Das Tagebuch (29)

Immer und nie?

«Wenn all mein Fehlverhalten als Schuld bliebe, wie könnte ich mich da noch aufrecht halten?»
«Wenn all mein Fehlverhalten als Schuld bliebe, wie könnte ich mich da noch aufrecht halten?» U. Kehrli

Frau Kehrli führt jetzt eine Agenda und ein Buch über die «nervenden» Ereignisse im Alltag. Es interessiert sie, ihr eigenes Verhalten zu überdenken. Ist es wirklich so schrecklich, das Zusammenleben mit Paul? Nervt er wirklich immer? Gibt er tatsächlich nie Ruhe?

Von Ursula E. Kehrli

4. Oktober 2010 – Im Dauertest

Die Sonne geht heute golden auf, ich habe schon die Betten abgezogen und die Wäsche ist in der Maschine. Wie verwöhnt wir Frauen heute sind mit dieser Arbeitserleichterung! Bin so dankbar dafür. Ich kenne noch die Strapazen eines Waschtages. Wie viel Kraft und Mühe hat meine Mutter das Waschen gekostet!

Heute mag ich endlich wieder Cello üben, meine geliebten Etüden spielen! Die Erkältung hat mich geschwächt, ich mochte eine Woche lang nicht die Treppen hochsteigen.

Paul macht sich unterdessen parat, um bei Doris einen Salat «einzutauschen». Er bringt ihr von unseren Birnen und die schönste, grösste Traube, die wir bisher gelesen haben.

Um vier fährt der Zug in die Stadt. Paul braucht Fusspflege, das Hühnerauge unter dem Fussballen muss geschnitten werden.

Er hat Mühe beim Gehen. Ich habe Mühe beim Mitgehen. Ihn im Trubel der Stadt zu begleiten ist eine neue Herausforderung.

Und er weiss ohnehin alles besser, möchte immer wieder seinen Kopf durchsetzen, will hier lang, da lang und kennt doch den kürzesten Weg nicht.

Auch dafür habe ich einen Trick: Ich gehe einfach voran, dann folgt er mir und ich kann unnötige Diskussionen vermeiden. Wie ein Schneepflug bahne ich ihm den Weg durch die Menschenmenge.

Mag für andere nicht nett wirken, doch sollen sie ihn mal selbst begleiten. Wer hat schon eine Ahnung, wie eine Dauerbetreuung an den Nerven zehrt? Die ewigen Fragen, die Sturheit, all die Erklärungen, bis er endlich einlenkt?

Kaum waren wir am Bahnhof:

«Ich muss auf die Toilette.» «Du warst doch gerade auf der Toilette.» Der Zug kommt, er steigt ein, sieht das WC, gibt mir den Gehstock, «Ich gehe dennoch.» Da konnte man ja kaum stehen, beschwert er sich danach. «Und, hat es sich gelohnt?» «Nein, ich konnte fast nichts». Kann nicht schweigen: «Hab's dir ja gesagt».

Das Schweigen und Schlucken muss ich immer noch lernen. Bin heute ohnehin nicht gut drauf. Schaue mir all die jungen Menschen an. Ihr habt ja keine Ahnung.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Was weiss man schon in jungen Jahren, wie beschwerlich das Alter sein kann und ihr beneidet uns um unsere «Freiheit», regt euch aber über uns auf, wenn wir in der Stosszeit unterwegs sind. Kann ich mir diesen Termin aussuchen? Möchte jetzt auch lieber zuhause sein.

Paul freut sich, wie Silvia seine Füsse mit viel Geschick und Feingefühl pflegt, er bedankt sich herzlich bei ihr, strahlt sie sogar an. Noch schnell Brot einkaufen.

An der Kasse will er einpacken, ist umständlich, langsam, klagt, das hat doch keinen Platz in der Tasche, kannst mir helfen, doch ich muss das Herausgeld entgegennehmen, das Portmonee verstauen, die nächsten drängen nach, halt mir mal den Gehstock sagt er, ich nehme ihm die Tasche weg, mache Platz.

Am Bahnhof – endlich – doch pünktlich sind alle Bänke besetzt. Alle sind müde vom langen Arbeitstag, wir lehnen uns an die Brüstung. Paul zweifelt wieder, wir müssen auf der anderen Seite warten, nein, der richtige Zug wird schon kommen, er will dennoch hinüber.

Da sieht er eine Nachbarin, sie strahlt glücklich, sonnengebräunt, allein schon ihre Gegenwart hellt meine Stimmung auf. Zwei Tage Urlaub vom Familienstress hat sie wieder durchatmen lassen, wie ich ihr das gönne!

