Aus philosophischer Sicht

Sinn und Sinnlichkeit im Umgang mit dementen Menschen

Macht ein Leben mit schwerer Demenz noch Sinn?
Macht ein Leben mit schwerer Demenz noch Sinn? Bild Daniel Kellenberger

Der deutsche Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid sprach am St.Galler Demenzkongress 2016 über Sinn und Sinnlichkeit im Umgang mit dementen Menschen aus philosophischer Sicht. Lesen Sie hier sein eindrückliches Referat.

Von Wilhelm Schmid

«Mirrors» heißt ein Song der irischen Sängerin Sally Oldfield von 1978, zauberhaft leicht und unverstellt froh. Ein Lied über die helle Freude der Liebe. Es scheint mir der ideale Ausdruck für den Zustand der Demenz zu sein. Wo ist die Gemeinsamkeit? Im Vergessen der Zeit, in der Auflösung des Raums.

Liebende und Demente leben in der Zeitlosigkeit und wissen nicht mehr, wo sie sind, ein Zustand des reinen Seins, come be with me for we are, we are, we are: «Komm, sei mit mir, damit wir sind, sind, sind.»

Diese freundliche, aber sicherlich nicht immer zutreffende Vorstellung davon, was Demenz ist, hat mich, als ich 60 wurde, dazu veranlasst, meiner Frau zu verkünden, ich würde im höheren Alter gerne in diesem Zustand versinken, um einfach langsam aus dem Leben zu dämmern. Ihre Antwort darauf war: «Untersteh’ dich!» Sollte heißen: Kommt auf keinen Fall in Frage, wage es bloß nicht, es mag dir ja angenehm erscheinen, aber für den, der dich pflegen muss, ist es nicht so.

Könnte es sein, dass die Demenz kein Problem des Dementen ist, sondern seiner Umgebung?

Das wäre dann ähnlich wie bei der Pubertät, deren Merkmal es ist, dass die Menschen in der Umgebung, vorweg die Eltern, schwierig werden. «Du schaust mich immer so an, als wäre etwas nicht in Ordnung», sagt der dement werdende Vater André im vielgespielten Theaterstück Der Vater des französischen Autors Florian Zeller von 2012.

Wilhelm Schmid am Demenzkongress
Wilhelm Schmid am Demenzkongress Bild PD

Da ich noch nicht aufgeben wollte, erzählte ich auch meinen Geschwistern von meinem Plan fürs Hinausdämmern aus dem Leben, aber die meinten nur: «Mach’ dir keine Hoffnung!». In der gesamten Familiengeschichte ist, soweit bekannt, mindestens 100 Jahre rückwärts kein Fall von Demenz aufgetreten. Sollte es zutreffen, dass die Veranlagung zur Demenz erblich ist, war mein Plan also endgültig Makulatur.

So beschäftige ich mich nun eben theoretisch mit der Demenz. Wenn Zeit- und Ortlosigkeit typisch für sie ist, bezeichnet das nach gängigen Kriterien Heimatlosigkeit. Liebende haben ihre Heimat ineinander, deswegen ist es für sie uninteressant, wo sie sind und was die Stunde geschlagen hat. Pubertierende haben ihre Heimat beieinander, daher brauchen sie vorübergehend keine Eltern mehr.

Wo aber ist die Heimat der Dementen? Dass sie etwas vermissen, kommt zum Vorschein, wenn sie immer wieder die Sehnsucht äußern, nach Hause gehen zu wollen, auch wenn sie zu Hause sind.

Man könnte die Demenz auch als Heimweh beschreiben, räumlich und ebenso zeitlich,

denn Menschen sind auch in einer Zeit zuhause, die nicht zwingend die Gegenwart sein muss. Die Musik einer früheren Zeit ruft Erinnerungen wach und setzt heimatliche Gefühle frei.

Wo können Menschen in einer für sie befremdlichen Umgebung eine Heimat finden? In Gewohnheiten, die schon vom Wort her viel mit Wohnung zu tun haben: Menschen wohnen primär in Gewohnheiten, erst sekundär in Wohnungen, und auch in Wohnungen nur insofern, als es sich bei diesen um Orte voller Gewohnheiten handelt.

