Trösten schwer gemacht

Weil es sich die Tröstenden zu leicht machen

«Lieber getröstet weinen als ungetröstet.»
«Lieber getröstet weinen als ungetröstet.» Bild Ulli Reinhardt

Woher kommt das Bedürfnis zu trösten? Weil der Mensch von sich aus edel, hilfreich und gut ist? Ja, auf manche trifft das bestimmt zu, aber nicht auf alle.

Von Karin Klemm, NOVAcura

Ich setze mich in diesem Beitrag mit den Tröstern und Trösterinnen auseinander und frage, was sie zum Trösten bewegt.

Dafür reflektiere ich seelsorgerliche Begegnungen und eigene Erfahrungen mit Trostbedürfnis und Trostallergie, Allergie auf den Trost also, der auf halber Strecke stehen bleibt, wie «Ach du Arme, naja, in ein paar Jahren wirst du bestimmt wissen, wofür das alles gut war».

Ich ziehe die Geschichte von Hiob und seinen Freunden und ein Gedicht von Hilde Domin für meine Auseinandersetzung heran.

Warum wollen wir trösten?

Diese Frage soll uns Profis in den Gesundheitsberufen immer wieder leiten, wenn wir das Bedürfnis zu trösten wahrnehmen. Nicht, um das Trösten zu verhindern. Sondern um zu verhindern, dass es allein beim «gut gemeint» bleibt, und der Trost mehr Chancen bekommt, hilfreich, also tröstlich, anzukommen. Während meiner Tätigkeit im Akutspital beobachtete ich immer wieder folgendes:

  • Getröstete Patienten und Patientinnen sind unkomplizierter als die anderen. Sie sind zugänglicher und kooperativer. Ein guter Grund für Pflegende und Ärzte und Ärztinnen tröstend aufzutreten. Und ein legitimer Grund.
  • Die Herausforderung besteht darin, in professioneller Selbstwahrnehmung zu reflektieren, ob getröstet werden soll, damit die Patientin am Morgen z. B. schneller gewaschen werden kann, oder ob getröstet werden soll, weil eine Patientin trostlos und lethargisch bzw. trostlos und aggressiv die Kooperation verweigert. Oder, im Sinne der Patientenzentrierung, weil sie trostbedürftig ist und ich ihr Trost anbieten kann und will.
  • Wenn es einer Patientin besser geht, nachdem ich sie besucht, gewaschen, verbunden habe, werde ich menschlich und professionell bestätigt, vielleicht sogar existentiell: Ich bin ein guter Arzt, ich bin eine Spitalseelsorgerin, die man brauchen kann, ich bin am rechten Platz als FaGe usw. Auch da ist die Versuchung gross, trösten zu wollen, damit es mir, der Trösterin, besser geht.

Angehörige haben oft ein grosses Bedürfnis zu trösten. Immer aus Liebe? Oft, aber nicht immer, würde ich sagen. Ab und zu kommen die berühmten «Das wird schon wieder»-Beschwichtigungsformeln. Und anschliessend, auf dem Gang oder im Lift, höre ich dann entsetztes Ausrufen darüber, wie schlecht der alte Vater aussieht, wie nahe am Sterben, oder wie furchtbar es ist, sein Stöhnen vor Schmerz zu hören.

Mit den Beschwichtigungsformeln will wohl vor allem das Entsetzen auf Distanz gehalten werden. Trösten, um das Leid auf Distanz zu halten, das ist eine Haltung, die mir oft begegnet. Dieser «Trost» ist natürlich nicht böse gemeint – er ist aus Hilflosigkeit entstanden.

Aber wenn ich tröste, um mir das Elend meines Gegenübers vom Leib zu halten, habe ich vor allem mich selbst im Blick.

Deshalb lade ich ein, die Impulse, andere trösten zu wollen, zu reflektieren. Um sich das Trösten nicht zu leicht zu machen und vor allem, um tröstlicher zu werden.

Das Glück darüber, dass ein Mensch in Not durch eine Begegnung mit mir wirklich getröstet wurde, das ist nicht verpönt. Wenn es nicht das Ziel des Tröstens ist.

Was tröstet wirklich?

Trösten betrifft das Ansehen, die Würde von Menschen, verlangt also von den Tröstenden, dass sie wirklich hinschauen.

Einer angesehenen Ärztin wird nach einem lange anhaltenden Konflikt in einer Gemeinschaftspraxis nahe gelegt zu kündigen. Von der langen Anspannung mürbe geworden, gibt sie auf und kündigt. Die Kommunikation darüber bleibt vage, Gründe werden keine offen gelegt. Sie ist untröstlich. Sie hatte ihre Patienten und Patientinnen so gern, genauso wie die vielfältigen Aufgaben als Hausärztin.

Das alles zurückzulassen mit dem Gefühl, im Team menschlich gescheitert zu sein und grosses Unrecht erlebt zu haben, war ein grosser Schmerz.

