Covid-19 positiv

«Am fünften Tag wurde es richtig schlimm»

Denise Utzinger arbeitet als diplomierte Pflegerin im Demenzzentrum Sonnweid in Wetzikon. Auf ihrer Station sind sechs von zwölf Bewohnern verstorben.
Denise Utzinger arbeitet als diplomierte Pflegerin im Demenzzentrum Sonnweid in Wetzikon. Auf ihrer Station sind sechs von zwölf Bewohnern verstorben. Bild PD

Die Pflegerin Denise Utzinger (40) hat sich bei der Arbeit mit Covid-19 angesteckt. Trotz eines gesunden Lebenswandels litt sie unter starken Symptomen. Auch nach Wochen sind sie noch nicht ganz abgeklungen.

Von Martin Mühlegg

Wie hat es bei dir angefangen?

Ende Oktober hatte ich Dienst, als vier Bewohner auf unserer Station plötzlich husteten, zwei von ihnen bekamen auch Fieber. Ich isolierte diese vier Bewohner – und am Tag darauf schmerzte mein Körper, ich hatte keine Energie mehr. Zuerst dachte ich, dass es wegen anstrengenden Arbeit vom Vortag sei.

Als ich auf den Spätdienst zur Arbeit ging, bemerkte ich, dass es mehr als eine Übermüdung war. Ich hatte auch ein psychisches Tief. Obwohl ich gar nicht nahe am Wasser gebaut bin, musste ich plötzlich weinen. Meine Chefin sagte, sie könne für mich weiterarbeiten und schickte mich nach Hause.

Wie ist es weitergegangen?

Am nächsten Tag hatte ich leichten Durchfall, Bauchschmerzen und Grippesymptome. Ich machte beim Hausarzt den Corona-Test und wartete zweieinhalb Tage in Quarantäne auf das Ergebnis. Meine Kolleginnen fragten mich am Telefon, wie es mir ginge.

Ich sagte, eine Angina sei viel schlimmer, es sei easy, jetzt ein bisschen zu Hause zu bleiben. Am fünften Tag wurde es richtig schlimm.

Es kamen massive Kopfschmerzen, starke Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Schmerzmittel halfen nicht.

Wenn man die Medikamente nicht unten halten kann, wirken sie nicht...

Fünf Tage blieb es so, ich erbrach immer wieder und wurde immer schwächer. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr und fürchtete mich vor einer Hirnhautentzündung. Ich wohne allein, und an einem Samstagabend bekam ich grosse Angst. Ich rief den Notfallarzt an und sagte ihm, das ich es nicht mehr aushalte.

Er sagte, die Symptome sprächen gegen eine Hirnhautentzündung. Ich solle gegen die Übelkeit und die Kopfschmerzen weiterhin Tabletten nehmen. Er beruhigte mich auch, indem er sagte, dass man innert fünf Tagen nicht verdurste oder verhungere.

Das ist ein schwacher Trost. Wenn man allein wohnt, ist das ziemlich beängstigend...

Meine Angehörigen, Freunde und Kollegen telefonierten in dieser Zeit regelmässig mit mir. Sie warfen mir Cola oder Dinge, auf die ich Lust hatte, über das Gartentor. Am Montag verschrieb mir mein Arzt neue Medikamente gegen Übelkeit und Schmerzen.

Meine Angehörigen warfen mir die über das Gartentor. Diese neuen Medikamente wirkten gut, mir ging es wieder besser. Es war aber nur erträglich, wenn ich flach lag. Und die Kopfschmerzen waren sehr hartnäckig. Sobald ich aufstand, platzte mir fast der Kopf.

Betroffene berichten, dass Covid-19 ein Auf-und-Ab sei...

Ja, es gab Tage, die gut waren. Ich konnte etwas essen und herumlaufen, die Kopfschmerzen waren fast weg. Bessere und schlechtere Tage wechselten sich ab. Ich traute meinem eigenen Körper nicht mehr. Für mich war es viel schlimmer als Angina und Magendarmgrippe zusammen.

Da wundert man sich, dass viele Menschen den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben.

Mich ärgern die Leute, die sagen, es sei nur eine Grippe. Ich finde das anmassend und deprimierend.

