Ekel

Reden wir darüber! (2.Teil)

Manche Menschen kompensieren den Tabubruch mit sarkastischer Sprache.
Manche Menschen kompensieren den Tabubruch mit sarkastischer Sprache. Bild Adobe Stock

Über Ekel schreibt und spricht man nicht. Michael Schmieder hat es trotzdem getan – und findet, dass mehr darüber gesprochen werden muss. Sonst kann es in Momenten des Ekels zu Blossstellung und Erniedrigung kommen.

Von Michael Schmieder

Schmecken: Wenn wir von Ekel sprechen, den wir mit dem Mund erfahren, sind es vor allem Dinge, die wir in den Mund nehmen, die da nicht hingehören. Wenn uns zum Beispiel Blut in den Mund spritzt, wenn uns jemand anhustet mit übelriechendem Auswurf.

Wenn unsere Nähe gefordert ist in einem Moment, in dem wir Distanz bräuchten. Wenn jemand im Schwall über uns erbricht. Pflegende kennen viele solcher Beispiele.

Hier gehts zum ersten Teil des Ekel-Beitrags von Michael Schmieder

Ekel

Reden wir darüber! (1.Teil)

Der Getränke-Automat in der Sonnweid: Schmeckt die Cola anders, wenn jemand kurz zuvor ins Gerät uriniert hat? Wenn wir es nicht selber sind, können wir sogar darüber lachen. Wir fühlen uns in solchen Situationen ausgeliefert, ohnmächtig, tief in unsere persönlichen Integrität verletzt.

Weil die Distanz nicht gewahrt ist. Wir werden als Person mit unveräusserlichen Rechten nicht akzeptiert. Wir verwenden sehr viel Mühe darauf, dass solche Nähe eben nicht passiert: Mundschutz oder Abdrehen sind nur zwei der möglichen Strategien.

Der ungewollte Kuss auf den Mund ist verletzend, respektlos, ekel erregend.

Die Schutzlosigkeit, das Ausgeliefert sein, die ungewollte und erzwungene Nähe erzeugt Ekel.

Tasten und Fühlen: Den direkten Kontakt zu einer menschlichen Ausscheidung wollen wir vermeiden. Wir ziehen Plastikhandschuhe an, weil wir uns schützen wollen vor der direkten Auseinandersetzung. Es sind die Assoziationen, die uns einen Streich spielen. Ein warmes, weiches Moorbad ist entspannend, weil wir von einem Moorbad diese Konsistenz erwarten und es uns angenehm ist.

Wenn ein Mensch mit Demenz sich einkotet, ist es nachvollziehbar, dass er das Gefühl der Wärme spürt und es nicht mit seiner Darmentleerung in Verbindung bringt, da er den Geruch nicht in Verbindung bringen kann. Es ist nachvollziehbar, wenn sich dieser Mensch gegen Pflege und Reinigung wehrt, die von ihm nicht als nötig erkannt wird. Er wertet dies als Angriff auf seine Integrität, weil er in diesem Moment nicht versteht, worum es geht.

Tasten und Fühlen steht für uns Menschen in direktem Zusammenhang mit Riechen. Das Riechen definiert den «Ekelwert», den wir einem getasteten, gefühlten Gegenstand geben.

Hören: Kann man Ekel hören? Und wenn ja: wie? Wenn wir etwas hören, entstehen Bilder in unserer Fantasie. Dabei gibt es einen Unterschied, ob das Gehörte in Distanz zu mir ist oder ob es mich konfrontiert mit meiner eigenen Hörbiographie.

So ist Beethovens Fünfte mir bekannt, aber ich habe keine persönliche Beziehung, weder zu Beethoven selbst, noch zu seinem Stück. Ganz anders verhält es sich mit «Riders on the Storm» von den Doors. Da tauchen Bilder der ersten Liebe auf. Das war dann «unser» Lied.

Die komplexere Seite des Hörens beruht auf Erfahrungen, die wir mit Gehörtem gemacht haben und mit den Bildern, welche dadurch in uns entstehen. Wenn wir das Stöhnen beim Geschlechtsverkehr im Hotelzimmer nebenan oder auf dem Campingplatz hören, löst es nicht Lust aus. Dann wollen wir nicht da sein, wir wollen wes nicht hören.

