Das Tagebuch (16)

Woran denkt er nur?

«Früher jedenfalls hat er sich nie in eine solche Aufregung gesteigert. Nun gut, damals bekam er ja auch keinen Blutverdünner.»
«Früher jedenfalls hat er sich nie in eine solche Aufregung gesteigert. Nun gut, damals bekam er ja auch keinen Blutverdünner.» UKehrli

Ab in die Ferien, trotz allem Ungemach! Vor der ersten Nacht im Hotel wird Frau Kehrli erneut klar, dass ihr allein der Glaube die Stärke verleiht, dies alles durchzustehen.

Von Ursula E. Kehrli

30. Juli 2010 – In den Ferien

Wieder einmal im Ländli am Ägerisee. Etwas ist diesmal anders: Es ist ein ganz besonderer Glaubensschritt, denn so, wie Paul jetzt dran ist, kann eine solche Veränderung nur im Glauben gewagt werden.

Nur schon ein Ausflug ist belastend, wie wird es bei Übernachtungen sein? Doch er selbst wollte diese Ferien, wie gerne gönnte ich es ihm, und auch mir. Urlaub vom Kochen, sich verwöhnen lassen.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Es ist Viertel vor neun, Paul sitzt vor dem Fernseher, schaut Leichtathletik aus Barcelona, er spricht nicht mit mir. Auch beim Nachtessen war er wortkarg. Was geht in ihm vor? Ach, wenn er wieder zurückkäme, mein vertrauter, geliebter Mann.

Nach Zimmerbezug und Einräumen unserer Kleider kam er mit an den See. Wortkarg ging er an meiner Seite, sass schweigend auf dem Bänklein. Woran denkt er? Vorhin im Badezimmer suchte er den Augenspray, jemand hätte ihm den weggenommen.

«Es war Nasenspray, den ich dir kaufte.» Nein, die Mutter hätte ihm für die Augen einen Spray gekauft. Lange Debatte, Erklärungen, ich versuche ihn davon abzuhalten, dass er sich den Nasenspray in die Augen sprüht.

Mutter? Geschwister? Liegt da die Ursache der häufigen Frage, wie viele denn zum Essen da sein werden? Ist es schon so weit?

31. Juli 2010 – Erste Übernachtung

Die erste Nacht im Hotel. Vorsorglich habe ich einen Stuhl vor die Eingangstüre gestellt, die Vorhänge nicht zugezogen, damit die Lampen vor dem Haus das Zimmer beleuchten.

Um etwa drei Uhr höre ich wie der Stuhl weggeschoben wird. Ich stehe auf, Paul will eben aus dem Zimmer in den Gang hinaus. Ich rede ihm zu, mache Licht im Badezimmer, will ihn umstimmen, nicht hinauszugehen. Er wird böse, schnauzt mich an, hier bleibe er nicht und ich dürfe ihm nicht befehlen.

Erst als er draussen steht und erkennt, dass er im Hotel ist, lässt er sich ins Badezimmer lenken.

Erst will er dann auch nicht mehr ins Bett, will sich anziehen.

«Na, aber ich gehe jetzt wieder schlafen, gute Nacht», sage ich. Eine Weile sitzt er noch am Bettrand,  schliesslich höre ich wieder seine regelmässigen Atemzüge. Lange liege ich wach. Dennoch bin ich dankbar, dass ich aufgewacht bin und Paul nun wieder im Bett ist.

Um halb fünf weckt mich wieder das Geräusch des herumgeschobenen Stuhls, Paul steht schon wieder draussen im Gang. «Komm, hier ist die Toilette», rede ich ihm zu und knipse das Licht an im Badezimmer. Er schaut sich im Gang um, dann geht er ins Badezimmer. Danach beginnt er sich anzuziehen. «Ach, Paul, es ist viel zu früh, Frühstück ist um acht, ich will noch schlafen.»

