Ekel

Reden wir darüber! (Teil 1)

Den stärksten Ekel empfinden wir über die Nase, weil die Geruchsorgane sehr gut mit dem Gehirn verbunden sind.
Den stärksten Ekel empfinden wir über die Nase, weil die Geruchsorgane sehr gut mit dem Gehirn verbunden sind. Bild Adobe Stock

Über Ekel schreibt und spricht man nicht. Michael Schmieder hat es trotzdem getan – und findet, dass mehr darüber gesprochen werden muss. Sonst kann es in Momenten des Ekels zu Blossstellung und Erniedrigung kommen.

Von Michael Schmieder

Welche Worte sollen wir etwas geben, für das es kaum Worte gibt?

Was hat Wikipedia zum Thema «Ekel» zu sagen? Dort taucht prominent das Wort «Ekelfernsehen» auf. Ein erster Schritt in die Welt des Ekelfernsehens war Big Brother, es folgte das Dschungelcamp. Alles Private wird dort öffentlich, das Schaurige wird gezeigt. Wir sehen Menschen die Kontrolle verlieren. Das interessiert.

Heute haben wir uns an vieles gewöhnt: Kaum ein Krimi kommt ohne Pathologin aus, die sehr gut aussieht. Sie wühlt heldenhaft in den Innereien von Leichen – natürlich im Dienste des Guten. Dass es in der Gerichtsmedizin manchmal gewaltig stinkt und sehr eklig ist, kann bei einer solchen Pathologin nicht möglich sein.

Die TV-Pathologinnen sehen gut aus – es scheint unwahrscheinlich, dass es um sie herum manchmal gewaltig stinkt.
Die TV-Pathologinnen sehen gut aus – es scheint unwahrscheinlich, dass es um sie herum manchmal gewaltig stinkt. Bild PD

Eine Weiterführung des Ekelfernsehens ist die Doku-Serie Autopsie – Mysteriöse Todesfälle bei RTL 2. Darin werden Leichen aller Art in jedem Stadium der Verwesung und Auflösung präsentiert – natürlich echt. Auch Obduktionen sind zu sehen. Bei der Hauptzielgruppe der 14- bis 29-Jährigen erreicht die Sendung eine Einschaltquote von 13 Prozent.

Das Interesse der Zuschauer besteht nach Ansicht des Publizisten Oliver Pfohlmann sowohl aus Lust an der Spannung als auch aus «Voyeurismus mit sadistischen Anteilen». Die Sendung sei eine «virtuelle Mutprobe».

Auch in Kinofilmen tritt Ekel meistens dann auf, wenn Tabus verletzt werden, wobei dies nicht immer explizit gezeigt werden muss. In «Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber» von Peter Greenaway (1989) ist Kannibalismus nur einer von zahlreichen Tabubrüchen. Hier wird ein Mann schliesslich als Braten mit Gemüse und Kräutern zubereitet.

Im Film von Peter Greenaway kommt Ekliges auf den Tisch.
Im Film von Peter Greenaway kommt Ekliges auf den Tisch. Bild PD

In der schwarzen Komödie «Der Rosenkrieg» rächt sich eine Ehefrau an ihrem Mann, der ihre Katze überfahren hat, indem sie ihn eine Pastete essen lässt, über die sie ihm nach der Mahlzeit zu verstehen gibt, dass sie darin seinen Hund verarbeitet habe. Der Zuschauer ist bei all dem in einem geschützten Bereich.

Das Gefühl des Ekels trägt eine gewisse Spannung in sich. Das schaurige Schöne, das wir schon als Kinder gesucht haben, das Geheimnisvolle, bringt uns an die Grenzen des Ertragbaren.

Die Grenzerfahrung, die wir ausloten wollen, bewegt sich sehr häufig im Bereich des Tabuisierten, des Unanständigen, des Perversen. Diese Bereiche sind geächtet in unseren Gesellschaften, obwohl wir alle Teile dieser Triebe in uns tragen.

Die Aufteilung der Welt in «die Guten hier, die Bösen dort» vereinfacht den Umgang mit uns selbst.

Ekel zu zeigen, kann auch bedeuten: «Seht her, ich habe das Triebhafte im Griff! Ich weiss, was sich nicht gehört, ich zeige Abscheu im richtigen Moment.» Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altenhilfe sagt, Ekel unterliege auch kulturell erworbenen Grenzen.

Wenn etwas in uns Ekel erzeugt oder wir so tun, als ob es Ekel in uns erzeugen würde, können wir uns abgrenzen und als die Guten zeigen. Damit können wir uns vor uns selbst schützen. Als Beispiel die intolerante Haltung vieler männlicher Jugendlicher zur Homosexualität: Oft sprechen sie abschätzend und abwertend darüber.

