Das Tagebuch (44)

Wachgerüttelt

Als ich Paul dort bei der Polizei in die Arme nahm, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich von meinem Lebenspartner Abschied nehmen muss. Diese Erwartungen an mein Gegenüber, meinen Gefährten, musste ich loslassen. Hier habe ich einen Menschen, einen Nächsten, der wie ein hilfloses Kind auf meine Hilfe angewiesen ist.
Als ich Paul dort bei der Polizei in die Arme nahm, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich von meinem Lebenspartner Abschied nehmen muss. Diese Erwartungen an mein Gegenüber, meinen Gefährten, musste ich loslassen. Hier habe ich einen Menschen, einen Nächsten, der wie ein hilfloses Kind auf meine Hilfe angewiesen ist. Bild U. Kehrli

In letzter Zeit hat sich Frau Kehrlis Reservetank der Liebe nach und nach geleert, ohne je nachgefüllt zu werden. Seit nunmehr fünf Jahren ist es nicht mehr ein Geben und Nehmen mit Paul, es geht langsam an die letzten Kraftreserven, und an die Liebe als solche. Dagegen will sie kämpfen.

Von Ursula E. Kehrli

2. April 2011 – Durchgetragen

Unruhige Nacht, Wadenkrämpfe, Zehenkrämpfe, Schienbeinkrämpfe, immer wieder erwache ich. Paul regt sich kaum. Es brauchte gestern Abend viel, viel Geduld, Liebe, Erklärungen und Überzeugungskraft, bis ich ihn endlich ins Bett bringen konnte.

Heute um sieben Uhr – aus dem Tiefschlaf – werde ich geweckt, Paul brummt etwas, fragt nach etwas, ich verstehe Bahnhof. Bin wie durchgeprügelt, bleiern fühlt sich mein Kopf an, ich ziehe die Decke über den Kopf, muss meine Gedanken ordnen. Am liebsten würde ich jetzt nicht aufstehen. Die alte Leier erwartet mich. Ferien, Erholung adé. Wie soll das nur werden?

Da kommt mir ein Lied ins Herz. Kaum zu glauben, «es» spielt himmlische Musik in mir und ich höre die Worte:

Du hast dich mir geoffenbart, o Herr in grosser Huld;
Du trägst als Hirte mich so zart mit liebender Geduld.
Ich stehe auf, mache Kaffee, staune wie die Kraft zurück kommt, die Geduld, die Freundlichkeit, das herzliche Erbarmen. Danke Herr, das ist Deine Gnade und Güte. Ich packe Koffer und Tasche aus und ordne alles in die Schubladen und Tablare. Paul braucht jetzt viel Zuwendung. Ich spüre seine verletzte Seele, seine Unsicherheit.

Um halb zehn zieht er im Schlafzimmer die Vorhänge zu und geht zu Bett. Bleich ist er. Er schliesst die Augen, sagt: Ich mag einfach nicht mehr. Ich bete mit Paul, sage ihm, dass es auch mir leid tue, dass ich oft so gereizt reagiere, das wolle ich doch nicht. Ich ja auch nicht, sagt er. In Frieden schläft er ein.

Regelmässig gehe ich nachschauen, wie es ihm geht. Ich habe Angst.

Ich gehe auf die Knie. Ich weine. Wie leid tut es mir, dass meine Geduld so schnell am Ende ist, dass ich zu wenig Liebe habe.

Tränen über ein hartes Herz. Mein Herz. Ich bete, flehe, dass Gott mich neu erfüllen möge mit Liebe, wenn er schon zulässt, dass ich nun nicht zur Erholung kann, möge er mir seine Hilfe gewähren, seine Kraft, die ich so nötig habe.

Nach einer Stunde steht Paul auf, er hat Hunger. Gutes Zeichen. Es gibt Bohnen, Speck und Salzkartoffeln. Das mag er sehr. Der Alltag hat uns wieder.

Wenn ich alles überdenke, ja, ich habe wirklich Grund, dankbar zu sein. Will nicht klagen. Irgendwie wird es schon gehen, kommt Zeit kommt Rat. Mein Herz ist voller Mitleid und ich will nie mehr seinen Anblick vergessen auf der Polizeiwache. Dieses Verloren sein, diese ganze Not. Er hat ja nur mich …

3. April 2011 – Trauer

Ich wehre mich gegen diese tiefe Traurigkeit. Wortfetzen von Paul. Ich höre heraus, wie sehr er verletzt ist, verursacht durch Missverständnisse. Er versucht mir in seinen paar Worten zu berichten, was im Heim vorgefallen war.

Er ist wütend, klagt die Frauen an, er sei doch nicht so einer (tippt sich an die Stirn), er gehöre nicht ins «Waldau». Dann wieder ist er traurig, dass er mich traurig gemacht habe.

Er scheint doch zu verstehen, dass er mir die Ferien verpatzt hat. Immer wieder umarmen wir uns, er lässt es zu.

