Das Tagebuch (17)

Meine Seele hinhalten – mein Herz prüfen

«Ein neuer Tag beginnt. Heute Abend werde ich mir von Anfang an Ohropax in die Ohren stopfen.»
«Ein neuer Tag beginnt. Heute Abend werde ich mir von Anfang an Ohropax in die Ohren stopfen.» UKehrli

Nach drei schlaflosen Nächten mit Paul im Hotel ist Frau Kehrli am Ende. Selbstzweifel, Ungeduld und nie gekannte Aggressivität treiben sie immer näher an den Rand des Erträglichen.

Von Ursula E. Kehrli

1. August 2010 – Meine Seele hinhalten

Heute im Gottesdienst habe ich Gott meine Verantwortung für Paul abgegeben. Ich sah mich schwimmen in tiefem Wasser, kämpfend mit dem untergehenden Paul. Ich versuchte ihn vor dem Ertrinken zu retten, ein aussichtsloser Kampf. Sogar unmöglich mich fortzubewegen, dem rettenden Ufer zu. Ich kapituliere. Ich lasse los. Ich überlasse ihn dir – so oft schon ausgesprochen, doch heute besonders innig gemeint.

Was nützt es, wenn ich mit ihm untergehe? Wenn ich an Ort strample und unfähig bin weiterzuschwimmen?

Wenn ich keine Kraft mehr habe, ihn zu begleiten? Letzte Nacht wurde ich drei Mal geweckt. Das Geräusch des rückenden Stuhles vor der Tür hat mich aufgeschreckt. Einmal war Paul schon im Flur, doch liess er sich diesmal ohne aggressive Auseinandersetzung zur Toilette und dann ins Bett geleiten.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

1. August-Feier im Kirchengebäude: Auf der Bühne eine riesige Vase mit roten und weissen Gladiolen, Schweizerfahnen am Rednerpult und juhui, drei Schwyzerörgeli und eine Bassgeige.

Die Bassgeigerin nimmt ihr Baby im Buggy mit auf die Bühne, stellt ihn vor sich hin, damit die Kleine ihr beim Spielen zusehen kann. Die Jauchzer des Babys erfrischen und ich kann mich kaum beherrschen, will mitjubeln. Am Schluss des Stückes muss ich einfach meinen angestauten Jauchzer loswerden, dann stimmen andere ein. Die fünf jungen Musiker spielen super.

Nach den Feierlichkeiten noch die Landeshymne singen (wusste gar nicht, dass die so viele Strophen hat), dann im Klang von Donner und Regenschauer hinaus. Die Bänke und Tische wurden inzwischen hereingetragen und Grillmeister Alois hat die Bratwürste bereit.

Doch Paul ist alles zu viel geworden. Er will zurück ins Zimmer. Es regnet stark, wir gehen durch den Tunnel zum Hotel. «Da ist ja meine Jacke, und meine Kleider», staunt er. «Wo sind wir?», er kennt sich nicht mehr aus.

Wir setzen uns vor den Fernseher, das ist immer etwas Vertrautes. Langsam beruhigt er sich und lässt sich erklären, wo wir sind.

Wieder stelle ich vorsorglich den Stuhl vor die Zimmertüre. Er will das nicht, das seien ja Umstände wie in der Waldau, dort schliesse man die Leute auch im Zimmer ein. Wie ich den Stuhl vor die Türe rücken will, falle ich platt auf den Boden, mein Kopf schlägt hart auf.

Benommen bleibe ich einen Moment liegen, Paul gerät in Panik. Ich stehe auf, Bewahrung pur. Nur am Kopf eine Beule, das rechte Handgelenk schmerzt und ich bin schockiert. Aber auch wütend. Über Paul, über die endlosen Erklärungen, über die nächtlichen Störungen, darüber, dass ich keine Hilfe an ihm habe, dass er nicht mehr derselbe ist wie früher, über, über ...