Ekel kann erzeugt werden, wenn wir Erniedrigungen oder Fäkalwörter hören. Hier spielt uns unsere innere Bewertung einen Streich: Wir sehen Dinge, wie wir sie sehen wollen und wir hören Dinge, wie wir sie hören wollen. Das Gehör kann jedoch weniger gut selektieren als das Auge.

Wir können die Ohren nicht zumachen wie die Augen, einfach weghören ist nicht möglich, für Pflegende schon gar nicht. In Pflegesituationen scheint mir das Hören aber wenig mit Ekel in Verbindung zu stehen.

Die Ekelgefühle in der Pflege

Pflegende sollen geschärfte Sinne haben, damit sie Menschen begleiten können in ihrer Krankheit, in ihrem Alter, in ihrem Leid. Sie bewegen sich in ihrem Alltag oft jenseits der «normalen» Grenze von Nähe und Distanz.

Pflegende beschäftigen sich mit dem ganzen Menschen – nicht nur dann, wenn der Körper dieses Menschen perfekt ist, wenn der Körper dieses Menschen in Wohlgerüchen erblüht, wenn der kleinste Ton aus dem Munde dieses Wunderwerkes wie himmlische Schallmeien erklingt, wenn der Körper dieses Menschen zum Anbeissen einlädt, wenn schon die kleinste Berührung den eigenen Körper unter erotisierenden Strom setzt.

Kranke Menschen wissen häufig um ihre Situation – und schämen sich dafür.
Kranke Menschen wissen häufig um ihre Situation – und schämen sich dafür. Bild Mara Truog

Nein, Pflegende haben als Pflegende ein anderes Erleben: Sie nähern sich dem Menschen in einem alten, in einem kranken, sterbenden Körper. Sie sind dem schreienden Menschen nahe, den stinkenden Ausscheidungen, den Falten und Runzeln, dem Kontrollverlust des Leidenden.

Der Kranke, der Leidende weiss häufig um seine Situation, um seine Lage, um seinen Geruch. Er schämt sich und ist sich seiner Scham bewusst. Und er weiss, dass er dem Gegenüber ausgesetzt ist, seiner Haltung, seinem Können, seiner Ethik, aber auch seinen Launen, seinen Gefühlen, seinen Erniedrigungen.

Aus dem Gegenüber, dem Pflegenden, wird ein Mitgehender.

Eine Person, die den Kranken in seinem Leid begleitet, ihm zur Seite steht. Sie schützt ihn vor Blossstellung, Erniedrigung und Lieblosigkeit. Sie kann mit dieser Scham umgehen, gibt ihm das Gefühl des Angenommen seins, der Einzigartigkeit weitergeben kann.

Wie können Pflegende dies leisten? Wie können sie mit diesen Gefühlen des Ekels umgehen in der direkten Situation? Johannes Kessler schreibt in seinem Büchlein «Ekel – ein Tabuthema»:

«In der Pflege besteht ein Höchstmass an Nähe zwischen den Hilfebedürftigen und den Pflegekräften. Nähe ist eine wichtige Grösse in der Entstehung von Ekel. Unter Betrachtung des Gegenstandsbereiches von Ekelerregendem scheint gerade die Pflege am Menschen ein Ort der Grenzsituationen zu sein.»

Ekel kann nicht einfach negiert oder mit Einweghandschuhen beseitigt werden.

Enttabuisierung des Ekels ist oberstes Gebot

Wir sollten im Gespräch sein, wie Situationen entstehen, die Ekel auslösen. Zum einen steht dabei unsere Prägung zur Diskussion, die nicht ungeprägt gemacht werden kann: Wir sind, wer wir sind. Und dies führt dazu, dass verschiedene Menschen Ekel anders definieren und empfinden.

Wann und ob etwas in uns Ekel erzeugt, hängt von den individuellen Grenzen ab.

Wir beobachteten im Laufe der Jahre, dass Menschen, die mit ihrem eigenen Kot spielen, häufig überfordert sind in ihrer momentanen Situation. So kann eine neue angepasste Wohnform solche Betätigungen durchaus beenden. Darüber im Gespräch sein, dass Nähe Ekelgefühle auslösen kann.

