Das Tagebuch (12)

Schuldgefühle

«Der Alltag ist viel, viel schlimmer als man es sich vorstellen kann.»
«Der Alltag ist viel, viel schlimmer als man es sich vorstellen kann.»

Zu Frau Kehrlis Überraschung hat Paul eingewilligt, einmal pro Woche ein Tagesheim aufzusuchen. Auch merkt sie langsam, dass es höchste Zeit ist, sich besser um sich selbst zu kümmern.

Von Ursula E. Kehrli

1. Januar 2010 – Küchenkrach

Ich habe Freude am Kochen, und Paul hat Freude am Essen. So gehe ich immer wieder motiviert in die Küche, auch weil er mich früher anerkennend gelobt hat.

Kaum bin ich in der Küche – in der Zwischenzeit habe ich mit der täglichen Pflege der wunderbaren Schnittblumen begonnen – kommt Paul. Er macht mir Vorwürfe, überall habe es Wasser! Klar, da sind paar Tropfen, die sind aber nicht katastrophal! Für Paul jedoch ist endlich Äkschen angesagt. Er fuchtelt mit dem Lappen herum, legt los mit Vorwürfen, Beschuldigungen, so arbeite man nicht in der Küche und, und, und ... , ein fast tägliches Ritual.

Wenn ich kochen will, brauche ich Freiraum, werde nicht gerne in meinem Hin und Her abgeblockt, muss mich konzentrieren. Da nervt es mich, wenn er im Spültrog gleich jeden Tropfen auftrocknet und mir dauernd im Weg steht.

«Lass mich endlich in Ruhe kochen! Ich habe dir auch nicht dauernd in deiner Schreinerwerkstatt die Späne und das Sägemehl weggeputzt!».

Die aufgestaute Verzweiflung und Wut der letzten Wochen bricht los. Ich habe ihn angeschrien!

Szenen machen liegt mir überhaupt nicht. Ich will doch Frieden! Aber nun bricht der Damm der Selbstbeherrschung. Ich bin ausser mir.

Verblüfft schaut er mich an. Geht hinaus. Nun ärgere ich mich auch noch über mich selbst, dass ich mich (immer noch) nicht beherrschen kann. Ich gehe ihm nach, setze mich neben ihn und versuche mich zu erklären.

«Also, Du wirfst mir vor, ich hätte alles nass gemacht. Du wolltest mir ja nur helfen. Ich sei böse, brülle dich immer an. Es tut mir leid. Ich möchte ja nur in Ruhe kochen ... .»

Er wollte mir ja nur helfen ... Wie konnte ich mich nur so gehen lassen! Es ist ja die Krankheit, nicht mein Mann. Wann werde ich das endlich verstehen?

Wir umarmen uns, die Tränen vermischen sich … .

15. Januar 2010 – Tagesheim

Es hat sich einiges getan seit der Untersuchung in der Memory Klinik. Auch wenn damals alles traurig und sinnlos erschien, weil Paul sehr deprimiert war danach, bin ich froh, dass ich endlich eine Diagnose habe und handeln kann.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek) 

Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Letzten Mittwoch besuchte ich mit Paul ein Seniorenheim (fünf Autominuten von hier und mit dem Bus leicht erreichbar), das auch Tagesaufenthalt anbietet. Das Gespräch war sehr positiv, die zwei Frauen hatten das richtige Gefühl für Paul und er stimmte freudig dem geplanten Tagesaufenthalt zu! Bin total überrascht. Das tollste daran: zum ersten Mal schon nächsten Mittwoch (mein Wunschtag!), ab 8.30 bis 16 Uhr.

Dort erhält Paul Gedächtnistraining (spielerisch), macht Gymnastik, dann Werken, gefolgt von einem gemeinsamen Mittagessen; danach Schlafgelegenheit und Spiel. 

Alles hat auf Paul einen positiven Eindruck gemacht, vielleicht auch, weil seine Schwester dort im Heim lebt und wir sie oft besuchen. Der Ort ist ihm vertraut und vorläufig kann er auch selber mit dem Bus dort hinfahren. Bin ich nicht ein Glückskind?

Sogar der Hausarzt hat jetzt eingelenkt, hat eingesehen (dank dem Bericht der Memory-Klinik), dass wir wirklich Hilfe benötigen. Jetzt nimmt er uns endlich ernst! Nächster Schritt meinerseits: Ich werde mir eine Selbsthilfegruppe suchen.

