Kommentar

Demenzfreundlich ist vor allem menschlich

Besonders im Spital brauchen Menschen mit Demenz viel Unterstützung und Zuneigung.
Besonders im Spital brauchen Menschen mit Demenz viel Unterstützung und Zuneigung. Bild Daniel Kellenberger

Unsere Plattform berichtete schon mehrfach über demenzfreundliche Spitäler. Wir stellten Konzepte vor, die Menschen mit Demenz einen Spitalaufenthalt erleichtern sollen. Mediziner und Pflegende berichteten, wie sie auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingehen.

In anderen Beiträgen zeigten wir auf, wie unsensibel und inkompetent Menschen mit Demenz in Spitälern behandelt oder betreut worden sind. Unsere freie Mitarbeiterin Uschi Entenmann berichtete zum Beispiel von den Qualen, die ihre Mutter erleiden musste.

Der dementen Frau war gewaltsam ein Katheter eingesetzt worden, Ärzte kanzelten die geschockten Angehörigen ab. Wenige Tage danach war die Frau tot.

Thomas Buchholz ist Experte für Pflege, Kinästhetik und Basale Stimulation. Im Buch «Demenz verstehen – Leitfaden für die Praxis» vermittelt er, wie sich ein Mensch mit Demenz in einem Spital fühlen könnte:

Stellen Sie sich vor, Sie wachen in einem fremden Land auf. Sie liegen in einem weiss gestrichenen Raum, in einem fremden Bett. Sie wissen weder wo Sie sind, noch können Sie sich bewegen. Nachfragen geht nicht, weil Sie Worte nicht mehr richtig formulieren können und nicht verstanden werden. Es klopft an der Tür, und eine unbekannte Person betritt das Zimmer. Wie würden Sie sich fühlen? Was würden Sie erwarten?

Kürzlich gaben wir unserer freien Mitarbeiterin Felicitas Witte den Auftrag, über die Demenzfreundlichkeit von Schweizer Spitälern zu berichten. Daraus ist unter anderem ein Interview mit Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich, entstanden. Unter anderem sagt die Ärztin, wie wichtig es sei, Angehörige einzubinden und eine vertraute Atmosphäre zu schaffen.

Ansprechpartner der meisten angefragten Kliniken erwähnten solche menschlichen Aspekte kaum oder erst auf zusätzliches Nachfragen hin. Die angefragten Mediziner und Pflegeexperten verwenden in diesem Zusammenhang Wörter wie «ziel- und umsetzungsorientiert», «interprofessionell und schnittstellenübergreifend» oder «Wirksamkeit der Patientenversorgung».

Einfühlende Kommunikation, Validation oder Empathie erwähnen sie nur sehr vereinzelt oder gar nicht.

Es ist sehr wichtig, dass Menschen mit Demenz in Spitälern medizinisch bestmöglich versorgt werden. Es ist sehr wichtig, dass sie kein Delir bekommen (dagegen wird sehr viel unternommen) und der Spitalaufenthalt nicht zu lange dauert. Es ist auch ein Zeichen der Wertschätzung, wenn Kliniken Architektur, Möblierung und Beleuchtung den Bedürfnissen von alten Menschen anpassen.

Doch Menschlichkeit, empathisches Verhalten und eine einfühlende – eben: menschliche – Sprache bleibt oft auf der Strecke. Dies hören wir immer wieder von Angehörigen. Und dies zeigt auch der eine angefragte Experte mit seinem oben zitierten Fachgeschwurbel.

Ärzte und Pflegende stehen unter Druck. Ihnen fehlt die Zeit, doppelt oder dreimal so lange mit einem Menschen mit Demenz zu verbringen als mit den anderen Patienten. Dieses Problem könnte gelöst werden, indem die spezielle Betreuung in die Fallpauschalen aufgenommen und bezahlt wird.

Handlungsbedarf gibt es auch bei der Aus- und Weiterbildung. Ärzte und Pflegende sollten im Verlauf ihrer Ausbildung mehr über Demenz erfahren.

Vor allem sollte das Verständnis für die Krankheit gefördert und der passende Umgang mit Menschen mit Demenz vermittelt werden.

Auch Mitarbeitende der Reinigung, Küche und Administration brauchen einen Grundstock an Wissen, wie man mit Menschen mit Demenz umgeht.

Während ich über diesen Zeilen brüte, kommen zwei neue Pflegefachpersonen der Sonnweid ins Redaktionsbüro. Ich erkläre ihnen, wie alzheimer.ch funktioniert und worüber wir berichten.

Ich sage ihnen, dass wir uns gerne mit Praktikerinnen wie ihnen austauschen, dass es uns interessiert, was in ihrem Alltag gut läuft und was nicht. «Ich hätte da etwas», sagt die eine der beiden Pflegerinnen. «Meine Mutter hat eine Demenz und war neulich im Spital. Es war eine Katastrophe, was sie dort erleben musste.»

erschienen: 17.03.2019

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