Es tut mir auch Leid für Andy. Zerplatzte Träume.

Zur Ablenkung fahren wir an den Murtensee. Schon kurz nach zehn Uhr sind wir in Praz, geniessen die Ruhe, den spiegelglatten See, schauen den Enten, Schwänen zu. Mittagessen aus dem Rucksack. Kurz nach ein Uhr hat er genug, will nach Hause.

Ein Lichtblick heute: Erika will Paul nächste Woche einen Nachmittag lang «hüten». Das ist wohl die Lösung: Vermehrt Hilfe zur Entlastung hier im eigenen Haus organisieren. Da findet sich Paul zurecht, da fühlt er sich sicher.

Auch wenn er immer wieder die anderen sucht, beim Tischdecken, beim Nachhause kommen, ich habe keine Ahnung, wen er vermisst. Ich bin überzeugt, dass es richtig war, Paul nicht mehr ins Heim zurückzubringen. Irgendwie werde ich es schon schaffen.

Traurigkeit umfängt mich auch hier in meinem Gartenhäuschen. Ich bin hierher geflüchtet, das erste Mal in diesem Jahr, es ist angenehm warm, ruhiger als vorne, wo viele Kinder spielen und schreien. Mich freut der Blick hinauf zum Wald.

Bedrückend jedoch zu sehen, wie unser Garten langsam verwildert. Rasen sollte gemäht werden, Unkraut wuchert überall, die Eibe ist viel zu hoch. Weder Apfelbaum noch Rosen wurden geschnitten. Überall fehlen Pauls fleissige Hände.

4. April 2011 – Nachspiel

Alles scheint heute ruhig, Paul hat gut geschlafen. Doch beim Frühstück plötzlich wieder einen seiner Anfälle, er verschüttet den Kaffee, regt sich auf. Auch nach dem Rivotril wird es nicht besser. Es ist bedenklich.

Der Anfall wird heftiger. Ich lege ihm ein Temesta auf die Zunge. Endlich kann ich ihn zur Couch geleiten, die Zuckungen sind noch stark. Lange sitze ich neben ihm, beruhige ihn, halte seine Hände, streichle ihn.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Noch immer ist er sehr, sehr traurig, seine Seele zutiefst verletzt. Er möchte erzählen, kann sich nicht ausdrücken, hat Tränen in den Augen, verdeckt zwischendurch mit beiden Händen seufzend das Gesicht. Dann kommen wieder diese Zuckungen, doch weniger heftig.

Ab und zu kann er mit ein paar Worten die Geschehnisse in Thun erklären, ich erahne, dass da eine grosse Angst war, er müsse nun für immer dort bleiben. Daneben hatte ihn auch Panik erfasst, er hatte das Gefühl gefangen zu sein. Eine Anstalt.

Er hatte das Bettlaken und den Duvetanzug abgezogen, mit dem Gedanken sich über die Balkonbrüstung abzuseilen. Er sei doch noch ein «Siebensiech» (ganzer Kerl), er gehöre doch nicht zu dieser Art Menschen. Man habe ihn festhalten wollen, das lasse er nicht mit sich machen.

Grosse Angst erfüllt ihn heute noch, wenn er daran denkt. Das ganze muss ihm schrecklich zugesetzt haben. Angst davor versorgt, abgeschoben zu werden. Freiheitsberaubung, «Waldau», sagte er immer wieder. Ich nehme mir viel Zeit zuzuhören, nachzufragen, Anteil nehmend.

Er tut mir so leid. Was habe ich nur angerichtet mit diesem Ferienbett! Auszeit nehmen, Ferien, gutgemeinte Ratschläge, aber wie soll ich sie umsetzen?

5. April 2011 – Meine Frau Doktor

Sie ist wieder da. Diese Frau, die mir damals so wohl tat mit ihrer Anteilnahme an Pauls Krankheit. Ihr Verständnis für die grosse Herausforderung und die Art, mit mir umzugehen, hatte so gut getan. Ich vermisste sie sehr, als sie die Praxis unseres Hausarztes verliess.

Und nun ist sie zurückgekehrt und heute habe ich sie aufgesucht. Einfach auch, um meinen Sorgenkratten zu leeren, um Paul zuliebe einen guten Halt zu finden.

Was das ausmacht, eine Vertrauensperson zur Seite zu haben, die mich versteht. ich kam erleichtert nach Hause, aufatmend.

In Gedanken hatte ich ihr einige Briefe geschrieben, des Dankes, dann des Bedauerns, dass sie die Hausarztpraxis verliess.

In Gedanken hätte ich ihr einen Riesenblumenstrauss überreichen mögen. Doch eben, ich habe knapp die nötige Kraft, den Alltag zu überstehen. Und nun überall die erstaunte Fragerei, das Bedauern, dass ich um mein Erholung gebracht worden sei. Na, was soll's, ist nicht zu ändern. Nun muss ich Paul beibringen, dass ich einen zweiten Tag im Tagesheim für ihn plane.