11. Mai 2005 – Barmherziger Samariter

Nach der Musikprobe fragt mich Urs, der Leiter unserer Lobpreisgruppe, wie es mir denn so gehe. Ich weiche aus, mag eigentlich kein längeres Gespräch mehr anfangen, mir ist kalt und ich bin sehr müde.

«Aber echt, wie geht es dir wirklich?» Er bohrt nach. Soll ich zugeben, dass ich oft Angst habe wegen Paul und mich vor all dem fürchte, das noch auf uns zukommen wird? Soll ich über meine Probleme im Alltag reden?

«Ja, ich habe manchmal Angst ...» Er bohrt weiter: «Aber wovor hast du denn Angst?» Ich weiss es nicht genau, weiche ich ihm wieder aus. Ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken. Doch Urs ist wirklich an meinem Befinden interessiert. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln um ihm zu sagen, wie es mir wirklich geht.

«Angst macht mir, was ich so alles höre über die Entwicklung dieser Krankheit und die Endstation Pflegeheim. Bereits einmal habe ich das durchstehen müssen, als ich meine Mutter im Pflegeheim lassen musste.

«Das ist so entsetzlich schwer, dieses Ohnmachtsgefühl, diese Schuldgefühle, die sich einschleichen, wenn du einen geliebten Menschen anderen Händen überlassen musst.»

Ich möchte das wirklich nicht mit Paul erleben müssen!» Ob ich denn die Geschichte vom Barmherzigen Samariter kenne, fragt mich Urs.

«Er war der Nächste für den Verletzten. Er unterbrach seine Reise, gab seine Pläne auf und kümmerte sich um diesen Nächsten, der seine Hilfe brauchte! Dann brachte er ihn in die Herberge zur Pflege, bezahlte dafür und übernahm weiterhin die Aufsicht und die Verantwortung.

Er delegierte, als es ihm selbst nicht mehr möglich war. So kümmerst du dich jetzt um Paul als deinen Nächsten und vielleicht kommt eines Tages dieses Übergeben in die Pflege und in die Verantwortung anderer.

Das hat Jesus in seinem Gleichnis nicht ausgeschlossen. Gott überfordert uns nie! Er kennt die Grenzen unserer Kraft und Möglichkeiten.»

Dieses Gleichnis, von Urs direkt in meine Situation hineingesprochen, trifft mich wie ein Blitz. Ich spüre, diese Worte hat ihm Gott eingegeben! In diesem Augenblick, in diesem Zusammenhang ausgesprochen, wirken sie wie Balsam auf meine Seele.

Meine Angst lässt nach und mich erfüllen Wärme und innere Ruhe. Ich gewinne neuen Mut, neues Vertrauen! Wie gut, dass wir Geschwister haben, die sich um uns kümmern, die den Weg mit uns gehen und sich Zeit nehmen, zu fragen, wie es uns wirklich geht, nicht nur so im Vorbeigehen. Wie gehts? 

12. Mai 2010 – Liebe ausgegossen?

So steht es in der Bibel: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz. Doch wo ist sie jetzt in meiner Situation, diese Liebe? Wo ist sie, wenn ich Paul eher schütteln möchte, wenn er so stur reagiert?

Wo ist diese ausgegossene Liebe, wenn ich am Ende meiner Geduld bin und am liebsten davonlaufen würde?

Wo ist diese Liebe, wenn ich nach drei-, vier Wiederholungen merke, dass er gar nicht zuhört und ich dabei bin, die Geduld zu verlieren?

Sie muss noch da sein, sonst würde ich wohl zuschlagen aus Wut und Verzweiflung. Sie ist noch da, sonst würde ich davonlaufen. Ja, sie ist da, sonst würde ich nicht immer wieder JA sagen können zu dieser Aufgabe, diesem Mann, dieser Situation. Ja-Sagen zu einer Herausforderung, die mir oft über den Kopf wächst.

Wie sagte ein Angehöriger treffend, der seine Frau zuhause pflegt: «Es ist ein täglicher psychischer und physischer Terror! Hört doch auf mit den sanften Darstellungen von den sich Händchen haltenden Betroffenen, wo der kranke Partner wie ein Lämmchen alles über sich ergehen lässt! Der Alltag ist viel, viel schlimmer als man es sich vorstellen kann!» (Fortsetzung folgt … )

erschienen: 18.09.2017

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