Demenzfreundlich

«Unser Team hat viel Erfahrung gesammelt»

Menschen mit Demenz brauchen besonders im Spital Verständnis und Zuwendung.
Menschen mit Demenz brauchen besonders im Spital Verständnis und Zuwendung. Bild Benno Gut

Für Menschen mit Demenz kann ein Spitalaufenthalt eine enorme Belastung darstellen. Manche werden unruhig, ängstlich, orientierungslos oder bekommen ein Delir. Mit baulichen Massnahmen, der richtigen Organisation und viel Empathie können Spitäler Menschen mit Demenz entlasten.

Von Felicitas Witte

Ein Arm oder Bein gebrochen, unerklärliche Schmerzen in Brust oder Bauch, eine Lungenentzündung oder die Abklärung eines Knotens können einen Spitalaufenthalt unumgänglich machen. Für jeden Patienten bedeutet dies eine Umstellung.

Man teilt sein Zimmer mit einem Fremden, wird morgens früh geweckt. Ständig kommt jemand herein um Blut abzunehmen oder Blutdruck und Temperatur zu messen. Manchmal ist auch das Essen – vorsichtig gesagt – gewöhnungsbedürftig. Wie mag es Menschen mit Demenz gehen, die wegen einer akuten Krankheit ins Spital müssen?

Zeitgemässe Kliniken sollten auf Menschen mit Demenz in der Akutversorgung eingehen. Wir haben uns im Universitätsspital Zürich (USZ, Uni-Spital) bei Heike Bischoff-Ferrari erkundigt. Sie ist Direktorin der Klinik für Geriatrie.

alzheimer.ch: Frau Bischoff-Ferrari, gibt es am Uni-Spital eine Akutstation speziell für Menschen mit Demenz?

Heike Bischoff-Ferrari: Wir haben seit 2014 eine eigenständige Abteilung für Geriatrie mit aktuell 14 Betten, wo ein engagiertes Team ältere Menschen betreut. Dazu gehören auch diejenigen mit Demenz und einer akuten Krankheit.

Abgesehen davon unterstützt unser Team andere Kliniken, wo auch ältere Patienten mit und ohne Demenz behandelt werden, zum Beispiel in der Unfallchirurgie oder im Herz-Zentrum. Wir achten besonders darauf, dass ältere Patienten kein Delir bekommen.

Warum ist ein Delir ein Problem?

Weil die Betroffenen oft länger im Spital bleiben müssen. Vorbeugende Massnahmen ergreifen wir so früh wie möglich, schon auf der Notfallstation. Wir von der Geriatrie werden sofort konsultiert, wenn ein Patient mit Demenz auf die Notfallstation kommt und können dann die richtigen Tipps geben. Zum Beispiel, dass man auf Delir-fördernde Medikamente verzichten sollte.

Heike Bischoff-Ferrari
Heike Bischoff-Ferrari Bild PD

Was tun Sie noch, um Menschen mit Demenz den Aufenthalt zu erleichtern?

Besonders stolz sind wir auf unser Zentrum für Alterstraumatologie, in dem ältere Menschen behandelt werden, die sich zum Beispiel eine Hüfte gebrochen haben.

Dort arbeiten Ärzte, Pflegende, Physio- und Ergotherapeuten aus der Unfallchirurgie und aus der Geriatrie eng zusammen, um auf die speziellen Probleme älterer Menschen einzugehen.

Wie sieht diese gemeinsame Behandlung aus?

Jeder Patient ab 70 Jahren nach einem Unfall – also zum Beispiel mit einem Hüftbruch – wird innerhalb von 24 Stunden nach der Aufnahme von einem Kaderarzt aus der Klinik für Geriatrie gesehen. Bei einem Menschen mit Demenz verringert oder wechselt er zum Beispiel Medikamente, die ein Delir auslösen könnten.

Er sorgt für eine ruhige Umgebung und dafür, dass der Patient keine Schmerzen hat.

Mit der richtigen Ernährung, mit Physiotherapie, einer aktivierenden Pflege, bei der die Patienten möglichst viel selbst machen, helfen wir den Betroffenen, schnellstmöglich wieder auf die Beine zu kommen. Ausserdem lernen die Patienten ein einfaches Trainingsprogramm für zu Hause kennen, was das Sturzrisiko senkt.

Menschen mit Demenz nehmen Schmerzen oft nicht so gut wahr oder können sie nicht kommunizieren. Wie gehen Sie darauf ein?

Das Team hat gelernt, über die Mimik oder eine Schonhaltung des Patienten zu erkennen, ob er Schmerzen hat. Ausserdem fragen wir die Angehörigen. Sagen die beispielsweise, dass der Patient kaum Appetit hat, kann das ein weiterer Hinweis auf Schmerzen sein.


Quelle Youtube

Was tun Sie auf Ihrer geriatrischen Station für Menschen mit Demenz und einer akuten Krankheit?

Unser Team hat in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt. Wir haben zum Beispiel erkannt, wie wichtig es ist, die Angehörigen einzubinden, wenn ein Demenzkranker wegen einer akuten Krankheit bei uns auf der Station ist. Wir laden Angehörige ein, beim Patient zu bleiben und fragen sie, was dem Patienten gut tut, zum Beispiel ein Bild oder eine Decke von zu Hause.

