Covid-19 positiv

«Ich bin sonst fast nie krank»

Corinne Eicher arbeitet als Fachfrau Betreuung in der Pflegeoase der Sonnweid in Wetzikon.
Corinne Eicher arbeitet als Fachfrau Betreuung in der Pflegeoase der Sonnweid in Wetzikon. Bild Véronique Hoegger

Die 27-jährige Betreuerin Corinne Eicher erkrankte an Covid-19 und litt an starken Symptomen. Obwohl sie noch nicht fit ist, will sie sich jetzt wieder um Menschen mit Demenz kümmern. Die Corona-Verharmloser findet sie respektlos.

Von Martin Mühlegg

Du bist vor gut drei Wochen an Corona erkrankt. Welche Symptome hattest du?

Angefangen hat es mit starken Kopfschmerzen. Sie waren ganz anders als die Schmerzen, die ich von einer Migräne her kenne. Der ganze Kopf schmerzte extrem stark, Medikamente halfen nicht. Dann kamen ein Kratzen im Hals und eine starke Müdigkeit. Es kamen Erkältungssymptome wie Husten, Halsschmerzen und eine verstopfte Nase.

Es war jeden Tag anders.

An einem Tag ging es besser, und ich dachte, ich sei bald wieder gesund. Am nächsten Tag kamen wieder alle Symptome miteinander, und es ging mir wieder sehr schlecht. Nach einer guten Woche verlor ich den Geschmacks- und Geruchssinn.

Kamen diese Sinne wieder zurück?

Ja, nach einer Woche. Dann erwachte ich und nahm alle Gerüche wieder wahr: Deo, Parfüm, Essen... Es kam wieder – so schnell, wie es gegangen war. 

Waren die Symptome stärker als bei einer normalen Grippe?

Das weiss ich nicht, weil ich nie eine Grippe hatte.

Du hast also ein starkes Immunsystem...

Ja, ich bin fast nie krank, nur manchmal ein bisschen erkältet. Ich habe mich auch an die Schutzvorkehrungen gehalten, ging nur noch zum Arbeiten und Einkaufen aus dem Haus. Extrem war die Müdigkeit, die ich so nicht kannte. Ich glaube, sie kam, weil sich mein Körper gegen das Virus wehren musste.

Viele Covid-19-Erkrankte berichten von Kurzatmigkeit. Sie brechen fast zusammen, wenn sie ein paar Treppenstufen überwinden müssen...

So ging es mir während der zehntägigen Quarantäne. Danach war ich zwei Tage symptomfrei und ging wieder zur Arbeit. Am zweiten Tag an der Arbeit kamen all die Symptome wieder – auch die Müdigkeit und Kurzatmigkeit.

Jetzt geht es mir wieder recht gut. Ich bin auf zirka 80 Prozent.

Ich möchte mich bald wieder mit kurzen Trainingssequenzen verbessern – aber vorerst sicher nicht in dem Ausmass, mit dem ich vorher Sport getrieben habe.

Viele denken: Corona ist nur für die Alten und Kranken schlimm – für jene, die so oder so bald sterben. Was hast du diesen Leuten zu sagen?

Ich finde, Corona wird sehr unterschätzt, vor allem von den Jungen. Ich finde, sie sollten es ernst nehmen, weil es jeden treffen kann. Die Verläufe sind sehr verschieden, ob jung oder alt. Man weiss nicht, wie es herauskommt.

Du hast vor deiner Erkrankung mit Schutzanzug, -maske und -brille gearbeitet. Wie haben die Bewohner darauf reagiert?

Ich glaube, die schwer erkrankten Bewohner legen wenig Wert darauf. Ihnen sind andere Sachen wichtig. Am Anfang war es für sie wohl befremdlich, weil sie unsere Gesichter und unsere Mimik nicht mehr sehen konnten. Mit der Zeit haben sie sich daran gewöhnt.

Wie waren die Verläufe bei den an Corona erkrankten Bewohnern?

Sehr unterschiedlich. Die meisten hatten Symptome wie Fieber und Husten... über den Rest wissen wir nicht so viel, weil uns die Bewohner nicht mehr sagen können, wie es ihnen geht.

Wir stellten eine tiefe Sauerstoffsättigung fest, wir gaben einigen von ihnen Sauerstoff.

Die Palliation stand im Vordergrund, Bewohnern mit schweren Covid-19-Verläufen verabreichten wir unter anderem Morphium, um Schmerzen, Atemnot und Angst zu lindern.

Sind viele an Corona gestorben?

Es hat Todesfälle gegeben. Aber es ist nicht klar, ob sie wegen oder mit Corona gestorben sind. Bei den Bewohnern unserer Pflegeoase kommen meist noch andere Krankheiten dazu.

Wie ist die Stimmung in deinem Team?

Die Schutzkleidung zehrt an den Nerven. Wir schwitzen extrem, wegen der Maske bekommen wir weniger Luft. Sonst ist die Stimmung recht gut, meine Kollegen sind hilfsbereit, wir unterstützen uns gegenseitig.

Wann wirst du wieder zur Arbeit gehen?

Am Mittwoch. Nach fast dreieinhalb Wochen zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich weiss, dass viele Kollegen erkrankt sind. Jetzt will ich das Team wieder unterstützen und mich um die Bewohner kümmern.

Du wirst Bewohner pflegen, die positiv getestet sind. Hast du Angst?

Eigentlich nicht. Ich denke, ich habe jetzt Antikörper gegen das Virus gebildet. Und wenn ich mich wieder anstecken würde, wäre mein Körper vorbereitet. Der Verlauf wäre dann milder. Ich kann nicht viel mehr tun, als die Schutzmassnahmen einzuhalten.

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Man hört aus verschiedenen Institutionen, dass sich einzelne Pflegende weigern, zur Arbeit zu gehen. Sie haben Angst vor einer Ansteckung. Was denkst du darüber?

Wir haben eine Fürsorgepflicht. Ich finde, unsere Bewohner sind auf uns angewiesen, wir sollen das Bestmögliche für sie tun. Besonders in dieser schwierigen Zeit müssen wir unsere Arbeit so gut es geht machen. Für mich wäre es keine Option.

Viele Menschen halten sich nicht an die Schutzmassnahmen. Sie sagen, Corona sei nicht schlimmer als eine Grippe, und Massnahmen wie die Maske würden nichts bringen. Was hast du diesen Leuten zu sagen?

Ich finde es respektlos gegenüber jenen Menschen, die schwer erkrankt oder gestorben sind. Sie sollten ihr Verhalten verändern und dazu beitragen, dass die Fallzahlen sinken und weniger Menschen angesteckt werden.

Letztes Wochenende gab es wieder einige Demonstrationen der Corona-Leugner und -Verharmloser. In Lachen am Zürichsee demonstrierten 1000 Menschen dichtgedrängt und ohne Masken...

Ich kann das nicht nachvollziehen. Wir sind verwöhnt und haben alles. Wir werden nicht sterben, weil es ein Jahr lang keine Partys gibt.

Diese Demonstranten sollten auf eine Intensivstation gehen, damit sie sehen, welche Folgen Corona hat.

Ich finde es nicht in Ordnung gegenüber den Menschen, die gestorben sind, und gegenüber den Pflegenden, die jetzt unter grossem Druck arbeiten müssen. Wir schaffen es nur gemeinsam.

erschienen: 24.11.2020

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