Das Tagebuch (25)

Tipps und Tricks

«Mir fehlt die Geduld, auf ihn zu warten, denke an seine ungewaschenen Hände, an den nassen Slip, mag nicht warten, bis er in seiner Zeitlupenart die Maschine bedient.»
«Mir fehlt die Geduld, auf ihn zu warten, denke an seine ungewaschenen Hände, an den nassen Slip, mag nicht warten, bis er in seiner Zeitlupenart die Maschine bedient.» U.Kehrli

Frau Kehrli fühlt sich wie eine Mutter mit Säugling. Sie wird rund um die Uhr gebraucht und kriegt kaum etwas zurück. Ratschläge, Kniffe und gemachte Erfahrungen helfen zwar, doch meistens nur für kurze Dauer. Das Scheitern bestimmt ihren Alltag.

Von Ursula E. Kehrli

28. September 2010 – Auf Abwehr eingestellt

«Tipps und Tricks» höre sich schrecklich an, sagte Frau Ritter von der Alzheimervereinigung. Doch es sei notwendig, ein paar hilfreiche Ratschläge auf Lager zu haben im Umgang mit Menschen mit Demenz. «Obwohl jeder Mensch anders reagiert, aufgrund seiner Vergangenheit und seines Charakters», fügte sie noch hinzu.

Wenn die Dämmerung kommt wird Paul noch verwirrter, unruhiger. Die Kontrolle geht verloren in der Dunkelheit, alles wird noch schwieriger für ihn. Wie wird diese Nacht verlaufen?

Ich wünschte mir so sehr Ruhe, eine Erkältung plagt mich, mein Körper stellt sich erneut auf Abwehr ein. Schwitzen und Frieren wechseln sich ab. Ich muss stark sein, ich darf nicht krank werden. Krank sein, eine Horrorvorstellung!

Noch sind die Balkontüren ungesichert, doch hoffe ich auf die beiden wegweisenden Nachtlichter. Die Stube ist hell, die Badezimmertür steht offen. Wenn man aus dem Schlafzimmer kommt findet man den Weg einfacher.

Alles scheint ok, ich vertraue meinem inneren Wecker wie die junge Mutter, die schon beim kleinsten Muckser ihres Babys aufwacht.

Trick: Die noch leicht feuchte Wäsche am Ständer stelle ich in der Stube vor die Balkontür. Den kann man nur mit erheblichen Geräuschen und geschicktem Manövrieren wegschieben.

Der Schlüssel zur Eingangstüre ist sicher verwahrt. Um fünf Uhr erwache ich, Pauls Bett ist leer. Schnell nachschauen, aufatmen, er ist in der Toilette!

«Ich suche ein Päckli!» Er ist angezogen, die Faserpelzjacke über dem Pyjama. Wirr spricht er durcheinander, ich strenge mich an, will erraten was er sucht. In der Hand hält er den nassen, zerknüllten Slip, endlich verstehe ich – er weiss nicht wohin damit.

Ich kann ihn nicht davon überzeugen den Slip zum Trocknen ins Badezimmer zu legen.

Er sucht einen Koffer für nachhause, er sucht Mutter, doch da bin nur ich, was ihm auch nichts nützt.

Endlich ziehe ich mir den Morgenmantel über, ich friere, was kann ihn beruhigen? Weiss nicht, was tun.

Schliesslich steckt er den Slip in seine Jacke, ich lasse ihn gewähren. Wenn er sich doch nur wieder hinlegen würde, bin noch müde, habe Kopfschmerzen, endlich legt er sich hin. Die Hose behält er an, die Jacke mit dem nassen Slip legt er auf den Stuhl.

Endlich kann auch ich wieder ins warme Bett. Dann nimmt er meine Hand fest in die seine, ich versuche ihn zu verstehen, das ist schwieriger als Kreuzworträtsel lösen. Nach und nach setzt sich das Puzzle zusammen:

Er war draussen, es sei kalt gewesen, da habe er halt die Hose genässt; erkältet sei er, wisse nicht wo er ist. Wer bist du, woher kommst du, warum bist du da, wo arbeitest du?

Dann war er also wieder draussen!? Mich durchfährt ein Schrecken. Nun, wenigstens ist er wieder heimgekommen, werde später nachschauen wo sein Schlüssel steckt (den wagte ich am Abend nicht aus seiner Hose zu nehmen, er hätte sich nur aufgeregt!).

