Das Tagebuch (34)

Aushalten ist lernbar

«Mir ist meistens eher zum Davonlaufen zumute, wenn ich höre, was da noch alles auf mich zukommen kann.»
«Mir ist meistens eher zum Davonlaufen zumute, wenn ich höre, was da noch alles auf mich zukommen kann.» Bild U. Kehrli

Beim Gang ins Pflegheim, mit der Realität vor Augen, hat sich etwas in Frau Kehrli offenbart. Jetzt erst fühlt sie die Schwere ihrer Situation. Und sie kann den Gedanken an Verrat nicht verscheuchen, heimlich gegen Pauls Willen zu entscheiden.

Von Ursula E. Kehrli

4. November 2010 – Ferienbett im Heim

So ist er eben, der Beat, mein Musikkollege: Feinfühlig, einfühlsam, hilfsbereit, weiches Herz, dienstbereit und, und ... Er hat sich anerboten, mit mir zum Altersheim Seewinkel zu fahren, zum Gespräch mit dem Verwalter.

Gestern Nachmittag war es so weit. Ich fühlte mich elend. Hinter dem Rücken meines Mannes! Es belastet mich sehr, Entscheidungen fällen zu müssen, ohne mit Paul darüber sprechen zu können. Heimlichkeiten! Entsetzlich!

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Bei diesem Gang ins Pflegeheim, mit der Realität vor Augen, hat sich etwas in mir offenbart. Jetzt  erst fühle ich die Schwere meiner Situation. Diese Trauer muss ich verarbeiten. Ich darf sie nicht verdrängen, muss sie zulassen lernen, muss ihr in die Augen schauen.

Das Pflegeheim vermittelt eine Atmosphäre von Gemütlichkeit, heimelig der Aufenthaltsraum, der Blick auf die schon leicht verschneiten Berge. Der Essraum ist leider etwas eng, wie der Verwalter sagt. Ja, nach dem Umbau ist man oft klüger, wer macht schon keine Fehler beim Planen?

Dann das Gästezimmer besichtigen, ein Bett, ein Nachttisch. Ich seufze, mag fast nicht hinschauen. Ah, keine Toilette im Zimmer? Man kann eine Bodenmatte montieren lassen, um die Nachtwache zu alarmieren, sobald der Bewohner aufsteht.

Wir werden in die Wäscherei geführt, man kann die Wäsche waschen lassen, doch sie müsste mit Namen versehen werden. Es gibt einen Bastelraum, auch Videos, ein Mann spielt Akkordeon.

An den Wänden sind verschiedene Bastelarbeiten aufgehängt, Zeugen vom fleissigen Werken. Überall begegne ich freundlich grüssenden älteren Menschen, sie scheinen zufrieden, hängen nicht einfach einsam herum, wie ich es schon anderswo gesehen habe.

All diese Eindrücke schlagen auf mich ein, ich komm' mir vor wie ein zerklopftes Schnitzel.

Und ich kann den Gedanken des Verrats nicht verscheuchen, heimlich, gegen Pauls Willen, über ihn entschieden zu haben.

Das schmerzt unsäglich. Ja, ich glaube, dass dies die Ursache meiner Erschöpfung ist, auch noch heute Morgen. Das ist es, was mich so sehr bedrückt und belastet. Ich habe grosse Mühe, damit umzugehen. Es ist ein weiteres Abschiednehmen.

In Tranchen sterben. Etwas stirbt in mir; einer Amputation ähnlich, ohne Narkose. Tränen kullern über meine Wangen, ja, ich habe den wunden Punkt gefunden. Es ist, als ob ich den Ast über dem Abgrund loslassen muss, darauf hoffend, dass mich eine Hand noch auffangen wird.

Aber dieses Fallen ins Nichts, dieses Dazwischen, ist unsäglich schmerzhaft zu ertragen.

Der Druck auf dem Herzen ist wieder da. Ich nehme ein halbes Xanax. Rufe Frau Ritter an, ich brauche ihren Rat. Ist diese heftige Reaktion auf den Heimbesuch «normal»? Wie war es ihr ergangen? Ich möchte alles tun, um einen Fall in die Depression zu vermeiden. Bin erleichtert, mit jemandem darüber sprechen zu können.

