Validation

«Das Bauchgefühl hilft uns oft weiter»

Wenn die Worte fehlen, kommen die alten Freunde oft nicht mehr – weil sie nicht wissen, wie sie kommunizieren sollen.
Wenn die Worte fehlen, kommen die alten Freunde oft nicht mehr – weil sie nicht wissen, wie sie kommunizieren sollen. Bild Dominique Meienberg

Wenn Menschen mit Demenz scheinbar Unsinniges sagen, sich wiederholen oder gar nicht mehr reden, droht ihnen die Vereinsamung. Die Validations-Masterin Gunvor Sramek erklärt im Interview, wie wir mit ihnen in Kontakt bleiben können.

Von Petra Rösler

Wenn das Vergessen die Sprache beeinträchtigt, ziehen sich Freunde und Bekannte oft zurück – aus Frustration, weil Unterhaltungen wie bisher nicht mehr gelingen. Auch Angehörige stossen bei Besuchen auf Hürden: Wenn sich scheinbar Unsinniges in die Konversation schleicht, Fragen mehrmals wiederholt werden oder die Artikulation ein Verstehen schwer macht.

So beschleunigt sich die soziale Isolation von Betroffenen und Betreuungspersonen, weil man lieber wegbleibt als sich mühsamen Unterhaltungen aussetzt. Gunvor Sramek, Master in Validation nach Naomi Feil, Trainerin und Co-Autorin des Buches «Brücken in die Welt der Demenz» gibt im Interview Hinweise, wie man mit Menschen mit Vergessen im Kontakt bleiben kann.

alzheimer.ch: Warum fällt es uns so schwer, mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren?

Gunvor Sramek: Ich glaube, dass uns vor allem unsere Vorstellungen von einem «guten Gespräch» im Weg stehen. Wir sind es so gewohnt, über den Verstand und durch gegenseitigen Austausch miteinander zu kommunizieren, dass wir Angst haben, wenn diese beiden Wege zunehmend versperrt werden.

Was wäre denn die Alternative? Wie begegnen wir uns, wenn wir mit den üblichen Gesprächsmustern nicht mehr durchkommen?

Wir müssen uns darauf besinnen, was wir selbst und die besuchten Menschen brauchen: nämlich Kontakt.

Der kann aber auch entstehen, wenn wir bewusst Zeit miteinander verbringen, vielleicht eine Tasse Tee trinken, gemeinsam zum Fenster hinausschauen, etwas Singen oder Summen. Wenn wir in entspannten Atmosphäre miteinander schweigen.

Das ist eine wunderbare Chance, um in Einklang zu kommen, aber das fällt uns nicht leicht: Die Körperhaltung, den Atem, die Mimik des anderen zu erfassen und uns darauf einzustellen. Der Lohn kann jedoch gross sein: In diesem Miteinander können wir auch Menschen begegnen, die kaum noch sprechen.

Und in solchen Momenten fallen manchmal tiefe Sätze, die wie kleine Perlen sind. Wir müssen aber sozusagen nach ihnen tauchen.

Man hört öfter – von Angehörigen, aber leider auch von Pflegepersonal – Sätze wie «Mit ihm kann man nichts Vernünftiges mehr reden» oder «Frau F. erzählt Sachen, die nicht stimmen, aber wir geben ihr einfach recht». Was sagen Sie dazu?

Mir ist ganz wichtig, dass gerade Menschen in einer schwierigen Lebenssituation Vertrauen brauchen. Wir sollten sie nicht belügen, abtun, wegschieben. Die alten Menschen spüren sehr genau unsere Anteilnahme und unser Interesse.

Sie brauchen verständnisvolle Menschen, die nicht bewerten, die respektvoll und gezielt nachfragen, die das Gesagte nicht korrigieren und das Erlebte auf der Gefühlsebene begleiten und bestätigen. Wenn die Menschen mit Demenz das Vertrauen verlieren, ziehen sie sich zurück, und ihr Zustand verschlechtert sich.

Aber wie geht das nun konkret? Was tun, was sagen?

Zuerst ist es wichtig zu unterscheiden, wo sich mein Gegenüber im Demenzverlauf befindet. Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Wir müssen immer gut beobachten und unsere «Fühler» ausstrecken.

Es gibt kein fertiges «Kochrezept». Letztlich ist eine gewisse Kenntnis der Gesamtsituation nützlich.

Zum Beispiel, ob die Person am Vormittag besser konzentriert ist oder erst später am Tag aktiv ist. Und: Das Bauchgefühl hilft uns oft weiter.

In der ersten Phase einer Demenz fällt es uns noch leichter, mit ihnen in Kontakt zu treten...

Als Orientierung kann man sagen: In der ersten Phase der Demenz kann der alte Mensch meistens zwischen «hier und jetzt» und «damals und dort» unterscheiden. Es geht hin und her. Wir können sachlich mit «wann, wo, wie, was und wer» nachfragen und wir können auch ganz bewusst die Gegenwart ansprechen.

