Corona und Psyche

«Wenn die Angst herrscht, sollten wir kreativ sein»

Die vielen schlechten Nachrichten steigern die Angst – man sucht nach Sicherheit, indem man sich noch mehr informiert.
Die vielen schlechten Nachrichten steigern die Angst – man sucht nach Sicherheit, indem man sich noch mehr informiert. Bild Armanda Asani

Die Corona-Restriktionen fordern die Psyche der Menschen. Die Informationsflut zu begrenzen ist nur eine Möglichkeit, um nicht in Panik zu geraten. Besondere Selbstfürsorge brauchen jetzt Menschen, die Demenzkranke pflegen.

Von Felicitas Witte

Die Push-Meldungen kommen in immer kürzeren Abständen: «Bundesrat verschärft Massnahmen. Alle Läden, Restaurants und Bars geschlossen. Einreisen nicht mehr möglich. Zahl der Toten steigt.» Während die einen die Nachrichten halbwegs gelassen beiseite wischen, kriegen die anderen von solchen Meldungen Herzrasen.

Immer mehr schränkt Corona die Freiheit der Menschen ein. Was macht das mit der Psyche? Warum kommen die einen besser damit klar als die anderen? Hat das langfristige Folgen? Besonders belastend ist die derzeitige Situation für Menschen, die sich um Demenzkranke kümmern. Was ist zu tun?

Wir haben mit Birgit Kleim aus Zürich gesprochen. Sie ist Psychologin an der Universität Zürich und Vorsitzende der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT).

alzheimer.ch: Frau Kleim, unser gewohntes freies Leben wird immer mehr eingeschränkt. Was macht das mit unserer Psyche?

Birgit Kleim: Das ist individuell unterschiedlich. Psychisch flexiblen Menschen macht das weniger aus. Sie haben auch sonst im Leben kein Problem, mit spontanen Änderungen umzugehen. Ist zum Beispiel das Lieblingslokal ausgebucht oder das Kino voll, suchen die sich ganz pragmatisch eine anderes Lokal oder einen anderen Film.

Anders sind Menschen, die in ihrem Leben viel kontrollieren möchten. Für diese kann es sehr bedrohlich sein, die Kontrolle zu verlieren. Es geht aber vor allem auch um die Einschränkungen im sozialen Leben, die für die meisten Menschen einschneidend sind.

Birgit Kleim
Birgit Kleim Bild PD

Warum ist das so schlimm?

Kontrolle über das eigene Leben bedeutet für viele Menschen Stabilität. Es gibt ihnen das Gefühl, alles im Griff zu haben. Es ist aber eher umgekehrt: Das Kontrollieren macht unfrei und man hat eben nicht alles im Griff. Das merken die Betroffenen jetzt. Hinzu kommt der Verlust der sozialen Kontrolle, wenn wichtige soziale Strukturen fehlen. Man trifft sich nicht mehr mit Freunden, nicht mehr auf der Arbeit, kann nicht mehr unter anderen Menschen sein. All dies kann sehr verunsichern.

Wie äussert sich das?                                        

Bei vielen löst das Angst aus und verursacht ein Ohnmachtsgefühl. Das kann sich auch körperlich bemerkbar machen: Einige sind unruhig, spüren ihr Herz klopfen oder haben das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Das kann sogar Panikattacken auslösen. Manche fühlen sich einsam und niedergeschlagen, können nicht mehr richtig arbeiten und sich nicht konzentrieren.

Ist den Betroffenen bewusst, woran das liegt?

Viele Menschen merken erst in einer Ausnahmesituation wie jetzt, was für eine grosse Rolle die Kontrolle in ihrem Leben spielt. Aus Studien wissen wir, dass es eher Personen sind, die psychisch weniger widerstandsfähig sind, eher ängstlich, die dazu neigen, sich Sorgen zu machen oder zu grübeln.

Die jetzige Situation kann auch eine Chance sein, etwas zu ändern.

Wie geht das?

Indem man versucht sich klarzumachen: Ich kann an den Restriktionen nichts ändern, aber ich kann innerhalb der Situation frei entscheiden, was ich mache. Zum Beispiel Dinge zu tun, die man lange nicht gemacht hat: Einen dicken Roman lesen, Musik machen wie jetzt die Italiener oder einen Pullover stricken.

Umso wichtiger sind diese Strategien, wenn man in Quarantäne kommt. Auch hier gibt es aber einige Alternativen zu dem, was man sonst macht: Zum Beispiel Online Sprach- oder Fitnesskurse. Auch wenn um uns herum Angst und Panik herrschen, sollten wir optimistisch und kreativ sein.

Und wenn man trotzdem weiterhin Angst hat?

Es hilft, wenn man darüber mit seinen Freunden oder der Familie spricht. Das soziale Zusammenleben darf nicht komplett aufgegeben werden, denn das kann Ängste nur weiter fördern.

Man kann ja auch gut per Skype telefonieren.

Wichtig ist in dieser Situation, sich nicht gegenseitig mit seiner Angst anzustecken. Bereiten Freunde Panik, würde ich die Kontakte lieber mal blockieren und andere mehr nutzen, wenn ich merke, dass sie mir gut tun.

Haben Sie noch mehr Tipps?

Viele Menschen möchten alles mitbekommen, weil sie das Gefühl haben, dadurch alles kontrollieren zu können: Push-Meldungen aller einschlägiger Zeitungen sind eingestellt, sie lesen jede Stunde die Nachrichten und bekommen ständig Neuigkeiten von ihren Freunden.

Die ständige Informationsflut kann aber noch nervöser machen und es kommt zu einem Teufelskreis: Die Nachrichten steigern Angst und Unsicherheit, und man sucht noch mehr Informationen. Oft werden Nachrichten dann selektiv gelesen – so stechen die potentiell beunruhigenden Fakten noch mehr heraus.

