Das Tagebuch (40)

Selbst ist die Frau

«Frag' mich nicht, wie es mir geht. Sonst erinnere ich mich an all das, was ich zu vergessen, zu verdrängen suche. Dennoch bohrst du nach?»
«Frag' mich nicht, wie es mir geht. Sonst erinnere ich mich an all das, was ich zu vergessen, zu verdrängen suche. Dennoch bohrst du nach?» Bild U.Kehrli

Diese aufgestaute Wut auf alle und alles! Diese aufreibende Anspannung, täglich, rund um die Uhr, diese Einsamkeit. Dieses Aushalten und alles gut machen wollen; aus Liebe, die sich dauernd verschenkt und nicht nachgefüllt wird.

Von Ursula E. Kehrli

27. Februar 2011 – Zermürbendes Trauern

Mitten in der Nacht hat sich Paul wieder einmal angekleidet. Als ich um sieben Uhr aufstehe, kriecht er fertig angezogen aus dem Bett. Gestern schon war er ziemlich durcheinander.

Die Wetterlage hat auch einen Einfluss. Es wird wohl wieder eine winterliche Störung sein, die unser Land durchzieht. Zudem waren wir gestern in Laupen bei Hedi, ein solcher Ausflug bringt ihn stets durcheinander.

Schon in der Früh, beim Einsatz der Spitex, war er wirr und aggressiv. Rasieren war unmöglich. Ich hatte Mühe, ihn bei Laune zu halten. Er war wütend auf «ihn», den anderen, der ihm das Puzzle durcheinander gebracht hat. Was natürlich nicht so war.

Abends, als ich ihn frage, ob er zum Lobpreisabend wolle, ich aber nicht spielen würde, meinte er «ja gerne». Beim Verlassen des Hauses schaut er mich unter der Türe verwundert an: «Wo hast du….?» (er zeigte mit der Hand auf meinen Rücken, vermisste mein Cello).

«So ä Seich» (so ein Quatsch), sein Kommentar, als er verstand, dass ich nicht spielen würde. Ohne ihn wäre ich überhaupt nicht hingegangen. Ich war zu müde, raffte mich aber auf. Es lohnte sich. Die Seele fand Ruhe, Trost. Mit Wellness könnte man es fast vergleichen.

Doch immer wieder musste ich das Gähnen verkneifen, jedes Mal wenn ich mitsingen wollte, musste ich gähnen.

Mittagessen heute: Hühnersuppe mit viel Freude und Liebe zubereitet. Und mit viel Gemüse und Gerste. Sie schmeckte herrlich. Paul sass da, mit finsterem Gesicht. Irgend etwas passte ihm nicht. Keine Reaktion, vergrämt löffelte er die Suppe.

Manchmal habe ich das alles so satt. Und nachts die Angst, dass er wieder wegläuft. Diese Anspannung. Mit wieviel Liebe und Hingabe ich alles tue, um ihm den Alltag zu erleichtern, ich suche nach Abwechslung und Beschäftigung.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Dauernd bin ich für ihn da, und dann diese saure Miene am Tisch. Am liebsten würde ich ihn «wach» schütteln. Doch es nützt ja nichts. Er versteht es nicht.

Langsam verstehe ich die Angehörigen, die ihre Kranken schlagen. Diese aufgestaute Wut auf alle und alles! Diese aufreibende Anspannung, täglich, rund um die Uhr, diese Einsamkeit. Dieses Aushalten und alles gut machen wollen; aus Liebe, die sich dauernd verschenkt und nicht nachgefüllt wird.

Diese nagende, zermürbende Trauer über das langsame Verbleichen von allem, was einem vertraut und lieb war. Und die zusätzliche Last, stets für beide zu denken, zu planen, zu handeln. Und ich bin alt geworden und sehr müde. Ich möchte endlich Ruhe, meinen Lebensabend geniessen.

Diese Zeilen werde ich lesen müssen, wenn ich mich in meinen Ferien um Paul sorge: Wie es ihm wohl ergeht? Es gibt Momente, in denen ich schreien und um mich schlagen möchte, um irgendwie dieses klebrige, an mir haftende, diese Schwere loszuwerden.

Doch ihn schlagen? Welch schreckliche Vorstellung! Als ob man ein schreiendes Baby schüttelte, wo es doch keine Schuld hat. Oh Gott, bewahre mich, mein Denken, meine Gefühle und meine Hände. Nein, nie und nimmer möchte ich meinen Paul schlagen!!

3. März 2011 – Aber subito!

Frag' mich nicht, wie es mir geht. Sonst erinnere ich mich an all das, was ich zu vergessen, zu verdrängen suche. Dennoch bohrst du nach?

