Das Tagebuch (6)

«Ich habe Sehnsucht nach Ruhe»

Bild U.Kehrli

Wieder ins Spital, wieder um Pauls Leben bangen. Das ewige Hin und Her hinterlässt langsam seine Spuren. Frau Kehrli dürstet es nach Eintracht und Ruhe. Sie klammert sich an die seltenen Momente der Harmonie.

Von Ursula E. Kehrli

25. März 2007 – Im Spital

Paul blutet, Problem mit der Prostata. Grosse Aufregung, es ist Sonntag, ich bringe Paul in den Notfall. Er ist völlig durcheinander, ich habe Angst es könnte einen epileptischen Anfall auslösen. Er erträgt keinen Stress.

Mein Tagebuch

Diese Aufzeichnungen sind ehrlich, ungeschminkt, offen und authentisch. Mit der Veröffentlichung im Internet gehe ich bewusst das Risiko des mich (zu sehr?) Öffnens ein – aber mit brennendem Herzen. Meine Notizen zeigen ein eigenes, persönliches und ungeschöntes Bild vom Begleiten meines dementen Partners. Mögen diese Tagebucheinträge Menschen in ähnlicher Situation helfen.(uek)
Hier finden Sie alle bisher veröffentlichten Tagebucheinträge.

Und Blut sehen kann er noch weniger, ja es stresst ihn aufs äusserste, ein Kindheitstrauma. Beim Spielen in der Deponie war er auf eine Scherbe gestürzt, sein Unterarm wurde aufgeschlitzt, das Blut schoss heraus. Die Spielkollegen rannten in Panik weg, Paul war ohnmächtig geworden. «Zufällig» kamen zwei junge Männer vorbei, ausgebildete Samariter, die ihm das Leben retteten.

Er wird vorläufig im Spital bleiben müssen. Armer Paul! Wieder eine neue Umgebung, Veränderung, Ängste und Verwirrung. Doch jetzt lässt er meine Nähe gerne zu und ich kann ihn trösten, beruhigen.

Es wird spät, ungern gehe ich nach Hause. Komisch, zuhause versuchte ich ihm auszuweichen und nun kann ich ihn kaum verlassen.

28. März 2007 – Stress pur

Gestern Abend konnte ich Paul abholen. Er ist ruhiger und in sich gekehrt. Er ist glücklich und freut sich sehr mich zu sehen. Er geniesst sichtlich meine Küche mit gewohntem Dank und Kompliment. Es ist fast so harmonisch und vertraut wie früher.

Gegen Abend grosse Aufregung: Paul hat Harnverhalten! Nichts geht mehr und wieder Blutung. Schon wieder Notfall. Er bekommt einen Blasenkatheter, kann dann aber doch nach Hause.

19. April 2007 – OP geplant

Seit dem 15. ist Paul erneut im Spital für eine Prostata OP. Am Montag sollte operiert werden. Dann das hin und her, der Entscheid wurde immer wieder verschoben, vom Vormittag auf den Nachmittag, dann auf den nächsten Tag.

Dann kommt der Bescheid, es sei doch zu riskant den Blutverdünner abzusetzen für die OP. Pauls Nerven wurden strapaziert, doch er liess sich diesmal von mir vertrösten und ablenken. Schliesslich wurde der Katheter entfernt, man könnte es ja mal versuchen. Und es klappte! Aufatmen, heute kann ich Paul nach Hause holen!

6. Juni 2007 – Wunschträume

Manchmal wünschte ich mir eine Oase. Oder eine kleine Insel, habe Sehnsucht nach Ruhe, Ruhe. «Bitte nicht stören». Ich fühle mich andauernd getrieben, beschlagnahmt, angegriffen, finde kaum mehr einen Ruheort. Paul ist unruhig, läuft mir nach, Schritt auf Tritt, frägt immer wieder nach Dingen, die ich schon x-Mal erklärt habe.

Unsere Ausflüge sind begleitet von Schimpftiraden über alle und alles, er motzt über meine Fahrweise, gibt Anweisungen, die, wenn befolgt, zu einem Crash führen würden. Er sieht nur noch das Negative und zeigt kaum mehr Freude. Ab und zu arbeitet er im Garten, die Freude daran ist verflogen, auch seine Werkstatt wird mehr und mehr zum Abstellraum.

Doch es gibt sie auch, die schönen Tage. Zusammen am See sitzen, Tischchen und Campingstühle aufstellen, dann das feine vorgekochte Mittagessen geniessen.

Paul wird ruhig mit dem Blick aufs Wasser, beobachtet die Enten, Schwäne, die Boote und die ab und zu an der Ländte anlegenden Kursschiffe.

Ich sitze neben ihm, geniesse seine Nähe, ein Stück heile Welt.

Es gibt auch gute Momente, wenn wir Besuch haben. Selbst wenn Paul nicht viel redet, er sitzt am Tisch und beteiligt sich mit geschickten Redewendungen am Gespräch, so dass nicht viel von seiner Veränderung bemerkt wird.

Abends jedoch kommt die grosse Verwirrung. Ausflüge, Besuche – jede Veränderung beunruhigt ihn. Es wird schwierig beim Zubettgehen. Oder gibt Unruhe in der Nacht.

Das macht alles so schmerzlich, nach aussen scheint er fast wie früher, vielleicht etwas bedächtiger, langsamer, er redet weniger. Man denkt, es sei das Alter. Doch kaum allein mit dem Partner, sind sie wieder da, die Veränderungen – die Gereiztheit, das auf Distanz gehen, die Unruhe, das sich Abschotten. (Fortsetzung folgt …)

 

 

erschienen: 29.06.2017

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