Mit einem jugendlichen Fussballer wollte ich über Homosexualität reden. «Das gibt es nicht, ein Schwuler kann nicht Fussball spielen», sagte er. Damit war seine Meinung gemacht. Entscheidend dabei ist also, wie wir etwas beurteilen. Dies hat etwas mit unseren Prägungen zu tun.

Dazu zwei Beispiele, wie unterschiedlich Dinge beurteilt werden:

  • Eine Bewohnerin (dement) greift einem Betreuer zwischen die Beine. Alle Zeuginnen und Zeugen des Vorfalls lachen.
  • Ein Bewohner (dement) greift einer Betreuerin zwischen die Beine. Niemand lacht – besonders nach MeToo. In unserer normierten Gesellschaft erzeugt dies Ekel – während beim ersten Beispiel gelacht wird.

Ekel wird erzeugt durch ein Zusammenspiel aller uns zur Verfügung stehenden Sinne und durch die Unmöglichkeit, Teile der Sinne auszuschalten.

Dabei kann es zu sehr unterschiedlichen «Koalitionen der Sinne» kommen. Die Fähigkeit, Ekel zu empfinden, ist angeboren. Ekelgefühle werden jedoch erst im Laufe der ersten Lebensjahre durch Sozialisation erworben.

Kleinkinder empfinden nachgewiesenermassen noch keinen Ekel gegenüber Substanzen, Objekten oder Gerüchen. Sie stecken auch Kot, Käfer oder Regenwürmer in den Mund.

Die einzelnen Sinne ertragen unterschiedlich viel Ekel. Pflegende arbeiten mit allen Sinnen und sollen ein hohe Emotionalität in die Arbeit einbringen. Dies prädestiniert sie für Ekelgefühle.

Es stellt sich nicht die Frage, ob oder ob nicht, sondern nur, wie man/frau mit Ekel umgeht.

Gleichzeitig ist Pflege auch eine Auseinandersetzung mit allen Körperöffnungen. Eine Studie bei Intensivpflegepersonal ergab, dass über 70 Prozent der Pflegenden die Pflege des Mund-Hals-Nasen-Rachen-Bereiches ekelerregender empfindet als die Pflege von Anal- und Geschlechtszonen.

Körper- und Mundgeruch verschlechtern sich vor allem beim kranken Körper. Krankheitskeime verursachen sehr häufig üble Gerüche. Das ist schon bei einer normalen Halsentzündung wahrnehmbar, besonders aber bei nekrotischen Prozessen oder Tumorerkrankungen, vor allem bei exulzerierenden Tumoren.

Vor dem Mund und den damit verbundenen Krankheiten und Gerüchen ekeln sich Pflegende mehr als vor Kot und Urin.
Vor dem Mund und den damit verbundenen Krankheiten und Gerüchen ekeln sich Pflegende mehr als vor Kot und Urin. Bild Adobe Stock

Bei mir selbst beobachte ich eine Abneigung, darüber zu lesen, dass Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer ertrunken sind, dass in lybischen Gefängnissen Menschen gefoltert werden, weil sie Flüchtlinge sind.

Ich schäme mich dafür, dass ich dieses Leid nicht sehen will und mich einer Auseinandersetzung verweigere – vermutlich, weil wir uns ob dieser Dimension des Leides anders verhalten müssten. Man verweigert das Anschauen vor dem inneren Auge. Das reale Auge zeigt das nicht, aber wir sehen es trotzdem vor uns.

Zu viel Entblössung löst Fremdschämen aus. Fernsehformate bedienen dies: zu viel nackte Haut, zu viele Zungenküsse mit verschiedenen Personen in den Bachelorstaffeln. Einige Privatsender bieten eine breite Palette von Möglichkeiten bis hin zu Schönheitsoperationen – vorher und nachher. Letztlich bedienen diese Formate ein Bedürfnis nach diesem voyeuristischen Blick in die menschlichen Grenzregionen.

Die fünf Sinne

Sehen: Das Auge alleine ist ein schlechter Ekelgradmesser, aber ein guter Erschaffer von Distanz. Erst die Kombination mit einem anderen Sinn löst nachhaltig Ekel aus.

Wenn Pflegende das, was sie sehen und tun müssen, hinter einer Glasfassade tun könnten, würden wir vermutlich nicht darüber sprechen. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: der Gewöhnungseffekt.

Das Auge und die dazugehörigen reizverarbeitenden Hirnareale gewöhnen sich an gesehenen Ekel und relativieren die Empfindungen. So können uns Bilder zwar erschüttern, weil wir sie interpretieren (Abu Ghraib), aber je öfter wir sie sehen, umso weniger findet diese Erschütterung statt.

