Das Tagebuch (21)

Aufsteller und Ablöscher

U.Kehrli

Wer kann ermessen, wie weh das tut, wenn der Partner so ganz anders geworden ist, wenn er sich völlig verändert hat. Er ist da und doch nicht da! Ursula Kehrli hat einen Menschen an ihrer Seite und ist doch vollständig auf sich allein gestellt.

Von Ursula E. Kehrli

26. August 2010 –  So oder so

Der Aufsteller:

Andy kommt und übernimmt den Dachdecker-Job beim Gartenhaus! Ich freue mich, es macht mir Mut. Ich bin nicht allein mit all den Sorgen. So viel bleibt liegen, was Paul früher machte: Jäten, Sträucher und Hecken schneiden, nun verwildert alles.

Das ist bei Hausarbeiten dasselbe. Erst wenn die Hausfrau nicht mehr wirken kann, sieht man, was sie vorher alles gemacht hat.

Und der Ablöscher:

Einmal mehr sind meine Nerven durchgebrannt, weil Paul mir dauernd vorschreibt, was ich zu tun hätte. Bin ja froh, wenn er Gemüse und Obst rüstet, gut, wenn er mir da zur Hand geht. Doch wenn er dauernd kritisiert was ich tue, ärgert mich das.

Oft höre ich ähnliche Probleme bei Pensionierten. Die Männer standen jahrelang ein paar Angestellten vor – und zuhause wollen sie sich wiederum in Szene setzen; in einem Territorium, das die Ehefrau während Jahren mühelos alleine schaffte. Einmischung in den gewohnten Alltag, das schafft Probleme und kostet Nerven.

27. August 2010 – Schlüsseldrama

Gestern Abend zurück vom Ausflug der Senioren. Wie freute ich mich, all die lieben Bekannten wieder zu treffen. Zudem: Erfüllung meines lang gehegten Wunsches einer Drei-Seen-Fahrt. Und ich musste weder selbst Auto fahren, noch die Reise organisieren!

Doch für Paul war es zuviel. Schon im Car auf der Rückreise war er völlig durcheinander, fragte mich, wo er wohne und ob dann jemand zuhause sei. Bei der Ankunft vor dem Gemeindehaus die erste Aufregung: Paul war weg! Tea Room verschlossen, ich glaubte doch, er sei auf der Toilette. Ich suchte ihn im UG. Nichts.

Ging zurück zum Car. Nichts. Schaute die Strasse hinauf. Kein Paul. Wo konnte er bloss sein? Ein mulmiges Gefühl beschlich mich. Er war doch so verwirrt, ging er alleine Richtung Bahnhof?

Endlich sah ich ihn aus dem Gebäude kommen. Irgendwie hatte er es geschafft durch die geschlossene Tür zu gehen? Jedenfalls war er drinnen – und ich stand draussen vor verschlossener Tür. Crazy.

Nachtessen.

Immer wieder dieselbe Frage, wo «sie» denn sei, wo «sie» denn schlafen werde, wenn ich ja auch da sei. «Wo schlafen denn Sie?» fragt er mich.

Ich verhalte mich ruhig. Versuche all seine Fragen klar und kurz zu beantworten.

Fernseher an, etwas, das ihm vertraut ist. Es nützt nichts. Er sucht die Frau mit dem Cello, die heute Abend da vorne Probe habe. Er müsse warten, bis sie nach Hause kommt, sie habe keine Schlüssel. Ich höre ihn mit Schlüsseln hantieren, er geht hinaus.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Dann höre ich ihn im Keller. Nach geraumer Zeit kommt er zurück. Ich bin zu müde, um alles genau zu beobachten. Ich schliesse die Tür ab, lege die Schlüssel auf den Stuhl unter dem Tisch.

Ich gehe zu Bett, lese wie jeden Abend, er will noch auf «sie» warten. Schliesslich kommt er ins Bett, sagt mir schön gute Nacht mein «Buseli», gibt mir den Gute-Nacht-Kuss und ich atme erleichtert auf, mein Mann, mein Paul ist wieder da. Wie schön!

Heute Morgen: «Wo sind meine Schlüssel?» Auf dem Stuhl liegen keine Schlüssel, aber eine Wolldecke. Was soll das? «Ja, denen traute ich nicht, ich habe die Schlüssel weggelegt». Was ist da nachts vor sich gegangen? Grosse Aufregung.

