Fallbeispiel: Apathie

Frau Huber sitzt nur da

Sie berührt den Hund nicht und fängt nichts mit den Blumen an. Auch die Musik, die sie früher gerne hatte, scheint sie nicht zu berühren.
Sie berührt den Hund nicht und fängt nichts mit den Blumen an. Auch die Musik, die sie früher gerne hatte, scheint sie nicht zu berühren. Bild Dominique Meienberg

Eine frontotemporale Demenz hat die früher so lebensfrohe und kreative Angelika Huber apathisch gemacht. Jetzt sitzt sie einfach da und sagt nichts. Sie zeigt weder Freude noch Trauer und gibt den Betreuerinnen keine Rückmeldungen.

Von Martin Mühlegg

 

Angelika Huber ist eine «einfache» Bewohnerin. Ihre Ansprüche sind bescheiden: In der Nacht braucht sie ein Bett, am Tag einen Stuhl oder ein Sofa. Die Betreuer wechseln ihre Kleider, übernehmen die Körperpflege. Sie sorgen dafür, dass sie Essen bekommt und medizinisch versorgt wird. Wirkliche Ansprüche stellt Huber nicht. Manchmal wippt sie mit dem Oberkörper vor und zurück, manchmal bewegt sie auf dem Stuhl sitzend ihre Beine so, also ob sie laufen würde. Wenn ihr die Betreuenden morgens nicht aus dem Bett helfen würden, würde sie einfach liegen bleiben – ohne sich zu beschweren. 

Trotzdem sagt eine Betreuerin, Huber sei eine sehr schwierige Bewohnerin: «Ich bekomme nie eine Rückmeldung. So weiss ich nie, ob sie gerne hat, wie ich sie pflege. Sie teilt sich weder verbal noch nonverbal mit. Oft denke ich auch noch zu Hause darüber nach, wie es Frau Huber wohl geht bei dem, was wir mit ihr tun.»

Anhaltspunkte darüber, was Angelika Huber vor ihrer Erkrankung mochte oder nicht mochte, gibt ihre Biografie. Beim Eintritt in die Sonnweid vor sechs Jahren haben die Betreuer mit ihrem Ehemann längere Gespräche geführt. Er hat auch einen Bogen ausgefüllt, der nach Vorlieben und Abneigungen der neuen Bewohnerin fragte. «Sie war eine fröhliche Natur und sprudelte vor Lebensenergie», sagt ihr Ehemann.

Angelika Huber wuchs in einer mittelständischen Familie auf. Sie lernte Floristin und eröffnete mit 35 den eigenen Blumenladen, den sie mit Geschick und Herzblut führte. Mit 28 lernte sie ihren Lebenspartner kennen und heiratete ihn zehn Jahre später. Der Wunsch nach Kindern blieb den beiden unerfüllt. In der Freizeit wanderten sie zu zweit oder mit Freunden in den Alpen. Mehrmals bereisten sie abseits der Touristenströme Griechenland.

«Die Liebe zu meiner Frau ist immer noch da – aber heute ist es eher das Gefühl einer Vater-Kind-Liebe. So kann ich mein eigenes Leben weiterleben. Ich habe gelernt, den langsamen Abschied zuzulassen.»

Der Ehemann

Ein prägendes Erlebnis war eine zweiwöchige Wanderung, die sie von Chur nach Sion führte. In der Gesellschaft ihrer Freunde fühlte sich Huber wohl. Sie hörte sehr gerne Musik, besuchte Konzerte und interessierte sich für fremde Kulturen. Sie mochte die Arbeit im Haushalt und sorgte immer dafür, dass es in ihrer Wohnung schön aussah. Für ihre Blumenarrangements und Dekorationen erhielt sie viel Lob. Erfüllung fand sie auch auf langen Spaziergängen mit ihrem Cockerspaniel. 

Was früher wichtig war berührt sie heute nicht mehr

Die Betreuer geben sich Mühe, an diese positive Erlebnisse anzuknüpfen. Doch ob sie Sirtaki-Musik laufen lassen, Blumen oder den Therapiehund auf die Station holen: Angelika Huber sitzt einfach da und regt sich nicht. «Mit den Augen verfolgt sie das Geschehen», sagt die Betreuerin. «Aber sie berührt den Hund nicht und fängt nichts mit den Blumen an. Auch die Musik, die sie früher gerne hatte, scheint sie nicht zu berühren.»

