Interview mit Michael Schmieder

«Ich bezweifle, dass wir Menschen mit Demenz inkludieren können»

Alleinstehende Personen müssen in der Regel früher in ein Heim als solche, die noch von einem Partner betreut werden können.
Alleinstehende Personen müssen in der Regel früher in ein Heim als solche, die noch von einem Partner betreut werden können. Bild Véronique Hoegger

Die Zahl der Menschen mit Demenz wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Michael Schmieder sagt im Interview, wie sich die Gesellschaft darauf vorbereiten kann und warum Inklusion schwer zu erreichen ist.

Von Bettina Hamilton-Irvine

Wie bereiten wir uns auf die Flut von Demenzerkrankungen vor, die laut Demografen in den kommenden Jahren auf uns hereinbrechen wird?

Michael Schmieder: Im stationären Bereich ist die Schweiz recht gut abgedeckt. Vorletztes Jahr hatten wir erstmals weniger Personen in den Pflegeheimen als zuvor. Unsere Hauptstrategie soll daher sein: Menschen mit demenziellen Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft zu belassen und sie oder ihre Begleiter so zu unterstützen, dass sie möglichst lange zu Hause bleiben können.

«Wir brauchen eine Gesellschaft, die so liberal ist, dass sie mit solchen veränderten Verhaltensweisen zumindest teilweise leben kann.»

Sie wünschen sich also, dass Menschen mit Demenz möglichst lange zu Hause bleiben können?

Es ist nur schon deshalb wünschenswert, weil es die kostengünstigste Variante ist. Zudem haben wir im ambulanten Bereich heute ganz andere Strukturen als noch vor zehn Jahren. Ein Thema sind aber die Ein-Personen-Haushalte: Alleinstehende Personen müssen in der Regel früher in ein Heim als solche, die noch von einem Partner betreut werden können.

In den anderen Fällen heisst es aber auch, dass viele Menschen benötigt werden, die sich freiwillig engagieren, um beispielsweise Betroffene zu Hause zu betreuen.

Das ist richtig. Gleichzeitig ist daraus ein riesiges Business entstanden – für das viel Geld ausgegeben wird. Man denke nur an all die Polinnen, die Vollzeit-Betreuung anbieten, oder an Organisationen, die für teures Geld Menschen betreuen.

Die Freiwilligen braucht es hingegen für Gemeinschaftsanlässe, vor allem in der Anfangsphase der Krankheit, in der sich der Mensch oft zurückzieht. Dann ist es sinnvoll, wenn er in einer Gruppe sein kann, in der sein Defizit nicht im Vordergrund steht.

Können wir das als Gesellschaft nicht bieten?

Das ist die grosse Frage nach der Inklusion. Inklusion heisst ja, dass man andere Verhaltensweisen neben unserer eigenen existieren lässt. Ich zweifle aber daran, dass wir das mit verändertem Demenzverhalten können.

Wieso?

Unsere Gesellschaft ist äusserst normiert. Wer sich integrieren will, muss sich anpassen. Bei Inklusion geht es aber darum, dass man jemanden mit seinem veränderten Verhalten einschliesst. Das macht uns Mühe.

«Wer im fortgeschrittenen Stadium der Demenz ist, will gar nicht mehr inkludiert werden, weil er das Bewusstsein dafür verloren hat, was Inklusion ist.»

Und in früheren Stadien?

Da macht es Sinn. Besonders wichtig dabei ist die Entlastung der Angehörigen. In diesem Bereich braucht es mehr Angebote.

Was ist das Wichtigste im Umgang mit Menschen mit Demenz?

Für den Mensch mit Demenz ist immer das real, was er zeigt. Wenn man das verstanden hat, kann man viele Situationen erklären.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Stellen Sie sich vor, Sie wachen am Morgen auf und neben Ihnen im Bett liegt ein alter Mann, den Sie noch nie gesehen haben. Weil Ihnen 50 Jahre ihres Lebens fehlen und Sie meinen, Sie seien 30 Jahre alt, passt der alte Mann nicht zu Ihnen. Das ist in diesem Moment Ihre Realität. Das ist eigentlich einfach, aber trotzdem schwierig zu verstehen. Wir müssen anerkennen, dass der Kranke eine andere Realität hat.

 

erschienen: 06.12.2017

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