Das Tagebuch (31)

Einfach mich selbst sein

«Eigentlich möchte ich nur Ruhe, nichts als Ruhe. Anzeichen einer allgemeinen Überforderung? Kleines wird gross, aber Grosses leider auch klein.»
«Eigentlich möchte ich nur Ruhe, nichts als Ruhe. Anzeichen einer allgemeinen Überforderung? Kleines wird gross, aber Grosses leider auch klein.» Bild U.Kehrli

Glücklicherweise ist Frau Kehrli ein kreativer Mensch und weiss sich zu beschäftigen. Musizieren, Kochen und Spielen helfen ihr über die vielen schrecklichen Momente des Ärgers hinweg, in denen sie sich selbst kaum wieder erkennt.

Von Ursula E. Kehrli

18. Oktober 2010 – Basta!

Manchmal weiss ich nicht mehr weiter, dann gibt es das eine Wort: Basta! Heute ist Montag. Paul hat heute fälschlicherweise die Morgenmedikamente vom Sonntag genommen. Das wäre die Portion für nächsten Sonntag gewesen, danach füllt er gewohnheitsmässig die Medikamente alle wieder auf für die Folgewoche. Aber heute ist ja Montag!

Weil er beim Frühstück das Sonntagschächtelchen erwischte, hat ihn das total durcheinander gebracht. Ich half ihm, nahm MONTAG morgens und legte sie in SONNTAG. Eigentlich alles Ok? Nicht im Kopf von Paul. Das kann er nicht einordnen und aus Erfahrung weiss ich, dass dieses Chaos möglicherweise den ganzen Tag über andauert.

Ich nehme mir Zeit, viel Zeit, mit viel Geduld, langsam. Einfach erklärend, gebe ich mir alle Mühe und Liebe, es ihm klar zu machen. Er kann es nicht verstehen, er kann mir nicht folgen, obwohl ich wirklich mit wenigen Worten und mit meinem Finger auf Sonntag und Montag hinweise. Einerseits hat er im Kopf «nachfüllen» programmiert, anderseits hört er mir gar nicht zu. Das Gehirn ist besetzt mit «nachfüllen».

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Und da stehe ich nun und erkenne nach etwa fünf Minuten, dass es umsonst ist. Es führt zu nichts. Und bald kommt meine Putzhilfe. Mein Pegel steigt, ich rege mich auf, es ist alles umsonst.

«Paul, da du manchmal Hilfe brauchst, weil du Mühe hast mit Denken, so bitte ich dich, vertraue mir, wenn ich dir sage, es ist alles ok. Die Medikamente sind richtig aufgefüllt ... »

Da er wieder und wieder die Schächtelchen herausnimmt und ich weiss, dass er mich nun den ganzen Tag damit bestürmt, nehme ich sie ihm weg und sage: «So, basta! Es ist genug. Es stimmt! Vertraue mir. Es ist Ok!» Das wirkt. Ich bin erleichtert.

Manchmal staune ich, wie zügig Paul gehen kann. Heute beim Frühstück erinnere ich ihn daran, dass Grünabfuhr ist. Er sagt: «Es hat keine Abfuhrmarken mehr, auch keine Kehrichtsäcke.»

Nun, ich überlege. Das ist ein Motiv für ihn, in den Laden zu gehen – wenn er etwas will, muss es sofort sein. Er lenkt ein. Ich muss schmunzeln wie er leichten Schrittes elegant mit dem Gehstock losmarschiert. Unglaublich! Wenn wir zusammen weggehen jammert er ständig über Knieschmerzen, er könne mir nicht folgen.

Es geht also darum, ein Motiv zu finden, damit er zu seiner «Therapie» kommt. Schon nach kurzer Zeit ist er zurück, wenn auch etwas müde, was verständlich ist.

In der Zwischenzeit konnte ich die Wäsche einfüllen und aufräumen.