Was empfehlen Sie?

Das Smartphone auf Flugmodus stellen, nur ein- oder zweimal am Tag online gehen und Nachrichten schauen. Im schlimmsten Fall sollten Sie die WhatsApps von Freunden blockieren, die Panik machen.

Kann man durch die jetzige Situation psychisch krank werden?

Aus der Stress- und Traumaforschung wissen wir, dass viele Patienten eine erbliche psychische Verletzlichkeit haben und dass die psychischen Vorbelastungen eine Rolle spielen. Viele haben bereits stressige Situationen oder Traumata erlebt – zum Beispiel Gewalt oder einen Verkehrsunfall, die aber bisher keine grösseren psychischen Symptome ausgelöst haben.

Das kann sich aber in stressreichen Situationen ändern, etwa wenn sich der Partner von einem trennt, und führt dann dazu, dass die Betroffenen zum Beispiel eine handfeste Depression bekommen, Angststörungen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung. Ein solcher Stressor wie die jetzige Situation kann bei vorbelasteten Personen psychische Probleme auslösen oder verstärken.

Was kann man tun, wenn es einem trotz Freunden und Handy-Ausschalten schlecht geht?

Einen Psychologen oder Psychiater kontaktieren.

Man wartet man aber zum Teil monatelang auf einen Termin.

Ja, das ist eine schwierige Situation. Die Betroffenen können sich in Deutschland bei der DeGPT oder der Bundespsychotherapeutenkammer einen Therapeuten in ihrer Nähe suchen. Wir helfen, einen Spezialisten zu finden.

In der Schweiz bieten die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen und die Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie dies an. In der Therapie lernen die Betroffenen, mit Gefühlen der Ohnmacht oder mit der Angst umzugehen, diese zu akzeptieren und zu erfahren, dass sie aber auch wieder vorübergehen.

Was tun, wenn man so schnell keinen Experten findet?

Es gibt inzwischen einige Online-Therapie-Programme, die bei vielen Patienten gut ankommen. Wir sind gerade dabei zu prüfen, welche sich in Studien als wirksam erwiesen haben und werden Empfehlungen dann auf unsere Homepage stellen.

→ Hier gehts zu deprexis – dem Online-Therapieprogramm bei Depressionen 

→ Hier gehts zu velibra – dem Online-Therapieprogramm bei Ängsten

Menschen, die einen Angehörigen oder einen Patienten mit Demenz pflegen, brauchen eh schon viel psychische Kraft – und jetzt kommen noch die Belastungen durch das Coronavirus hinzu. Was raten Sie Pflegenden?

Ich mache mir tatsächlich Sorgen um die Pflegenden. Sie müssen zusätzlich zu der aktuell herausfordernden Arbeit und vielen Fragen durch Betroffene und Angehörige mit ihren eigenen Ängsten klarkommen, sich gleichzeitig aber weiterhin liebevoll und engagiert um die Alzheimer-Patienten kümmern.

Pflegende sollten sich jetzt mehr denn je selbst gut um sich kümmern.

Selbstfürsorge ist das Stichwort: In sich hineinhören und überlegen, was einem nach der Arbeit gut tut. Joggen gehen, ein Buch lesen, etwas leckeres Kochen, mit Freunden telefonieren.

Ideal wäre, wenn sich das Pflegeteam einmal am Tag zusammensetzen würde. Die Pflegeleitung könnte die wichtigsten Neuigkeiten erzählen – seriöse Information sind das A und O. Sie sollte signalisieren, dass die Pflegenden sich jederzeit an eine Vertrauensperson wenden können, wenn sie mit der Situation nicht mehr gut klarkommen. Um sich gut um Patienten kümmern zu können und für diese da zu sein, muss Pflegepersonal auch auf sich selbst achten.

Was sind Alarmzeichen?

Wenn die Pflegenden unverhältnismässig müde sind, die Angst immer grösser wird, keine Lust mehr auf soziale Kontakte haben und depressiv verstimmt sind. Manche fühlen sich auch schuldig, vielleicht weil sie aufgrund des grossen Arbeitsdrucks und weniger Personal weniger Zeit mit den einzelnen Demenzkranken verbringen und weniger Körperkontakt haben als sonst.

→ Hier gibts Tipps für zu Hause pflegende Angehörige

→ Die Pflegehexe bereitet sich im Spital auf schwierige Zeiten vor

Aber es ist doch wichtig, gerade jetzt zu älteren Menschen so gut es geht Abstand zu wahren.

Ja, natürlich. Aber statt sich schuldig zu fühlen, erklärt man besser dem Demenzkranken, warum das so ist. Bei einer leichten oder mittelschweren Demenz kann man das sicher ganz gut vermitteln. Es geht gerade ein sehr ernstzunehmendes Virus um, das insbesondere alte Menschen krank machen kann.

Abstand gehöre jetzt zum Alltag, aber man habe den Betroffenen genauso gerne wie sonst immer und der Zustand würde auch wieder vorbeigehen. Sie als Journalisten können übrigens enorm dazu beitragen, dass Menschen die derzeitige Situation psychisch unbeschadet überstehen.

Inwiefern?

Indem Sie die Bevölkerung umfassend und seriös aufklären. Die aktuelle Gefahr kann in den Köpfen einiger Menschen deutlich grösser wahrgenommen werden, als es vorliegende Zahlen tatsächlich angeben.

Ich empfehle immer wieder einen Fakten Check. Das Robert-Koch Institut liefert beispielsweise Informationen und Empfehlungen, auf die wir uns verlassen können. Das gibt Sicherheit in diesen unruhigen Zeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

erschienen: 21.03.2020

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