Ich mache einen Rüebli Cake, um Jürg damit zu überraschen, wenn er morgen mein Auto zurückbringt mit den montierten Winterreifen. Wie bin ich dankbar für seine Hilfe. Ja, es geht mir besser. Ein wenig.

Ich konnte doch vormittags einkaufen gehen, tanken, und jetzt nachmittags hatte ich auch die Kraft, mit dem Ersatzwagen auszufahren. Paul genoss den Ausflug an die Sense sehr. Und ich konnte mich überwinden, mich aufmachen, etwas zu tun, und Paul erst noch eine Freude damit bereiten.

5. November 2010 – Blüemli Bär

Anderen Freude bereiten, das gibt auch Kraft. Ist auch so eine «Nische», um aufzutanken. Zwischendurch mal an die Nähmaschine, mich freuen am Handarbeiten.

Ich schreibe an meine Cousine, die 12 Jahre älter ist als ich, sie konnte uns Kindern nie einen Wunsch abschlagen!

Liebes Trudi,
ganz herzliche Glückwünsche zu Deinem Geburtstag, alles Liebe und Gute! Wie wunderschön, dass Du geboren wurdest! Wie viel Liebe habe ich von Dir erhalten. 

Der Blüemli Bär.
Der Blüemli Bär. Bild U. Kehrli

Unvergessen in meinem Herzen, was du mir als kleines Mädchen immer liebes geschenkt hast – wie viele schöne Erinnerungen auch in all den vergangenen Jahren. Danke für Deine Gastfreundschaft gemeinsam mit Heiri, all die frohen Feste, die wir mit Euch feiern durften.

Statt Blumen kommt nun mein Original Blüemli Bär zu Dir. Der verwelkt nicht. Der weiss, dass Du solche Lausbuben lieb hast, und der weiss auch, mit wie viel Liebe er genäht wurde.

Man findet ihn sogar im Internet unter «Blüemli Bär». Damit ist er weltberühmt, überall kann man ihn anklicken und er hat heute entschieden: Er will zu Dir, Trudi! Da passe er hin, hat er gesagt.

Du würdest ihn lieb haben. Blümchen passen zu Dir! Und Bären auch. Er wird Dich auch lieb haben, und sagen, wie wertvoll Du bist. Ich weiss es. Darum lasse ich ihn zu Dir gehen. Alles Gute und Liebe wünsche ich Dir, liebes Trudi, mit einem herzlichen «Ärfeli»...
Deine Cousine Ursula

9. November 2010 – Selbsthilfegruppe

Am liebsten würde ich heute gar nicht hingehen. Es belastet mich sehr zu hören, was die andern drei Frauen mit ihren Männern erlebt haben. Sie alle sind nun verwitwet und es bedrückt mich, zu erfahren, was alles noch vor mir liegt.

Ich habe Mandarinen und kleine Kläuse gekauft. Ich will Freude bereiten, aufmuntern. Frau Ernst ist sehr  traurig, ihr Mann starb vor zwei Wochen. Sie ist eine tapfere Frau.

Auch die Leiterin strahlt Zufriedenheit und Stärke aus, wenn sie von den zehn Jahren berichtet, während derer sie ihren Mann gepflegt hat. Da komme ich mir immer so schwach und unfähig vor. Mir ist doch meistens eher zum Davonlaufen, wenn ich höre, was da noch alles noch auf mich zukommen kann.

Dennoch ist es gut, in der Gruppe zu sein, die Ratschläge nehme ich mir zu Herzen. Vor allem, dass ich dringend jährlich zweimal Ferien machen sollte. Frau M. erzählt von ihrem total ausgebrannt sein, weil sie nie Ferien gemacht hat.

Sie sei dann zusammengebrochen, ihr Mann musste deshalb plötzlich in ein Heim eingewiesen werden. Sie deutet meine Müdigkeit, meine Anzeichen letzten Freitag, als ich keinen Menschen sehen mochte, als den Beginn einer Depression. Ich wollte es nicht wahrhaben. Dann musste ich doch zugeben, dass ich übermüdet sei.

So wurde ich ermutigt, meinen Urlaub zu planen und für Paul ein Ferienbett zu suchen. Obwohl ich Angst habe vor diesem Tag muss ich mich damit abfinden, will ich länger durchhalten.

