Das Tagebuch (41)

«Gesucht: Schulter zum Ausheulen»

«Ob diese 'Tsunamiwelle' bald auch unser Land erreichen wird? Da gäbe es viele Gründe, ebenfalls auf die Strasse zu gehen. Wie können wir es stillschweigend zulassen, dass Bankenbosse ihre Millionen einsacken? Womöglich noch ohne sie recht zu versteuern.»
«Ob diese 'Tsunamiwelle' bald auch unser Land erreichen wird? Da gäbe es viele Gründe, ebenfalls auf die Strasse zu gehen. Wie können wir es stillschweigend zulassen, dass Bankenbosse ihre Millionen einsacken? Womöglich noch ohne sie recht zu versteuern.» Bild U.Kehrli

März 2011 – Tage des Grauens in Japan, Frau Kehrli gibt sich dem Weltschmerz hin. Was sind ihre täglichen Probleme im Vergleich mit dem Leid auf dieser Welt? Sie sehnt sich nach einer vertrauten Schulter, denn die Einsamkeit droht sie zu ersticken.

Von Ursula E. Kehrli

15. März 2011 – Fukushima!

Japan, 11. März 2011. Es wird nie mehr sein wie früher. Alles steht Kopf. Alle Perspektiven haben sich verändert. Die Menschheit ist an einem Wendepunkt angekommen. Ein anderer Tsunami überflutet uns. Ich denke an die Bilder der Offenbarung. Ein Trompetenstoss, der den Aufbruch in ein neues Zeitalter verkündet.

Zuerst das Erdbeben Stärke 9 in Japan. Das war noch einigermassen im Griff der Menschen, denn sie haben dort erdbebensicher gebaut. Aber der Tsunami, der dadurch ausgelöst wurde, durchbrach alle menschlichen Vorsorgemassnahmen. Weder der Alarm, noch die teilweise 10 Meter hohen Schutzmauern entlang der Küste konnten ihm standhalten.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Am Fernsehen schaute ich mir die Bilder immer wieder an. Ungläubig, kopfschüttelnd, verständnislos. Die Bilder liefen vor meinen Augen ab, sie sind noch heute – vier Tage danach – nicht zu verarbeiten.

Wie sich die schwarze Wasserlawine, voller Trümmer, den Weg ins Landesinnere frass, Autos und Häuser mit sich reissend, Schiffe mittendrin. Alles zerbarst und rollte vorwärts, einer Schlammlawine ähnlich, wie wir sie von den Bergen kennen.

Und dann das schlimmste, die Atomkraftwerke können nicht mehr gekühlt werden. Daran nage ich am meisten. Wie kann es sein, dass intelligente Techniker es nicht zuwege bringen, solche Folgeschäden zu vermeiden? Wie konnte man Anlagen bauen, ohne dem 'worst case' Rechnung zu tragen?

Ausgerechnet in Japan. Ihnen hatte ich am meisten vertraut. Und ich denke wieder an die vernichtete Intelligenz in Auschwitz, Birkenau und in all den anderen KZs und Kriegen; Folgestrafen, Auswirkungen. Unter diesen Lücken leiden wir nun alle.

Mir kommt es wieder vor wie ein Puzzle, fertig zusammengestellt, aber es fehlen einzelne Teile. Es wird ein unvollkommenes Bild. Wie in der Medizin, wo es die Forscher nicht fertig bringen, einen Impfstoff gegen HIV zu entwickeln, oder ein Heilmittel gegen Krebs oder Alzheimer zu finden.

Man kann auch nicht einfach Menschen abtreiben und glauben, das hätte keine Folgen. Auch diese Intelligenz wird der Menschheit fehlen. Jeder Mensch ist einmalig. Und hat seinen Platz in der Welt.

Alles was wir tun hat Auswirkungen. Was wir denken, wie wir handeln. Es gibt nichts, das keine Wirkung hat.

Aus dieser neuen Perspektive gesehen, reduzieren sich meine Alltagssorgen ins Lächerliche – gemessen am Leid in Japan. Oder auch in der arabischen Welt.