Das ist für den Umgang mit dem dementen Menschen von Bedeutung, denn in Gewohnheiten findet er sich noch halbwegs zurecht und findet ein Stück Heimat in ihnen, wenn die Pflegenden seine Gewohnheiten achten und ihm nicht zum Vorwurf machen.

Aber auch die Pflegenden selbst brauchen die Pflege von Gewohnheiten für die bessere Verankerung in ihrem Leben,

sie sind angewiesen auf diese Rückzugsmöglichkeit, wenn ihnen alles zuviel wird. Gewohnheiten können das bieten, denn sie sind einem Menschen vollkommen vertraut und vermitteln ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Ganz von selbst laufen sie ab, beanspruchen keine Kraft und ermöglichen so die Regeneration, um mit neuer Zuversicht Herausforderungen angehen zu können.


Ausschnitt aus «Gelassenheit» von Wilhelm Schmid, gelesen von Jürgen von der Lippe. Quelle:youtube

Weitere Möglichkeiten tun sich auf, wenn die Frage intensiviert wird: Was geschieht eigentlich in der Demenz? Was sich offenkundig verändert und womöglich ganz verlorengeht, ist die Person. Person im Sinne von Ich-Bewusstsein und Fähigkeit zur Überlegung und Entscheidung. Der Mensch bleibt, aber die Person geht.

Die Person ist gleichwohl nicht das Wesentliche eines Menschen. Das mag überraschend sein, weil die Person, das Persönliche, die Persönlichkeit im alltäglichen Umgang so bestimmend ist. Es gibt jedoch etwas, ohne das die Person, ja, der Mensch selbst, nichts ist. Das ist die Energie, die einen Menschen, wie jedes Wesen, trägt. Nicht unbedingt unbekannte, geheimnisvolle, sondern gut bekannte, messbare Energien: Wärmeenergie, elektrische Energie, Bewegungsenergie, biochemisch gespeicherte Energie.

Wenn die Energie schwindet, schwindet das Leben. Ohne Energie gibt es kein Leben, also ist sie das Wesentliche, nicht die Person.

Von der Tradition wurde die Energie «Seele» genannt. Die Seele ist das Kraftwerk des Menschen, ohne ihre Energie wäre der Körper tote Materie. Was altert, ist der Körper, der aus Materie besteht, nicht die Seele, die Energie ist. In Gefühlen kommt sie zum Ausdruck.

Wenn das so verstanden werden kann, gilt die Sorge im Leben sinnvollerweise der Energie, aus der heraus ein Mensch lebt, sowohl der Demente als auch der Pflegende: Welche Energie steht mir zur Verfügung? Wo vergeude ich sie sinnvoll oder sinnlos? Wie kann ich neue hinzu gewinnen, mit welchen Erlebnissen und Begegnungen, mit welcher Art von Aufmerksamkeit, Meditation, Konzentration, Gebet, Erotik, Romantik?

Energie wird spürbar in ekstatischen Erfahrungen, in intensiver Sinnlichkeit, in der starken Bewegtheit durch Gefühle, bei ausgiebigen Ausflügen ins Reich der Gedanken, bei einem tief schürfenden Gespräch oder einer Lektüre, beim Versinken im Spiel oder in einer Tätigkeit, bei jeder Art von «Flow» und Traumseligkeit.

Ekstatisch ist für viele heute die Erfahrung der Unendlichkeit im Internet, in dem sie sich verlieren. Typisch für die energiereiche Erfahrung ist immer: Selbstvergessenheit, Zeit- und Ortlosigkeit, Allverbundenheit, Intensität. Menschen nennen diese Erfahrungen gerne göttlich und weisen sie der «tiefsten Seele» zu, sie sind so stark, dass sie lange im Gedächtnis bleiben. Die Intensität der Energie, die dabei erfahren wird, gibt der Vermutung Nahrung, dass diese das Wesentliche, Eigentliche des Lebens ist.

Demente Menschen leben, also ist Energie in ihnen wirksam, also haben sie weiterhin, wie im nicht dementen Zustand, eine Seele.

Wie ist diese Seele zu erreichen? Das geschieht über alle Arten von Berührung, zunächst im sinnlichen Sinne.

Von welcher Bedeutung die Berührung ist, wird bereits auf dieser körperlichen Ebene der Sinnlichkeit erkennbar: Sie hat den Effekt, die Energien eines Menschen zu aktivieren. Die tastende Berührung der 5 Millionen Nervenenden der Haut wirkt belebend, und das geschieht bei wechselseitiger Berührung weit mehr noch als bei bloßer Selbstberührung.

