Sterbehilfe

Ein lebenswertes Leben unnötig verkürzt

«Die Menschen haben chronische Krankheiten, fühlen sich alt und gebrechlich, sozial isoliert, die klassische Grossfamilie gibt es nicht mehr, und vielen Senioren reicht die Rente nicht. Das Leben scheint für sie keinen Sinn mehr zu haben.»
«Die Menschen haben chronische Krankheiten, fühlen sich alt und gebrechlich, sozial isoliert, die klassische Grossfamilie gibt es nicht mehr, und vielen Senioren reicht die Rente nicht. Das Leben scheint für sie keinen Sinn mehr zu haben.» Bild Daniel Kellenberger

Die Zahl der Senioren, die ihr Leben mit der Unterstützung von Exit oder Dignitas beenden, steigt rasant. Wir haben zwei Experten gefragt, warum sich immer mehr ältere Menschen etwas wünschen, das eigentlich nicht sein müsste.

Von Felicitas Witte

Die Psychiaterin Gabriela Stoppe sprach das Problem am 7. Schweizer Forum Suizidprävention in Rüschlikon an: Immer mehr ältere Menschen begehen einen assistierten Suizid. Stoppe ist Präsidentin von Ipsilon, der Dachorganisation zur Suizidprävention in der Schweiz, und das Thema liegt ihr seit Jahren am Herzen.

Bereits am Europäischen Psychiatriekongress im Februar in Nizza hatte sie ihre Kollegen gewarnt: Ärzte müssten viel mehr tun, damit Menschen das Leben auch im Alter lebenswert finden, auch wenn sie unter einer chronischen Krankheit leiden.

Die Zahlen lassen aufhorchen: 2014 beendeten in der Schweiz 742 Menschen ihr Leben mit assistiertem Suizid. Das sind 26 Prozent mehr als im Jahr zuvor, und zweieinhalb Mal so viel wie 2009, die meisten waren älter als 55 Jahre.

Bild Bundesamt für Statistik.

«Viele glauben, dass die Betroffenen das Für und Wider sachlich abgewogen haben», sagt Stoppe. «Das 'FÜR den Suizid' überwiegt meistens dann, wenn der Betroffene Depressionen hat und nicht die richtige Behandlung bekommt, oder wenn er durch die Krankheit vereinsamt ist.» Bei älteren Menschen würden Depressionen häufig übersehen – das könne irgendwann im Freitod enden.

Warum sich ein älterer Mensch zu einem assistierten Suizid entschliesst, kann viele Gründe haben. In einer Studie der Universität Zürich gaben Patienten am häufigsten Schmerzen an, gefolgt von Atemnot, dass sie eine Langzeit-Betreuung benötigen oder immobil sind.

Eine Erkenntnis, die von der Ärzteschaft bestätigt wird. An andere Motive dachten sie weniger: Etwa, dass die Patienten sich davor fürchten, die Kontrolle über ihren Tod oder ihre Würde zu verlieren. «Ein guter Arzt hat diese Aspekte im Hinterkopf, wenn er einen chronisch kranken Patienten betreut», sagt Stoppe.

Gabriela Stoppe.
Gabriela Stoppe. Bild PD

«Kümmert er sich einfühlsam um den Betroffenen, fühlt der sich wohler und hat weniger Angst vor dem Sterben. Er wird alles tun, um ihm Schmerzen oder das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen.» Hat man als Senior oder Angehöriger das Gefühl, nicht gut betreut zu sein, sollte man nicht zögern, einen anderen Mediziner zu suchen.

Fast jeder zweite Mensch, der sich selbst umbringt, sucht kurze Zeit vorher noch seinen Hausarzt auf. Dabei erzähle der Betroffene meisenst nichts von seinen Suizidgedanken, sagt Stoppe, sondern klage über körperliche Beschwerden. «Ein guter Hausarzt hat immer die Psyche im Blick», sagt sie.

Als Patient soll man sich ruhig trauen, über diese Gedanken zu sprechen, auch wenn man sich schämt, oder Angst vor der Reaktion des Arztes hat. 

Bei Gabriela Stoppe läuft es so ab: Äussert ein Patient den Wunsch nach assistiertem Suizid, versucht sie neutral zu bleiben und zu verstehen, warum er das möchte. Hat er Sorgen, seine chronische Krankheit könnte schlimmer werden? Fühlt er sich allein? Hat er Schmerzen? Findet er das Leben nicht mehr lebenswert?

Sie achtet besonders auf Anzeichen einer Depression, die sich bei älteren Menschen oft durch körperliche Beschwerden äussert.

Für die Hinterbliebenen ist ein Freitod ein grosser Schock, oft werden sie von Schuldgefühlen geplagt.

Auch ein assistierter Suizid kann belastend sein: Angehörige, die dabei sind, leiden später unter erheblichen psychischen Stresssymptomen, wie eine Studie aus Leipzig und Zürich zeigte. 