Nur die Fähigkeit zur professionellen Distanz erlaubt solche Tabubrüche. Dann kann eine machtfreie Zone entstehen, in der Pflege stattfindet und Beziehung gelebt wird. Dann kann man sich vorstellen, selbst in der anderen Rolle zu sein – wie man sich schämen würde und wen man sich in solch einer schamvollen Situation an seiner Seite haben möchte.

Die Pflegenden sind an der Schaltstelle der Beurteilung, wie etwas wahrgenommen wird.

Sagen Sie: «Mein Gott, jetzt haben Sie schon wieder die Hosen voll und ich muss alles sauber machen» – oder geben Sie dem Kranken das Gefühl, dass das Missgeschick gemeinsam gelöst werden kann. «Ja das ist nicht angenehm, für uns beide nicht, aber gemeinsam schaffen wir das schon». Es wirkt Wunder, wenn sie dies ganz unaufgeregt sagen. 

Pflegende sollten sich fragen, wen sie in einer schamvollen Situation zur Seite haben möchten.
Pflegende sollten sich fragen, wen sie in einer schamvollen Situation zur Seite haben möchten. Bild Adobe Stock

Die Pflegenden entscheiden über Erniedrigung oder Partner sein, über Macht oder Machtlosigkeit, über Blossstellung oder Schutz der Privatsphäre, über Lügen oder Wahrheit.

Wie gelingt es den Pflegenden, in diesen Situationen angemessen zu handeln? Am ehesten, in dem sie sich bewusst sind, dass...

  • sie ausweichen können.
  • sie sich auf Situationen vorbereiten können.
  • sie sich an Gerüche gewöhnen können.
  • es Abstufungen des Ekelgefühls gibt: Urin an üblichem Ort wird zum Beispiel weit weniger stark empfunden als Kot im Mund.

Zu Beginn meiner pflegerischen Ausbildung erlebte ich, dass Pflegende alte Menschen mit dem Finger entleerten. Sie empfanden dabei offenbar kaum Ekel und suchten nicht nach anderen Möglichkeiten wie einem Kurzeinlauf. Meine Frage, ob dies lustvoll sei, wurde nicht beantwortet – aber innerhalb kurzer Zeit war diese «Technik» abgeschafft. Die Pflegenden wollten offenbar nicht bei heimlicher Lust ertappt werden.

Verbal kann die Situation des Tabubruchs kompensiert werden, in dem man möglichst abwertend darüber spricht, sarkastisch, negativ. Diese Erfahrungen machte ich vor allem in den Operationssälen der Bauchchirurgie.

Auf der Notfallstation war vieles nur zu verarbeiten, indem man möglichst cool darüber sprach.
Diese Coolheit sollte zeigen – vor allem gegenüber einem selbst – wie gut man mit einer Situation umgehen konnte.

In Operationssälen machen manchmal sarkastische Sprüche die Runde, wenn es besonders brenzlig oder eklig wird.
In Operationssälen machen manchmal sarkastische Sprüche die Runde, wenn es besonders brenzlig oder eklig wird. Bild Adobe Stock

Im  Frühjahr 2009 filmten Pflegende eines Schweizer Pflegeheims eine alte Frau, nackt am Boden liegend, mit Kot verschmiert, und teilten diesen Film über ihr Smartphone.

Diese Geschichte zeigt uns deutlich, wie viel Distanz sich mit einer Kameralinse vor dem Auge herstellen lässt. Eine solche Situation zu filmen bringt die Patientin in eine unwürdige Situation. Die Filmenden degradieren die schutzlos am Boden Liegende zum Objekt. Dies ist nicht tolerierbar, sogar strafbar.

Das Filmen stellt die Machtverhältnisse klar: Wenn du mir diese Aufgabe zuteilst, bist du selber schuld, dass ich dich filme. Und wenn ich filme, habe ich wieder die Macht über dich und über die Situation. Soweit ein Erklärungsversuch – aber keine Rechtfertigung.

