Das Tagebuch (33)

«Ich liege da und höre auf die Stille»

«Ich muss wieder einmal meine kleine glückliche Welt, mein Ried und den Wald geniessen. Eine wirklich bescheidene Welt, aber sie ist mir so kostbar.»
«Ich muss wieder einmal meine kleine glückliche Welt, mein Ried und den Wald geniessen. Eine wirklich bescheidene Welt, aber sie ist mir so kostbar.» Bild U Kehrli

Ich denke und muss zugleich Antworten auf gestellte Fragen geben. Also «Multithinking». Dieses Wort gibt es gar nicht, denn kein Mensch kann zwei Themen gleichzeitig durchdenken. Oder besser: Ich kann das nicht.

Von Ursula E. Kehrli

28. Oktober 2010 – Riesenaufregung

Abends gegen zehn Uhr kommt Paul aufgeregt ins Zimmer, ich liege auf dem Bett und lese in Hans Küngs «Was ich glaube». Er sagt: «Es hat kein Licht in der Küche. Alles aus.»

Inmitten der ernsthaften Fragen über Wissen und Glauben und Religion will ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Eigentlich hätte ich aus Erfahrung wissen sollen, dass es nun definitiv aus ist mit der Ruhe, denn eines haben Demenzkranke an sich: Ausdauer, wenn sie einmal an etwas angedockt haben.

Nachdem er drei Mal hereingeschaut hat, stehe ich schliesslich doch auf. Inzwischen geht Paul mit der Taschenlampe in den Keller die Sicherungen besichtigen. Die sind intakt. Was soll ich tun? Andy anrufen, um diese Zeit? Er kann uns jetzt ohnehin nicht helfen.

Ich bin am überlegen. Möchte es. Aber gerade da ist der Haken. Das dauernde Lamentieren, Fragen stellen, was man denn tun könne, wie man nun vorgehen sollte, «schrecklich, keinen Strom zu haben», hindern mich am Nachdenken.

Ich muss wie auf zwei Schienen fahren, und das in verschiedenen Richtungen. Das ist mehr als Multitasking.

Ich denke und muss zugleich Antworten auf gestellte Fragen geben. Also «Multithinking». Dieses Wort gibt es gar nicht, denn kein Mensch kann zwei Themen gleichzeitig durchdenken. Oder präziser: Ich kann das nicht. (Ich will diese Fähigkeit einem Genie nicht absprechen.)

Wahrscheinlich ist dieses in Panik geraten und Herumkommandieren Teil seiner Krankheit. Und die begann schon vor dem Hirnschlag. Damals duckte ich mich jeweils, um aggressives Verhalten abzuwehren. Sich bewegen wie auf einem Minenfeld. Vorsichtig abtastend, immer auf der Hut, damit ja keine hochgeht. So beschrieb ich schon vor paar Jahren meinen Alltag mit Paul ...

Inzwischen habe ich vieles gelernt. Ich kann mich abschotten, ich versuche ihm nicht mehr zuzuhören in Stresssituationen.

Ich schaue mir die Nachrichten am Fernseher noch an und überlege. Im Keller wechsle ich die Sicherungen trotzdem aus, denn nicht immer sieht man, ob sie durchgebrannt sind. Umsonst. Also muss die Störung woanders liegen.

Könnte länger dauern. Also: Den Ersatztiefkühler im Keller anmachen und die Ware hinuntertragen, denn ich will oben weder ein Fussbad vor dem Kühler noch verdorbene Ware drin.

Plötzlich geht das Licht in der Küche wieder an, auch im Badezimmer, die Störung ist vorbei. Tiefgekühltes umsonst umgeladen. Na ja, es gibt Schlimmeres.

29. Oktober 2010 – Finsternis

Drei Uhr – ich erwache – es ist absolut finster im Schlafzimmer, so wie ich es mir eigentich wünschte. Ohne das orange Licht der Strassenbeleuchtung, das selbst unsere dicken, dunklen Vorhänge zu durchdringen vermag.

Eine Stromabschaltung wegen dringender Arbeiten am Netz wurde für diese Nacht gemeldet. Hauptprobe war ja schon gestrige Nacht. Ich liebe diese totale Finsternis. Ich liege da und höre auf die Stille. Kein Auto, das vorbeirauscht, kein Surren des Kühlschrankes, die Heizung schweigt.

Ich kann nicht mehr einschlafen. Ich bin besorgt wegen Paul. Wenn er aufwacht, muss ich ihn mit der Taschenlampe zur Toilette begleiten, damit er sich zurecht findet.

Viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Wann ist ein Leben nicht mehr «würdig»?

Sind nicht wir Menschen an dieser Verlängerung des Lebens schuld, wenn die Seele schon gegangen ist?

Damals, beim Hirnschlag, was wäre geschehen, wenn ich die Ambulanz nicht sofort angerufen hätte?  Bin ich schuld an dieser entwürdigenden Verlängerung seines Lebens?