13. November 2010 – Samstag frei

Das habe ich heute voll ausgekostet, keine Termine, kein Druck. Früh machte ich mich auf, wollte zur Post Geld holen, danach einkaufen. Oh Schreck: Portmonee vergessen, das erste Mal, dass mir so etwas passiert!

Also wieder zurück. Ich freue mich aufs Auto fahren mit meinem neuen Agila. Fröhliches Gespräch in der Tiefgarage, ich trockne die verspritzte Frontscheibe, das Geschmier an den Rändern. Ein freundlicher Weisshaariger lacht: «Das hätte mein Auto auch nötig», tut gut, normale, spontane Gespräche zu führen.

Da merke ich wieder, wie schwierig mein Alltag mit Paul ist. Alles, was mich bewegt, muss ich für mich behalten, er versteht Spontanes nicht mehr.

Gestern Abend war ich mit meinem Musikteam eingeladen. Es wurde sehr spät, nach elf Uhr kam ich zurück. Ich habe es diesmal ohne Hütedienst versucht. Aufatmen: Paul ist am Fernseher eingeschlafen. Fenster im Schlafzimmer offen – wer weiss seit wann, es war sehr kühl – er hatte es vergessen und nun sass er schlafend vor dem TV.

Er erwachte, verwirrt, suchte wieder irgendwelche Leute, konnte nicht sagen, wen er sucht, verräterische Zuckungen, hoffentlich geht das gut. Endlich sind wir im Bett, die Nacht verläuft ruhig, aufatmen.

Um halb zehn Uhr morgens gehe ich mit dem Zug in die Stadt. Verlockend, Carlo anzurufen für eine Kaffeepause, doch die Zeit wird zu knapp, und ich will es auskosten, einmal ohne Stress durch die Stadt zu flanieren.

Kurz über den Markt, Schulkollegin von Paul an ihrem Blumenstand begrüssen, dann weiter zu Pauls Verwandten.

Es ist wichtig, die Verwandten regelmässig aufzusuchen, um sie über seinen Zustand aufzuklären.

Es hat sie erschreckt, wie Paul beim letzten Besuch oder kürzlich am Telefon reagierte.

Ich fühle, dass ich von mir aus den Kontakt mit ihnen aufrechterhalten muss, die Menschen sind so bestürzt und hilflos im Umgang mit Demenzkranken. Mir erging es ja auch so. Man wächst da langsam hinein, lernt umzugehen mit dem Handicap.

Gegen Mittag bin ich wieder zuhause, finde Paul vor dem Puzzle. Wie gut er sich da verweilen kann. Sogleich überschwemmt er mich mit Neuigkeiten, ich muss wieder vieles erraten, mag aber nicht. Ich bin müde, möchte erst durchschnaufen.

Er lässt mir keine Pause. Werde ungeduldig, nervös, erst Händewaschen, Schuhe ausziehen, etwas trinken. Nein, er bedrängt mich, es geht schon wieder los. Und ich sollte den Speck aufsetzen, die Kartoffeln, danach hätte ich Zeit für ihn. Stress. Ungeduld.

Und doch kann ich mich zusammennehmen. Ich habe gelernt, auszuhalten.

Die Sonne scheint, gestern war Sturmwetter, viel Regen, viel Wind. Muss mir etwas ausdenken, um Paul hinaus zu locken. Wir fahren an die Sense, Zwischenhalt beim Bramberg, wo man eine wunderbare  Aussicht hat über das Mittelland zu den Schneebergen. Obwohl ein kräftiger Westwind bläst, ist es auszuhalten, an der Sonne ist es recht warm.

Ein aufgespannter Regenschirm schützt ein wenig vor frischen Windböen. An der Sense haben wir es gemütlich zusammen. Ein paar Momente der Eintracht, des Einvernehmens, etwa kurze Hinweise auf Enten oder Krähen, die vorbeifliegen.

Es sind kostbare Zeiten, kein Stress, keine Probleme. So lässt es sich leben, so wäre es auszuhalten. Wie fest ich Paul doch liebe! (Fortsetzung folgt ...)

erschienen: 23.10.2018

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