Das Tagebuch (71)

Plötzlich wieder schön

Heute überlässt Paul die Führung meistens mir, sogar im Auto. Er kann es aber doch nicht immer lassen, mir Anweisungen zu geben: Vorsicht, fahr langsamer, Rot Stopp, fahr doch endlich! Selbst wenn ich dem von rechts kommenden Auto die Vorfahrt geben sollte …
Heute überlässt Paul die Führung meistens mir, sogar im Auto. Er kann es aber doch nicht immer lassen, mir Anweisungen zu geben: Vorsicht, fahr langsamer, Rot Stopp, fahr doch endlich! Selbst wenn ich dem von rechts kommenden Auto die Vorfahrt geben sollte … Bild Ursula Kehrli

Ich stelle fest, dass ich mich nicht mehr über Dinge aufrege, die mich früher auf die Palme gebracht hätten. Das Zusammensein mit Paul ist harmonischer geworden, unsere Liebe ist wieder erwacht. Ich kann ruhig bleiben, auch wenn es herausfordernde Szenen gibt.

Von Ursula E. Kehrli

8. September 2012 – So schön

Überraschung: Wie ich heute ins Heim komme, sehe ich Paul in Richtung seines Zimmer gehen. Ich spreche ihn an, er dreht sich um und strahlt mich an. Wie nur Paul strahlen kann. Herzlich nimmt er mich in den Arm, gibt mir einen innigen Kuss, strahlt noch immer. Wie wohl mir das tut!

Er stammelt etwas von wir gehen heute Krauch… ich weiss, was er meint. Er möchte mit dem Auto einen Ausflug machen. Schon geht er schneidig auf den Lift zu, sein Fridu, öffnet uns und wir sind weg. Erst sagt er, nein, nicht ins Auto, aber dennoch geht er zielbewusst auf die Mitfahrerseite. Das kenne ich. Er sagt Nein und meint Ja.

Sag mir einfach, wohin du möchtest. Meistens kann er mich lotsen, weiss genau, wo es lang geht. Tatsächlich, er weist mich an rechts zu halten, Richtung Worb, dann hinauf Rütihubelbad, weiter auf die Menziwilegg. Immer wieder zieht es ihn in diese Richtung.

Das Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines demenzkranken Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Er will dass ich anhalte. Mitten im Wald. Er steigt aus und geht an meinem Arm eingehakt festen Schrittes auf dem Waldweg. Ich staune. Sonst ist er immer voller Klagen über sein Knie. Er sucht Pilze. Tatsächlich finden wir einen recht grossen.

Er bückt sich, reisst ihn aus und zeigt ihn voller Freude. Leider ist der Rotfüssler voller Würmer. Doch das dämpft die Begeisterung fürs Pilzesuchen nicht. Er sucht weiter, geht entlang der Strasse. Findet weitere, kleinere. Das Ernten überlässt er nun mir, es hat zu viele. Er begutachtet sie, meint, die seien OK. Trotz  Grauschimmel und Wurmlöchern!

Nun möchte er zum Bauernhaus am Ende des Waldes. Mühsam geht’s über Wurzeln und grössere Steine auf dem Weg. Ein paar Schafe blöken, Paul streichelt sie, wie sie uns entgegenkommen. Nein, es ist nicht das Haus, das er sucht. Enttäuscht wendet er sich wieder ab, klettert mühsam den recht steilen Weg hinauf zur Strasse.

Dennoch, er geniesst den Wald, die paar Pilze, die Erinnerungen an unsere vielen Streifzüge früher, als er noch weniger Mühe hatte mit seinem Knie. Und sein Kopf noch klar war. Als er noch selbst bestimmte, anleitete, befahl, Auto fuhr, Ideen hatte für unsere Streifzüge und Ausflüge. Als ich noch Halt hatte durch ihn, Schutz und Geborgenheit. Heute muss ich diese Rolle übernehmen.

Der Übergang zum heutigen Zustand war schmerzvoll, es gab viele Reibereien, Ausbrüche, Wortwechsel. Wenn er seinen Willen immer noch durchsetzen wollte, die Realität aber eine andere war.

Heute überlässt er die Führung meistens mir, sogar im Auto, kann es aber doch nicht immer lassen, mir Anweisungen zu geben: Vorsicht, fahr langsamer, Rot Stopp, fahr doch endlich! Selbst wenn ich dem von rechts kommenden Auto die Vorfahrt geben muss …

Auf der Strasse angelangt, lasse ich ihn zurück, um das Auto zu holen, damit er nicht die doch recht lange Strecke zurückgehen muss. Ich kann ihn ruhig einen Moment allein lassen. So schnell wird er sich hier nicht verlaufen können. Hoffe ich wenigstens, ganz ruhig bin ich dennoch nicht.