Nun krieg' ich doch noch ein wenig Ruhe, meine Nase läuft, nach dem Frieren schwitze ich wieder, eklig, nur nicht krank werden! Wer würde für ihn kochen? Schlimme Gedanken schleichen sich an mein Bett, mir wird wieder einmal bewusst, wie verloren alte Menschen sind, wenn die stützende Kraft wegfällt.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Ich denke an meinen Hirten, an den gedeckten Tisch den er bereitet, flehe ihn an, mir meinen Kopf zu salben, seine heilende Kraft in mir wirken zu lassen, uns gnädig zu sein.

Einen dementen Menschen zu begleiten ist ein echter Kraftakt. Es ist eine nicht endend wollende Herausforderung, ihm die nötige Geborgenheit zu geben, damit er nicht noch verwirrter wird. Anderseits muss man sich auch die vielen Fehler vergeben, die man im Lauf der Zeit immer und immer wieder macht.

Er will jetzt aufstehen, es ist halb sieben, ich sehne mich nach einer Tasse Kaffee, mir fehlt die Geduld, auf ihn zu warten, denke an seine ungewaschenen Hände, an den nassen Slip, mag nicht warten, bis er in seiner Zeitlupenart die Maschine bedient. Ich ziehe mir schnell den Morgenmantel über und mach mir den Kaffee selbst.

Dann ab unter die Dusche, mir ekelts vor mir nach dem Schwitzen.

Inzwischen hat Paul den Tisch gedeckt, ist sehr aufgebracht, dass ich mir den Kaffee selbst gemacht habe, dass ich ihn nicht habe machen lassen. Zu Recht, ja, es war wieder ein Fehler gewesen. Das bleibt dann auch das Thema während des Frühstücks, er lamentiert, klagt, es ist unmöglich das Thema zu wechseln.

Ich schweige, lese die Zeitung, die er jeden Morgen herein holt. Dann wieder Fragen, wer seid ihr? Wo sind die anderen, die brauchen auch noch Kaffee, wir dürfen nicht alles trinken. «Haben Sie genug Kaffee gemacht?»

Ja, wer bin ich denn nun für ihn? Ratlosigkeit. Immer wieder. Wie anpacken, ich möchte endlich einen Moment Ruhe für mich haben, um über meine heutigen Aufgaben nachdenken zu können.

Immer wieder wird mein eigenes Denken «beschlagnahmt», ich muss für ihn denken, mich in ihn hineindenken.

Wie soll ich da meinen Alltag planen können? Ich möchte mal einen Gedankengang zu Ende denken können, bevor er wieder hineinfunkt.

Abwaschen, Trog putzen, blitzblank, Paul findet wieder etwas Tritt. Nun kann ich aufatmen und ihm eine weitere Beschäftigung suchen. Im Keller hat es viele Äpfel, er kann ein paar aussuchen und für einen Kuchen rüsten.

Hans ruft an, er wird heute Nachmittag im Garten arbeiten. Unser Garten verwildert, Unkraut, Sträucher, alles wuchert, bald kommt der Bodenfrost, dann sollte der Garten sauber sein.

Damit wird Paul am Nachmittag beschäftigt sein, mit Hans versteht er sich ja gut. Für mich ist es dennoch eine Belastung, Hans will gerne über alles Mögliche mit mir reden. Ich mag das weniger, bin so müde. Möchte meine Ruhe haben.

Heute Nachmittag wird auch Margret kommen und die Puppen einpacken. Am Sonntag habe ich zwölf Puppen fertig angezogen, frisiert, allerliebst! Jede habe ich an mein Herz gedrückt und mir vorgestellt,wie ein Kind sie in Zukunft lieben wird. Ein Kind in Moldawien, das kaum eigenes Spielzeug hat.

Das hat mich mit neuer Kraft erfüllt, auch jetzt, wenn ich die Gruppe ansehe, wird mir warm ums Herz. Liebe, Freude verschenken, wie wohl das tut, wie das neuen Mut gibt! Nun sind es schon 517 Puppen, die ich so gereinigt, eingekleidet und mit Liebe frisiert habe. Mein Aufsteller heute! 

erschienen: 14.03.2018

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