Ich habe sie sehr lieb. Obwohl wir uns selten sehen, verstehen wir uns gut, ab und zu beten wir miteinander. Das verbindet.

Beim Nachhauseweg über die Rampe klagt Paul wieder, die Knie tun ihm weh. Michi und Tobias überholen uns. Wir sind zu langsam, geht nur vor, rufe ich ihnen zu. Da sehe ich die beiden ins Auto steigen.

Ach, wenn Paul doch mitfahren könnte! Michi merkt's und wartet auf uns. Wie aufmerksam, das tut so gut! Unser Aufsteller heute!

Doch der Tag ist noch nicht zu Ende. Hürden sind noch zu nehmen, er will nicht ins Bett, ist eingeschlafen vor dem Fernseher. Muss ihn wecken. Ein paar Versuche. Dann will er sich die Zähne nicht putzen. Die Tabletten hat er wenigstens eingenommen.

Er steht herum, ist unsicher, verharrt unschlüssig vor der Eingangstüre, dann wieder in der Küche. Schliesslich mache ich Licht im Schlafzimmer, ob das hilft?

Ich ziehe mich aus, lese noch im Bett. Endlich kommt er nach. Der Tag ist gelaufen. Bestanden. Durchgehalten, ausgehalten. Ich habe nur einen Wunsch: Schlafen!

5. Oktober 2010 – Immer und nie

Worte die so leicht über die Lippen kommen. Sie legen eine Sache nicht nur fest, sie verschlimmern sie noch. Leichtfertig sage ich über Paul: «Immer meckert er über das Essen (früher lobte er mich), immer schimpft er über meine Fahrweise (das ist auch neu, er war der beste Mitfahrer, früher ...).»

Nun führe ich eine Agenda und ein Buch über die «nervigen» Ereignisse im Alltag. Es interessiert mich, mein Verhalten zu überdenken. Ist es wirklich so schrecklich, das Zusammenleben mit Paul? Nervt er immer? Gibt er nie Ruhe? Läuft er mir immer und überall hin nach? Stört er mich jede Nacht? Raste ich immer aus?

Buch führen, Selbstkontrolle. Es hilft tatsächlich. Ich freue mich über jeden Tag, der einigermassen (!) über die Bühne geht, ohne diese endlosen Dispute, Nächte, in denen ich doch einigermassen durchschlafen kann und Paul selbständig zurechtkommt mit dem Toilettengang.

Und selbst ausrasten geschieht auch nicht immer. Etwa zwei Mal die Woche. Es tut gut, sich selbst zu loben. Anhand der Aufzeichnungen kann ich dankbar sein, es gibt noch recht gute Tage, das «immer» ist eine Übertreibung. Schliesslich bin ich doch so dankbar, dass wir noch zusammen sind.

Dennoch. Ab und zu überfallen mich grosse Ängste. Die Zukunft ist offenkundig, es wird keine Besserung geben.

Im Gegenteil, jeder Tag bringt neue Pannen, Beschwernisse, Unvorhergesehenes, neue Überraschungen und Herausforderungen.

Nur nie aufgeben! Es ist nie einfach, mit solchen Situationen klarzukommen. Nur kein Selbstmitleid! Aufstehen, weitergehen. Die Freude am Herrn ist meine Kraft, ich spreche mir Mut zu. Ich übe in der Gegenwart zu sein, leben, jetzt: Weder mag ich dem (unabänderlichen) Vergangenen nachtrauern, noch die (jetzt noch unlösbaren) Probleme und Sorgen der Zukunft wälzen.

Heute leben. Und danken für den vergangenen Tag, der bewältigt ist. Ich las im Buch «Mogli» von Manuela Kuffner (Mein Sohn Aljoscha, mit Landau-Klettner-Syndrom)«Jeden guten Moment geniessen, jeden schlechten überstehen; Leben, als ob es kein Morgen gibt».

6. Oktober 2010 – Vergesslich

Ich vergesse etliches in letzter Zeit, auch Menschen, ich erinnere mich nicht mehr an ihre Namen und was wir zusammen ausgetauscht hatten. Ich werde auch gleichgültig, ich habe keine Kraft um Beziehungen zu pflegen. Oft gehe ich den Menschen gar aus dem Weg – Anzeichen von Übermüdung.

Heute ist mein freier Tag, das grosse Aufatmen, wenn Paul weggeht. Erleichterung, entspannen. Ruhe und Frieden erfüllen mich sogleich.

Heute nehme ich wieder einmal mein Akkordeon zur Hand, lasse mich führen in den Liedern, ich singe, spiele, freue mich von Herzen und bin nach einer Stunde erquickt wie nach einem Schaumbad, fröhlich, getrost.

