Das Tagebuch (66)

Ich muss mich neu erfinden

«Leute, merkt ihr nicht, dass ein wenig Interesse nach meinem Befinden wie Salbe auf meine Wunden wäre? Ein paar freundliche Worte nur, für einmal mich betreffend ...»
«Leute, merkt ihr nicht, dass ein wenig Interesse nach meinem Befinden wie Salbe auf meine Wunden wäre? Ein paar freundliche Worte nur, für einmal mich betreffend ...» Bild Ursula Kehrli

Noch. Dieses allgegenwärtige Wort. Ich kann noch. Treffend, aber hart. Zuletzt heisst es dann nur noch: Sie atmet noch. Ihr Herz schlägt noch. Sie ist noch stabil. Sie kann noch selbständig essen, stehen, noch, noch. Bis gar nichts mehr geht.

Von Ursula E. Kehrli

13. Januar 2012 – Aufgewühltes Meer

Dies steht fest: Je älter man wird, desto stärker verändert sich auch die körperliche Kraft. Die nimmt spürbar ab und das kann der Kopf nicht verstehen. Da rechnet man immer noch mit den früheren Möglichkeiten. Und ist ständig frustriert.

Langsam lernt man die Kräfte einteilen, schaltet mehr Ruhepausen ein, portioniert die Anstrengungen. Aber das dauert, nach völliger Erschöpfung erkennt man endlich: Es muss sich was ändern im Tagesablauf.

Völlig überfordert bin ich mit den Besuchen bei Paul. Obwohl nur noch an fünf bis sechs Tagen die Woche, ist mir auch dies zu viel geworden.

Ob er es überhaupt schätzt? Ist es nicht vielmehr ein Stochern in Wunden?

Reisst es nicht schmerzliche Bilder von früher auf? Hält es ihn nicht davon ab, sich mehr und mehr in sein neues Zuhause einzuwurzeln?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich jetzt Hilfe brauche. Wie ein aufgewühltes Meer komme ich mir vor, mit brausenden Sturmwogen, aufschäumend rebellisch am Felsen zerschmetternd. Ich werde herumgeworfen, willenlos mich den Kräften ergebend.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines demenzkranken Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Ich muss mich neu erfinden. Es ist höchste Zeit, mich zu lösen, ich muss lernen, ihn loszulassen, ihn in die Verantwortung anderer Menschen übergeben. Er scheint dort manchmal schon recht glücklich zu sein. Nimmt sich auch der anderen Mitbewohner an. Ist hilfsbereit den Pflegenden gegenüber.

Ich darf das nicht mehr mit dem Alltag früher hier in dieser Wohnung vergleichen. Oder mit seinen Fähigkeiten, die er vorher hatte. Auch das muss ich loslassen. Es fällt schwer. Ich kann nicht auf einmal alles austilgen, was war, und annehmen, wie es heute (noch) ist.

Noch. Dieses allgegenwärtige Wort im Alterungsprozess. Ich kann noch. Treffend, aber hart. Zuletzt heisst es dann nur noch: Sie atmet noch. Ihr Herz schlägt noch. Sie ist noch stabil. Sie kann noch selbständig essen, stehen, noch, noch. Bis gar nichts mehr geht. Unabänderlich steuert der Mensch seinem totalen Zerfall entgegen.

22. Januar 2012 – So gemein

Obwohl ich viel Grund zur Dankbarkeit habe und versuche, mich nicht gehen zu lassen, kann ich kaum mehr durchhalten. Spontan machte ich mich kurz nach acht Uhr bereit für den Gottesdienst. Doch nach Duschen und Frühstück war ich wieder so müde, flach, ich musste mich eine Weile hinlegen.

So kann es nicht weitergehen. Nach dem Gottesdienst fühlte ich mich so elend, dass ich nur noch ins Auto flüchtete, nach Hause musste! Ach, und die Frage von Bruno, ganz nebenbei: Und, wie geht es Paul? – sie klingt bitter nach.

Wer fragt noch, wie es um mich steht? Wie ein Widerhaken bleibt dieses ewige nur nach Paul Fragen in mir stecken.

