Das Tagebuch (14)

In Erinnerungen schwelgen

«Das eigene Leben kommt zu kurz. Es geht völlig in der Betreuung unter.»
«Das eigene Leben kommt zu kurz. Es geht völlig in der Betreuung unter.»

Ehemann Paul verliert langsam das Gefühl für die Zeit. Das ist für Frau Kehrli Anlass genug, um selbst in die Vergangenheit einzutauchen. Eine Reise ans Nordkap birgt einige Überraschungen: Eine Sonne, die nie untergeht und ein kurzer Moment der Panik.

Von Ursula E. Kehrli

20. Juli 2010 – Paul begreift die Zeit nicht mehr

Ich schaute mir einen Dokfilm zum Thema Demenz an. Ich fand die Reportage einfach zu friedlich, zu süss und zu niedlich dargestellt (aus der Sicht der Betreuenden jedenfalls). Die Problematik der Betreuenden kam zu kurz.

Die aggressive, anstrengende, ja für Angehörige nervige Seite der Alzheimer- und Demenzkranken wurde nur kurz angedeutet durch die Frau, die ihren Mann für Ferien zwei Wochen dort liess. Ihr wirkliches Problem kam nur kurz zur Sprache.

Man hat einfach Hemmungen, ehrlich darüber zu sprechen, man kommt sich als Versagerin, als Schuldige mit Mangel an Geduld und Liebe vor.

Dies kam ein wenig bei der Frau mit Alzheimer vor, beim Problem mit dem Anziehen. Und der Mann hat kein Gegenüber mehr, er ist einfach rund um die Uhr nur noch mit ihr beschäftigt. Und sie ist nur noch auf sich selbst konzentriert (das ist bei Paul auch schon ausgeprägt. Ich komme mir manchmal vor wie ein Möbelstück in der Wohnung. Es ist einfach da ...)

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Im Film sah alles zu harmonisch, zu nett aus, wie die Partner geduldig, friedlich neben ihren Kranken sassen. Das ist NICHT der Alltag der Betreuenden! Schon gar nicht mit Kranken, die in ihrer Persönlichkeit total verändert sind und zu Aggressionen neigen.

Der Partner mit der Alzheimer-Frau sagte es treffend: Das eigene Leben kommt zu kurz. Es geht völlig in der Betreuung unter. Der Alltag ist aufreibend, Kräfteraubend, herausfordernd.

Paul kann jetzt die Uhr kaum mehr begreifen. Ich muss ihm immer wieder sagen, wann er zum Bus gehen muss (trotz dem Zettel, den er ständig anschaut). Dafür hat er das räumliche und visuelle Gefühl noch.

Mit dem Bus findet er sich bestens zurecht und hat (noch) keine Probleme mit der Orientierung.

So kann er selbständig mit dem Bus in die Therapie nach Köniz und jeden Mittwoch in die Tagesklinik nach Bümpliz reisen. Dafür bin ich so dankbar. Es gibt mir kurze Verschnaufpausen.

21. Juli 2010 – Telefongespräch mit Carlo

Mit Carlo und seiner Frau verband uns eine langjährige Freundschaft. Auch nach ihrem Tod vor paar Jahren pflegten Paul und ich weiterhin Kontakt mit ihm. Ich sollte ihn wieder einmal anrufen. Seine Stimme tönt schwach, elend. Ich frage nach, wie es ihm geht.

Alleinsein, das ist das Problem. Heute hat er noch mit niemandem gesprochen. Der Sohn lebt zwar mit seiner Frau in Carlos' Haus, aber sie leben ihr eigenes Leben, sie grenzen sich ab, Carlo ist also gleichwohl allein. Depression pur höre ich da heraus.

Nachdem ich ein paar Anteil nehmende Worte mit ihm gewechselt habe, tönt seine Stimme schon etwas kräftiger, gleicht eher dem 'echten' Carlo. Und mit ein paar freundlichen Worten mehr bringe ich ihn zu seinem typischen Lachen.

«Ich hole dich morgen zu uns, wir laden dich ein zum Mittag essen». Ich freue mich. Er lacht wieder, ist getröstet und freut sich auf morgen. Da fällt mir dieses Gedicht ein:

Liebe ist wie Sonnenschein,dringt gar tief ins Herz hinein. Hilft dem Kranken keine Kur, gib ihm ein bisschen Liebe nur ...

