Das Tagebuch (54)

Meine Fragen prallen an ihm ab

«Den Transport ins Pflegeheim habe ich mit dem Rotkreuzfahrdienst organisiert. Oh, diese Beklemmung, wie wird Paul den Wechsel ertragen? Armer Paul! Was kann er noch begreifen? Was wie einordnen? Jede Veränderung und Umstellung ist dramatisch für einen Menschen mit Demenz im Delir.»
«Den Transport ins Pflegeheim habe ich mit dem Rotkreuzfahrdienst organisiert. Oh, diese Beklemmung, wie wird Paul den Wechsel ertragen? Armer Paul! Was kann er noch begreifen? Was wie einordnen? Jede Veränderung und Umstellung ist dramatisch für einen Menschen mit Demenz im Delir.» Bild U.Kehrli

Frau Kehrli kann die traumatischen Erlebnisse im Heim endlich hinter sich lassen. Die kleinen Freuden des Lebens dringen wieder zu ihr durch, trotz schwierigster Umstände, denn Paul ist im Delir.

Von Ursula E. Kehrli

2. Juli 2011 – Friedhofengel

Samstag, meine To-do-Liste ist lang: Beeren, Pflaumen ablesen, die Blumen und Bäume müssen gewässert werden. Und das Bepflanzen der Gräber meiner Eltern wäre längst fällig! Welch trostloser Anblick wird mich dort erwarten? Alles verblüht und vertrocknet, die Stängel der Tulpen, Unkraut, mir graust es beim Gedanken.

Umso mehr bin ich überwältigt, wie ich die beiden Gräber sehe: Alles Verblühte weg, kein Unkraut, alles sieht liebevoll gepflegt aus! Zwischen dem Hauswurz, den Steinen und dem kleinen Rosenstock sorgfältig hingelegt ist Rindenmulch! Es sieht so liebevoll gepflegt aus, ich breche in Tränen aus.

Wer hat mir das zuliebe getan? Wer hat sich die Mühe genommen, zu jäten und das Grab voller Liebe herzurichten? Tränen fliessen, laut schluchze ich auf. Mein ganzer Jammer bricht hervor, die Überforderung der letzten Zeit; mich immer wieder zusammenreissen, mich immer wieder überwinden, mich ja nicht gehen lassen.

Dazu das schwere Herz um das Schicksal von Paul! Ich bin «Witwe» geworden, und doch ist er noch da! Obwohl er nur noch ein Schatten seiner selbst ist, sehne ich mich immer wieder nach ihm, um dann traurig und mit grossem Weh ins leere Zuhause zurückzukehren. Druck auf Druck, Last auf Last. Es ist genug! Ich kann die Tränen kaum mehr stoppen.

Nachmittags kommt Andy. Er giesst mir den Garten, wie froh ich bin! Schön, dass ich einen Sohn habe – für mich immer eine grosse Freude, Hilfe und Ermutigung.

5. Juli 2011 – Freier Tag

Bereits der vierte Tag, an dem ich mehr liege als auf den Beinen zu sein. Dennoch, Beeren ablesen, Wäsche machen und aufhängen am Ständer draussen, Plüschtiere waschen. Ich bin nicht faul, aber muss mich schonen. So müde war ich schon lange nicht mehr.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines demenzkranken Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Bin froh, dass Margret heute Paul besuchen geht. Vormittags gehe ich auf den Friedhof. Ob vielleicht der Hilfsgärtner mein Engel war? Er mäht gerade den Rasen. Er strahlt mich an, stellt den Mäher ab und ich frage ihn, wie es geht.

An Ostern musste er von seinem Vater Abschied nehmen, man habe ihm viel zu spät gesagt, dass sein Vater krank sei, er habe ihn nicht mehr lebend angetroffen, was ihn sehr verletzt habe. 

«Hast Du die Gräber meiner Eltern gejätet und so liebevoll hergerichtet?» Ja, es habe noch nie so viel Unkraut gegeben wie dieses Jahr, überall habe er zu tun gehabt.