Zirka die Hälfte meiner Arbeitskolleginnen und -kollegen hatten ziemlich schwere Verläufe. Wenn man es jetzt noch leugnet, finde ich das respektlos gegenüber denen, die es hatten oder noch haben.

Bist du jetzt wieder gesund?

Ich bin jetzt mehr oder weniger symptomfrei. Ich brauche noch mehr Schlaf als vorher. Das ist aber normal, nachdem man so geschwächt war. Als ich vor einer Woche mit der Arbeit anfing, fühlte ich mich gar nicht gesund. Beim Richten der Medikamente zitterte ich, der Schweiss lief in Bächen herunter.

Vorher war ich zu Hause zwei Tage lang symptomfrei gewesen, aber unter der Arbeitsbelastung kamen die Kopfschmerzen wieder. Dank Schmerztabletten und einem geteilten Dienst, bei dem ich mich über den Mittag ausruhen konnte, ging es.

Auch Denise Utzingers Kollegin Corinne Eicher hatte einen schweren Verlauf

Covid-19 positiv

«Ich bin sonst fast nie krank»

Mit dem Atmen hast du keine Mühe?

Während ich krank war, gab ich meinen Hund ab. Als ich mich ein bisschen erholt hatte, ging ich wieder mit dem Hund laufen. Bei den ersten Anstiegen kam ich ausser Atem und musste eine kurze Pause einlegen. Nach dem Arbeiten wäre ich ohne Hund jeweils einfach ins Bett gelegen. Mit dem Hund musste ich an die frische Luft, das tat mir gut.

Wie war dein Geruchs- und Geschmackssinn?

Den Geruchsinn verlor ich ganz, und alles schmeckte sehr bitter. Selbst gute Früchte schmeckten eklig. Jetzt ist es wieder normal, wenn auch mein Geruchssinn noch nicht voll da ist. In der Pflege ist der Geruchssinn sehr wichtig, zum Beispiel beim Erkennen eines Harnweginfektes.

Es heisst, Corona sei nur für Menschen mit Vorerkrankungen und ungesundem Lebenswandel schlimm. Hast du etwas falsch gemacht?

Ich denke nicht. Ich achte darauf, dass ich meine Freizeit bewusst geniesse. Ich ernähre mich gesund, esse viel Gemüse und Früchte. Jeweils im Frühjahr mache ich eine Echinaforce-Kur (Anmerkung der Redaktion: Roter Sonnenhut, der zur Prävention vor Erkältungen und Grippe empfohlen wird). Auch Vitaminpräparate nehme ich regelmässig. Mit dem Hund gehe ich bei jedem Wetter und gut angezogen raus.

Du gehst jetzt wieder dort arbeiten, wo du dich angesteckt hast. Kostete das Überwindung?

Es widerstrebte mir anfangs schon, wieder zurück in diesen «Virusbunker» zu gehen. Doch ich wollte auch wieder arbeiten, und die Bewohner habe ich ja auch gerne. Und ich wusste, dass man eine Weile immun ist.

Ich bin froh, dass ich jetzt wieder arbeiten kann – obwohl auf unserer Station sechs von zwölf Bewohnern gestorben sind und es den anderen auch nicht gut ging. Es ist eine grosse emotionale Belastung, unter diesen Umständen zu arbeiten.

Aus Selbstschutz habe ich mich emotional abgeschottet. Es war zu viel Negatives in kurzer Zeit.

Die Sterbebegleitung ist wohl unter diesen Umständen auch sehr schwer zu verkraften...

Die Abschiede waren unterschiedlich. Einge Angehörige konnten nicht Abschied nehmen, weil sie selbst Risikopatienten sind. Andere konnten täglich kommen. Viele demente Menschen nehmen den Besuch vielleicht nicht so bewusst wahr, aber sie spüren seine Anwesenheit. 

Wie kannst du dich in solchen Momenten emotional abschotten?  

Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Ich bin da vielleicht etwas anders. Ich versuche, mich nicht an die letzten Momente zu klammern. Wenn ein Bewohner, den ich sehr gerne hatte, in meiner Abwesenheit verstorben ist, gehe ich nicht in den Aufbahrungsraum Abschied nehmen. Ich versuche ihn so in Erinnerung zu behalten, wie er in seinen guten Momenten gewesen ist.

erschienen: 03.12.2020

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