Wie entspannend die Zeit ist, wenn er nicht dauernd hinter mir her ist.

Mein Alter spüre ich eben auch darin, dass ich mich mehr konzentriere muss, auch in Alltagsaufgaben. Zudem bin ich sehr, sehr müde und habe Mühe, wenn er mich immer wieder aus meinen Gedanken reisst.

Nun bin ich in meinem Musikzimmer, kann durchatmen. Da geniesse ich die Entspannung wenn ich einmal  alleine bin, da kann mich erholen. Unten arbeitet meine Putzhilfe, sie ist zuverlässig und sehr lieb zu Paul. Das tut ihm gut.

Das sind wohl die «Nischen der Ruhe», von denen Frau Ritter von der Alzheimer Gruppe gesprochen hat. Muss sie noch fragen, was sie genau darunter versteht.

Mittags schaut Paul finster drein. Er sei sauer, sagt er und will erneut über die Medikamente diskutieren. Mit Bestimmtheit erkläre ich die Situation nochmals, er müsse mir lernen zu vertrauen, wenn er unsicher sei und dann auch mal loslassen können.

Telefon von Carlo. Er lädt mich zum Mittagessen ein, möchte mit mir Gedanken austauschen. Ich bin nicht mehr unbefangen, seit ich spüre, dass er in seiner Einsamkeit zu viele Gefühle für mich entwickelt hat.

Es wäre so schön mit ihm zu plaudern, sich gelegentlich mit ihm zu treffen, doch nun macht es mich traurig. Wie soll ich es ihm beibringen? Ich gehöre zu Paul, auch wenn ich mich einsam fühle und er mir kein Gesprächspartner mehr sein kann. Ich vertröste Carlo, werde mich melden.

19. Oktober 2010 – Gefrierpunkt

Heute ist die Stimmung unter null. Erst hatte ich alle Mühe, Paul davon zu überzeugen, dass er im Kirchen-Café erwartet wird. Sie würden es bedauern, wenn er nicht dabei wäre. Schliesslich ist er doch gegangen.

Unterdessen konnte ich wieder eine Stunde Cello spielen, das war echt ein Aufsteller. Dann Mittagessen mit den Senioren im Hirschen, einmal nicht selbst kochen, sich verwöhnen lassen. Das geniesse ich sehr.

Und Emmi wird gerne Äpfel nehmen. Ich bin froh, wenn jemand die Äpfel verwertet. Sie sind so fein säuerlich und ergeben ein feines Apfelmus. Damit habe ich Paul wieder am Hals – mit ewigen Diskussionen. Einerseits jammert er, die Äpfel würden faulen. Haben wir aber eine Abnehmerin, die sich jeweils über unsere Äpfel freut, liest er bloss die kleinen heraus und ist knauserig. Das ist sonst gar nicht seine Art!

Nicht genug. Wieder und wieder jammert er, wir hätten zu viele Äpfel. Das geht wirklich an die Substanz. Ich merke, wie ich vor ihm fliehe und ihn anschnauze, wenn er in mein Stübchen kommt.

Irgendwie belastet mich die Sache mit Carlo. Er wartet bestimmt auf einen Anruf von mir, er möchte doch morgen mit mir essen gehen. Einfach schade, dass unser rein kameradschaftliches Miteinander gestört wird durch seinen Überschwang an Gefühlen.

Ich liebe Paul! Trotzdem, oder erst recht. Auch wenn es sehr schwierig ist im Alltag. Ein andermal Carlo. Werde mich wieder mal melden ...

20. Oktober 2010 – Happy Birthday!

Lauthals singt der Knirps das Lied, schon von weitem höre ich ihn, hochvergnügt spaziert er an unserem Haus vorbei, die Pelzkapuze tief über die Stirn gezogen, ich erkenne ihn nicht.

«Hast du Geburtstag heute?» – «Nein.» – Oh, du singst das so schön, kannst es ja zu meinem Geburtstag singen». – «Wann ist der?» – «Nächsten Montag.» «Gut, ich komme!», lacht er mir zu.