Doch scheinbar waren diese beiden Gräber die einzigen in diesem Feld, die keiner pflegt. Gott wirkt oft durch einfache Menschen. Danke Herr! Er ist gerührt, wie ich ihm danke und ein Nötli zustecke.

Ein weiterer Grund zur Dankbarkeit: Margret ging zum Nachtessenszeit zu Paul. Er habe versucht ihr was zu erzählen, nach zwei Worten ging es nicht mehr. Dennoch konnte sie ihn aufmuntern und ihm beim Essen helfen. Paul und Margret haben sich immer gut verstanden. Wie dankbar ich bin für diesen freien Tag!

9. Juli 2011 – Delir

Gestern um halb sechs ging ich wieder zu Paul, um ihm das Nachtessen einzugeben. Noch kann er nicht selbst essen. Im Rollstuhl hat er entdeckt, wie man sich mit den Füssen am Boden vorwärts bewegen kann. Er begrüsst mich kaum, ein flüchtiges Strahlen, die Augen blicken sorgenvoll, wirr, rastlos, das Gesicht eingefallen, die Haare ungekämmt.

Er stellt mir eine Frage, ich verstehe ihn nicht, dann rolle ich ihn in sein Zimmer.

Jeder Besuch schmerzt. Ihn zu sehen und den Zugang zu ihm nicht zu finden, tut so weh.

Seine Augen blicken unruhig, fremd, ängstlich, wie ein gehetztes Tier. Dann beginnt er mit einem Taschentuch an der Keksschachtel zu reiben, putzen, polieren, was weiss ich.

Er befeuchtet mit der Zunge das Tuch und reibt wieder. Dann entdeckt er das Bettgestell, reibt, poliert eifrig. Alle meine Fragen prallen an ihm ab. Er nimmt keine Notiz von mir. Nach etwa einer Viertelstunde schliesst er die Augen. Will schlafen, ist müde.

Die Pflegende bringt das Nachtessen. «Ui, jetzt schläft er! Ach, wir mussten ihm ein Temesta zur Beruhigung geben, er war so rastlos», entschuldigt sie sich. «Ich kenne ihn noch zu wenig, wusste nicht recht … ».

Schade, immer nach Freitagen werden die Pflegenden in andere Abteilungen eingeteilt. Wozu das? So viel Zeit verschwenden, um sich in die neu zu pflegenden Patienten einzuarbeiten – für die Patienten mit einem Delir ist das eine Katastrophe! Gerade das, was ihnen nützlich wäre, nämlich Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, entzieht man ihnen.

Hyperaktives Delir nennt man Pauls Zustand, habe ich mal im Internet gefunden.

Ich spreche ihn an, versuche ihn wach zu kriegen, er sollte etwas essen, er ist so abgemagert. Schliesslich öffnet er den Mund und nimmt das Abendessen mit geschlossenen Augen ein. Nach zwei Stunden verabschiede ich mich.

Ein Losreissen, was ist aus ihm geworden! Und ich kann ihm nicht helfen, nicht mal mit meiner Nähe und meiner Anteilnahme. Meine Liebe verpufft im Irgendwo – im Nirgendwo. Nimmt er mich überhaupt noch wahr?

Wie ich diese Chemikalien hasse! Doch dann bin ich wieder froh darüber, besonders wenn ich an die schrecklichen Unruhen denke, die ich zuhause mit ihm erlebt habe. Damals hatte ich Hemmungen, ihm ab und zu ein Temesta zu geben. Noch mehr Tabletten ... , hat er nicht schon viel zu viele in seinem Leben geschluckt?

Dieser Haufen wäre fast ein Berg, ein erschreckender Anblick! Wer weiss schon, was die Nebenwirkungen anrichten? Manchmal habe ich den Verdacht, dass es simpler ist, Tabletten einfach mal zu verschreiben, als deren Verträglichkeit und Nebenwirkungen zu prüfen.

Oder die Wichtigkeit von Laboruntersuchungen: der Körper braucht Vitamine und Mineralstoffe. Letzthin las ich, welch fatale Folgen ein Mangel an Folsäure oder Zink haben kann – auch bei Erwachsenen.

