Glosse

Vergiss es!

Erinnerungen zu beschönigen kann eine unbewusste Strategie sein, um mit schmerzvollen Erfahrungen der Kindheit umzugehen.
Erinnerungen zu beschönigen kann eine unbewusste Strategie sein, um mit schmerzvollen Erfahrungen der Kindheit umzugehen. Bild PD

Die Erinnerung und das Vergessen sind ein ungleiches Geschwisterpaar, das zusammengehört, weil keines ohne das andere sein kann. Dies sollte uns speziell dann bewusst sein, wenn wir Lebensraum für Menschen mit Demenz gestalten.

Von Michael Schmieder

Während des ganzen Lebens erinnern und vergessen wir. Manchmal ist das Erinnern ein Segen und das Vergessen ein Fluch. Manchmal ist das Vergessen ein Segen und das Erinnern ein Fluch. Abhängig ist dies immer von Bewertungen durch uns selbst.

Aktuell haben in der Schweiz mehrere Hundert Menschen bei Google den Antrag gestellt, dass Links gelöscht werden, die sie betreffen. Diese Menschen berufen sich dabei auf das Recht auf Vergessen. Das Individuum hat kein Interesse daran, dass Ereignisse – vor allem negativ bewertete – der Öffentlichkeit für unbegrenzte Zeit zur Verfügung stehen. Solche Ereignisse sollen vor allem aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden können.

«Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.»

Jean Paul

Ob die Erinnerung tatsächlich ein Paradies sein kann, ist von Bewertungen abhängig, die wir dem tatsächlich Erlebten geben. Die zeitliche Distanz zum Erlebten beeinflusst unsere Erinnerung massgeblich. Wenn etwas weit in der Vergangenheit zurückliegt, ist plötzlich alles gut oder alles schlecht. Die Undifferenziertheit nimmt zu, einzelne Erlebnisse werden zu hoch gewichtet. Die erlebte Kameradschaft kann zum Beispiel zu einer Verklärung des Militärs führen.

Erinnerungen zu beschönigen kann auch eine unbewusste Strategie sein, um mit schmerzvollen Erfahrungen der Kindheit einen Umgang zu finden, der den Schmerz aushalten lässt. Die Meinung, eine Ohrfeige habe noch niemandem geschadet, könnte Ausdruck dieser Haltung sein. Umgekehrt werden Erlebnisse pauschal negativ bewertet, obwohl sie nicht nur negativ erlebt wurden. Oft anzutreffen ist dieses Phänomen, wenn es um das Verhältnis des Einzelnen zu Kirche und Religion geht. Da wird aus der aktuellen Haltung heraus das früher positiv Erlebte nur noch negativ bewertet.

Aus der Pflege

«Ich beziehe Erinnerungen sehr oft in die Pflege mit ein. Dadurch werden die Bewohner abgelenkt von teils unsangenehmen Pflegehandlungen. Dadurch entsteht eine Vertrauensbasis, denn in diesem Moment bin ich eine Person, die etwas Kostbares teilt. Erinnerungen sind für mich ein absoluter Segen. Man erlebt Schönes, Gutes, Lustiges. Und dies immer wieder aufs Neue.» Salome Meyer-Locher (28), dipl. Pflegefachfrau HF

Kann eine rigorose Ablehnung nicht gerade die Gefahr ausdrücken, die das Abgelehnte für mich darstellt? So ist die Aussage «das werde ich nie vergessen» Ausdruck eines starken Gefühls. Aber steht da nicht auch die Angst dahinter, dass ich es dennoch vergesse und dass letztlich alles vergänglich ist? Wir alle wissen, dass wir vergessen können. Und wir alle wünschen uns manchmal, dass wir vergessen könnten.

Warum dem Vergessen entgegenwirken?

Eine Demenz wird vor allem am Vergessen gemessen, viel weniger an den oft deutlich sichtbareren Verhaltensstörungen. Warum wird versucht, diesem Vergessen mit allen Mitteln entgegenzuwirken? Kann der Verlust von Erinnerungen vielleicht zu paradiesischem Erleben führen? Kann er Distanz schaffen zu dem, was nicht erinnerungswürdig sein soll? Menschen mit Demenz leben im Hier und Jetzt. Oft ist unklar, wann in ihrem Leben ihr Hier und Jetzt angesiedelt ist. Doch auch wenn ein 95-Jähriger auf seine Mutter wartet, tut er es im Hier und Jetzt. Ich kann den Menschen in seinem Jetzt begleiten, auch wenn ich nicht sicher sein kann, in welcher Zeit das Jetzt angesiedelt ist.