Er geht aufs Nachbarhaus zu. Dann war es wohl Julian. Mein Aufsteller heute. Wer weiss, vielleicht kommt er tatsächlich am Montag. Wäre das schön.

Es ist erst sieben Uhr abends und schon stockdunkel. Ich hatte heute meinen freien Tag. Einmal mehr bin ich erstaunt, wie ich tief erleichtert durch- und aufatme, wenn ich hinter Paul die Türe schliesse. Wie wohltuend mich Friede überkommt und wie schnell ich die gängigen Haushaltarbeiten erledige.

Mich selbst sein! Erst an diesen freien Tagen merke ich jeweils, wie gross die Herausforderung ist im Alltag.

Dennoch freue ich mich, wenn Paul wieder da ist. So ist das – froh, wenn er geht, froh wenn er wieder hier ist.

Ein neues Puzzle habe ich für ihn angefangen. Bin gespannt ob er sich begeistern lässt wie beim ersten 1000er. Da kann er sich lange verweilen, ich helfe ihm nach Farben vorsortieren und lege dann die passenden Teile neben das Bild. Ein wenig überlisten ist erlaubt. 

Das Einfügen überlasse ich ihm, Erfolge tun ihm so gut. Es gilt, Beschäftigungen zu suchen, die ihm Freude machen. Es erstaunt mich, wie gut Paul Formen und Farben erfassen kann. Mit dem Puzzle ist mir ein Hit gelungen.

22. Oktober 2010 – Westside

Einkaufsbummel, allein. Eindrücke sammeln, Kleider anprobieren, Weste suchen, Lebensmittel einkaufen. Geniessen, flanieren, staunen ohne Hetze, ohne Treiber.

Inzwischen steht Paul am Stubentisch, sucht Puzzleteile, schon gestern konnte er da über eine Stunde lang stehen und suchen. Sonderbar, wenn die Motivation, die Ablenkung da ist, kann er stehen oder auch gehen. Passt es ihm nicht, klagt er unaufhörlich über Schmerzen im Kniegelenk.

Vormittags habe ich mich wieder an neuen, schwierigen Etüden versucht. Wie mir das Freude macht, herausfordernde Stücke anzupacken, mich mit den technischen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Ich habe viel gelernt in den letzten 10 Jahren. Und ich fühle, dass mich das fit hält.

Nun suche ich im Internet nach guten Rezepten für Capuns, einer Spezialität aus dem Bündnerland. Doris hat mir so schöne Krautstiele gebracht, damit will ich Neues ausprobieren. Kochen macht mir Freude.

Schade, Pauls fröhliche Komplimente sind sehr selten geworden, er isst einfach mit finsterer Miene mit.

Auch diese Veränderung ist schwer zu ertragen. Da fühle ich mich doppelt einsam. Ich spiele viel Patience oder Mah-Jongg am Computer. Das lenkt ab und ich kann etwas herunterfahren.

23. Oktober 2010 – Krach

Was für ein Samstag! Voller Freude entdecke ich die Welt des Capuns-Kochens. Die wunderbaren Blätter des Mangolds verlocken gerade dazu. Zuerst die Füllung (Basis dafür ist ein Spätzli-Teig, dann die Fleisch-Zutaten, die jede Hausfrau selbst komponiert), dann kurz die Blätter blanchieren.

Paul isst schweigend, ich entlocke ihm einen Kommentar, gut, ja, aber ... Immer dieses aber. Kann er nicht mehr zufrieden sein? Ich denke an früher, da kamen Komplimente, keine aber.

Paul beim Puzzle spielen.
Paul beim Puzzle spielen. Bild A. Kehrli

Das Puzzle lockt. Ich habe damit angefangen mit dem Hintergedanken, dass Paul wieder Freude daran findet und er hat tatsächlich «angebissen». Ich habe dadurch mehr Ruhe und er hat eine Beschäftigung, die ihn befriedigt. Und in der Küche habe ich Freiraum. Entspannung.