Ich denke hier an all die Menschen, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen, die, zu lange unterdrückt, nun am Beispiel von Ägypten und Tunesien, ihre Tyrannen, Profiteure abwerfen wollen. Im Glauben, es würde besser werden.

Doch wird es besser? Wie sollten diese Länder innert Wochen ein demokratisches Regime aufstellen können? Ein System, in das man hineinwachsen muss, von dem wir über Generationen geprägt worden sind, das wir schon so lange als Vorbild haben.

Ob diese «Tsunamiwelle» bald auch unser Land erreichen wird? Da gäbe es viele Gründe, ebenfalls auf die Strasse zu gehen. Wie können wir es stillschweigend zulassen, dass Bankenbosse ihre Millionen einsacken? Womöglich noch ohne sie recht zu versteuern.

Und daneben leben invalide Menschen, die wirklich in Not sind, die um jeden nötigsten Rappen betteln müssen. Wo man die Kranken zum Spital rausbeordert, mit Fallpauschalen die Tage der Pflege abkürzt, um auch noch zu «rentieren».

Wo man an der Bildung spart, wo Politik zum Kampf gegeneinander wird, statt lösungsorientiert zusammen zu arbeiten. Wo prominente Menschen ihre Keller mit Anker-Bildern dekorieren und über Volksnähe poltern. Soziale Ungerechtigkeit? Vereinsamung, weil das Geld fehlt?

«Die Alten haben das Geld», Aussagen, die einfach daher geplappert werden.

Ich kenne viele alte Menschen, die jeden Rappen x-Mal drehen müssen, die sich nicht einmal kleine Extrawünsche leisten können.

Und wir, Paul und ich? Uns geht es gut. Aber wir haben stets sparsam gelebt, angefangen in der Küche, mit meiner sorgfältigen, ausgewogenen und günstigen Auswahl an Lebensmitteln. Nicht einfach ein Griff in die Abteilung der Fertigmenüs. Da wird Salat selbst gerüstet und gewaschen, auch der Gemüsegarten hat sparen geholfen, durch viel Eifer, Fleiss und Arbeit von Paul.

Ferien wurden auch nicht mit der grossen Kelle angerichtet. Wir waren es gewohnt zu verzichten, zu sparen, um schliesslich ein beachtliches Vermögen im Wert des Hauses der nächsten Generation weiter geben zu können.

Ich blicke zurück auf meine Vorfahren. Meine Eltern, sparsam, genügsam, zufrieden. Mein Grossvater väterlicherseits: Mit Nähen half seine Frau wacker mit, Geld zu verdienen. Schliesslich starb sie schon früh  an der «Auszehrung», Lungenprobleme. Die Spanische Grippe hat sie dann 1918 dahingerafft (mein Vater war damals erst 10-jährig).

Was Paul und ich nun hinterlassen können mit diesem 3-Familien Haus ist nicht nur unser Werk, es stehen die Bemühungen einiger Menschen dahinter. Es bleibt zu hoffen, dass mein Sohn Andy und seine Kinder dazu Sorge tragen werden. Ein Haus zu besitzen ist immer auch Schutz und Geborgenheit, ausser wenn es Atomalarm gibt. Da gibt es weder Schutz noch Sicherheit.

18. März 2011 – Beinahe Anfall

Diese Zuckungen! Ich gebe Paul sogleich ein Rivotril. Bitte ihn, Wasser zu trinken. Dann lässt er das Glas fallen, alles wird noch schlimmer. Er regt sich auf, lässt sich durch kein beruhigendes Zusprechen besänftigen.

Aufgeregt will er sich erheben, den Tisch putzen, die Hose ausziehen. Und schon wieder ein heftiges Zusammenzucken, er knickt ein. «Bitte, komm, leg dich doch hin», er wehrt ab, fängt an mit dem Lappen den Tisch zu trocknen. Knickt ein, mir wird angst, ich versuche ihn zur Couch zu begleiten.

