Das Tagebuch (13)

Nerven braucht's

«Ich brülle ihn an. Die letzte Möglichkeit, ihn zur Vernunft zu bringen. Dann endlich hört er mir zu.»
«Ich brülle ihn an. Die letzte Möglichkeit, ihn zur Vernunft zu bringen. Dann endlich hört er mir zu.»

Ursula Kehrli kämpft täglich mit sich selbst und den widrigen Umständen. Immer wieder verliert sie die Nerven, erkennt sich manchmal selbst nicht mehr. Nur in der Musik findet sie hin und wieder Frieden.

Von Ursula E. Kehrli

17. Juli 2010 – Brot oder kein Brot

«Ich geh' Brot holen im Tiefkühler», sagt er.

«Noch nicht nötig, wir brauchen es erst zum Frühstück», erwidere ich.

«Es hat nicht genug, ich gehe jetzt», beharrt er.

«Zum Nachtessen ist noch genug da».

Es hilft nichts. Weder Erklärungen, noch Einspruch, noch Bitte. Alles Zureden ist umsonst. Langsam, deutlich will ich ihn vom Vorhaben abhalten. Drei, vier Mal. Er geht in den Keller zum Tiefkühler und holt Brot.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 

Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

«Das hier ist ja nicht alt, es ist frisch», erklärt er mir. Jeden Tag dasselbe Prozedere. Immer wieder holt er Brot auf Vorrat herauf. Langsam habe ich es satt, altes Brot zu essen. Nach dem Nachtessen wäre es noch früh genug, Brot herauf zuholen fürs Frühstück, falls nötig.

Ich versuche es imTiefkühlfach in der Küche zu verstauen. Umsonst, er hat es bemerkt, holt es wieder heraus. «Es ist ja frisch, nicht alt, wir haben sonst zu wenig Brot zum Frühstück».

Meine Nerven beginnen zu flattern. Vom Ausflug auch etwas müde nach Hause gekommen, möchte ich mich ausruhen. Ich brülle ihn an. Die letzte Möglichkeit, ihn zur Vernunft zu bringen. Dann endlich hört er mir zu.

Genau das, was ich verabscheue, tue ich. Genau das, was ich mir nie zugetraut hätte, muss ich hier anwenden.

Den Kindern konnte man mal einen leichten Klapps auf den Po geben, wenn alles Zureden nichts mehr nützte. Ich hoffe, ich werde mich bei Paul nie dazu verleiten lassen.

Die Ärztin hatte mir mal gesagt, dass es Alzheimer-Patienten gebe die von Angehörigen geschlagen würden. Ich war damals entsetzt, das zu hören, konnte es fast nicht glauben. Heute kann ich mir das in solch nervtötenden Momenten durchaus vorstellen. Es ist ja nicht nur diese eine Szene.

Es ist eine unter vielen. Am liebsten würde ich einfach davonlaufen. Dazu bin ich aber viel zu müde.

Nichts mag ich mehr unternehmen, diese lähmende Müdigkeit seit Wochen, stets bewege ich mich am Limit meiner Selbstbeherrschung.

Ich mag nicht mal mehr etwas Besonderes planen für Mittwoch, wenn mein Mann das ersten Mal ins Tagesheim geht.

Seit etwa drei Wochen habe ich auch nicht mehr Cello gespielt. Die Kraft reicht nicht aus. Am liebsten liege ich im Bett und lese ... oder schlafe.

18. Juli 2010 – Altmetall

Oh Schreck! Oh Glück dennoch. Altmetallsammlung (nach x-Mal bestätigen, ja, die ist heute). Paul legt alles in einen Plastikkübel, was an Altmetall in der Bude bereit steht. Ich höre den Sammelwagen der Gemeinde und gehe fragen, wo wir den Plastik-Kübel entsorgen können.

Da fällt mein Blick auf das von Paul gesammelte Altmetall. Oh Schreck! mein kleiner Kochherd aus Metall, mein Spielzeug aus alten Tagen. Er wollte es einfach entsorgen! Ohne mich zu fragen, ohne zu überlegen, einfach wegschmeissen!

Als hätte man mir einen Teil des Herzens entfernt, so ein Schmerz! Ist es das Spielzeug, ein Stück geliebte Erinnerung, oder ist es die Wut, dass er krank nicht mehr abschätzen kann, was man entsorgen und was behalten soll?

Die Freude über die Rettung des Spielzeuges überwiegt. Muss mir angewöhnen, darüber hinwegzusehen. Ich werde schon klarkommen mit meinen Gefühlen. Und einmal mehr erkenne ich, dass ich alles, was er macht, überwachen muss. Kontrolle total ist angesagt. Und zusätzlicher Stress. Das grenzt an Bevormundung. Ist wohl erst der Anfang.

19. Juli 2010 – Pass und Cello

Acht Uhr morgens. Zwei Mal läutet es, schreckt mich aus dem Schlaf auf. Normalerweise wache ich kurz nach sechs Uhr auf. Doch letzte Nacht hat mich Pauls lautes Schnarchen aufgeschreckt, danach konnte ich erneut lange nicht einschlafen.