Er hört nicht zu, hat im Kopf sich anzukleiden, da ist nichts zu machen. Nach einer Weile fragt er mich wieder, wann denn Frühstück sei. «Um acht.» «Nein, um sieben». Ich sage nichts mehr und drehe mich auf die andere Seite. Endlich zieht er sich wieder aus und schlüpft unter die Decke.

Nun höre ich das verräterisch heftige Einatmen: Anzeichen eines beginnenden Epilepsieanfalles. Ich hole ein Rivotril und gehe an sein Bett. «Paul, bitte nimm die Tablette».

Da erinnert sich Paul plötzlich wieder, wen er vor sich hat und ist dankbar für meine Fürsorge. Widerstandslos schluckt er die Tablette. Ich atme auf. Gefahr abgewendet.

Wie oft war es vorgekommen, dass er am ersten Morgen am fremden Ort wegen unkontrollierten Zuckungen den Kaffee verschüttete, und sich dabei mehr und mehr aufregte.

Ja, heute konnte das schlimmste abgewendet werden. Ich bin so dankbar. Ich denke, dass Gott nicht immer alle Unannehmlichkeiten von uns fernhält, aber uns beisteht, schwierige Herausforderungen zu bestehen. Das stärkt uns, er lässt uns ja nicht im Stich, sondern hilft durch die Schwierigkeit hindurch.

Nachmittags Ausflug mit der Drehgondel auf den Moschtelberg. Wir erhielten Gratiskarten als Gäste des Hotels. Paul freut sich auch und wir verbringen einen frohen Nachmittag auf einer Bank mit Sicht auf den Ägerisee, auf die Rigi.

Fussgänger-Hängebrücke auf dem Mostelberg.
Fussgänger-Hängebrücke auf dem Mostelberg. Bild PD

Amüsant war der Probelauf über eine der längsten Fussgänger-Hängebrücken der Welt. Sie schwankte, mit all diesen vielen Fussgängern. Mich erinnert das an die stürmische Schifffahrt in der Nordsee. Noch einen ganzen Tag lang schwankte ich danach auf festem Boden. Seemansgang, torkelnd, unsicher.

Endlich, Zeit zum Nachtessen. Wir sind bereit, wollen hinunter gehen – plötzlich ein Ruf des Entsetzens: «Schnell, schnell, ich blute.» Stress pur. Paul schreit mich an, «Schnell, schneid' ein Pflaster ab!», doch zuerst sollte das Blut gestillt werden.

Er hat keine Geduld. Wie immer, wenn in Panik, drängt er mich dazu die Wunde nur zu überkleben. Und das Unweigerliche geschieht während des Nachtessens. Unter dem blutgetränkten Pflaster rinnt das Blut heraus und tropft auf den Boden.

Schnell presse ich ihm ein Taschentuch auf den Arm, die Serviertochter reagiert blitzschnell und bringt Papierservietten. «Gehen sie besser ins Gesundheitszentrum.» Aufatmen, die Pflegerin nimmt sich seiner an, ich kann wieder zurück in den Speisesaal.

Nach kurzer Zeit kommt Paul mit einem sauberen Druckverband zurück, ist aber sehr aufgeregt. Die Eisspeise stopft er sich in grossen Mocken in den Mund, er kann sich kaum beruhigen.

Blut ist für ihn echt ein rotes Tuch, seit er als Kind einmal fast verblutet ist. Das Blut ist in hohem Bogen aus seinem Unterarm gespritzt, bis er ohnmächtig und nur durch Zufall im Unterholz gefunden wurde.

Wahrscheinlich hat dieses Ereignis einen derart tiefen Schock in ihm hinterlassen, dass er seit dem Schlaganfall seine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann.

Früher jedenfalls hat er sich nie in eine solche Aufregung gesteigert. Nun gut, damals bekam er ja auch keinen Blutverdünner.

Nach dem Nachtessen brauche ich Abstand, Ruhe, Erholung. In der Liegehalle mit Blick auf den See finde ich bald wieder mein Gleichgewicht und bin gefasst, für die nächste Herausforderung, die Nacht. (Fortsetzung folgt ...)

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erschienen: 24.11.2017

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