In schwierigen Situationen empfehle ich, die kurz die Situation zu verlassen und damit eine kurzzeitige räumliche Distanz zu schaffen. Ein kurzes Durchatmen, die Gefühle ordnen und die Interaktion durchbrechen.

Sich auf eine Situation vorbereiten scheint eine der hilfreichsten Strategien zu sein. Damit vermeiden wir den Überraschungseffekt. Zum Beispiel, wenn eine Cola-Flasche aus dem Automat mit Urin umrandet ist. Oder wenn zwei Bewohnende im engen Kontakt im WC sind und alles mit Kot verschmiert haben.

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass wir über solche Begebenheiten lachen, wenn sie erzählt werden. Solche Aktionen haben etwas sehr Anarchisches in sich. Der Ohnmächtige hat plötzlich alle Macht.

Das kennen wir auch aus der Führungsarbeit: Im Konflikt ist der Schwache häufig der Starke.

Es gibt Vorkommnisse im Leben von Menschen, die in uns Ablehnung, ja sogar Ekel erzeugen können, wenn wir um diese Vorkommnisse Bescheid wissen. Dies kann durch das Bekanntwerden von biografisch heiklen Informationen geschehen.

Es sei hier die Frage erlaubt, ob biografisch heikle Daten den Pflegenden zugänglich zu machen sind, auch wenn die «Gefahr» besteht, dass sie Ekel auslösen? Steht das Wissen um die Biografie vielleicht einer echten bedingungslosen Begegnung sogar im Wege?

Ist es sinnvoll, darüber zu sprechen, dass Herr B. pädophil ist, dass er sich an kleinen Jungen vergangen hat? Macht es Sinn, darüber zu sprechen, dass Frau Z. acht Mal abgetrieben hat?

Kann «nicht darüber sprechen» eine Strategie sein, um Ekel und Abscheu gar nicht erst entstehen zu lassen? Kann das Schweigen entlastend wirken, kann ich damit Bewohner und Personal vielleicht sogar schützen vor unnötigen Belastungen der pflegerischen Beziehung.

Ich wage zum heutigen Zeitpunkt keine eindeutigen Aussagen mehr darüber zu machen. Die Erfahrung lehrt mich, dass wir bestimmte Sachverhalte gar nicht wissen sollten. Ekel in der Pflege bedeutet auch, sich damit auseinanderzusetzten, dass Menschen, die betreut werden, ebenso Ekelgefühle empfinden wie wir.

Manche jungen Eltern müssen sich erst mal an diesen Geruch gewöhnen...
Manche jungen Eltern müssen sich erst mal an diesen Geruch gewöhnen... Bild Adobe Stock

Die Vorstellung, dass uns jemand nahe ist, den wir auf Grund seines Körpergeruches nie und nimmer an uns heranlassen würden, muss man zuerst einmal aushalten können. Bewohnende, die solche Ablehnung gegenüber einer Pflegekraft empfinden, können diese Ablehnung ja nicht begründen, da sie sich aus dem Unbewussten herleitet.

Mit diesem Gedanken lässt sich vielleicht eine ablehnende und aggressiv ablehnende Haltung gegen Pflegende begründen – beim Essen, bei der Körperpflege, bei notwendiger Nähe. Ob wir tatsächlich alles dafür tun, damit diese Menschen nicht mit Ekelgefühlen konfrontiert werden, die durch uns ausgelöst werden? Dies scheint nicht immer der Fall zu sein.

Fazit

Ekelgefühle sind Teil unserer Arbeit. Wir müssen sie thematisieren und die Mitarbeitenden in diesen Grenzerfahrungen begleiten. Und wir müssen uns bewusst sein, dass auch die Menschen, die wir pflegen, Ekel empfingen. Auch sie müssen wir erkennen und thematisieren.

Beziehung als existentieller Teil aller Pflegehandlungen braucht echte und gelebte Partnerschaft zwischen den Menschen, die miteinander zu tun haben. Damit garantieren wir den Menschen unabhängig all ihrer Möglichkeiten und Unmöglichkeiten ein Leben in Würde.

Hier gehts zum ersten Teil des Ekel-Beitrags von Michael Schmieder

Ekel

Reden wir darüber! (1.Teil)

erschienen: 01.12.2020

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