Weshalb erhält ein Kranker herzstärkende Medizin, wassertreibende Tabletten, blutdrucksenkende Pillen? Was würde geschehen, wenn man diese Hilfsmittel nicht mehr verabreichen würde? Täte man besser daran?

Menschenwürde, wie oft überschreite ich durch mein ungeduldiges, ja manchmal gehässiges Verhalten diese Grenze? Wenn ich ihm Befehle erteilen muss, wie einem Schuljungen, der nicht auf Mamis Ermahnungen hören will?

Wenn es einfacher ist, ihn anzuschreien mit BASTA!, statt mir noch mehr Zeit zu nehmen, um alles genau zu erklären, vier, fünf Mal. Und er es dann wahrscheinlich dennoch nicht versteht?

Fragen über Fragen. Ich muss mich abgrenzen, das «schlechte» Gewissen nicht zulassen. Die Selbstanklagen wegweisen.

Ich will, muss leben, der Alltag muss auch für mich zumutbar sein. Und ich spüre immer wieder das Einschneiden der Seile, mit denen ich unseren Alltagswagen alleine ziehen muss.

Paul bereitet Frühstück, das dauert etwas, doch besser langsam, aber er kann es noch tun. Schön, er hat auch den Tisch gedeckt, alles perfekt. Ich danke, lobe ihn. Keine Reaktion.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Der Tag beginnt wie gewöhnlich. Einsam, mit mürrischem Gegenüber, ohne Gespräche, ich drehe das Radio an, muss eine menschliche Stimme hören. Illusion, dass man deswegen weniger einsam ist. Das macht mir echt zu schaffen. Er ist da und doch nicht da. Er ist der Paul und doch nicht mehr Paul. Wer ist er? Wo ist er? Was geht in ihm vor?

Nur nicht beim Gedanken des Warums verharren. Aufblicken. Heute scheint die Sonne, wir hatten nicht Nebel wie in anderen Gegenden. Nein, nicht grübeln, schon gar nicht mich selbst bemitleiden, das ist das schlimmste Gift für die Seele.

Ich gehe hinaus. Heute allein. Ich muss wieder einmal meine kleine glückliche Welt, mein Ried und den Wald geniessen. Eine wirklich bescheidene Welt, aber sie ist mir so kostbar. Vielleicht kostbarer als manchem Menschen die Weltreise, wenn er ohne Freude im Herzen, ohne Zufriedenheit die Kilometer abklopft.

Trotz allem: Ich bin zufrieden, gebe mich zufrieden, schaue auf zur Sonne, bin dankbar, dass ich die täglichen Freuden, die kleinen Zeichen der Freundschaften, die Schönheiten der Natur sehen und geniessen kann. Ich bin ein glücklicher Mensch.

Gott wird mich immer wieder durchtragen. Sein Trost ist mir jeden Tag neu gegenwärtig. Vater im Himmel. Du bist bei mir. Ich erfahre Dich täglich. Deine Liebe, Deine Umarmung. Danke, dass ich mich von Dir getragen weiss.

2. November 2010 – Entlastung

Vor dem Piepser stehe ich auf, Duschen, Kaffee machen. Paul kommt später, heute einmal mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht. Wie mich das beglückt. Wie in alten Zeiten! Der Tag beginnt gut.

Es ist erst neun Uhr. Schon bin ich wie zerschlagen müde. Das Mittagessen habe ich vorbereitet, muss es nur noch in den Ofen schieben und die Wäsche ist in der Maschine. Heute Nachmittag kommt Christa, sie will von zwei bis fünf Uhr Zeit mit Paul verbringen, was immer er machen möchte.

Vielleicht Gartenarbeit oder beim Puzzle helfen, oder einfach nur da sein und zuhören? Für mich ein grosses Geschenk! Meistens gehe ich mit dankbarem Herzen zu Bett.

Wenn ich den Rundgang mache in der Wohnung, die Schlüssel einstecke, prüfe, ob Paul die Medikamente eingenommen hat, seine Kleider zurecht lege, die Nachtlichter anschliesse, dann erfüllt mich ein Lobpreis, der Tag ist gut gelaufen, Paul ist in seinem Bett und wir haben es einmal mehr zusammen geschafft.

Morgens zuerst ein Blick auf sein Bett, danken, er ist da, alles in Ordnung, dann kann ich mich freuen, wenn die Nacht wieder mal gut verlaufen ist. Immer wieder erfüllt mich Dankbarkeit für die guten noch-Momente, das gibt mir die Kraft durchzuhalten. Ich vertraue darauf, dass wir «es» schaffen werden.

Welche Freude auch, Freunde, Bekannte zu haben, die ich ab und zu fragen darf ein paar Stunden mit Paul zu verbringen. Solche Kontakte tun ihm gut, da kann er auftanken und ich auch. (Fortsetzung folgt ... )

 

 

erschienen: 02.10.2018

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