Dienstagmittags, ein Uhr, Paul will plötzlich subito zum Coiffeur. Ich habe mich für eine halbe Stunde hingelegt, nach einem anstrengenden Vormittag. Warte, ich fahre dich dann hin. Kein Gehör. Er will jetzt gehen. Erregt zieht er sich an und macht sich auf den Weg. Ich kann ihn nicht zurückhalten. Diskussion zwecklos.

Um vier Uhr kommt er zurück. Mit kurzen Haaren und erschöpft. Durcheinander. Doch er hat wieder nach Hause gefunden, ein Erfolg. Nach und nach erfahre ich in Bruchstücken, was geschehen ist.

Irrfahrt, zuerst Richtung Köniz statt Bümpliz, kurzer Fussmarsch zurück, dann verschiedene Bisi Stopps (Pinkeln), auf dem Heimweg im Bus ein neues Abonnement gekauft. Zwanzig Franken, das sei eine Verschwendung, er habe viel Geld verloren. Damit meint er auch das Geld für den Coiffeur.

Nun tut er mir wieder so leid, wie er sich beide Hände vors Gesicht schlägt und über seine «Dummheit» klagt.

Meine Selbstvorwürfe versuche ich beiseite zu schieben. Ich tröste ihn, hast du ja gut gemacht, super hat er dir die Haare geschnitten. Sieht gut aus. Ich umarme ihn und denke an Ferien und hoffe, dass dann alles besser wird.

Wie so oft sehne ich mich nach Gedankenaustausch, nach Gesprächen. Oh, Carlo! Ich geniesse diese Telefonate mit dir: Gedanken austauschen, einander ermutigen, zusammen lachen. Er respektiert inzwischen meine gesetzten Grenzen, freut sich ebenfalls, dass er ein Gegenüber hat, das ihm ach so fehlt.

5. März 2011 – Selbst ist die Frau

Mittagessen, fertig abgewaschen, noch kurz den Boden wischen. Die Türe geht auf, Regine kommt herein, ohne zu läuten, mir ist nicht gut, darf ich mich setzen? Ich eile zu ihr. Sie ist blass, wirkt sehr müde.

Sie war in der Stadt, das ist immer anstrengend, kürzlich hatte sie eine Viruserkrankung. Ich gebe ihr ein Glas Wasser und etwas Schokolade. Das muntert auf, wenn man müde ist. Ich freue mich ehrlich darüber, dass sie bei uns Hilfe gesucht hat. Besser als plötzlich auf dem Gehweg hinzufallen.

Früher hatte ich regelmässig Kontakt mit ihr. Ihr Alltag ist auch nicht einfach, ihr Mann ist schon weit über 80. Vergisst viel, ist vielleicht auch schon recht dement. Als es ihr etwas besser geht, bringe ich sie mit dem Auto nach Hause. Auch wenn es nicht weit ist, es geht doch bergauf und ich helfe ihr gerne.

Am Freitag gehen wir zum Arzt. Pauls grosse Zehe war tags zuvor sehr entzündet, sah glasig aus. Das ist auch so eine Altlast: Wie oft habe ich Paul ermahnt, schon zu Beginn unserer Ehe, diesen Fuss behandeln zu lassen. Ich sah die Probleme voraus. Hammerzehe, Hallux, nichts zu machen. Eine Operation ist nicht mehr möglich.

Die Zehe sieht nicht gut aus. Doch wenigstens nicht mehr so geschwollen. Nachdem ich der Arztgehilfin zugeschaut habe wie man den Verband macht, mache ich es gerne selbst. Es macht mir sogar Freude. Obwohl mir Paul dauernd reinredet und mich kritisiert.

Schon als Mädchen konnte ich gut die Krankenschwester sein, mein Vater wollte seine schwere Verletzung am Daumen nur von mir behandeln lassen. Aber bei Paul ist das nicht einfach. Er scheint alles besser zu wissen und nervt damit. Redet mir dauernd drein, befiehlt, was ich wie zu machen hätte.

Er lässt mich nicht selbst überlegen. Ich explodiere. Dann er: «Schrei mich nicht immer an!» Endlich wieder einmal ein vollständiger, klarer Satz.

Er soll sich meinetwegen wehren, ist sein Recht. Gut so. Doch meine Stimme laut zu erheben tut auch mir gut. Implodieren ist weniger gesund.

Dasselbe Muster läuft ab, wenn ich eine Arbeit beginne. Heute habe ich sämtliche Wasserhähne entkalkt und wieder angeschraubt. Das mache ich gerne, ich liess mir diesmal nicht dreinreden. Schloss einfach die Türe. Basta.