Es ist die Berührung eines Anderen, durch die ein Mensch sich spüren und zu sich selbst positiv in Beziehung setzen kann. Selbstverständlich immer in den Grenzen, die aus Berührung nicht Übergriffigkeit werden lassen. Menschen, die nicht berührt werden, verlieren das Gefühl, dass sie existieren. Für alle Menschen ist das so.


Wilhelm Schmid liest aus «Die Liebe neu erfinden». Quelle:youtube

Die gesamte Sinnlichkeit ist für den Umgang mit dementen Menschen und ebenso für den Umgang der Pflegenden mit sich selbst von Bedeutung: Im Genuss sinnlicher Lüste sind neue Kräfte zu schöpfen.Daher kommt so viel darauf an, die Sinne zu pflegen: Die Sinnlichkeit eines schönen Anblicks, eines tollen Musikstücks, eines betörenden Geruchs, eines guten Essens, einer Umarmung.

Mit den fünf Sinnen ist die Vielfalt des Lebens in allen seinen Erscheinungsformen wahrzunehmen, mit einem sechsten Sinn in der Bewegung zu erleben, mit einem siebten Sinn im Körperinneren, im «Bauch» zu erspüren, dank Tausender von körpereigenen Sensoren, die ganz gewiss auch bei dementen Menschen ihre Tätigkeit nicht einstellen.

Sehr viel Sinn ist aus der sinnlichen Begegnung mit der Natur zu beziehen, in der auf staunenswerte Weise alles mit allem zusammenhängt: Das überträgt sich auf den Menschen, der sich wenigstens für einen Moment wieder in die Natur eingegliedert fühlt, bei einem Spaziergang im Wald oder bei einem Aufenthalt im Garten; daher die Gartensehnsucht vieler Menschen.

In Zeiten voller Sinnlichkeit ist es leicht, das Leben zu lieben, es kommt nur darauf an, diesen Zeiten eine Chance zu geben und sie tief in sich aufzunehmen.

Auf einer zweiten Ebene sind es Gefühle, durch die Menschen berühren und von denen sie berührt werden. In jedem Leben sind Gefühle sinnstiftend, sie verbinden Menschen, im Zustand der Demenz scheinen sie jedoch noch mehr als sonst auch trennen zu können.

Das ist die große Unruhe beim Umgang mit Gefühlen: Auch Beleidigungen und Hassausbrüche sind möglich, sowohl von Seiten der Dementen wie von Seiten der Pflegenden. Aber das ist nun mal die Spannweite der Gefühle, die auch im gewöhnlichen Leben gelegentlich zum Durchbruch kommt.

Vielleicht ist es hilfreich, diese Spannweite grundsätzlich zu akzeptieren, um dann alle Anstrengung darauf zu wenden, sich nicht zu sehr von ihr davontragen zu lassen und sie dem Dementen nicht zu sehr übel zunehmen.

Wenn die Heimat in Raum und Zeit verloren gegangen ist, bleibt noch eine Heimat in vertrauten Beziehungen, die jedoch gefühlsbestimmt sind. Welche Gefühle das sind, steht für den Dementen nicht zur freien Auswahl, es hat mit seiner momentanen Verfassung und auch mit alten Geschichten zu tun.

Gefühle können als Ausdruck der Bewegungen und Schwankungen des Energiefelds, das die Seele ist, verstanden werden.

In der Gefühlswelt des Menschen kommen seine energetischen Gegebenheiten zum Vorschein, die seine Seele prägen, bei einem dementen Menschen oft so unmittelbar wie bei einem Kind.

Das Eingebundensein in gefühlvolle Beziehungen ist für ihn von großer Bedeutung, ebenso aber für den Pflegenden. In ihnen kann auch er oder sie Rückhalt finden und seelischen Sinn erfahren, den gefühlten Zusammenhang mit Anderen und der Welt, oft verbunden mit sinnlichen Momenten.