An meinem freien Tag plant Andy mit mir einen Ausflug auf den Grenchenberg, Mittagessen, Fotografieren, Mini-Ferien sozusagen. Wirklich ein Lichtblick.

8. April 2011 – Von der Liebe

Heute früh, kurz nach drei Uhr, lag ich wieder einmal wach, viele trübe Gedanken haben sich da am Bett niedergelassen. Du, Gott, hast Nein gesagt zu meinen Ferienplänen. Obwohl ich es zuvor als Ja empfunden habe. Hatte Frieden über allem, freute mich darauf. Warum? Wozu? Was soll nun werden? 

Mir wird bewusst, ohne Liebe kann ich Paul unmöglich weiter begleiten. Doch in letzter Zeit wurde dieser Reservetank der Liebe in mir nach und nach geleert, ohne nachgefüllt zu werden. Nun ist es nicht mehr ein Geben und Nehmen.

Ja, zugegeben, es kostet viel Kraft, nach beinahe fünf Jahren des Gebens, des sich dauernd kümmern, der Hingabe, der andauernden Herausforderungen. Es ging an die Kräftereserven. Und an die Liebe als solche.

Als ich Paul dort bei der Polizei in die Arme nahm, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich von meinem Lebenspartner Abschied nehmen muss. Diese Erwartungen an mein Gegenüber, meinen Gefährten musste ich loslassen. Hier habe ich einen Menschen, einen Nächsten, der wie ein hilfloses Kind auf meine Hilfe angewiesen ist.

Genauso sind nur Forderungen da, viel Zeit, Fürsorge und Hingabe werden verlangt. Zuwendung, Verständnis, aber eben vor allem Liebe, Geduld, Barmherzigkeit, Freundlichkeit. All das, was ein Kind braucht.
Mein Gebet heute:

Herr, lass mich Deine Liebe erkennen. Lass mich erkennen, dass du sie in mich ausgegossen hast. Du bist ein Gott der Fülle, du bist nicht knauserig, du gibst reichlich. Du kannst diese Liebe nachfüllen.
Mittagessen. Ich sehe, Paul hat das Samstag-Medikamentenschächtelchen neben sich. «Mhm, heute ist Freitag».

«Nein, Samstag», seine Antwort. Ich habe inzwischen gelernt, argumentieren ist sinnlos. Ich schweige.
Er nimmt die Agenda zur Hand und zeigt auf Samstag. Für ihn ist Samstag. Wir essen weiter. In einem günstigen Moment kann ich das Schächtelchen auswechseln. Er hat es nicht bemerkt.

Nun beginnt das Hintenrum, das heimliche Handeln. Das Abwägen zwischen endlosem, nutzlosem Argumentieren oder eben, «überlisten». So widerlich, aber oft nicht zu umgehen.

Das Wunder der Liebe am Beispiel des Neugeborenen: Es macht viel, viel Arbeit, zerrt an den Nerven der Eltern, wenn es nachts schreit statt zu schlafen, es macht die Windeln voll, kostet recht viel Geld aber noch mehr Geduld. Jeden Tag neu.

Es raubt den Eltern die Freiheit, schränkt ihren Bewegungsraum ein, mischt bei allen Plänen mit, beansprucht viel Zeit. Stört oft, macht Pläne zunichte. Und doch: Die Eltern lieben es! Ohne Grund, denn ganz nüchtern besehen ist es doch ein Störenfried. Es krempelt das bisherige Leben des Paares um. Es nimmt nur, in dieser ersten Zeit, ohne irgend etwas dafür zurückzugeben.

Meistens stosse ich mit solchen Gedanken bei Müttern auf Granit, sie schauen mich entsetzt an, als wäre ich eine Rabenmutter. Nein, nein, das Neugeborene, das ist doch lauter Freude Auch Margret wehrte sich: «Ich habe mich so sehr über mein Kind gefreut, dass ich die erste Nacht nicht schlafen konnte!».

Immer die gleichen Einwände, «denk doch an das Lächeln des Kindes, und die Freude an ihm!» In solchen Momenten habe ich das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Andy war auch mein Wunschkind, ich hatte mich so sehr danach gesehnt, ihm in die Augen schauen zu dürfen. Auch ich schlief die erste Nacht nicht, auch ich freute mich, freue mich noch immer, und wie! Ich versuche doch nur, zu erklären, wie gross das Geheimnis der Liebe ist.

Ja, aber woher kommt diese Freude? Es ist eben ein Geheimnis. Warum diese dennoch-Liebe der Eltern, auch wenn die Neugeborenen viel Arbeit machen und Stress bereiten? Das eben ist das Geheimnis der Liebe. Ich kann es auch nicht erklären, ist aber so kostbar. (Fortsetzung folgt ... )

erschienen: 05.06.2019

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