Auch sein eigenes Schlüsseletui findet er nicht mehr. Woher kam überhaupt diese Wolldecke? «Die habe ich im Auto in der Garage geholt, damit «sie» etwas zum zudecken hat, wenn sie zurückkommt».

Er ist also aufgestanden in der Nacht und ich habe es nicht einmal bemerkt! «Und wo ist mein Schlüsselbund?» Ich suche im Auto, im Keller, in all seinen Hosentaschen, unter dem Tisch, suche in der ganzen Wohnung, nichts.

Mein Kaffee wird kalt. Der Blutdruck steigt. Verzweiflung und Hilflosigkeit.

«Ich muss hinauf ins Musikzimmer, ich habe noch zu tun».

Notbremse. Mein Reduit. Muss meinen Puls runterbringen. Kopf lüften. Nachdenken. Ich bin ihm keine Hilfe, fühle mich ohnmächtig weiss keinen Rat mehr. Plötzlich ruft Paul auf der Treppe. «Ich habe ihn gefunden», er schwenkt voll Freude meinen Schlüsselbund.

Er will es mir zeigen, da er sich nicht erklären kann. Ich gehe nach unten. «Da, in dieser Schublade, man kann denen nicht trauen». Dann zeigt er mir sein eigenes Schlüsseletui: «Das habe ich in die Jacke gesteckt. Man weiss nie». Aufatmen.

Ich hole die Bohnen aus dem Kühlschrank und frage ihn, ob er mir die Bohnen rüsten könne. Andy wird auch da sein. Normalität, Ablenkung suchen für ihn. Und Zeit für mich.

Ich gehe wieder hinauf ins Musikzimmer. Muss zur Ruhe kommen. Ja, ich habe einmal mehr versagt. Hatte nicht Geduld genug, um in dieser chaotischen Situation ruhig zu bleiben. Schon um vier Uhr war ich wach, konnte nicht mehr einschlafen. Was kommt noch alles auf uns zu?

Wie soll ich das alles bewältigen? Muss ich alles aufgeben, was mich glücklich macht und mir Kraft gibt?

Ich komme mir vor wie ein kleines Schaf im Gestrüpp. Das Fell hat sich verheddert in den Dornen, es kann weder vor noch zurück. Oder eben, wie im Dschungel verirrt.

Ich schreie einmal mehr zu Gott: Es tut mir so leid! Jedes laute Wort, die Ungeduld, die Gehässigkeit. Wie ein kaputtes Spielzeug halte ich es hin: Bitte, flicke es, heile meine Beziehung zu Paul, die so einseitig geworden ist.

Paul kann sich nicht mehr zurechtfinden, er braucht meine Nähe, meine Hilfe, meine Stütze. Er ist mir so fremd geworden, das ist nicht mehr mein «echter» Paul. Allein vermag ich ihm nicht zu geben, was er jetzt braucht. Ich fühle mich so ohnmächtig, hilflos. Hilfeeeeeee!!!!!!!!!!

28. August 2010 – Total durcheinander

Heute ist Wangenmärit. Ein Anlass, der Paul stets grosse Freude bereitet hat. Man trifft alte Bekannte, geht Kaffee trinken mit den Nachbarn, kann über dies und das plaudern. Doch zuhause war dann alles chaotisch. Er suchte wieder «sie», verbot mir «ihren» Schlüsselbund zu nehmen, um mein Cello in «ihr» Musikzimmer zu stellen.

Gegen Abend kam sein Freund Max – ihm erzählte er vom grossen Problem, wenn «sie» heute Abend kommen würde. Und ich hätte die Keckheit gehabt, vorhin auf «ihr» Bett zu liegen. Immer wieder redete er von den grossen Schwierigkeiten wenn «sie alle» kommen und es gäbe Probleme mit den Betten.

Wir versuchten ihn abzulenken, sprachen von den wunderschönen Stangenbohnen, doch bald war Paul wieder beim grossen Problem von heute Abend, wenn«sie» dann kommen.

Ohnmächtig sitze ich nun hier und suche nach Telefonnummern, surfe im Internet auf der Suche nach Hilfe in der Psychiatrischen Klinik, um Rat zu bekommen. Dann erblicke ich die Nummer der Dargebotenen Hand. Doch wie gelähmt lass ich es sein.

Ich könnte doch der Leiterin der Alzheimer Selbsthilfegruppe anrufen? Doch auch dafür fehlt mir die Kraft.

Paul eilt (plötzlich ist sein Gang flink geworden) vom Estrich zur Bude, er sucht Schlüssel und verlangt, dass ich ihn in den Estrich begleite. Nichts mehr zu sehen von seinen immer erwähnten Knieschmerzen.