Man weiss nie, was einem verwirrten Menschen für Gedanken durch den Kopf gehen und welche Kräfte sie plötzlich mobilisieren können. Tatsächlich: Wie ich mit dem Auto auftauche, ist er mir bereits eine längere Strecke entgegengelaufen!

Nein, ins Restaurant Menziwilegg will er nicht. Er deutet auf seinen Kopf, macht die bekannte Bewegung,  ihm sei ganz sturm im Kopf, er könne nicht mehr. Vorsorglich habe ich sein «Bierli» (den Süssmost) dabei, wir verweilen auf einem Parkplatz im Wald und geniessen die Ruhe.

Paul sieht Vögel, sonderbare Formen von Tannenspitzen, einen verdorrten Baum, ist einfach zufrieden und glücklich.

Ich bin müde, gehen wir. Heute spricht er recht deutlich, abgesehen von einzelnen Wörtern, die er einfach nicht hervorbringen kann. Nun weist er mich wieder an, wie ich zu fahren habe. Im Gegensatz zu früher, als er noch zuhause war, nervt es mich nicht mehr.

Überhaupt stelle ich fest, dass ich mich nicht mehr über Dinge aufrege, die mich früher auf die Palme gebracht hätten. Nun ist unser Zusammensein harmonischer geworden, unsere Liebe ist wieder erwacht, ich kann ruhig bleiben, auch wenn es herausfordernde Szenen gibt.

Wenn er plötzlich auf die Toilette sollte. Die Hose nässt. Oder einfach nicht mehr in den Lift will, auf dem Weg «heim» zu sich. So nennt er das Pflegeheim inzwischen: heimgehen.

Heute ist alles friedlich. Paul erinnert sich sogar an die Stelle, wo einst seine Mutter ihr Täschchen mit dem Hausschlüssel drin vergass und sie dann von Ostermundigen den ganzen Weg wieder zurückgehen musste, um es zu holen! Das sind einige Kilometer! Und das, nachdem sie den Weg ja bereits zwei Mal gemacht hatte!

Er erinnert sich auch an die Plätze wo wir Pilze fanden. Oder mal auch mit Tisch und Stühlen es uns einen Tag im Frühjahr gemütlich machten. Dabei beobachteten wir die vielen Tannen die Blütenstaub verstäubten bei jedem Windstoss. Auch davon spricht er.

Heute ist Paul wieder mal da. Mich macht das glücklich. Ein grosses Geschenk, dass wir gemeinsam diesen Ausflug in Harmonie und Zufriedenheit geniessen können.

28. Oktober 2012 – Via Grauholz

Das ärgert mich. Ich habe im Wankdorf die Ausfahrt Freiburg verpasst. Monatelang waren da Baustellen, und fast täglich Verschiebungen der Fahrbahnen. Auf einmal ist alles wieder zurückverlegt, normal und ich sehe es nicht. Wie mir ergeht es vielen anderen. Im Grauholz kann man bei der Raststätte über die Autobahn fahren und wenden. Zum Glück.

Nach einem langen Frauen-Wochenende wollte ich endlich nach Hause. Zum Dank, dass ich noch eine Teilnehmerin nachhause gebracht hatte, wurde ich geblitzt. In einer 40-er Zone! Teures Wochenende. Vielleicht kann man ja meine Nummer nicht lesen wegen des starken Schneefalls?

War bei Paul, er freute sich sehr. Wir assen Äpfel, ich half ihm beim Boden wischen, dann legte er sich hin. Ich durfte ihm die Beine mit Ringelblumen-Salbe einreiben, damit er sich nicht kratzt. Es schneite unaufhörlich. Obwohl ich eigentlich länger bei ihm bleiben wollte, wurde ich unruhig. Ich habe noch keine Winterreifen. Wer weiss, wie viel Schnee noch fällt?

Wieder dieser Schmerz im Herzen. Ich habe ihn so lieb! Auch er sagt, er liebe mich. Ach, warum musste das alles so kommen? Wie schön wäre der Lebensabend zu zweit gewesen. Ich darf nicht daran denken! Muss mich losreissen, er sagt: bleib doch noch ein wenig … das hallt in mir so traurig nach.

Benzin auftanken – es hat gerade noch gereicht. Im Shop kann ich nicht widerstehen: Kaufe mir kleine Fläschchen Champagner. Ich feiere heute DAS LEBEN. Will mein Leben feiern. Zuhause ist alles in Ordnung. Es ist wohlig warm. Ich bin glücklich. Trotz der Sehnsucht nach Paul. Trotz der vielen Fragen nach dem wie weiter. Ich lerne mit dem Schmerz zu leben.

4. November 2012 – Neues anpacken

Stürmische Tage liegen hinter mir. Neue Herausforderungen: Das Räumen unseres ehemaligen Schlafzimmers. Die Bücherwand hatte ich bereits geräumt und sie wurde abgeholt dank gratis SMS-Dienst in der BernerZeitung.

