Das Tagebuch (65)

Es fehlt die Kraft zum Träumen

«Ach, wie oft belaste ich mich mit diesen heile-Welt-Sehnsüchten. Illusionen, die mich nur unglücklich machen, Wünsche, die nie mehr erfüllt werden. Paul ist krank. Sehr krank. Damit muss ich mich endlich abfinden.»
«Ach, wie oft belaste ich mich mit diesen heile-Welt-Sehnsüchten. Illusionen, die mich nur unglücklich machen, Wünsche, die nie mehr erfüllt werden. Paul ist krank. Sehr krank. Damit muss ich mich endlich abfinden.» Bild U. Kehrli

Frau Kehrli erkennt, dass Paul böse und enttäuscht ist, wenn sie ihn nach einem Besuch im Heim allein lässt. Oder ist das nur ihr schlechtes Gewissen? Der Wunsch nach dem früheren Leben? Sie zweifelt, wie so oft in letzter Zeit.

Von Ursula E. Kehrli

2. Februar 2012 – Dunkle Wolken

Drinnen wie draussen. Auf meinem Gemüt hocken sie, diese dunklen Wolken. Seit ich Paul gestern im Korridor des Heims antraf, vor sich hin dämmernd, ein nasses Taschentuch neben sich ... Es stellte sich heraus, dass er den ganzen Vormittag in diese Trauer vertieft war.

Um zwei Uhr, als ich bei ihm eintraf, hatte er noch immer kein Mittagessen zu sich genommen. Das ist so überhaupt nicht Pauls Art! Er, der immer gern und viel gegessen hat. Ein schlechtes Zeichen.

Sie hatten versucht ihn mit belegten Brote zum Essen zu locken, umsonst. Erst als ich ihm gut zusprach und Manuela den Teller im Mikrowellengerät aufwärmte und liebevoll vor ihn hinstellte, begann er zu essen. Aber eher lustlos.

Dann schnell auf die Toilette: Zu spät. Hosen wechseln – er will immer noch keine Pants anziehen. Er wehrt sich dagegen, wird wütend. Geduldig versuche ich ihm zu helfen, Schuhe ausziehen, Hosen, Unterhose, auch das Leibchen, sogar das Hemd, alles ist nass. Neu anziehen. Er lässt sich nur ungern helfen, wird wütend, ungeduldig.

Schliesslich gelingt es mir, ihm gleich noch Mütze und Jacke zu reichen – wir könnten wieder mal für ein paar Schritte nach draussen gehen. Wirklich nur ein paar Schritte. Dann will er wieder hinein: Ich muss arbeiten gehen. Sonntags? Ich kann ihn davon überzeugen, indem ich auf den Bauplatz hinweise. Siehst du, die arbeiten heute auch nicht.

In der Caféteria trinken wir einen Süssmost. Er bestellt ein Bier, meint aber Süssmost, den er selbst aus dem Gestell herausnimmt.

Bald kommen Hans und Anna. Wie gut es tut, wieder einmal «normale» Konversation zu geniessen, die Männer hören zu, ab und zu geben sie Kommentare ab. Paul beobachtet den Himmel, entdeckt Flugzeuge und macht uns darauf aufmerksam.

Bald will er wieder gehen. Wohin? Da gerate ich immer unter Strom. Wie reagiert er jetzt? Unsicherheiten. Anna merkt es und erhebt sich. Wir gehen gemeinsam in den Lift. Wieder in seinem Zimmer befällt ihn erneut diese Unruhe. Was tun?

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines demenzkranken Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Endlich kann ich ihm den Rasierapparat in Ruhe erklären. Erneut gibt es Unstimmigkeiten, er möchte sich erklären, die Worte fehlen, ich bin ratlos. Ablenken. Most einschenken. Hier ist noch dein Glas. Erneut Unruhe. Trauer in mir, Schmerz, Ungeduld kommt dazu, Ratlosigkeit. Mitleid, grosses Mitleid.

Oh Paul, ich würde dich doch am liebsten mitnehmen, mit nach Hause. An meiner Seite möchte ich dich haben, ich will doch nicht, dass du hier und ich dort sein muss. Es quält, schmerzt mich genau wie dich. Eine scheussliche Situation, es zerreisst mich beinahe.

Aus Erfahrung weiss ich, dass es hier nichts mehr auszurichten gibt. Da helfen weder Worte, noch der Versuch, ihn herunterholen, noch das Trösten mit Zärtlichkeiten, nichts. Er muss da durch. Er wird dann wohl wieder sehr traurig sein und weinen.

Wie eine Schleppe hängt diese Schwere an mir dran, ich versuche sie auf dem Heimweg über die stark befahrene Autobahn loszuwerden.

Welch ein Kontrast zu gestern! Da stand er schon im Korridor, angezogen, als ich eintraf. Gut gelaunt und strahlend. Ich schlug daher vor, Ilse in Ostermundigen zu besuchen, seine langjährige Nachbarin.