Ich versuche abzulenken, koche früh Nachtessen, er isst sehr schnell, spricht kein Wort. Nervös wäscht er das Geschirr ab und wühlt wieder in seinen Schlüsseln. Vorsichtshalber habe ich meinen Schlüsselbund in meiner Hosentasche versteckt.

Paul ist aussergewöhnlich aktiv, unruhig, eilt von einem Zimmer ins andere, nachdem er noch mehrmals in den Estrich hinaufgestiegen ist. Wie gut er plötzlich Treppen steigen kann! Mir ist unheimlich zumute. Was wird noch auf mich zukommen heute? Was sind das für Anzeichen, wie kann ich ihn beruhigen?

Er spricht nicht mit mir, ist beschäftigt, ich weiss nicht womit. Für mich waren die letzten Tage sehr anstrengend. Musikproben, Termine wegen Steuererklärung, Lobpreisabend, dann heute wieder zwei Mal Cello spielen in der Kirche.

Nun bin ich sehr müde und habe Angst um Paul. Angst auch vor dem Unheimlichen, nicht Erfassbaren das in ihm abläuft.

Soeben habe ich ihm den Fernseher angestellt. Sportschau bei ARD. Das hat er immer gerne geschaut. Vielleicht wird ihn das beruhigen, dieses Vertraute. Hoffentlich wird ihn nun die Müdigkeit übermannen, Ruhe auch für mich, die ich so sehr bräuchte.

Endlich geht Paul zu Bett. Er stellte keine weiteren Fragen nach jemand anderem. Ich kann endlich auch schlafen gehen. Wieder einmal ist es gerade noch gut gegangen. 

29. August 2010 – Geburtstag feiern

Bin kurz vor sieben erwacht, es war eine gute, ruhige Nacht. Ich mache Frühstück, Paul stellt wieder Fragen. «Sind wir allein?» Er schaut mich verunsichert an. «Ja, nur wir beide», ich zeige ihm meinen Ehering. «Ich bin deine Frau, nur wir beide sind da». «Dann bin ich froh», erleichtert schaut er mich an.

«Ich bin sehr froh dass du es bist, wirklich». Er scheint wieder «da» zu sein. Ich staune, er spricht über den gestrigen Tag, erinnert sich an den Märit, erwähnt die Puppen, die wir im Jura bei Evi geholt haben. Er hätte diese auf dem Ladentisch am Märit erkannt. «Da war ich mit einem Kollegen», erzählt er mir.

Ein Kollege, ja das bin ich oft für ihn. Ein Kollege, mit dem er gelegentlich etwas unternimmt. Oder dann bin ich einfach «sie», oder «die», die das und jenes gemacht hat, oder «die mit dem Cello».

Wer kann ermessen, wie weh das tut, wenn der Partner so ganz anders geworden ist, er ist da und doch nicht da! Ich habe einen Menschen an meiner Seite und bin doch allein.Meine Trauer über diesen Zustand ist so gross. Würden einmal die Tränen fliessen, sie wären kaum mehr zu stoppen. Doch noch hält der Damm.

Ich erkenne, dass Paul Probleme hat, wenn wir etwas unternehmen. Dennoch, heute feiert unsere Enkelin ihren 16. Geburtstag. Wir sind eingeladen zum Nachtessen.

Muss ich denn auf alles verzichten was mir lieb und teuer ist, was mein Leben lebenswert macht?

Irgendwie werden wir «es» schon schaffen heute Abend. Er wird danach müde sein und bald zu Bett gehen wollen. Hoffe ich.

Mittag: Zwischen Kartoffeln schälen, Rösti machen. Nehme mein Notebook, als «Ersatz» eines Gesprächspartners, es wird mir dabei leichter. Für mich ist das ein Ausweg, wenn ich wie verkrampft in meiner Trauer nicht mehr weiter weiss. Manchmal raffe ich mich auf, jemanden anzurufen. Aber manchmal geht nicht einmal mehr das.

Neun Uhr. Wir sind zurück von Riggisberg. Es gab keine Probleme. Ich bin so froh, alle Sorge war für einmal umsonst gewesen. Paul war zufrieden und hat sich auch an Gesprächen beteiligt. Wieder einmal ein guter Tag. Wie wohl das tut! Wieder einmal ist «mein»Paul da. Ein Geschenk! (Fortsetzung folgt ...)

 

 

erschienen: 24.01.2018

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