Ich brülle ihn an: Dass du mir heute Nacht nicht wieder in den Gang hinausgehst! Obwohl ich weiss, dass ich ihm Unrecht tue. Ich bin gereizt, frustriert, müde, möchte mal meine Ruhe haben, nicht immer endlose Erklärungen abgeben müssen.

Und wenn ich spontan etwas zu ihm sage, möchte ich nicht ständig zwei-, dreimal dasselbe wiederholen müssen. Auch das habe ich satt. Der schmerzhafte Sturz ist grad das Tröpflein zum Überfliessen meines Alltages, den ich sonst recht gut «im Griff» habe.

«Es geht, ist erträglich, ich schaff das schon», doch darf nichts Aussergewöhnliches geschehen.

Und schon gar nicht am Körper. Keine Krankheit, keine Verletzungen.

Und prompt, um halb drei gibt es wieder Zoff. Paul will die Türe öffnen, den Stuhl hat er bereits weggeschoben. Ich kann ihn in die Toilette lenken, er reagiert wieder wütend. Schlaftrunken bemerkeich, wie er sich anziehen will.

«Es ist Nacht, schlaf wieder».

«Nein, ich steh auf».

Ich drehe mich auf die Seite und will bloss wieder schlafen. Ich habe Kopfweh, die Hüfte schmerzt, der Sturz ist immer noch spürbar. Endlich geht er wieder ins Bett, bald schnarcht er, natürlich liegt er auf dem Rücken. Nun bin ich hellwach, ungehalten stopfe ich mir Wachsstöpsel in die Ohren.

Soll er spazieren gehen, ich will endlich schlafen. Er schnarcht, ich wälze mich von einer Seite zur andern.

Irgendwann bin ich eingeschlafen, um fünf Uhr gehen die Diskussionen wieder los.

Diesmal findet er zwar den Rank in die Toilette selbst und beginnt sich anzukleiden.

«Es gibt um acht Uhr Frühstück, komm schlafen». Ich versuche es in geduldiger, liebevoller, deutlicher Sprache zu sagen. Er kleidet sich dennoch an. Mir egal. Drehe mich auf die andere Seite. Wie kann man so müde sein? Ich habe Blei in den Gliedern, schlafe wohl bald ein.

Um sieben wache ich auf. Paul liegt fertig angezogen auf dem Bett. Ein neuer Tag beginnt. Heute Abend werde ich mir von Anfang an Ohropax in die Ohren stopfen. Ich muss mal wieder – nach drei Nächten – ungestört schlafen.

Ich muss loslassen, was kann schon Schlimmes geschehen? Ich stosse an meine Grenzen, ich versage. Mir mangelt es an Geduld, Mitgefühl, Barmherzigkeit, und vor allem an Liebe. Mir scheint, dieser Brunnen sei leer geworden. Wie kann ich Wasser weiter geben, wenn keines mehr nachfliesst?

2. August 2010 – Mein Herz prüfen

Es ist eine herausfordernden Aufgabe Paul in seiner Krankheit zu begleiten. Schon nach drei unruhigen Nächten mit Störungen und Ängsten bin ich müde und verzagt. Einerseits körperlich erschöpft, anderseits enttäuscht über mein wachsendes Unvermögen.

Wo bleiben Geduld, Erbarmen, Liebe, Barmherzigkeit, Freundlichkeit?

Warum mangelt es mir an Mitgefühl? Oft bin ich voller Wut, gar Aggression.

Besonders wenn mich neben seinen nächtlichen Ausflügen noch das Schnarchen stört!

Einmal mehr gebe ich zu, ich schaffe es nicht.

«Gott, ich brauche deine Kraft, deine Liebe und Geduld. Bitte, lehre mich nun loslassen, Dir ganz vertrauen, ja, ich will meine Kontrolle ablegen, die Wache über Paul ganz Dir überlassen. Ich möchte mal wieder eine Nacht durchschlafen, mich erholen».

Es ist zehn Uhr und Paul schon im Bett. Ich habe mit ihm gebetet für eine gute Nachtruhe. (Fortsetzung folgt ...)

 

 

erschienen: 04.12.2017

Kommentare