Man spricht natürlich oft von Früher und kommt zum Jetzt: «Früher warst du eine fleissige Mutter. Und heute sprichst du so stolz von deinen Kindern.» Wichtig ist, den Status, das Selbstwertgefühl zu stärken. Das sollte man hier ganz besonders beachten. Die Menschen in dieser Phase merken sehr genau, was alles «wegbricht» und spüren das gesellschaftliche Stigma der Erkrankung am eigenen Körper.

Video: Gunvor Srameks Vortrag am Kongress von Alzheimer Europe


Quelle Youtube

Sie flüchten davor und wir erleben oft ein anklagendes Verhalten, es werden auch erfundene Anschuldigungen vorgebracht. Das ist nicht einfach im Gespräch. Da braucht man auch Wissen über Symbole.

Die angeblich «gestohlene Geldbörse» steht vielleicht für den Verlust der Selbständigkeit, die diesen alten Menschen ganz besonders stark belastet, weil er früher immer einen guten Status hatte. Die «gestohlene Kette» einer alten Frau steht vielleicht für den Verlust der Liebe, die der jetzt verstorbene Ehemann ihr damals in jungen Jahren gezeigt hat.

Wir müssen versuchen zu spüren, welche Wünsche und Sehnsüchte sich möglicherweise hinter solchen absurd klingenden Behauptungen stehen könnten.

Wenn wir in diesem Sinne nachfragen, bekommen wir meistens eine ehrliche Antwort und die erfundenen Vorwürfe werden mit der Zeit weniger. Wir tun das, um den Bedürfnissen der alten Menschen gerecht zu werden – wir zeigen ihnen damit ihre Würde, ihre Verdienste, ihre Bedeutung für uns. Da ist etwas ganz anderes, als ihnen Recht zu geben, damit sie schweigen!

Gilt das auch für spätere Phasen?

Ja, im Prinzip schon, es haben sich aber die Umstände geändert. In der mittleren Phase einer Demenz brauchen die Menschen mehr Nähe, und immer wieder auch Halt gebende Berührungen. Im Gespräch können wir zwischendurch einfach abwarten, was der alte Mensch sagen möchte.

Wir sollten lernen darauf zu vertrauen, dass die alten Menschen meistens von sich aus signalisieren, was sie möchten. Dann haben wir verschiedene Möglichkeiten – wir können das Wichtigste wiederholen, und zwar immer in der gleichen Emotion, so kommen wir ganz natürlich ins Mitfühlen.

Wenn die Worte fehlen, können wir mit körperlicher Nähe in Kontakt treten.
Wenn die Worte fehlen, können wir mit körperlicher Nähe in Kontakt treten. Bild PD

Wenn es um etwas Belastendes wie zum Beispiel Einsamkeit geht, können wir die «Last» mittragen und mit einer sehr ernsten Stimme sagen: «Du sagst, keiner hat für dich Zeit.» Das gilt natürlich auch dann, wenn dieser alte Mensch jeden Tag Besuch bekommt.

Wir können nachfragen – mit W-Fragen (ohne «warum»): Wie war das für dich? Wie hast du das geschafft? Wer war da dabei? Wo warst du da? Was hast du dann gemacht? Damit zeigen wir Interesse und kommen näher an den Kern einer Erzählung.

Und wenn wir etwas nicht verstehen, ist das nicht so schlimm. Dann konzentrieren wir uns auf das Gefühl, das wir spüren und fragen nach: «War das schön für Dich?» oder: «Haben Sie Angst gehabt?»


 → Hier geht es zum Validations-Lernvideo «Ich will nach Hause»


Und wenn jemand nichts spricht, wenn kein Gespräch in Gang kommt?

In späteren Phasen der Demenz,wenn die Sprache langsam verloren geht, sind wir auf die nonverbalen Möglichkeiten angewiesen. Wir konzentrieren uns auf Signale oder Ausdrucksformen. Wenn jemand schlaff dasitzt, können wir sagen: «So müde.»

Wir können beobachten, wohin die Person schaut und darauf eingehen.

Wir können aber vor allem auch aushalten, nicht zu sprechen. Es geht in erster Linie darum, miteinander zu sein. Das Wichtigste ist doch, dass die Person von uns das Signal bekommt: «Ich halte es mit dir aus, auch wenn ich «es» nicht verstehe.» Und: «Ich begleite dich, ich bin da.»

Das kommunizieren wir nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch Nähe, durch Berührung. Wir schwingen eher mit als zu sprechen. Wir wiederholen vielleicht Silben, vielleicht atmen wir gemeinsam. Das ist ja auch das «Geschenk» der Demenz: Dass wir aussteigen müssen aus unseren gewohnten Mustern, etwas Neues probieren und dafür eine grosse Nähe und Tiefe erleben können.

Gunvor Sramek, Wien, ist diplomierte Validationslehrerin und Masterin nach Naomi Feil. Sie leitete zahlreiche Lehrgänge und ist Prüfungsvorsitzende für autorisierte Validationslehrgänge.

erschienen: 21.06.2019

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