Er regt sich noch mehr auf, ich gehe hinaus. Ich kenne diese Situation nur zu gut.

Er ist in Gefahr, soll ich ihm noch eine Tablette geben? Er wehrt heftig ab. Ich bin hilflos. Muss ihn sich selbst überlassen.

Komme was wolle, alles Zureden hilft nichts. 

Im Schlafzimmer beginnt er die Hose auszuziehen, zwischendurch sackt er wieder ein, wenn ihn eine Zuckung durchfährt. Mühsam will er eine andere Hose anziehen, das Hemd, die Unterhose wechseln. Es tut so weh, ihm tatenlos zusehen zu müssen, doch ist es die einzige Möglichkeit, damit er etwas zur Ruhe kommt.

Ich denke an die halbe Million Menschen in Turnhallen, eng aneinander gepfercht, die als Überlebende des Erdbebens und des Tsunamis auf dem Fussboden frierend warten, wie es weitergeht. Kaum Nahrung, kaum Wasser, trauernd um Angehörige und ihr Hab und Gut, arm, verzweifelt hoffend auf ein neues Leben. Was ist da mein Problem, im Vergleich zu diesen Nöten?

Ich habe allen Grund zu Dankbarkeit. Für mein Zuhause, meine Angehörigen, ich habe Essen, Trinken. Ich kann Musizieren, dem Rotkehlchen zuhören, wie es jeden Morgen in der Früh jubelt. Noch beim Einnachten hallt sein Lied trotz des regen Strassenlärms zu mir herüber. Grund für tägliche Freude und Dankbarkeit.

21. März 2011 – Gesucht: Schulter zum Ausheulen

Paul steht schon vor sechs Uhr auf. Um drei das erste Mal. So muss ich mich auch erheben, hätte gerne noch ein Stündchen geschlafen. Ich mache Kaffee, Paul ist immer noch dabei sich anzuziehen. So gut wie es eben geht, langsam, bedächtig. Glück, wenn er mal alles der Reihe nach und ordentlich zuwege bringt

«Ich war mit Kollegen am See», er erkennt mich heute wieder einmal nicht. Er spricht zwar mehr, aber vieles kann ich nicht einordnen. Er weiss nicht, dass ich mit ihm am Murtensee war.

Heute ist er noch langsamer als sonst, und sein Reden auf Slow Motion eingestellt. Mir ist bange. Und weitere drei Tage warten bis zum Arztbesuch. Heute hat Paul zwar nur ganz leichte Zuckungen, aber ich habe seltsame Vorahnungen. Ich weiss nicht, was los ist.

Mir kommen beinahe die Tränen. Das darf ich nicht zulassen. Und dennoch:

Ich sehne mich danach, eine starke Schulter neben mir zu haben, mich mal auszuweinen. Das ändert zwar nichts, aber es würde mich vielleicht erleichtern.

Eine Schulter an meiner Seite, um mich anzulehnen. Mal jemanden haben, der sich um mich sorgt, der fragt, wie es mir geht. Ich könnte eigentlich ein Inserat starten: «Gesucht: starke Schulter zum Ausheulen.»

Ich weiss, Carlo würde sich bestimmt gerne anbieten. Ganz fest würde er mich an sich drücken und anteilnehmend mit sanfter Hand über meine Haare streichen. Vergiss es! Neue Probleme heraufbeschwören? Ich sage ihm ja nicht einmal, dass ich ihn gerne mag.

Ich will mir nicht noch mehr Probleme aufhalsen. Und er würde sich an mich gewöhnen, er ist schon 90. Was tun? Beten. Hier im Netbuckli (Laptop) vergrabe ich meinen Schmerz, zugleich viele Stossseufzer. Wo sonst finde ich Trost? Bei wem könnte ich meinen Kummer abladen? Wer versteht es?