Wir Gesunden leben selten im Hier und Jetzt. Wir planen die Zukunft, wir erinnern uns an die Vergangenheit. Wir lenken uns mit immer mehr Geräten und Medien vom Hier und Jetzt ab – zum Beispiel, wenn wir einen Sonnenuntergang auf Facebook posten oder in der Pause eines Konzertes unseren Maileingang checken. Die Fähigkeit zu planen ermöglicht es, uns mit der Zukunft zu befassen und sie zu gestalten. Vielleicht wirkt das Hier und Jetzt auf uns bedrohlich, weil es sichtbar macht, dass es die Erinnerung gar nicht braucht – und dass wir eben doch aus dem Paradies der Erinnerung vertrieben werden können.

Die Vergangenheit ist aufklappbar

Da wir die Möglichkeit der Erinnerung so hoch bewerten und scheinbar den Auswirkungen der Erkrankung hilflos gegenüberstehen, setzen wir die Bemühungen dort an, wo sie für uns am sinnvollsten erscheinen und auch sichtbar gemacht werden können. Seht her, was wir alles für diese Menschen tun! Wir bewerten dann Ereignisse auf unserer eigenen Skala, teilen sie auf in die guten und die schlechten. Und dann zeigen wir alte Fotos, singen alte Lieder, schauen alte Filme und verstärken dabei jede Äusserung des Gegenübers positiv.

Betreuungsalltag

«Erinnerungen sind stark mit Gefühlen verbunden. Ich glaube, je fortgeschrittener die Demenz, desto mehr werden die Sinne zu einem Schlüssel der Erinnerungen. Während der Pflege kann ich das Lieblingslied der Bewohnerin singen oder summen. Das kann beruhigend wirken. Ich glaube, Erinnerungen sind nicht statisch. Sie werden in der Gegenwart manchmal anders bewertet als früher.» Yvonne Penneta (49), Betreuerin, Medizinische Praxisassistentin

Erschreckt hat mich die aufklappbare Vergangenheit mit Faltwänden. Nach den Demenz-Dörfern im Stil der 1950er-Jahre sollen nun auch diese Lebenswelten zum Klappen flächendeckend eingesetzt werden. Menschen mit Demenz reagieren darauf sehr positiv, sagen die Erfinder dieser zweifelhaften Errungenschaft.

Die Vergangenheit ist auf- und zuklappbar, gerade so, wie das Personal Zeit hat. «Und jetzt die nächste Vergangenheit, die letzte ist nicht so gut angekommen», heisst es dann in den Heimen. In Grossbritannien sind inzwischen zehn solcher mobiler Lebenswelten im Einsatz. Werkstatt, Tanzsaal usw. – alles als Kulisse, in einen Koffer zusammenfaltbar.

Solch ein Ansatz birgt in sich den Widerspruch, dass es nur das Hier und Jetzt geben kann und dass die damit verbundenen Emotionen nicht planbar sein können. «Erfolg» stellt sich ein, wenn Menschen darauf positiv reagieren. Also verschaffen wir Menschen mit Demenz eine andere Vergangenheit, eine rosa gefärbte, wie wir sie sehen wollen. Interessanterweise werden bisher bestimmte Themen völlig ausgeklammert, obwohl sie sich bestens dafür eignen würden, Gefühle auszulösen. Doch Krieg, Militär, Ost-West-Konflikt, (erste) sexuelle Erfahrungen würden wohl diesem verkitschten Betreuungsmodell nicht entsprechen.

Einseitiges Verhältnis

Menschen mit Demenz haben keinen Einfluss darauf, welche Vergangenheit ihnen vorgesetzt wird. Sie sind in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis, was unserer Vorstellung von partnerschaftlicher Begegnung widerspricht. Gerade die sogenannten Tabuthemen wären vermutlich in vielen Situationen genau das, womit die Menschen emotional erreichbar wären. Wir wissen aber nicht, in welche Gefühlsturbulenzen wir sie damit bringen.

Weil es uns nicht ansteht, darüber zu entscheiden, darf dies kein gangbarer Weg sein. Die Begegnungen mit Menschen mit Demenz sollen Beziehung fördern, nicht Stress. Sie sollen Partnerschaft erlebbar und spürbar machen. Dazu braucht es keine Erinnerung, sondern zwei Gegenüber, die sich als Menschen wahrnehmen – das ist schon sehr sehr viel.

erschienen: 13.01.2016