Ein Domino-Effekt:  Wenn das geräumt wird, dann der Kleiderschrank auch, dann ein Rutsch im Wohnzimmer, die Räumung des Bauernschrankes. Den habe ich als Andenken an Paul der Bäuerin verschenkt, sie hatte von ihm schon die passende Truhe geschenkt bekommen. Grosse Freude herrscht, ich brauche ja ohnehin weniger.

Der Entscheid, den Garten radikal neu zu gestalten ist ein Volltreffer. kaum hatte ich mit dem Ausgraben der Buchshecke begonnen, fragt mich der Bauer, was ich denn mit den alten Bäumen mache? Er komme mir helfen mit dem Traktor. Bald ist Kahlschlag, Neues kann eingepflanzt werden. Der Plättlileger hat auch gute Arbeit geleistet mit dem Sitzplatz. Monikas Plan nimmt Gestalt an.

Aus einem komm, wir pflanzen doch noch schnell die Sträucher, wird für mich wieder viel Arbeit, auch wenn Monika mit der neuen Schaufel gräbt und voller Freude zupackt. Eigentlich sollten wir … und schon graben wir wie die Wilden den Thuja-Stock aus – Mutters Pflanze vom Pflegeheim.

Wie hatte ich den gehegt und gewässert, ihm Sorge getragen, dass er nicht welkt. Nun werde ich belohnt dafür. Er bekommt DEN Ehrenplatz vor dem Haus. Stolz räkelt er seine Ästchen, vom Schreibtisch aus kann ich ihn bewundern.

Land einnehmen, hineinwachsen in das neue Zimmer. Mich freuen am Werden des neuen Gartens. Ablenken vom Schmerz, einfach Neues wagen. Es hilft mir, wenn ich über meinen Kummer hinwegschaue.

20. Januar 2013 – Der Traum

Wieder wildes Träumen kurz vor dem Erwachen. Chaos, Stress, irgendwo in einem Büro. Dann die Nachricht: Paul kommt. Ich mache mich zurecht, Riesenfreude! Herzklopfen, die grosse Sehnsucht nach ihm bricht hervor.

Da, der Lift kommt an. Ich renne ihm entgegen. Wir umarmen uns innig, küssen uns leidenschaftlich, das Herz klopft wild. Mein Paul! MEIN Paul, so wie er früher war. Ohne diese schreckliche Krankheit, die sein Wesen und unsere Beziehung so dramatisch veränderte.

Ich erwache. Immer noch Herzklopfen, ich versuche die Traurigkeit abzuwehren, die wie ein Tsunami auf mich herab zu wälzen droht. Nein, nicht jetzt. Das musste ich lernen, mich frühzeitig in Sicherheit bringen, ich renne diesen Gefühlen der Ohnmacht, Trauer, Sehnsucht, davon. Nicht jetzt. Ich mag diese Welle des Schmerzes nicht abwarten, bis sie mein Innerstes überrollt und mich niederwalzt.

Ich brauche jetzt meine innere Kraft, ich weiss, dass das Ausleeren des Schmerzes, das Fliessenlassen der Tränen, meine Energie raubt.

Später, in geschütztem Rahmen, kann ich die Schleusen der Tränen wieder öffnen.

Die letzten Tage bei Paul waren geprägt von seiner Herzlichkeit, Zuwendung, Liebe. Auch sein altbekanntes Strahlen war wieder da, meistens zwar für die Pflegenden, denen er auch am Angehörigen-Abend stets freudig zuwinkte. Viele dieser Frauen sind ihm nun vertrauter als wir, seine Familie. Er sprach auch kaum mit Andy und Fränzi. Vielmehr interessierte ihn, was seine Giele (alten Kumpel) so machten.

Das Heim ist ihm wieder zur sicheren Burg geworden, in der er sich geborgen, angenommen fühlt. Trotz all der vielen Wechsel im Personal blieben ein paar Frauen, von denen er sich angenommen und meistens auch verstanden fühlt.

Gestern sass ich neben ihm – er lag entspannt, zufrieden auf dem Lehnstuhl und schaute hinaus. Er hat das schönste Zimmer bekommen. Er nickte zustimmend, als ich es ihm sagte. Ja, das ist wahr. Er verschmuste mich, genoss es, wenn ich ihn neckte und in sein Ohr hineinmiaute. Da lächelt er verschmitzt und versucht abzuwehren. Unsere Herzen fanden sich innig.

Dieser Traum heute, wie ein Spiegelbild dieser Stimmung der letzten Tage. Dadurch kommt auch viel Sehnsucht auf, der Verlust im Alltag wird so noch bewusster. Kippt seine Stimmung (der Blick trübt sich und erstarrt) und beginnt er in Unruhe mich herumzukommandieren, da wird mir wieder bewusst, wie krank er ist. (Fortsetzung folgt ...) 

erschienen: 22.11.2021