Ich staunte, wie sich Paul in ihrer Wohnung sogleich zurechtfand. Er kannte den Weg aufs Klo, er genoss die Gemeinschaft und war recht gesprächig, fand die Worte meistens recht gut, erzählte von früher, von anderen Bekannten. Lachend berichtete er, wie Ilses Schwiegervater ihn und seine Spielkameraden einst aus dem Garten jagte – der war streng, aber korrekt.

Als Paul noch zuhause lebte, besuchte er Ilse und die andern Frauen, die noch im Haus wohnten, regelmässig. Er lebte jeweils auf, war herzlich, erfrischend. Ich staunte, wie er sich wohl fühlte und fast wie früher war, vor der Krankheit. Ausser das Sprechen natürlich.

Ich staunte auch, als er mich auf der Rückfahrt nach Gümligen lotste, da war kein Wort eines anderen Zuhauses. Sein Orientierungssinn ist erstaunlich gut erhalten.

Nach diesem gestrigen Nachmittag kamen wieder diese Zweifel in mein Herz: Tu ich ihm Unrecht, ihn dort zu lassen? Ginge es ihm nicht besser in unserer vertrauten Umgebung zu Hause? Dann kommt mir wieder die Realität zu Hilfe: Wie aufreibend der Umgang mit einem an Demenz erkrankten Menschen sein kann!

Ach, wie oft belaste ich mich mit diesen heile-Welt-Sehnsüchten. Illusionen, die mich nur unglücklich machen, Wünsche, die nie mehr erfüllt werden.

Paul ist krank. Sehr krank. Damit muss ich mich endlich abfinden.

Heute ist wieder ein Montag. Ich werde nicht hingehen. Das ist mein Loslass-Programm. Überlebensstrategie für mich, Abhärtung für Paul. Und eine Chance für die Pflegenden, sich mehr mit ihm zu beschäftigen.

Loslassen lernen. Einerseits muss ich mich lösen, unsere Bindung lockern, andererseits zerreisst es mir fast das Herz, ihn so seinem Schicksal überlassen zu müssen.

7. Januar 2012 – Dankbarkeit

In Syrien reissen Selbstmordattentäter Unbeteiligte in den Tod. In Nigeria werden mehr und mehr Christen von islamistischen Extremisten ermordet. Die arabische Welt wirft ihre Diktatoren über Bord und weiss doch nicht wie weiter. Der Irak versinkt immer noch im Chaos, weil man sich eine Demokratie nicht einfach überziehen kann wie ein neues Hemd.

Nordkorea verliert den kommunistischen Herrscher, sein Sohn wird das Regime weiterhin mit eiserner Faust führen. Skandale fegen Wahlkandidaten aus dem Rennen, Katastrophen, Erdbeben – Haiti liegt immer noch in Trümmern – erschüttern die Welt, Hochwasser, Sturmschäden, und jetzt versinkt die Schweiz im Schnee, Ferienorte sind nicht mehr erreichbar, grösste Lawinengefahr.

Kinder erheben sich über jegliche Autorität, Respekt ist abhandengekommen, es regiert der reine Egoismus. Selbst unser Nationalbankpräsident bereichert sich mit Insiderwissen  und unsere Bundespräsidentin klagt vehement den an, der das Bankgeheimnis preisgab. (Ich finde das Aufdecken toll, das nenne ich Zivilcourage, dennoch ...) Statt in erster Linie den wahren Schuldigen anzuprangern, der sich auf Kosten des dummen Volkes bereichert hat. Ablenken vom Wesentlichen, auch eine Strategie.

In meinem Bekanntenkreis liegt die 12-jährige Nina seit drei Monaten im Spital – Herzversagen. Nun wartet sie auf ein Spenderherz. (Das kann man heutzutage, die Verstorbenen werden zum Ersatzteillager.) Meine Freundin Marlene wurde operiert: Die Verhärtung unter dem Arm erwies sich als aggressiver Krebs. Und wie geht es Paul?

Da haben wir es. Was wiegt mein Problem im Angesicht der vielen anderen Probleme?

Ich schlüpfe abends in ein warmes Bett, Bäuchlein voll (habe in den letzten Tagen ein Kilo zugelegt! Brav.) Morgens stehe ich auf, die Heizung läuft, in der Garage steht mein Auto – ich geniesse diesen Komfort.

Den Stand meines Bankkontos kenne ich nicht auswendig, so lange genug da ist, genügt ein monatlicher Blick auf den Saldo. Ja, ich darf Paul besuchen. Von andern Ländern weiss man, dass die Frauen dort nicht mal wissen, wo ihre Männer eingekerkert sind, in grösster Not vegetieren sie vor sich hin. Armut, Hunger, Krankheiten und Kälte quälen sie Tag für Tag.

Was ist mein Schmerz dagegen? Ja, Paul geht es gut. Die Pflegenden kümmern sich aufmerksam um ihn, bei der höchsten Chefin hat Paul gar einen Stein im Brett. Wenn nichts hilft, er sich nicht duschen lässt beispielsweise, kommt sie und redet mit ihm. Ja, sie erreichte sogar, dass Paul am Herbstfest mit ihr tanzte. Und mir gibt er seit 20 Jahren immer einen Korb!

