Eine App für die Pflege durch Angehörige

Vernetzung leicht gemacht

Mit dem technischen Fortschritt im digitalen Bereich einher gehen auch Entwicklungen, welche die Pflege und Betreuung von älteren Mitmenschen erleichtern sollen. Die neu entwickelte Applikation SimpliCare ist das erste digitale Hilfsmittel, das gezielt die Angehörigen von Demenzkranken untereinander vernetzt und ihre Unterstützungsarbeit erleichtern soll.

Von Marcus May

Stichwort: Zugangsdaten

Jeder Benutzer der SimpliCare-App erhält persönliche, vertrauliche Zugangsdaten. Mit diesen loggt er sich ein und erhält dann Zugriff auf diejenigen Betreuungsnetzwerke, die er selbst eingerichtet hat oder zu denen er explizit eingeladen wurde. Die Zugangsinformationen werden auf zwei verschiedenen Kanälen (SMS und eMail) mitgeteilt, was die Sicherheit vor unbefugtem Zugriff verbessert. Auf Suchmöglichkeiten nach bestimmten Personen oder Eigenschaften wird bewusst verzichtet, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und ihrer Angehörigen zu wahren.

Technischer Fortschritt ist die eine Seite. Dieser funktioniert aber nur, wenn der potenzielle Anwender einer neuen Entwicklung auch bereit ist, diese im Alltag anzuwenden. Genau so, wie eine neue Software programmiert werden muss, damit sie funktioniert, müssen wir Menschen bereit sein, uns auf Neuerungen einzulassen. Das bedeutet anfangs einen nicht unerheblichen Mehraufwand, einen Wissenstransfer und die Bereitschaft, Neues zu erlernen sowie Neuentwicklungen offen zu begegnen. Vor allem ältere Menschen, sogenannte non-native-users, also diejenigen, die keinen ungehemmten Zugang zu digitalen Entwicklungen haben, da sie nicht mit einem Computer aufgewachsen sind, bekunden oft Mühe damit. 

Als besonders wertvoll erweist es sich, dass dank SimpliCare alle Angehörigen stets auf dem gleichen Informationsstand sind.
Als besonders wertvoll erweist es sich, dass dank SimpliCare alle Angehörigen stets auf dem gleichen Informationsstand sind. Bild PD

Die App SimpliCare des Schaffhauser Unternehmens BEG Solutions AG zielt genau in diese Richtung. Die Hersteller sind sich bewusst, dass die Einführung einer technischen Neuerung dort auf Wiederstand trifft, wo bestehende Strukturen und herkömmliche Arbeitsabläufe nicht einfach über Bord geworfen werden können oder schlicht die Bereitschaft dazu fehlt. SimpliCare ist deshalb ein langfristiges, zukunftsorientiertes  Projekt, dessen erfolgreiche Anwendung in der Breite noch nicht wirklich angekommen ist.

Richtig Fuss fassen wird die Idee wohl erst, wenn die ersten Native-Users (die heute 40-Jährigen) in ein gewisses Alter kommen. «Die App hat noch nicht richtig abgehoben, bei einer kurzfristigen Planung hätten wir schon lange damit aufgehört», bestätigt  Dr. Lars Baacke, Geschäftsführer der BEG Solutions. Es bedürfe halt einer gewissen Weitsicht und einer gehörigen Portion Disziplin seitens der Anwender. «Wird der Mehrwert einmal erkannt, ist das bereits die halbe Miete», sagt Baacke.

Doch wie funktioniert diese App?

Stichwort: Datenschutz

Auf dem verwendeten Endgerät (ob Smartphone, Tablet, Notebook oder PC) werden keine Informationen zur betreuten Person, ihrem Gesundheitszustand und ihren Betreuern abgelegt. Sämtliche Daten werden zentral im Rechenzentrum verschlüsselt und via Netzwerk verfügbar gemacht. Entschlüsseln und darauf zugreifen können lediglich diejenigen Personen, die zu dem entsprechenden Betreuungsnetzwerk gehören, indem sie dieses iniziiert oder in dieses eingeladen wurden. Die Daten werden nicht über Cloud-Dienste oder ähnliche Services verteilt.

SimpliCare ist eine Software, die Angehörige von pflegebedürftigen Personen vernetzt und ihnen auf einer einzigen Plattform alle Funktionen anbietet, die sie (laut Hersteller) für eine umfassende Betreuung benötigen. Beispielsweise sind das Informationen zum Gesundheitszustand der Betroffenen, sämtliche Kontaktdaten, Gesundheitshistorie, Kalender oder Pendenzen. Die Daten sind geschützt und können nur von einer einzigen Person, dem Koordinator, zugänglich gemacht werden.

Die App erlaubt es, mehrere separate Netzwerke aufzubauen. Die Betreuerin soll so jederzeit den Überblick über alle pflegebedürftigen Personen in ihrem Netzwerk haben – seien es alternde, verletzte, erkrankte oder anderweitig zu betreuende Menschen. Auch die Einbindung professioneller Dienstleister ist möglich. Die Herstellerfirma hat zu diesem Zweck vermehrt Kontakt zu Organisationen wie Spitex oder Verwaltungen in den Gemeinden aufgenommen. SimpliCare kann auf unterschiedlichsten Geräten mittels Internet-Browser bedient werden. Um auch unterwegs zugreifen zu können, empfiehlt das Herstellerunternehmen die Nutzung der iOS- oder Android-Applikationen. 

Der Hersteller betont, dass ein solches Netzwerk nicht zu spät eingerichtet werden soll: Wenn den Angehörigen bereits vieles über den Kopf gewachsen ist, sei die Bereitschaft für einen Einstieg entsprechend kleiner.

SimpliCare wurde im Rahmen eines Kooperationsprojekts unter Beteiligung von Angehörigen pflegebedürftiger Personen, Studierenden der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHaW) und der Universität St.Gallen (HSG) sowie der BEG Solutions AG entwickelt.

Beachtenswert in diesem Zusammenhang ist die Matura-Arbeit von Ines Seiler aus dem Jahr 2014, in welcher sie sich eingehend mit dem Thema befasst. 

erschienen: 18.05.2016

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