Gefühle für Andere und von Anderen für das Selbst intensivieren das Leben, da sie zusätzliche Energien vermitteln. Bejahende Beziehungen zu Anderen können geradezu erfüllend sein, alle Spielarten der Liebe sind dazu geeignet, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ergibt sich daraus: Sinn ist dort, wo ich liebe und geliebt werde, wenigstens gemocht werde.
Eine unverzichtbare Liebe ist die zu Freunden, verbunden mit dem Glück eines intensiven Gefühls füreinander. Das geht in der Freundschaft weniger als in der Liebe mit Gefühlsausbrüchen einher, mehr mit dem ruhigen Hintergrundgefühl, einander zugetan zu sein.

Gerade in der Herausforderung des Umgangs mit Dementen ist dieses Hintergrundgefühl unverzichtbar, das auch aus guter Kollegialität entsteht. Menschen mit einem solchen Hintergrund wirken beruhigender auf Demente.

Auf einer dritten Ebene geht es um berührende Gedanken, vielleicht auch für den Dementen selbst. Zwar charakterisiert die Abnahme des Denkvermögens seinen Zustand, aber in hellen Momenten zwischendurch stellt er oder sie sich Fragen: «Wer bin ich?» Soll vermutlich heißen:

Wer bin ich, wenn ich vergessen habe, wer ich bin?

In einem dieser Momente sagt der Vater André im genannten Theaterstück: «Ich habe das Gefühl, dass ich alle meine Blätter verliere.»

Ansonsten sind für den Dementen offenkundig nicht mehr so sehr die Gedanken über gegenwärtige Dinge, die ihm entgleiten, bedeutsam, sondern die lange vergangenen, die ihn in einer Art von Endlosschleife geistig beschäftigen, und es erscheint sinnvoll, diese Ebene beim Umgang mit dem dementen Menschen zu unterstützen, nicht sie abzutun.

Gedanken spielen aber erst recht eine Rolle für die Menschen um den Dementen herum, die sich Fragen stellen: Welchen Sinn soll ein solcher Zustand haben? In Gedanken können sie versuchen, sich Zusammenhänge des Lebens zu erklären, um sie besser zu verstehen. Mit Gedanken, die Menschen sich über das Leben machen, auch mit Gedanken, die sie von Anderen und aus Büchern aufgreifen, können sie sich im Leben besser zurechtfinden.

Ein möglicher Gedanke ist, dass ein grundlegender Zusammenhang des Lebens die Polarität ist: Was wüssten wir von Freude, wenn es nicht auch Ärger gäbe, was von Lust, wenn nicht auch Unlust oder gar Schmerz vorkämen, was vom Ich-Bewusstsein, wenn es nicht auch verloren gehen könnte?

Die Spannung zwischen Gegensätzen stellt Kräfte für die Lebensbewältigung zur Verfügung, eine Art von Elektrizität, die aber gegensätzliche Pole braucht, um fließen zu können.

Wer den Grundzug der Polarität akzeptiert, muss vom Leben nicht mehr erwarten, dass Gegensätze verschwinden. Er kann sich darauf konzentrieren, sie abzumildern und auszuhalten. Und er kann damit einverstanden sein, in seinen eigenen Lebenserfahrungen neben dem positiven gelegentlich den negativen Pol des Lebens touchieren zu müssen.

Außer der Polarität ist Perspektivität für das Leben charakteristisch. Menschen nehmen Phänomene immer aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus wahr, sie haben niemals den totalen Überblick über die Dinge und das Leben selbst. Aus einer gegenwärtigen Perspektive heraus kann ihnen etwas oder gar alles sinnlos erscheinen, aus einer künftigen aber zeigt sich im Rückblick ein Sinn, an den sie nie gedacht hätten.

Daraus folgt: Niemals aus dem Moment heraus auf die Gesamtheit des Lebens schließen, niemals sich freiwillig in die Sackgasse einer bestimmten Perspektive begeben, die für die einzige gehalten wird, das gilt auch für den Umgang mit dem Phänomen der Demenz.

Menschen machen sich außerdem seit jeher Gedanken über Ziele und Zwecke, für die zu leben ihnen sinnvoll erscheint. Diese für sich zu finden, bestärkt die subjektive Gewissheit: Was ich mache, ist für etwas gut, und mein Glück ist es zu wissen, wofür ich lebe, arbeite, vielleicht auch leide. Wo ein solcher Sinn ist, da ist auch Trost in schwieriger Zeit.

