreuenden und Patienten eingebunden ist. Auch viele Pflegende arbeiten lieber in dieser Gemeinschaft, als im Alleingang von einem Zimmer zum anderen zu hasten.

Wenn sich Heimleiter und Pflegekräfte mit grossem Erfahrungsschatz gegen Einzelzimmer aussprechen, drängt sich natürlich die Frage auf, warum der Trend in die entgegengesetzte Richtung geht und die Heime sogar noch per Gesetz zu dieser Massnahme verpflichtet?

Sabine Jansen
Sabine Jansen Bild Jochen Schneider

Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin, erklärt, dass die Gesellschaft als Bundesverband grundsätzlich keine Stellungnahmen zu Ländergesetzen abgibt.

«Leider haben wir auf Grund der Länderzuständigkeiten im Bereich der Pflege einen Dschungel von unterschiedlichen Gesetzen und Verordnungen, die nicht nur für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen schwer zu durchschauen sind.» Dazu gehörten die unterschiedlichen Personalschlüssel in den Heimen.

Oder die Schulungen für Ehrenamtliche: Es gibt für Angehörige sogenannte Entlastungsleistungen. Das kann gemeinsames Singen oder Basteln sein, auch Vorlesen und Sprachübungen. Wer das ehrenamtlich tun möchte, braucht eine Schulung. «In Sachsen-Anhalt dauert sie 20 Stunden, in Nordrhein Westfalen 40 Stunden.»

Sabine Jansen stimmt zu, dass jeder Pflegebedürftige ein Einzelzimmer bekommen sollte, wenn er es möchte. «Allerdings sollte auch die Alternative möglich sein, die Unterbringung im Doppel- oder sogar ein Mehrbettzimmer, wenn das Konzept einer Pflegeoase umgesetzt werden soll.»

«Wir wissen, dass sich Menschen mit Demenz wohler und besser aufgehoben fühlen, wenn sie nicht allein sind.»

Individuelle Lösungen sind gefragt und keine dogmatischen.

Ein Musterbeispiel für eine solche Lösung hatte sie in Berlin entdeckt: ein kleines Heim mit 36 Plätzen in einer alten Villa. «Nicht mal einen Fahrstuhl hatten die und die Bewohner waren zum Teil sogar in Vierbettzimmern untergebracht.» Dafür hätte dort eine heitere, herzliche Atmosphäre geherrscht. Mit der sei es allerdings aus und vorbei, seitdem unter einem neuen Besitzer neue Regeln gelten.

Oft sind es die Angehörigen, die auf ein Einzelzimmer für ihr demenzkrankes Familienmitglied bestehen, weil sie sich ausmalen, wie sie es selbst gern hätten.

Doch Michael Schmieder erlebt immer wieder, dass sich der Wunsch nach einem Einzelzimmer mit zunehmender Demenz verliert und sich die Angehörigen wundern, wie gut es im Zweierzimmer geht, «obwohl die Mutti doch dreissig Jahre allein gewohnt hat.»

Angehörigen, die ihm beim Eintrittsgespräch nicht glauben wollen, bietet er deshalb eine Wette an: «Wenn sich Ihr Vater in drei Wochen immer noch ein Einzelzimmer wünscht, erlass' ich Ihnen tausend Schweizer Franken und er kriegt sein Einzelzimmer.»

In den 33 Jahren, in denen er sein Heim führt, hat er noch nie verloren.

erschienen: 06.02.2018

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