Was könnte ich sonst noch tun? Ich muss rein gar nichts tun! Ich halte es einfach aus, keine Pläne zu haben, nur das Sein zu geniessen.

Wie verlockend wäre es nun, Carlo anzurufen, mit ihm zusammen essen zu gehen. Es wäre jedoch wie ..., ich würde ihn benutzen, um nicht allein zu sein.

Für ihn ist es schwierig, mich allzu oft zu sehen, und ich muss Sorge tragen zu seinen Gefühlen. Seit ich festgestellt habe, dass er für mich mehr als nur brüderliche Liebe empfindet, muss ich die Bremse anziehen. Ich will keine neuen Probleme.

Küche blitzblank.
Küche blitzblank. Bild A. Kehrli

Mir wird wieder einmal bewusst, was ich derzeit ermangle: Beim Frühstück darf ich nicht sprechen, Paul fühlt sich sogleich überfordert. Alles was mich bewegt, muss ich unterdrücken, kann es nicht mit ihm teilen.

Jede Mitteilung muss ich filtern, muss prüfen, ob er sie überhaupt aufnehmen kann. Ist es wichtig, es ihm zu sagen? Ist es nötig, ihn damit zu belasten? Was versteht er noch? 

Doch heute staune ich wieder. Er weiss genau, wann er gehen muss. Noch fünf Minuten. Heute ist er «da».

Ich bemerke es erst, als ich ihn vom Spültrog wegschubse, er ärgert mich wieder einmal mit dem Lappen, jeden Tropfen will er gleich trocknen und ich bin doch beim Abwaschen!

Ich fahre ihn ärgerlich an und verletze ihn. Es tut mir leid, ich sage es ihm wenig später.

Nie weiss ich, was er gerade empfindet, ich kann nicht ständig achtsam sein und wissen, wann er «da» ist oder wann ich an eine Wand rede. Wenn all mein Fehlverhalten als Schuld bliebe, wie könnte ich mich da noch aufrecht halten?

Selbstvorwürfe, Anschuldigungen, Bedauern, ich muss mich an die Gnade der Vergebung halten. Im Alltag immer wieder neu. Fehler machen – gerade mit kranken Menschen kommt man schnell an Grenzen.

Zum Glück weiss ich: All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und grosse Treu.

Damit kann ich durchkommen. Den Schuldensack ablegen, denn der Weg ist auch sonst noch steil genug.

Mittagessen: Die Resten von gestern wärmen. Hauptsache, der Magen wird gefüllt. Herumliegen, lustlos, ich werde in den Wald gehen, mich überwinden.

Ziehe mich an, dann wieder aus, stehe herum, mag einfach nichts machen. Pläne, wie mit dem Zug nach Thun an den See fahren, oder an die Aare im Dählholzli, oder ich könnte doch zu Hedi nach Laupen fahren – finden kein Echo in mir.

Schliesslich lande ich in meinem Musikzimmer unter dem Dach. Ich spiele die wunderbaren Etüden von Duport, habe viel Freude und bin dankbar, dass ich mich doch noch zu etwas aufraffen konnte. Auch die Sirupflaschen habe ich etikettiert und in den Keller getragen. Immerhin.

Der Rotkreuz-Fahrdienst bringt Paul nach Hause. Ich bin so dankbar, habe weniger Stress dadurch. Paul ist ganz gerührt. Er hat zwei Geburtstagskarten mit Unterschrift von allen Besuchern des Tagesheimes erhalten. Auch zwei Gutscheine fürs Tea Room. Er habe Tränen gehabt, erzählt er mir.

Nun mache ich mich endlich daran, die Kissen für die Gartenstühle zu holen, wir sitzen draussen, jetzt habe ich Lust dazu, allein war ich wie blockiert, mochte nicht hinaus gehen.

Abends beim Fernsehschauen fragt mich Paul, wo ich denn zuhause sei, wegen dem Heimweg, es sei ja schon finster draussen, nur damit man sich organisiere.

Er weiss wieder nicht, wer ich bin. Ich zeige ihm den Ring an meiner Hand, ich bin deine Frau und wohne hier. Er atmet erleichtert auf. Der Ehering ist ihm geläufig, das versteht er.

Ich bin müde. Ich will schlafen, stopfe mir Ohropax in die Ohren und nehme eine halbe Xanax-Tablette. Will nur meine Ruhe haben. Alles ist abgeschlossen, Paul kann nicht hinaus. (Fortsetzung folgt ...)

erschienen: 06.06.2018

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