Eine Freundin sagte ihr: «Hey, du findest doch locker was Neues, jemand wie dich braucht es an so vielen Orten». Das war kein Trost, denn es gab kein Hinschauen auf ihren Abschiedsschmerz und ihre Kränkung.

Ein Kollege sagte ihr: «Wenn ich mir vorstelle, meinen Arbeitsalltag innert Wochen hinter mir zu lassen, das würde mir sehr schwer fallen, ich wäre auch sehr niedergeschlagen.» So fühlte sie sich verstanden in ihrem Kummer und vor allem in ihrer Kränkungserfahrungen, das war ihr ein Trost. Dem Verständnis ging wirkliches Hinschauen voraus. Sie erfuhr Ansehen in der Wahrnehmung ihres Kollegen.

Trösten verlangt Parteilichkeit, Neutralität ist nur manchmal eine Tugend!

Frau M., eine Patientin, hatte schon einige schwere Erkrankungen hinter sich. Alles war halbwegs überstanden. Eine leichte Einschränkung beim Gehen nach einem Schlaganfall, aber damit kam sie bestens zurecht und das schien ihr kein Grund zum Klagen. Sie war ein zufriedener Mensch mit einer herzlichen Ausstrahlung.

Dann kam sie ins Spital: Brustkrebs. «Muss ich das auch noch haben, ich alte Frau. Das ist so ungerecht, nach allem, was hinter mir liegt, nach allem was meine Familie mit mir durchgemacht hat. Das ist nicht fair!»

Und sie schaute mich, die Spitalseelsorgerin, erwartungsvoll an. Feindseligkeit lag in ihrem Blick. Sie hat wohl erwartet, dass ich ihr irgendetwas Salbungsvolles sage, dass halt jede ihr Päckchen zu tragen habe  oder so.

Ich hatte mich von der Wucht ihrer Diagnose (Brustkrebs mit Leber- und Lungenmetastasen) noch nicht ganz erholt und kannte auch ihre Vorgeschichte. Ich sagte: «Ja, das ist nicht fair, wirklich nicht. Nach alldem jetzt auch noch Krebs.»

Frau M., die etwas erschöpft war vom wütenden Erzählen, seufzte tief und lehnte sich zurück. Schaute mich dankbar an, nahm meine Hand und bat: «Kommen Sie wieder, bitte.»

Das Wort Trost war nicht gefallen. Und doch liess ich – in meiner subjektiven Wahrnehmung – einen zutiefst getrösteten Menschen zurück.

Trost nimmt kein Leid, verkleinert es nicht einmal.

«Zu Frau T. musst du nicht gehen, die weint sowieso ohne Ende, das lässt sich nicht ändern, sie ist untröstlich», erzählte mir eine Pflegende über Frau T., die erfahren hatte, dass sie schon wieder Metastasen hat.

Da ich Frau T. schon lange kannte, wollte ich natürlich trotzdem gehen. Und sie hat sich gefreut. «Ihre Treue ist mir ein Trost», sagte sie. Aber geweint hat sie genauso, wie die Pflegende es prognostiziert hatte: ohne Ende. Trotzdem war ich sehr froh, dass ich sie besucht hatte. Lieber getröstet weinen als ungetröstet.

Dass Trösten nicht einfach ist und viele Fallen birgt, vor allem dann, wenn nach einer ersten tröstlichen Begegnung das Leid nicht kleiner wird, sondern bestehen bleibt, davon erzählt eine Geschichte aus der Hebräischen Bibel: Hiobs Freunde 1.

Die Fallen rund ums Trösten

Hiob hat viel Unglück erlebt, er verlor seine Kinder, sein Vieh und seine Gesundheit. Geschwüre zeichneten ihn. Drei Freunde namens Bildad, Elifas und Zofar kamen, um ihn zu trösten und mit ihm zu klagen. Ihr Freund war so entstellt, dass sie ihn erst gar nicht erkannten.Sie weinten laut, setzten sich zu ihm auf die Erde, sieben Tage und sieben Nächte, und keiner sagte ein Wort zu ihm, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr gross war.

Es wirkt schon befremdlich, wenn drei Menschen zum Trösten kommen wollen und dann sieben Tage und Nächte schweigen. Aber als ich vor einigen Wochen ein Schreiben erhalten habe, das mich sehr verletzte und in einer Weise herabwürdigte, dass es mir wirklich den Boden unter den Füssen weg zog, schickte ich es einem Freund. Und hörte drei Tage lang nichts.

Dann rief er an. «Ich war so entsetzt, es hat mir die Sprache verschlagen. Ich kann immer noch nichts dazu sagen, ausser: Ich finde es so schrecklich, was dir widerfährt.» Es hat sich sehr würdigend angefühlt, dass mein Freund sprachlos wurde. Ich war getröstet.

Hiob und seine Freunde
Hiob und seine Freunde Bild PD

So kann ich mir vorstellen, dass Hiob sich gesehen und gewürdigt fühlte durch die Reaktion seiner Freunde. Und dann begann Hiob mit starken Worten zu klagen. Ausführlich beklagte er sein Schicksal.

