Verhaltensprobleme

Affekte sind ansteckend

Hinter dem Verhalten von Menschen mit Demenz stecken Muster, die es zu entschlüsseln gilt.
Hinter dem Verhalten von Menschen mit Demenz stecken Muster, die es zu entschlüsseln gilt. Bild Shutterstock

Ein Ansatz im Umgang mit Verhaltensproblemen setzt auf Kooperation statt Erziehung und ersetzt Machtlosigkeit der Profis durch Verantwortung. Ein neues Buch aus Skandinavien vermittelt dies praxisnah und verständlich.

Von Petra Rösler

Man weiß ja, wie das ist: «Demenzkranke zeigen oftmals herausforderndes Verhalten … Als Reaktion auf solche Übergriffe kommt dann die Gegengewalt», so Pflegewissenschafter Jürgen Osterbrink vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung.

Beide Seiten in diesem Drama können sich auf externe Umstände berufen: Die Menschen mit Demenz sind durch ihre Krankheit so verändert, dass sie aggressiv und handgreiflich werden. Die Pflegekräfte sind überfordert in Systemen mit zu wenig Personal und Geld. Dann «kann es schon passieren», dass sie sich rächen an den Bewohnern. Soweit die gängigen Erklärungsmuster, in denen wir uns mit leichtem Schaudern eingerichtet haben.

«Aber», werden Sie jetzt wohl spontan denken. Aber so kann es ja nicht bleiben. Aber so wollen wir unsere Angehörigen nicht betreut wissen. Aber so wollen wir nicht arbeiten. Und so ist es ja in vielen Einrichtungen auch nicht.

Es gibt nicht nur Konflikte und Übergriffe, sondern oft einen professionellen, reflektierten Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz. Den gibt es aber nicht «umsonst» – es braucht Wissen, Teamarbeit und oft auch ein radikales Umdenken. Wie das gelingen kann, zeigen Bo Hejlskov Elvén, Charlotte Agger und Iben Ljungmann in ihrem Buch «Herausforderndes Verhalten bei Demenz» sehr verständlich, praxisnah und nachdrücklich.

«Wer hat das Problem?», lautet die erste Frage, die sie stellen (im Original heißt das Buch auch «Verhaltensprobleme», den Begriff der Herausforderung hat wohl der Verlag gewählt, weil es so geläufig ist in der Pflegeszene – aber dazu gibts hier andere Überlegungen). An vielen Beispielen zeigen die Autoren, wie Menschen mit Demenz auf eine Umgebung reagieren, deren Regeln sie nicht verstehen oder in der sie sich schlecht orientieren können.

Ihr Verhalten macht jedenfalls Sinn, ja es ist sogar auf Problemlösung ausgerichtet. Allerdings manchmal so, dass es für die Pflegenden oder die Mitbewohner neue Probleme schafft.

In der Verantwortung der Pflegekräfte liegt es, nach Lösungen zu suchen und Eskalationen zu vermeiden.

Dabei, so eine zentrale Botschaft des Buchs, sind Erziehungsmaßnahmen wie wir sie mit Kindern anwenden (zum Beispiel Grenzen, Regeln und Strafen) nicht nur wirkungslos, sondern kontraproduktiv. Elvén legt anhand von Studien und psychologischen Erkenntnissen dar: Menschen mit fortschreitender Demenz können nicht erzogen werden, weil sie nicht mehr anhand von Erfahrungen lernen.

«Gelassenheit» verspricht der Untertitel des Buchs. Das klingt fast provokant, wenn man die Liste des sogenannten herausfordernden Verhaltens recherchiert: schlagen, kratzen, beißen, kneifen, spucken, schreien, beschimpfen. Doch die Gelassenheit ist für Elvén und seine Mitautoren zentral, denn «Affekte sind ansteckend.»

Anhand eines Eskalationsmodells zeigen sie, wie Bewohner rasch in eine Situation gelangen, in der sie die Kontrolle über sich selbst verlieren und nicht mehr kooperieren können. Dazu kommt, dass sich die Stimmung der Pfleger auf sie überträgt.

Wer hier seine Macht ausspielen will, wird verlieren.

Nur durch aktive Steuerung der eigenen Verhaltensweisen können Eskalationen verhindert oder entschärft werden. Dazu liefert das Buch eine Liste sehr praxisnaher Hinweise und Tipps. Letztlich braucht es aber, so die Autoren, einen Plan, damit schwierige Situationen sich nicht endlos wiederholen, sondern im Team Auslöser identifiziert und gute Handlungsalternativen geplant werden. Auch dazu fehlt es nicht an Beispielen.

Grundlage aller Handlungsvorschläge ist der person-zentrierte Ansatz (nach Tom Kitwood), der im Buch kurz, aber anschaulich erläutert wird. Trost, Einbeziehung, Beschäftigung sind nur drei der Grundbedürfnisse, die Pflege erkennen und berücksichtigen soll.

Was immer Menschen mit Demenz tun, das uns herausfordert, stört oder aus der Fassung bringt – es macht Sinn, weil es ein Bedürfnis erfüllt.

Das erscheint uns oft alles andere als logisch und ist nicht leicht zu sehen. Aber wer sich der Arbeit mit Menschen mit Demenz widmet, darf sich nicht darum drücken, diese Muster zu entschlüsseln. Dieser Aufgabe nähern sich Elvén und seine Mitautoren aus mehreren Richtungen.

Neben der Bedürfnisorientierung nach Kitwood gehen sie auf Theorien der Pädagogik, der Konfliktvermeidung und der Machtverteilung ein. Die alles in überaus kompakter, anschaulicher und verständlicher Form.

Die Mischung aus Theorie, Erläuterung und Fallgeschichten (die immer «aufgelöst» werden) ist ausgewogen und sehr schlüssig aufgebaut. In dem schmalen Band sind aber nicht nur elf Grundsätze erläutert, es gibt auch ausführliche Praxisbeispiele und Diskussionsanregungen für Teams.

Nach der Lektüre dieses Buchs ist man trotz des schwierigen Themas durchaus optimistisch gestimmt. Die Autoren zeigen einen Weg aus der Ohnmacht hin zu Verantwortung und Kooperation. Sie behaupten nicht, dass er nur leicht ist, aber sie muten ihn professionell Pflegenden zu. Jedes Team, das Eskalationen und Gewalt hinter sich lassen will, sollte sich mit dem Buch als Kompass auf den Weg machen. 

erschienen: 26.08.2020

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