Leute, merkt ihr nicht, dass ein wenig Interesse nach meinem Befinden wie Salbe auf meine Wunden wäre? Ein paar freundliche Worte mich betreffend ...

So geht es nun seit Monaten. Zusammen mit Paul verbleicht mein Leben immer mehr in einer düsteren Nebellandschaft. Und dauernd dieses flüchtige Fragen: Wie geht es Paul?

Paul sitzt im Wohnzimmer, freut sich über meinen Besuch, Umarmung, Küsschen, dann schweigt er wieder. Ich warte ab, lasse ihm Zeit, das auszusprechen (so gut er es eben kann), was ihn bewegt. Nach einer Weile bekommt er sein Dessert, Torte, später Kaffee. Er ist fröhlich, geniesst die Torte.

Bald kommen die andern Bewohner zu den Tischchen. Auch Hans rückt an, heute kommt Anna nicht. Kleine, nette Gespräche plätschern, Unwichtiges, wichtig Gewordenes, ohne Zusammenhang. Der jüngere Sohn von Hans setzt sich zu uns, der Sohn von Frau R. auch, ein Wort gibt das andere, Paul geniesst es, Hans nickt zufrieden.

Der Sohn von Hans verabschiedet sich. Es entsteht Unruhe. Paul will ja auch gehen, sagt Hans. Nein, er will nicht, kontert Frau S. Doch, er hat gesagt, er will auch gehen, beharrt Hans. Nein, hab ich nicht gehört, mischt sich eine andere Bewohnerin ein. Eine andere hakt nach: Man kann dem eigentlich schon so sagen.

Die Stimmung verdüstert sich zusehends. Verwirrung über Verwirrung. Wieder Behauptungen, der Tonfall wird vorwurfsvoll, gereizt. Ich muss entwirren, lenke ab und gehe mit Paul in sein Zimmer. Die warten auf mich, muss wieder gehen, was soll ich anziehen, diese Jacke?

Ich mache uns Tee, lenke ich ab, Paul muss auf die Toilette, ich atme tief durch. Ach, wäre ich doch schon wieder zu Hause! Paul kommt zurück, wir finden keinen Slip mehr, ich suche, finde welche im Sekretär, er trinkt den Tee und macht sich bereit zum Gehen.

Du bleibst da, ich komme wieder, versuche ich mich zu verabschieden, wie jedes Mal. Umarmen, Küsschen. Er kommt zum Lift. Aufgeregt. Zum Glück hilft eine Betreuende, geht mit Paul ein paar Schritte, spricht mit ihm. Hinter seinem Rücken durch reicht sie mir den Schlüssel, ich schleiche mich in den Lift.

Mies, gemein, fies. Kein richtiger Abschied, keine Konversation, kein nettes Wort. Trostlose Situation, ich fühle mich elend, hinterhältig.

Dann kommen immer wieder dieselben Gedanken hoch: War es nicht zu früh, ihn ins Heim zu geben? Wäre es nicht möglich, ihm wenigstens einen Tagesaufenthalt daheim zu ermöglichen? Heute nannte er mich vor dem Pfleger wieder «meine Mutter». Wo ist er in Gedanken? Was geht in ihm vor?

Tief in mir bleibt der grosse Schmerz, eine Ohnmacht, Trauer, grosses Unvermögen und viele, viele offene Fragen. Zu Hause empfangen mich Trauer der Einsamkeit und der Trennung, sie lauern mir auf und werfen sich über mich, ersticken mich, wenn ich nicht wachsam bin.

28. Januar 2012 – Das tut so weh

Um wieder zu Kräften zu kommen versuchte ich es diese Woche mit drei freien Tagen. Der Nachmittag heute verlief friedlich. Erst klebten wir das fertige Puzzle zusammen, dann konnte ich mit Paul noch hinaus für ein paar Schritte. Wir schafften es sogar bis zu den Treibhäusern, erstaunlich!