«Wenn man meint, der Situation nicht gewachsen zu sein oder an den Patienten nicht herankommt, gibt es Hilfe», sagt Gabriela Stoppe. Am besten wende man sich an einen Experten in Alterspsychiatrie.

Interview mit Professor Robert Perneczky

Herr Perneczky, warum beenden so viele Menschen ihr Leben mit Hilfe von Dignitas oder Exit?

Robert Perneczky: Die Menschen haben chronische Krankheiten, fühlen sich alt und gebrechlich, sozial isoliert, die klassische Grossfamilie gibt es nicht mehr, und vielen Senioren reicht die Rente nicht. Das Leben scheint für sie keinen Sinn mehr zu haben.

Könnte die Gesellschaft nicht etwas dagegen tun?

Ja, natürlich, hier sind Politiker und auch wir Ärzte gefragt. Die Massnahmen reichen aber nicht aus. Erst einmal müsste man viel mehr Bewusstsein schaffen für die Situation älterer Menschen in unserer Gesellschaft.

Robert Perneczky.
Robert Perneczky. Bild PD

Man müsste sich dafür einsetzen, dass Menschen auch noch im Alter ein gutes Leben haben können.

Also zum Beispiel die Altersrente erhöhen oder für Senioren mehr Angebote schaffen wie Senioren-Cafés, Tanzabende, Kochkurse oder gemeinsame Wanderungen.

Es scheint aber auch an der medizinischen Versorgung zu hapern, denn die Senioren geben als Motiv oft Schmerzen, chronische Krankheiten oder Atemnot an. Was läuft da schief?

Solche körperlichen Beschwerden sind bei älteren Menschen oft Zeichen einer Depression. Der Arzt denkt aber nicht daran und behandelt sie dann auch nicht entsprechend.

Was ist, wenn ein Senior wirklich körperliche Beschwerden hat, zum Beispiel ständig Schmerzen wegen Rheuma, oder Atemnot wegen Herzschwäche?

Die kann man deutlich lindern, man muss nur daran denken. Einige Mediziner nehmen leider körperliche Beschwerden bei älteren Menschen oft als «normal» hin und behandeln sie dann nicht richtig.

Oder sie wissen nicht, dass ältere Menschen manchmal andere Medikamente brauchen als Jüngere.

Durch die soziale Isolation im Alter haben ältere Menschen auch niemanden mehr, der sie zum Arzt begleitet und für ihre Interessen eintritt.

Wie kann man als Angehöriger einen drohenden Suizid erkennen?

Der Betroffene wirkt ständig depressiv, hat keine Lust mehr auf Gesellschaft, sagt, er sei verzweifelt oder trifft Vorbereitungen, indem er etwa Medikamente ansammelt.

Was macht man dann?

Möglichst offen ansprechen, dass man sich Sorgen macht, und vorschlagen, den Betroffenen zum Hausarzt zu begleiten. Wenn er nicht will, selbst Hilfe beim Hausarzt oder Notarzt suchen.

Begehen auch Menschen mit Demenz Suizide oder kommen die gar nicht auf den Gedanken?

Doch, das kommt durchaus vor. Wachsam sollte man als Angehöriger vor allem in frühen Stadien sein, wenn eine Diagnose frisch mitgeteilt wird und der Betroffene noch ausreichend Einsicht hat.

Jetzt mal aus Sicht der Betroffenen: Wenn ein Senior den Eindruck hat, das Leben habe keinen Sinn mehr oder gar schon mit dem Gedanken spielt, sich bei Dignitas oder Exit anzumelden: Was kann derjenige tun?

Aus ärztlicher Sicht rate ich von Dignitas und Exit ab, vor allem bei potentiell heilbaren Erkrankungen wie einer Depression. Am besten erzählt man seinem Hausarzt davon oder wenn der nicht erreichbar ist, der Telefon-Seelsorge.

Darf nicht jeder frei entscheiden – auch ein Senior – ob er einen assistierten Selbstmord begehen möchte?

Aus meiner Sicht ist weniger die freie Entscheidung des Betroffenen das Problem, sondern, dass der Anbieter dafür Geld nimmt.

Ich sehe eine grosse Gefahr darin, dass sich Menschen mit potentiell heilbaren (oder zumindest verbesserbaren) Leiden wie Depressionen oder chronische Schmerzen, töten lassen.

Bei einer Erkrankung wie der Demenz ist auch in weiter fortgeschrittenen Stadien die Lebensqualität der Betroffenen oft besser als man meinen würde. Ein Suizid in früheren Stadien würde also ein noch lebenswertes Leben unter Umständen unnötig verkürzen.

 

Der Psychiater Robert Perneczky leitet die Sektion für Psychische Erkrankungen im Alter und das Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist Co-Direktor der Abteilung für Neuroepidemiologie und Altersforschung am Imperial College in London.

erschienen: 01.11.2018

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