Über Jahre hatte ihm sein Arzt wegen Epilepsie Medikamente verabreicht, die längst aus dem Verkehr gezogen waren. Er hatte sich wohl einen billigen Vorrat zugelegt und musste den loswerden. Als ich dies entdeckte, dränge ich Paul zu einem Arztwechsel.

Es war derselbe Arzt, der mich damals abkanzelte, mich gehe die Krankheit meines Mannes nichts an! Hinterhofärzte!

Einmal hatte er Paul geröntgt, dabei bemerkte ich, dass er nur so tat als ob. Der Apparat war kaputt. Welch unverfrorene Frechheit! Darauf angesprochen, musste er es zugeben. Höchste Zeit zum Wechsel!

Heute Morgen bin ich verzweifelt. Traurig. Voller Schmerz. Ohne Hoffnung. Oder fast ohne. Denn ich wehre dem Gedanken, dass Gott uns vergessen hat. Ich wehre mich zu glauben, dass Er seine Barmherzigkeit zurückhält.

Ich schreie innerlich um Hilfe. Mag nicht mehr die Schrei-Puppe hinhalten. Gott, ich mag nicht mehr. Immer wieder rapple ich mich dennoch auf, überwinde mich, würge tapfer die Tränen runter, an der Verheissung festhaltend, dass Du alles zum Besten wenden würdest.

Daran glaubend, dass Du ein Gott des Erbarmens bist, der Du die Menschen nicht über Vermögen prüfest. Und wenn ich sage, ich halte es beinahe nicht mehr aus, erweiterst Du die Schmerzgrenze!

Nun ist der Tag des Austrittes aus dem Spital festgesetzt: Schon nächsten Freitagvormittag! Das mit dem Ferienbett in der Nussbaumallee klappt auch. Neue Herausforderungen!

Den Transport ins Pflegeheim habe ich mit dem Rotkreuzfahrdienst organisiert. Oh, diese Beklemmung, wie wird Paul den Wechsel ertragen? Armer Paul! Was kann er noch begreifen? Was wie einordnen? Jede Veränderung und Umstellung ist dramatisch für einen Menschen mit Demenz im Delir.

Meistens fühle ich mich ihm gegenüber total hilflos. Als wäre unsere Verbindung abgebrochen, verstummt.

Ich suche ihn, er ist nicht da. Ich umarme ihn, er lässt es geschehen, ohne Regung. Paul, wo bist Du? Wann habe ich Dich verloren? Kann ich Dich je wieder finden?

Hoffnung kam auf, als er mich kürzlich fröhlich begrüsste: Sälu Buseli. An diesem Tage verabschiedete er sich auch mit klaren Worten, gab mir einen Kuss. Oh wie gut es mir in der Seele tat! Ich begann aufzuleben.

Beim Gedanken an die Rechnung des Heimarztes überfallen mich Wut und Bitterkeit. Ich klage ihn innerlich der Vernachlässigung an, der Schlamperei. Eine Frechheit, ein Aktenstudium zu verrechnen, nachdem die Hausärztin die Sache längst in die Hand genommen hat!

Chuzpah! Frechheit. Ich errege mich dermassen, bis ich einsehe, dass Streiten nicht meine Sache ist. Ich muss diese Sache endlich fahren lassen, obwohl die Orientierung der Ombudsstelle zur Prüfung noch fällig ist. Aber das mit dem Arzt lasse ich wohl lieber.

Danach empfinde ich wieder Frieden im Herzen. Frieden und Kraft brauche ich für den Besuch bei Paul heute. Ich fühle, wie gut es ist, viel Zeit mit ihm zu verbringen.

Heute wird er kaum Besuch bekommen, Samstag und schönes Wetter. Wer möchte schon ins Spital gehen? Vielleicht gibt ihm meine Anwesenheit doch etwas Geborgenheit und Halt. (Fortsetzung folgt ...)

erschienen: 10.03.2020

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