Bilder von Menschen zu sehen, die erniedrigt, gequält werden und gleichzeitig im Sessel zu sitzen und Wein zu trinken: Wie wäre das sonst möglich? Der Fotograf und der Kameramann vor Ort sind unsere Stellvertreter. Sie betrachten die Situation durch die Linse und schaffen dadurch schon für sich selbst Distanz – auch für uns.

Riechen: Im Geruch sind für mich alle Sinne vereint. Geruch ist alles. Und Geruch steuert uns. Mit jemandem zusammenzuarbeiten, den man nicht riechen kann: Wie soll das gehen? Jemandem nahe sein, einem Mitarbeiter mit Achselschweiss, der meiner Nase nach stinkt, ist Qual, Ablehnung, Ekel.

Von jemandem angefasst zu werden, den man nicht riechen kann – was löst das aus? Wie soll ein Mensch mit Demenz aushalten, wenn ihn jemand anfasst, den er nicht riechen kann?

Mit gutem Geruch verbinden wir Sauberkeit, Schönheit und Reinheit.

Dazu wollen wir gehören, das grenzt uns ab gegenüber den Stinkenden, den Kranken, den Alten, den Sterblichen. Die Nase ist sensibel, freut sich am Feinen, ekelt sich am Übelriechenden. Aber warum riecht etwas übel?

Sind wir kulturell geprägt? Gibt es objektive Geruchsparameter? Und wie ist das in Momenten der Lust? Ist der Geruchsinn dann gleich oder wird er übertölpelt? Übernehmen andere Rezeptoren die Macht im Körper und über die Phantasie?

Patrick Süskinds Beschreibungen im Buch «Das Parfüm» lassen uns in der Phantasie erleben, wie es im Mittelalter gerochen und gestunken hat. Wir können mit unserer Geruchsbiografie die beschriebene Situation mit der Nase nachempfinden, wir können es förmlich riechen.

Solche Wunden sind für manche Pflegende kein seltener Anblick.
Solche Wunden sind für manche Pflegende kein seltener Anblick. Bild Adobe Stock

Riechen ist ein unmittelbarer, direkter Sinn. Geruch geht durch die Nase ins limbische System, direkt, unverfälscht. Sie legen im Vergleich zu anderen Sinneswahrnehmungen die kürzeste Strecke zum Gehirn zurück und hinterlassen die am längsten andauernden Eindrücke.

«Der Geruch von Exkrementen fördert beim Menschen die Aggressivität», heisst es im Buch «Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen» von Thomas Buchholz und Ansgar Schürenberg. 

Stellen Sie sich vor, Sie kommen auf eine Station mit chronisch kranken Menschen – und Sie riechen Urin. Alten Uringestank, seit langem in die Fugen der Plattenböden und Wände eingefressen.

Der Geruch nach Urin verkündet die eindeutige Botschaft: Hier ist es nicht gut.

Wenn wir in einer solchen Umgebung einer neuen Bewohnerin oder einem neuen Bewohner sagen «Das ist Ihr neues Zuhause», klingt das sarkastisch und gemein, schon fast sadistisch.

Wer kennt den Geruch des Pech- oder Teerstuhls, wenn sich geronnenes Blut in den Därmen zersetzt? Wer kennt den faulen, süsslichen Duft des beginnenden Todes in schwarzeitriger Gangrän der unteren Extremitäten?

Wer kennt den Karzinomgeruch, wenn der lebende Mensch einen abgestorbenen Teil mit sich herumträgt? Solche Gerüche beherrschen uns, ihm sind ihnen ausgeliefert. Wir können die Nase nicht einfach schliessen wie die Augen.

Was kann uns in solchen Situationen helfen?

Das System schützt sich selbst. Man gewöhnt sich an Geruch, an Duft – leider auch an den Guten, Gott sei Dank aber auch an den Schlechten, aber erst nach längerer Angewohnheitsphase.

Ein Zitat des Arztes und Komikers Eckart von Hirschhausen:

«Weil wir alle wissen, wie wichtig unser Körpergeruch für die Fortpflanzung ist, versuchen wir, die Natur zu überlisten. Wir wollen unsere Chancen verbessern, indem wir unseren Eigengeruch neutralisieren und durch universellen ersetzen. Wir duschen, rasieren, schrubben und föhnen, und am Ende kommen noch Deo und Parfüm obendrüber. Was ist eigentlich Parfüm? Pheromone! Von Tieren. Moschus ist das Analsekret des Moschusochsen. Ich denk mir das nicht aus und fasse kurz zusammen: Wir Menschen schämen uns, unter den Armen zu riechen wie ein Mensch, und halten uns ernsthaft für attraktiver, wenn wir dort riechen wie ein Ochse am Arsch!»

Was denken wohl diese Moschus-Ochsen über uns Menschen?
Was denken wohl diese Moschus-Ochsen über uns Menschen? Bild Pixabay

 

erschienen: 17.11.2020

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