Das Essen im Pflegeheim ist ausgezeichnet, sein Zimmer wunderschön ausgestattet, mit grossen Fenstern, gut beheizt, die Korridore sind breit und hell, es gibt ein freundliches Wohnzimmer, genügend Toiletten, eine sehr gute ärztliche Versorgung. Paul geht es gut.

Nur gibt es da einen Haken. Beim Abschied gibt er mir noch ein Wort mit auf den Weg: Es ist nicht schön, dass du mich immer allein lässt. Selbst wenn er sonst die grösste Mühe hat sich auszudrücken, solche Mitteilungen kommen stets recht klar daher. Aus tiefstem Herzen, mit Tränen.

Er spricht aus, was auch ich fühle. Das macht das Heimgehen für mich doppelt schwer.

Das also ist mein Problem. Trennungsschmerz. Heimweh nach ihm, nach unserer Vergangenheit, nach dem nie mehr.

Und weiter: Ich muss dieses Alleinsein ertragen lernen, ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen. Ich muss einerseits lernen allein zu leben, anderseits ist mein Mann ja noch da, was mich wiederum zeitlich und emotional sehr in Anspruch nimmt. Doppelter Halbtagesjob, sozusagen.

Ein Spagat zwischen dort mit ihm und hier ohne ihn. Dazu sollte ich auch noch die Kraft aufbringen, unsere gemeinsame Wohnung zu meinem Zuhause zu machen. Es mir gemütlich einrichten (seine Sachen und meinen Ballast loswerden). Auch das muss verdaut werden.

Vieles lässt sich nur im Vergleich beurteilen, beispielsweise in der Musik: Ein reines E spielen. Das kann ich auf einem Saiteninstrument nur nachprüfen im Vergleich zu einem reinen A. Doppelgriff, sozusagen. Es gibt dazu noch viele Beispiele.

Und nun hier: Überdenke ich meine Lage und stelle sie in Relation zu den oben erwähnten Zustände in der Welt, geht es mir sehr gut. Also muss ich mir das merken. Danken für alles, was ich noch habe, was uns geschenkt wurde in den vergangenen Jahren, danken, danken, danken. Eine Art Umkehr. Nicht mehr jammern über das, was nicht mehr ist.

Ich schrieb einmal, Dankbarkeit sei die Leiter aus dem Loch der Depression. Muss es mir selbst wieder einmal sagen.

Danke, es geht mir gut. Und Paul geht es auch gut. Und ich will auch nicht mehr betupft sein, wenn die Menschen, die mir begegnen, bloss nach dem Befinden von Paul fragen, und dabei vergessen, mich einmal zu fragen, wie ich mit dieser Zerreissprobe zurechtkomme.

12. Februar 2012 – Schmerz aushalten

Heute endlich kann ich Paul wieder besuchen. Schon wieder hatte mich die Grippe erwischt. Ich sehne mich nach ihm, obwohl die Besuche meistens im Frust enden. Mit Herzweh hin zu ihm, mit Trauer bei ihm sein, und mit Trennungsschmerz wieder nach Hause.

Verlassenheitsgefühle beim Heimkommen, Schmerz, Zerrissenheit. Und dies aushalten, Tag für Tag. Manchmal ist es einfach zu viel, scheint mir.

Manchmal weiss ich nicht mal mehr, wonach ich mich sehne.

Nicht mal mehr Kraft zum Träumen, keine Lust, Pläne zu schmieden für später, für den neuen Lebensweg. Es bleibt auch nicht viel freie Zeit dafür.

Wie viel lieber hätte ich mir einen ruhigen Nachmittag zu Hause eingerichtet. Ein kleiner Spaziergang im Wald, dann aufs Bett liegen und lesen. Es kostete mich heute Überwindung, hinzufahren. Wie treffe ich ihn an? Wieder diese Traurigkeit, die Vorwürfe, dass ich ihn allein lasse?

Er kommt mir entgegen beim Lift. Dann organisiert er ein Dessert für mich! Wie schafft er es, der Pflegenden das zu erklären? Danach war er weder für einen Spaziergang zu begeistern, noch dazu zu bewegen, ins Café hinunter zu gehen.

Im Zimmer fange ich an ein neues Puzzle 200 XXL zu sortieren. Wenn einmal der Rand gelegt ist und die einzelnen Teile farblich sortiert sind, kann er gar nicht anders, als mitmachen. Ja, er ereifert sich sogar.

Schliesslich sitzt er ganze zwei Stunden «an der Arbeit», hat Riesenspass an jedem Teilchen, das er einfügen kann und strahlte wieder einmal übers ganze Gesicht. Er nimmt kaum Notiz von mir, als ich mich gegen halb fünf Uhr verabschiede. Wieder einmal gut gegangen, wie froh mich das macht. (Fortsetzung folgt ... )

erschienen: 05.04.2021

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