Seine drei Freunde tappten dann in die Falle. Sie hielten dieses existentielle Klagen nicht mehr aus.

Sie gaben Ratschläge (ungefragt), appellierten an religiöse Überzeugungen, die in guten Zeiten von Hiob verkündet wurden, und äusserten den Verdacht, dass Hiob selbst Schuld haben könnte an seinem Schicksal.

Das tönt grausam in meinen Ohren. Aber genau hingeschaut, lässt sich sagen: Die drei Freunde erlebten, wie schwer es ist zu trösten. Und dass man sich dabei auch überfordern kann. Das öffnet Tür und Tor für unangemessene Schuldzuweisungen und Ratschläge.

Sieben Tage und Nächte im Angesicht des Leides zu bleiben, das stelle ich mir ganz schwierig vor. Ich glaube die drei haben sich überfordert und sind auch deshalb moralisierend geworden.

Allein die Länge ihrer Rede empfinde ich als Zumutung für einen Menschen in Not. Diese vielen Worte erzählen zwischen den Zeilen von ihrer eigenen Not, keinen Trost für ihren Freund zu finden.

Aber: Sie haben etwas gewagt, was im Kontext von Krankheit und Alter selten gewagt wird, auch wenn es ihnen nicht gelungen ist, der Versuch lohnt dennoch einen Blick. Trost, der nicht klein macht, sondern aufrichtet.

Die Menschen, denen ich tröstend begegnen konnte, waren meistens Erwachsene. Manche alt, alle krank, oft zum Sterben krank. Sie waren in einer Position der Schwäche. Fühlten sich oft nicht mehr handlungsfähig.

Nicht nur eingeschränkt durch die Erkrankung oder das Alter, sondern auch gelähmt durch die Not, die sich auf ihre Seele, ihre Sicht auf die Welt und das Leben gelegt hat. Trost, der sie klein macht im Sinne von «Du Arme, du kannst ja gar nichts dafür, du bist nur das Opfer.»

Das mag stimmen für die Krankheit, die zur Not geführt hat. Aber damit wird die Unfähigkeit zu handeln und zu gestalten bestärkt. Aber solange Menschen leben, gibt es einen, manchmal kleinen, aber trotzdem vorhandenen Gestaltungsspielraum. Echter Trost hilft, diesen Spielraum zu nutzen, weckt die Kräfte dafür.

Aufrichten, nicht klein halten!

Die Freunde Hiobs probierten das etwas hilflos, indem sie nach der Schuld von Hiob fragten. Ich will ihnen zugestehen, dass sie Hiob zumindest nicht klein geredet haben, sondern ihn in die Verantwortung rufen wollten. 

Haus ohne Fenster

Hilde Domin hat 2009 ein kräfteweckendes Gedicht über den Trost geschrieben, diese Energie ist beim Trösten gefragt.

Der Schmerz sargt uns ein
in einem Haus ohne Fenster.
Die Sonne, die die Blumen öffnet,
zeigt seine Kanten nur deutlicher.
Es ist ein Würfel aus Schweigen in der Nacht.
Der Trost,
der keine Fenster findet und keine Türen
und hinein will,
trägt erbittert das Reisig zusammen.
Er will ein Wunder erzwingen
Und zündet es an,
das Haus aus Schmerz.

Aber angesichts seines Elends nach seiner Verantwortung für den Tod seines Viehs und seiner Kinder zu fragen, und für die Geschwüre, die Hiob entstellten, ist nicht tröstlich.

Trost will Wunder erzwingen, und kann Wunder bewirken, nämlich Kräfte wecken. Also wenn wir trösten wollen, dann ohne Bescheidenheit. Und es kann gelingen, wenn nichts zugedeckt, beschwichtigt oder verharmlost wird.

Denn das Haus aus Schmerz will in seiner ganzen Grösse und Bedrohlichkeit wahrgenommen werden. Vorher gibt es keine Wunder. Wer das Leid als Haus aus Schmerz bezeichnet, also ein solch grosses Bild dafür wählt wie Hilde Domin, zeigt Respekt vor dem Leid. Diese Haltung ist die Voraussetzung dafür, dass aus Trost nichts Billiges wird.

Ein Haus anzuzünden, ist nicht ungefährlich. Wer weiss, wie hoch die Flammen schlagen, wie heiss es wird für mich. So heiss, wie wenn ich mich auf einen Menschen in Not einlasse, und das Risiko eingehe, berührt zu werden und Parteilichkeit zu wagen.

Deshalb ist das Trösten schwer. Aber wenn es gelingt, wenn solch ein Haus aus Schmerz angezündet wird, dann gibt es ein ganzes Haus weniger. Das lohnt sich. Immer. Für jede Patientin, für jeden Angehörigen. Deshalb soll das Trösten gewagt werden, unbedingt!


 

Karin Klemm, katholische Theologin, ist langjährige Spitalseelsorgerin im Akutspital, Supervisorin und Familienfrau.

Hilde Domin, Haus ohne Fenster. Aus: dies., Sämtliche Gedichte. Copyright S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2009.

erschienen: 04.01.2018

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