Nach dem Essen gehe ich ruhen. Ich schlafe ein. Das tut gut, einfach nichts tun. Doch bald kommt der innere Selbstvorwurf, heute bei diesem stabilen Wetter nicht hinausgegangen zu sein.

Kopfweh ist doch keine Ausrede, im Gegenteil! So mache ich mich dennoch kurz auf zu Doris, um ihr mein Rezept und ein paar Kostproben von den Capuns zu bringen.

Wenigstens etwas frische Luft atmen, dann kann ich es auch nicht lassen, mich hinter das Puzzle zu machen, es hat auch mich gepackt und wenn Paul sieht, dass es vorwärts geht, hat er erneut Freude daran.

Nach dem Nachtessen macht Paul den Fernseher an, wieder mal viel zu laut, ich möchte mich mit dem Notebook zu ihm setzen und bitte ihn etwas leiser zu stellen. Er reagiert verärgert, ungehalten, flucht sogar als ich ihn bitte, mir die Fernbedienung und das Programmheft zu geben.

Er erkennt nicht, was wo läuft und meistens einigen wir uns auf Natursendungen oder Reportagen. Etwas dabei lernen, wenn schon Fernsehen geschaut wird. Heute ist er nicht gut drauf. Er flucht, wirft mir die Fernbedienung zu und schaut mich böse an. 

Ich frage mich – nun ebenfalls verärgert – wozu ich eigentlich meine Zeit hier vergeude, er spricht ohnehin nicht mit mir und schläft sowieso bald ein.

«Nein, das brauche ich wirklich nicht, ich gehe lesen», sage ich und gehe in mein Zimmer. Krach, Unlust, Frust, Ärger. Frieden finde ich nicht. Er auch nicht. Nach einer halben Stunde will ich zurück zu ihm. Er schaut das erste Programm. Wie ich komme, wechselt er auf einen andern Sender, ich habe keine Ahnung, was er schauen möchte.

Er wahrscheinlich auch nicht und wir reden wieder aneinander vorbei. Ich frage ihn, was er sich anschaut. Er ist wütend, weil er es nicht weiss und möchte nun, dass ich entscheide. Da ich ihn nicht von seinem Programm abhalten will, und selbst auch nicht weiss, was schauen, ärgern wir uns wieder.

So verläuft der Abend – ich bin erstaunt, wie schnell der Ärger hochkommt. Eigentlich möchte ich nur Ruhe, Ruhe. Anzeichen einer allgemeinen Überforderung? Kleines wird gross aber Grosses leider auch klein.

Mit «gross» meine ich, dass wir einander doch noch haben, es geniessen sollten und dankbar dafür sein. Aus einer Mücke einen Elefanten machen, das will ich nicht. Schliesslich geht er schon um neun Uhr zu Bett, ich verabschiede mich mit Kuss und lese weiter in meinem Buch.

Adalbert Stifters «Nachsommer». Bin total fasziniert von seiner Kunst zu beobachten und die Natur zu beschreiben und Einblick davon zu bekommen, wie man früher – noch ohne Fotoapparat – alles abzeichnen musste, um eine Dokumentation zu erstellen.

Man reiste mit Pferden, lebte vom Vermögen eines reichen Onkels, die Unterschiede zwischen dem gemeinem Volk und den «besser gestellten» war gross und sehr distanziert. Man hatte Dienstmädchen und Gärtner, auf Reisen heuerte man Träger an.

Auch auf Tischmanieren und die richtige Bekleidung legte man grossen Wert. Da gab es weder Elektrizität noch Telefon. Ich finde es faszinierend, in die Vergangenheit zu blicken. (Fortsetzung folgt ...)

erschienen: 26.07.2018

Kommentare