22. Juli 2010 – Eingesperrt

Ein Abreiss-Zettelchen, das ich heute länger in der Hand halte als üblich. Gewisse Daten vergisst man nie, wenn man etwas besonderes erlebt hat.

22. Juli 1977 – Reise ans Nordkap. An diesem Tage stand ich um Mitternacht am Kap, das Wetter hatte sich innert weniger Stunden gewendet von dichtem Nebel und Regen zu strahlendem Himmel. Wir standen da, überglücklich über das Naturschauspiel, liessen uns von der Mitternachtssonne wärmen und warteten auf den Sonnenuntergang.

Doch eben, es gibt dort gar keinen Sonnenuntergang. Die Sonne sinkt und sinkt, das Meer flammt auf, der Himmel brennt, alles eingetaucht in Kupferrot.

Dann, kurz bevor die Sonne das Meer berührt, geht es nahtlos in den Sonnenaufgang über. Unfassbar. Staunen, Atem anhalten. Beinahe vergass ich zu fotografieren. Licht genug um Mitternacht!

Mit dem Schiff auf der Hurtigruten ans Nordkap.
Mit dem Schiff auf der Hurtigruten ans Nordkap. Bild PD

Noch auf der Überfahrt mit der Fähre zum Nordkap war dichter Nebel. Gruppen tags zuvor bekamen nichts mit von diesem Naturereignis. Es war wirklich ein Wunder geschehen. Selbst der Reisebegleiter war überwältigt.

Ein Car hatte uns von Rovaniemi ans Nordkap gebracht. Für diese Nacht buchten wir kein Zimmer. Wozu auch, wenn morgens um fünf Uhr die Kabinen auf dem Schiff auf der Hurtigrute bereit sein würden.

In einem Restaurant deponierten wir unsere Koffer und verpflegten uns. Um zwei in der Früh kamen wir vom Kap zurück ins Restaurant. In den Toiletten im Erdgeschoss herrschte grosser Andrang. Ich ging wieder ins Untergeschoss, wo wir schon bei unserer Ankunft waren. Neben den Toiletten gab es ein Dancing, nun leer doch beleuchtet, mit sanfter Musik. Ich genoss das Alleinsein und liess mir Zeit zum frisch machen.

Doch als ich zur Treppe ging, war die Aufgangstüre plötzlich verschlossen! Das kann doch nicht sein! Ich drückte und zog an der Tür, doch sie machte keinen Wank. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich. Beim Dancing immer noch Musik und Licht. Was nun? Ich war eingeschlossen! Die Reisegruppe fröhlich über mir, nichts ahnend.

Das Dancing hatte grosse Fenster mit Sicht aufs Meer. An der Wand ein Schaltbrett mit vielen Knöpfen und einem Telefon. Ich hob den Hörer ab, doch wen sollte ich anrufen? Da war wohl eine Polizeinummer angegeben.

Doch wie sollte ich meine Lage erklären und wo war ich überhaupt, wie hiess das Restaurant, in dessen Untergeschoss ich gefangen war?

Ich rüttelte und klopfte an der Türe, ich suchte einen Besenstiel um an die Decke zu klopfen – alles umsonst. Die nun heller werdende Sonne tröstete mich nicht. Inzwischen war es drei Uhr. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit, immer wieder fielen mir die Augen zu.

Nur nicht einschlafen, das Schiff würde nicht auf mich warten, irgendeine Lösung musste ich doch finden! Mit einem Stuhl die grossen Fenster einschlagen? Doch versuchen zu telefonieren? Weiterhin Lärmen? Plötzlich hörte ich auf der Treppe hinter der Türe Stimmen. Ich polterte an die Türe und machte mich bemerkbar.

Nach ein paar Minuten wieder Stimmen und der Schlüssel wurde gedreht. Da war Barbara aus Thun, meine Retterin! Als man mich vermisste, erinnerte sie sich, dass ich wohl diese Toilette wieder aufgesucht haben musste und liess nachschauen. Endlich befreit! Und pünktlich waren wir alle in unseren Kabinen auf dem Schiff. (Fortsetzung folgt ... )

erschienen: 25.10.2017

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