Der Mut, Mühen auf sich zu nehmen und Schwierigkeiten zu überwinden, wird gefestigt von Zielen und Zwecken, daher ist es wichtig, sich auch beim Umgang mit dementen Menschen über dieses Wohin, Wozu, Wofür klarer zu werden, um sagen zu können: Dafür bin ich da, das ist meine Aufgabe, die ich übernehme, die Pflicht, der ich nachkomme.

Am besten ist es, wenn ich selbst will, was ich ohnehin muss, denn so kann ich es besser bewältigen.

Bleibt noch eine vierte Ebene: Das Gefühl oder der Gedanke einer Transzendenz im Sinne des Wortes, also einer Überschreitung (lateinisch transcendere) des gewöhnlichen, endlichen menschlichen Lebens. Der mögliche transzendente Sinn betrifft zuallererst wiederum den dementen Menschen selbst.

Hat er oder sie transzendente, spirituelle, metaphysische, religiöse Bedürfnisse? Sollte er dazu etwas sagen oder zumindest andeuten können, hat es vielleicht mit seiner früheren Orientierung zu tun und es käme darauf an, ihm entsprechend zu folgen?

Wer in der Kindheit Gebetsformeln gelernt hat, trägt sie vielleicht auch jetzt auf den Lippen. Wer immer in die Kirche gegangen ist, will das womöglich auch im Zustand der Demenz so halten, schon aus Gewohnheit. Wer sich immer schon davon ferngehalten hat, will vermutlich auch jetzt dabei bleiben.

Für die Menschen, die mit Dementen umgehen, könnten aber noch weitergehende Überlegungen von Bedeutung sein, die die Transzendenz in Bezug zu der allem zugrunde liegenden Energie setzen. Die Energie eines Menschen kann als ein Quantum der kosmischen Energie verstanden werden.

Alle Energie auf Erden, somit auch im menschlichen Leben, kommt im Grunde aus dem Kosmos, der von Energie in allen Formen erfüllt ist; insbesondere von der Sonne, ohne die es keinerlei Leben auf der Erde gäbe, keine Pflanzen, die mit dieser Energie Sauerstoff produzieren, den Menschen atmen. Wohin geht die Energie, wenn sie einen Menschen verlässt?

Letztlich zurück in den Kosmos, in den jeder Mensch, jedes Wesen eingebettet ist. Nur der Körper stirbt, nicht die Energie, das ergibt sich aus dem Energieerhaltungssatz, wonach die Formen der Energie ineinander umgewandelt werden können, sie selbst jedoch nicht vernichtet werden kann. Nichts geht verloren, auch nicht die Energie eines dementen Menschen.

Der Urgrund der Energie aber könnte reines Sein sein, ruhendes Potenzial, das von Zeit zu Zeit in physikalischer, chemischer, biologischer Form bis hin zu einem Ich in Erscheinung tritt. Insofern aus der Energie immer wieder neues Leben hervorgeht, könnte von einem ewigen Leben gesprochen werden. Am Grund jeder Seele ist die Weltseele spürbar, ein poetischer Ausdruck für die Gesamtheit der Energie, ein religiöser Ausdruck dafür könnte Gott sein.

Sich ein Gespür für diesen Urgrund zu bewahren, könnte für das eigene Leben wie auch für den Umgang mit Dementen bedeutsam sein. Dass alle Menschen Teile eines großen Ganzen sind, stärkt die Verbundenheit untereinander und ist das größte Gegengewicht gegen das Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit.

Wir sind Spiegel füreinander, Mirrors, die sich in der Liebe und auch beim Umgang mit dementen Menschen die lebensspendende Energie wechselseitig zuspiegeln. «Komm, sei mit mir, damit wir sind, sind, sind.»

Wilhelm Schmid spricht auf Radio SWR 2 über seine Erfahrungen als philosophischer Seelsorger:

 

Eine Auswahl von Buchpublikationen

Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, 2016, Suhrkamp Verlag.
Von den Freuden der Eltern und Großeltern, 2016, Insel-Bücherei.
Vom Glück der Freundschaft, 2014, Insel-Bücherei.
Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, 2014, Insel Verlag.
Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, 2013, Suhrkamp Verlag.
Unglücklich sein. Eine Ermutigung, 2012, Insel Verlag.
Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, 2011, Insel Verlag.
Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, 2007, Insel Verlag.
Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, 2004, Suhrkamp Taschenbuch.

erschienen: 10.01.2017

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