Zvieri im Café mit Hans und Anna. Tat so gut zu plaudern, mal über die Köpfe unserer Männer hinweg, sie dennoch ab und zu in die Gespräche einbeziehend. Wie mir das muntere Gedankenaustauschen und Plaudern mit Paul fehlt.

Beim Abschied im Zimmer oben wehrte sich Paul dagegen, die Jacke auszuziehen. Dann wie gehabt: Er will mit mir gehen, ich brauche eine Betreuende, um ihn abzulenken. Er ist traurig, bitter, ich würde ihn wieder mal… Warum lässt du mich nicht mit dir gehen … es ist nicht gut … also, so bist du!

Mit diesem Stachel im Herzen muss ich mich auf den Heimweg machen. Trauer ist wieder meine Begleiterin. Das gibt zu denken, wenn er plötzlich den klaren Durchblick hat, wenn er begreift, dass ich nach Hause gehe, ohne ihn. Woran kann er sich noch erinnern, was geht in seinem Kopf vor?

Dann kommen wieder diese Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Zweifel! Damit muss ich umgehen lernen, ich kann sie nicht mit guter Begründung auflösen, wie Nebel an der Sonne. Es schleicht sich in mein Herz und raubt mir den Frieden. Ich kann nur beten, zu Gott schreien. Auf die Knie fallen und dem Herrn meine Nöte klagen …

30. Januar 2012 – Paul ruft an

Acht Uhr abends. Ein Anruf von Paul! Er stammelt einzelne, verständliche Wörter, dazwischen verwaschene Sprache, ich verstehe nur Bahnhof. Ich kann ihn weder verstehen, noch ihm helfen. Wieder ist diese dicke Glaswand zwischen uns. Ich komme morgen, versuche ich ihn zu trösten. Ich komme dann mit, seine klare Durchsage.

Noch jetzt, spät abends, klingt meine Trauer nicht ab. Welch ein Elend! Frau K. im Stationsbüro wirkt gehetzt, ja, sie gehe dann schon nach Paul schauen. Sie sei alleine. Da kann ich nicht viel Hilfe erwarten. Keine Möglichkeit, nachzufragen, wie es um ihn steht. Er hat so mühsam geatmet zwischen den einzelnen Wörtern. Er war sehr erregt, schien unglücklich, einsam.

Immer wieder muss ich mir eingestehen, dass Paul einen Teil seines Schicksals selbst tragen, ertragen muss.

Ich muss mich mit meinem Teil, dem Alleinsein, auch abfinden. Meine Sehnsucht wird jeweils mit neuen Problemen und Kümmernissen erdrückt. Ich empfange kaum etwas, gehe meistens noch trauriger nach Hause, wie ich gekommen war.

31. Januar 2012 – Schnee

Schneefall!! Bise, Kälte und es wird noch kälter werden. In Polen und Rumänien sanken die Temperaturen schon unter -10 Grad, Menschen erfrieren …

Der ganze Vorplatz ist mit Schnee bedeckt, heute muss ich ran. Und es wird noch mehr Schnee geben! Noch habe ich keine Hilfe bekommen (es liegt wohl an mir, zu fragen). So viel Unmögliches habe ich heute vor mir. Der Anruf von Paul gestern hat mich in ein depressives Loch geworfen – sogleich reagiert mein Körper mit Schlappheit. Ich kämpfe wieder gegen trübselige Gedanken, versuche mich aufzuraffen.

Der Schnee ist leicht, es war keine grosse Anstrengung mit dem Reisbesen, den mir Simon geflickt hatte. O, ich freue mich, dass ich es geschafft habe! Dann etwas salzen. Ich mache mir immer zu viel Sorgen im Voraus. Habe ich noch nicht begriffen, dass Du, Herr, für mich sorgst?

Heute liegt mir der Besuch bei Paul schwer auf dem Herzen. Will er wieder mit mir nach Hause gehen? Wie kann ich ihn aufmuntern, ihm helfen. Auch da muss ich Vertrauen lernen, mich nicht im Vornherein sorgen. (Fortsetzung folgt ...)

erschienen: 29.04.2021