Hoffnung im Pflegealltag

Jenseits von richtig oder falsch

Die Farbe Grün steht für Hoffnung.
Die Farbe Grün steht für Hoffnung. Bild Véronique Hoegger

Hoffnungsfördernde Pflege frage nicht danach, ob Patienten und deren Familien hoffen, sondern worauf sie hoffen, sagt Settimio Monteverde, Pflegefachmann, Ethiker und Theologe.

Von Settimio Monteverde

Hoffnung begleitet Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Sie ist ein Konstrukt, das vielfältige Assoziationen weckt. Aus diesem Grunde sind seit jeher auch verschiedene Disziplinen wie die Philosophie, die Theologie und die Psychologie daran interessiert, dieses Phänomen zu verstehen, zu beschreiben oder gar zu messen.

Der Pflegealltag belegt die Bedeutung von Hoffnung auf vielfältige Art und Weise: Menschen werden aus ihrem gewohnten Alltag gerissen und begeben sich in eine Welt, die für sie oftmals fremd ist. Sie vertrauen Fachpersonen, hoffen auf die bestmögliche Diagnose, das bestmögliche Outcome, den bestmöglichen Verlauf.

Wie die pflegerische Begleitung von Angehörigen schwer hirngeschädigter Patienten zeigt, ist Hoffnung immer auf ein Ziel gerichtet. Ziele jedoch ändern sich mit dem Verlauf der Krankheit. Hoffnungsfördernde Pflege unterstützt Patientinnen und Patienten in der Aushandlung und im Verfolgen dieser Ziele. Sie fragt nicht danach, ob Patienten hoffen, sondern worauf sie hoffen.

Nicht alle Ziele sind gleich sinnvoll

Obschon der Mensch ein hoffnungsbegabtes Wesen ist, erscheinen nicht alle Ziele des Hoffens gleichermassen sinnvoll. Bei einer schwerkranken Patientin, die ihre ganze Hoffnung auf eine unwirksame, mit grosser Wahrscheinlichkeit sogar schädliche experimentelle Therapie stützt, würde man unweigerlich von falscher Hoffnung sprechen.

Entscheidet sie sich jedoch für eine bewährte Therapie, deren Nutzen gut belegt ist, wäre diese Hoffnung berechtigt.

Mit dem Begriff Hoffnung ist immer auch ein Wahrheits- und Richtigkeitsanspruch verbunden, der die Ziele des Hoffens kritisch beurteilt.

Darin unterscheidet sich Hoffnung von simplem Optimismus.

Pflegende stehen oft in der Situation, Patienten und deren Familien in der Hoffnung zu stützen, sinnvolle Ziele des Hoffens auszuhandeln, ohne den Betroffenen die Hoffnung zu nehmen. Die damit verbundene Bürde des Urteilens birgt auch ethische Fragen.

Sie führt in das Herz dessen, was das Konstrukt Hoffnung umfasst, nämlich Emotion, Kognition und Handlung: Patienten und deren Familien, die in belastenden Situationen stehen, sehnen sich erstens danach, dass sich diese Situation verändert. Sie vertrauen darauf, dass sie in ihrer Verletzlichkeit anerkannt und professionell begleitet werden.

Zu diesem emotionalen Aspekt der Hoffnung, der auch religiös oder weltanschaulich verankert sein kann, gesellt sich der kognitive, der die Wahrscheinlichkeit und die Verfügbarkeit der Mittel betrifft, mit der dieses Ziel erreicht werden kann.

Ziele des Hoffens aushandeln

Der handelnde Aspekt von Hoffnung zeigt sich schliesslich darin, dass sich Menschen konkret dafür engagieren, Hoffnung nicht nur zu hegen, sondern zu realisieren, im Falle schwer hirngeschädigter Patienten z.B. durch tägliche Besuche der Familie und die Bereitschaft, den Patienten kontinuierlich in den Alltagsaktivitäten zu unterstützen.

Hoffnungsfördernde Pflege macht sich alle diese Formen von Hoffnung zunutze.

Erweisen sich in «kognitiver» Hinsicht Hoffnungen als falsch oder unberechtigt, steht zweifelsohne der Schutz des Patienten vor vermeidbarem Leiden im Vordergrund.

Doch ebenso wichtig ist die Stärkung des Umfelds in der emotionalen und handelnden Dimension von Hoffnung, die das Engagement der Betroffenen und den starken Wunsch nach Veränderung würdigt und nach Möglichkeiten sucht, neue Ziele des Hoffens auszuhandeln.

 

Dieser Beitrag ist in der November-Ausgabe von «Krankenpflege» erschienen, dem Magazin des SBK. Herzlichen Dank für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

erschienen: 07.12.2017

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