Auch Erika hat sich zurückgezogen, zu viele eigene Probleme, und im Beruf hat sie schon genug mit dementen Menschen zu tun. Verstehe ich ja. Und wenn sie mal frei hat, dann will sie auslaufen, mit Stöcken. Da ist kein Platz für Gespräche, keine Musse für «oh, wie schön, schau mal …»

Wir haben uns ein wenig auseinander gelebt. Sie hat Mühe mit Paul. Und ich habe ihr wohl zu viel von meinen Sorgen erzählt.

Ja, Herr, ich komme zu Dir. Danke, dass du meine starke Schulter bist. Du trocknest mir die Tränen, Deine Liebe ist stark genug. Du leitest mich mit deinen Augen. Du wachst über mir. Du lässt nicht zu, dass mir etwas mangelt, um den heutigen Tag zu bewältigen. Du gibst mir die nötige Kraft, Geduld, Weisheit. Du gehst mir voran. Ich will dir folgen. Danke, Herr Jesus.

22. März 2011 – Sonnenaufgang

Über dem Wald ahnt der Himmel feuerrot-orange das Kommen der Sonne. Wieder einmal, nach langer, langer Zeit, sehe ich die Morgenröte. Ich hole die Zeitung. Es ist sehr kalt. Die Bäume verstecken nun das gleissende Licht der aufgehenden Sonne, ich muss mich damit begnügen.

Doch es reicht, um mir ein Leuchten aufs Gesicht zu zaubern. Ich liebe Sonnenaufgänge. Das bedeutet früh aufstehen, kein Problem, meistens bin ich schon vor fünf Uhr wach.

Pauls Augen schauen mich heute früh ausdruckslos an, müde, teilnahmslos. Er wundert sich über seine selbstgemachten Möbel, erkennt sie nicht mehr.

Er bewegt sich in einem ihm fremd gewordenen Zuhause. Auch ich bin ihm manchmal fremd, dann schaut er mich lange fragend an.

Es nützt nichts, mich ihm vorzustellen. Eine grosse Traurigkeit legt sich wieder auf meine Seele. Ab und zu durchdringt ein kleiner Freudenstrahl diesen dunklen Mantel, ich versuche mich mit Bibelversen aufzubauen.

Ich bin zu müde, um mir Menschen zu suchen, ich vergrabe mich lieber hinter meinem Computer und spiele. Solitär, endlose Kartenreihen aneinanderlegen, da lasse ich meinen Gedanken freien Lauf; spielend, nicht aufbauend, aber unterhaltend.

Lustlos verbringe ich den Nachmittag, zu müde um irgendetwas anzufangen. Es gäbe viel zu tun. Vor allem Ordnung schaffen. Chaos auf meinem Pult, im Zimmer, die Puppenkleider sollten geflickt werden, viele Puppen sind noch nackt. Berge von Büchern liegen herum. Ich mag auch nicht lesen.

Wenigstens etwas habe ich endlich angepackt: Die Stiefmütterchen sind eingepflanzt, in den Kistchen auf dem Fenstersims. Paul schaute zu, ich hoffte, es würde ihn animieren mitzuhelfen. Schliesslich hat er dann die Pflänzchen begossen.

Noch bleiben zehn Tage bis zu Pauls Ferienbett. Da muss ich durch. Der Tag X naht. Drei Tage danach  gehe ich mit Andy in die Ferien. Es kribbelt in meinem Bauch. Ich komme mir vor wie eine Fliege im Spinnennetz, immer mehr verheddert und hilflos.

Das Begleiten von Paul ist zu einem schweren Rucksack geworden. Oder wie viel zu grosse, schwere Stiefel. Manchmal träumt man von so schweren Beinen, man möchte davonrennen, doch kleben die Schuhe fest, oder es gibt kein Vorankommen im Schlamm.

Letzte Woche hatte ich so schwere Beine, ich kam fast nicht mehr nach Hause. Schon in der Stadt schleppte ich mich dahin, erholte mich nur kurz im Zug, dann hatte ich kaum mehr Kraft für die letzten Schritte zum Haus. Es ist höchste Zeit auszuspannen, mich zu erholen. (Fortsetzung folgt ... )

 

erschienen: 11.04.2019

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