Wir hören, was er gerne isst und ob und wann er sich verschluckt. Basierend auf diesen Informationen und unseren Untersuchungsergebnissen stellen wir ein individuelles Ernährungskonzept zusammen.

Isst der Patient zum Beispiel gerne Rüeblitorte, backen ihm die Köche vom Uni-Spital eine.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Menschen mit Demenz rasch wieder fit werden?

Die Betroffenen machen mit bei unserer geriatrischen Frührehabilitation. Dazu gehören zum Beispiel zweimal Physio- oder Ergotherapie am Tag, sowie eine aktivierende Pflege und eine aufbauende eiweissreiche Ernährung.

Ist die akute Behandlung bei uns abgeschlossen – also etwa der gebrochene Knochen operiert oder die Lungenentzündung mit Antibiotika behandelt – besprechen wir mit Angehörigen und Hausarzt, ob der Patient sofort nach Hause kann oder ob er noch Hilfe braucht. So kann er zum Beispiel übergangsweise in ein Pflegeheim. Oder er geht nach Hause und die Spitex kommt und hilft.


→ Kommentar von Martin Mühlegg «Demenzfreundlich ist vor allem menschlich» 


Für Patienten mit Knochenbruch oder anderen Sturzverletzungen bietet unser Team auch eine Physiotherapie zu Hause an. Nach ein bis zwei Monaten bestellen wir den Patienten und seine Angehörigen wieder ein und fragen, ob die Therapiemassnahmen geklappt haben. Allenfalls passen wir die Behandlung an und überlegen gemeinsam mit dem Hausarzt, wie wir die Angehörigen weiter unterstützten können.

2018 hat ein Leitender Arzt Ihrer Klinik zusammen mit Ihrer Pflegeexpertin Geriatrie die Sprechstunde DemCare eingerichtet. Worum geht es bei dieser Sprechstunde?

Hier können sich Angehörige jederzeit Rat und Tipps holen. Das ist enorm wichtig, denn die Angehörigen sind oft psychisch und körperlich sehr belastet und profitieren sehr von einer Beratung.

Physiotherapie hilft den Patienten bei der Genesung.
Physiotherapie hilft den Patienten bei der Genesung. Bild Benno Gut

Haben Sie bauliche Massnahmen getroffen?

Die Wände auf unserer geriatrischen Station sind in einem warmen Grün gestrichen, was beruhigend wirken kann. Die Gemeinschaftszone mit Tisch und Stühlen ist heller ausgeleuchtet als der Ausgang.

Das lädt die Patienten ein, gemeinsam am Tisch und in Gesellschaft zu sitzen und zu essen.

Ausserdem hilft das Lichtkonzept älteren Patienten mit Demenz, sich nicht zu verlaufen.

An der Wand, an der Zimmertür und in jedem Zimmer hängen jeweils andere Bilder, damit die Patienten wissen, wo sie zu Hause sind.

Was sieht man auf den Bildern?

Bekannte Ansichten aus der Schweiz, die wir saisonal anpassen. Das verdanken wir dem Zürcher Fotografen Benno Gut, der mit seinen «Photowelten Schweiz» unsere Patienten erfreut – und natürlich auch uns Mitarbeiter. Sehr oft beobachte ich, dass die bekannten Orte Gespräche unter unseren Patienten auslösen. Jedes Bild hat zudem eine Beschriftung mit dem Ort.

Was halten Sie vom Silviahemmet-Konzept, das auf die Initiative der schwedischen Königin Silvia entstanden ist?

Es ist ein sehr wertvolles Pflegekonzept für Demenz-Patienten. Ein zentraler Punkt scheint mir zu sein, Gewohntes in die Genesung mit einzubeziehen. Dieser Ansatz fliesst auch in unser Behandlungskonzept ein, indem wir Angehörige bitten, Gegenstände von zu Hause mitzubringen, etwa ein Bild oder ein kleines Kissen. Die Patienten und Angehörigen sagen uns immer wieder, wie gut das tue.


Quelle Youtube

Was sagen Sie Menschen mit Demenz, beziehungsweise deren Angehörigen, die meinen, das Spital sei schlecht für die Betroffenen, weil es ihnen dort oft schlechter als zuvor gehe?

Das Umfeld im Akutspital ist enorm belastend für einen Demenzkranken, weil es zu viele neue Reize gibt. Hinzu kommt die akute Erkrankung wie eine Lungenentzündung oder Schmerzen aufgrund einer Verletzung, die zusätzlich enorm belasten.

Wir wollen deshalb die akute Erkrankung so schnell und so gut wie möglich behandeln, damit der Betroffene rasch wieder in seine gewohnte Umgebung zurückkehren kann. Ein gut ausgebildetes interprofessionelles Team, sowie die oben beschriebenen Konzepte, die wir etabliert haben, können den Genesungsprozess bei Demenzkranken Patienten wesentlich unterstützen.

erschienen: 27.02.2019

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