Mein neuer Pass – ein erster Gedanke. Einschreibebrief! Mein Herz klopft wild. Endlich, nach mühsamen Tagen der Lustlosigkeit, ja beinahe Depression, fühle ich wieder die Lebensfreude in mir erwachen. Meine Unterschrift auf diese Glasfläche (bei aller Schreibkunst unlesbar), und ich bin überglückliche Besitzerin des nigel-nagelneuen Schweizerpasses.

Ich drücke ihn ans Herz. Träume von Ferien und Reisen in ferne Länder, Meeresbrandungen, fremde gleissende Berggipfel. Wandern über sanfte Hügelzüge in Griechenland, Ferien im Verheissenen Land. Oder Amerika, oder kanadische Wälder ... . Das Tor zur Freiheit.

Ein neuer Pass riecht nach Weite, geöffneten Türen, Flüge über den Wolken, «dabei sein», LEBEN. Ein neuer Pass bedeutet für mich Bereitschaft. Doch bereit wofür?

Noch bin ich gefesselt, gefangen, angekettet. Eingezwängt in einen Alltag, der mich von früh bis spät nicht los lässt; gar nachts finde ich nicht die nötige Ruhe und Entspannung. Als die Ehefrau – wohl eher Pflegefachfrau – eines 78jährigen Mannes, erkrankt an mittelschwerer Alzheimer/Demenz, bedeutet dies, mein eigenes Wollen und Wünschen in der Schublade zu verstauen und einfach für ihn DA zu sein, ganz ohne Freizeit, mich aufgebend, aufreibend; eingeschlossen sein in diese Welt hinter Milchglas, eingeschlossen in Einsamkeit und grosse Trauer.

Wie eine Ertrinkende sich abkämpft nicht unterzugehen, schwimme ich an Ort, sehe weder Ziel noch Sinn. Ich finde die nötige Zeit nicht, mich um Freunde zu kümmern, habe ich mal paar Stunden frei wo Paul im Tagesheim ist, bin ich zu erschöpft um diese Freizeit zu gestallten.

Rumhängen, aufatmen, durchatmen, mal die Ruhe in unserer Wohnung geniessen ohne dauernd mit Fragen bestürmt zu werden, die ich nur mit viel Nachdenken erraten kann.

So schlimm ist es schon. Seine Fragen kann er kaum mehr formulieren, meine Erklärungen versteht er meistens nicht. Er ist mir fremd geworden. Und ich ihm auch.

Alltägliches kann er verrichten. Salat waschen, Gemüse rüsten, Tischdecken, Abwaschen, Kehricht rausstellen, den Vorplatz wischen, Blumen giessen. Gewohntes funktioniert recht gut. Nicht aus eigenem Antrieb, auch da bin ich gefordert, ihn zu erinnern, zu ermutigen, zu loben.

Es ist sehr anstrengend geworden und meine Nervenkraft ist oft am Ende. Dann ärgere ich mich über mich selbst. Er tut mir leid, wenn ich nach drei, vier Mal Erklären meine Stimme ärgerlich erhebe. Da nützt es auch nichts, wenn ich mir zugestehe, kein Übermensch zu sein.

Die gibt es zwar (und ich bewundere diese lieben, geduldigen Ehefrauen die sich dauernd liebevoll um ihre sanften Männer kümmern, so wie sie früher Glucken waren für all ihre Kinder. Diese Seite geht mir völlig ab. Leider.).

Zwar verabscheue ich das Bild der total abhängig gewordenen gebrechlichen dementen Männer, die wie gut erzogene Hündchen brav hinter den Frauen herzotteln und auf alle Befehle unterwürfig tun was ihnen befohlen wird. Ich weiss, dass ich diesen Gedanken langsam akzeptieren muss, dass auch mein Mann eines Tages in dieser Hilflosigkeit versinken wird. Ich kann es nicht akzeptieren. In mir bäumt sich alles dagegen auf – und das ist nun eben mein Problem.

Doch ich MUSS lernen «es» zu akzeptieren. Dann geht es einfacher. Aber immer wieder habe ich diese Phasen der Auflehnung gegen das Schicksal, träume davon, dass es «morgen doch wieder besser sei» und betrüge mich dabei selbst. Es kann, darf doch nicht wahr sein, dass ich meinen Partner verloren habe.

Wie war er früher? Ich kann mich kaum mehr daran erinnern. Die Bilder von damals sind verblasst.

Ich versuche mich zu erinnern. Doch auch dazu bin ich zu müde. Das Heute ist übermächtig und versperrt die guten, kostbaren, angenehmen Erinnerungen.

Diese Müdigkeit! Dieses farblose, meinen Alltag verschlingende! Dieses Leben von einer Stunde zur andern, ohne Kraft, die Gegenwart zu erfassen.

Endlich, vorhin wieder einmal – nach fast drei Wochen – eine kostbare Stunde hinter meinem Cello. Endlich Nahrung für meine Seele. Herausfordernde Etüden, die trotz der langen Pause gelingen und Freude bereiten und mir dann zuletzt sogar einen Jauchzer entlocken, einen befreienden, lauten Jauchzer. Endlich! DAS ist es, was meiner Seele Kraft gibt, neben der Stille hinter meiner Bibel morgens
(Fortsetzung folgt … ).

erschienen: 26.09.2017

Kommentare