Nun muss ich solche Arbeiten selbst erledigen. Am Donnerstag war ich im Laden der KWC Armaturen und liess mir zeigen, wie man die Brause in der Küche flickt. Es klappte, bin echt stolz auf mich. Auch das Entkalken klappte einwandfrei.

Beim Umbau des Hauses hatten wir viel zusammen gearbeitet. Ich zog die Nägel aus den Brettern des Täfers, schichtete sie auf, später konnte er sie wieder verwenden. Auch durfte ich die Innentüren mit Heissluftföhn und Spachtel von den zahlreichen Ölfarbschichten befreien.

Damals war er so froh um meine Mithilfe. Ich war gerne sein Handlanger, es gefiel mir auf dem Bauplatz. Ja, oft war er gar besorgt, dass ich mich überanstrengen könnte. Es war eine schöne, wenn auch anstrengende Zeit. Und Paul war eben noch der echte Paul.

6. März 2011 – Widerspruch

Ich gebe mir Mühe, Paul die Zehe zwei Mal täglich zu pflegen. Ich mache es gerne. Doch es ist eine Herausforderung. Kaum komme ich mit dem Verbandskästchen an und bitte ihn, sich hinzulegen, geht das Herumkommandieren wieder los. Anweisungen, Kritik. Sonderbar, dass er hier seine Sprache behalten hat. Ohne Mühe redet er korrekt. Ganze Sätze, wie selbstverständlich, mit den richtigen Worten.

Heute bitte ich ihn darum, die Füsse vorher zu duschen. Nach langem hin und her, Widerspruch und besser wissen ... «habe ja am Freitag geduscht und heute nicht schon wieder» ... kommt er doch endlich ins Badezimmer.

Die Anleitung der Spitex-Frau zeigt gute Erfolge. Er setzt sich auf das Brett auf der Badewanne und duscht sich die Füsse. Ich helfe bloss beim Einseifen. Trocknen kann er sich die Füsse selbst.

Wie lautet das Motto der Spitex-Frau? So wenig wie möglich helfen und dennoch so viel wie nötig.

Das gilt auch beim Anziehen der Jacke. Er möchte, dass ich sie ihm halte. Das tue ich nicht; aus Liebe. Auch wenn es ihm sehr schwer fällt und er dazu mehr Zeit braucht: Jedes Mal, wenn er es selbst tut, vermeide ich, dass er zu schnell hilflos und ganz auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.

Was lieblos erscheinen mag, dient ihm zum Besten. Lediglich den Kragen ordentlich zurecht setzen, das mache ich, den linken Arm kann er ja nicht mehr hoch heben.

Er legt sich brav auf die Couch, aber reklamiert schon, als ich ihm die beiden Kissen unter die Beine schiebe. «Und mein Kopf?» Ein Kissen genügt doch. Ich beginne mit dem Einreiben einer Salbe.

«Die andere hat eine andere Salbe verwendet», sagt er. Die andere bin ich. Er zeigt mir die Heilsalbe. «Sie hat nie den ganzen Fuss eingerieben», es geht weiter mit Anweisungen. Dies und das sei nicht korrekt, man müsse es so und so machen. Er reklamiert, lamentiert, widerspricht mir dauernd und treibt mich wieder einmal an meine Grenzen.

Angegriffen zu werden, da, wo ich etwas gerne tue, wo man mir die Freude vermiest, ist wie das Zerstören der Sandburg, an der ich eifrig baue. Da muss man mir in meiner Jugend grossen Schaden zugefügt haben. Etwas muss geschehen sein, das mich sehr verletzt hat.

Und Paul gelingt es jetzt fast täglich, mich an diesem wunden Punkt zu treffen. Mein Gärtchen wird immer wieder zertrampelt, meine Blümchen zertreten, meine Sandburg zerstört.

All meine Proteste verhallen ungehört. Keiner hilft mir, niemand setzt sich für mich ein.

Man schützt mich nicht, nimmt mich in meinem Schmerz nicht wahr, nicht ernst. Schiebt womöglich noch mir die Schuld zu, baut Schuldgefühle in mir auf. Zu kurz kommen, ohne Schutz und Geborgenheit.

Und das Schlimmste: Genau dieser Paul, der mir all die langen Jahre zum ersten Mal in meinem Leben Geborgenheit, Wertschätzung und wahre Liebe geschenkt hatte, nagt nun an dieser Schutzmauer, bringt sie nach und nach zum Einsturz.

Ich kann mich nicht mehr an ihn anlehnen. Diese seine starke Schulter gibt es nicht mehr. Mehr und mehr wird mir dies bewusst. Nun braucht er mich, als Schulter zum Anlehnen. (Fortsetzung folgt ... )

erschienen: 12.03.2019

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