Ihr Gesicht zeige keinerlei Regungen. «Manchmal habe ich das Gefühl, sie schaue durch mich hindurch», so die Betreuerin. Spaziergänge oder gar Wanderungen sind kaum mehr möglich: Huber leidet an einer schmerzhaften Kniearthrose und kommt schnell ausser Atem.

Die einzigen Worte, die sie in den letzten Jahren von sich gegeben hat, stehen auf Zeichnungspapier. «Maschetesten der jechem achachterst, Macherten atetacheten machtertete...», heisst es da. Die Buchstabenschlangen bilden den tapetenartigen Hintergrund zu zwei vorgedruckten Vögeln, die Angelika Huber sorgfältig ausgemalt hat. Die Zeichnungen sind zwei Jahre alt. Wenn die Betreuerinnen Huber heute zum Zeichnen animieren, zerkaut sie die Farbstifte und zerknüllt das Papier. Oft kippt sie vornüber und schlägt mit dem Kopf auf die Tischplatte. Weil dies auch beim Essen vorkommt, kann man keinen Teller vor sie hinstellen.

Der Blumenladen musste geschlossen werden, und eine Abklärung brachte die Erkenntnis, dass Angelika Huber an einer frontotemporalen Demenz erkrankt war. Sie verdrängte dies und sagte Ärzten und Bekannten, ihr ginge es gut, sie sei kerngesund.

Ein dankbares Opfer von Verkäufern

Im Alter von 50 Jahren machten sich bei Angelika Huber erste Anzeichen einer Demenz bemerkbar. Sie vergass Termine, liess Dinge liegen und verhielt sich merkwürdig. Offen sei sie schon immer gewesen, sagt ihr Ehemann, aber zunehmend sei sie allzu übermütig auf fremde Menschen zugegangen. «Wenn wir in ein Restaurant gingen, verhielt sie sich so, als ob sie alle Gäste kennen würde. Sie dachte wohl, wir würden uns mit all diesen Menschen treffen.»

Aus Scham mied ihr Ehemann fortan in ihrer Gesellschaft die Öffentlichkeit. Angelika Huber war in dieser Zeit ein dankbares Opfer von Verkäufern. Im Anfangsstadium ihrer Demenz unterschrieb sie viele Verträge und kaufte beinahe alles, was man ihr anbot. Der Blumenladen musste geschlossen werden, und eine Abklärung brachte die Erkenntnis, dass Angelika Huber an einer frontotemporalen Demenz erkrankt war. Sie verdrängte dies und sagte Ärzten und Bekannten, ihr ginge es gut, sie sei kerngesund. 

Ihr Ehemann betreute sie zu Hause. Wenn er arbeitete, brachte er sie in eine Tagesstätte. Zwei Jahre lang ging dies recht gut. Mehr und mehr gab es aber Probleme. Angelika Huber begann zu schreien, nervte die Mitbewohner der Tagesstätte oder kaute Gegenstände. Der Ehemann suchte Rat in der Sonnweid mit der Bitte, dass man «die Medikamente neu einstellen solle». Es stellte sich heraus, dass Angelika Huber in die Sonnweid übersiedeln musste, weil ihr Mann und die Tagesklinik zunehmend überfordert waren.

In den ersten Jahren während ihres Aufenthaltes in der Sonnweid war Huber aktiver. Sie malte Mandalas, sortierte allerlei Gegenstände zu eigenwilligen Dekorationen und spazierte viel durch die verschiedenen Abteilungen und den Garten. Anstatt zu sprechen, begann sie zu schreien. Stundenlang klopfte sie mit Gegenständen auf den Tisch, knirschte mit den Zähnen und ass so viel, dass sie 30 Kilogramm zunahm. Die Psychiaterin diagnostizierte eine Depression und verschrieb Antidepressiva. Dies verschaffte ihr etwas Linderung.

Mit kühlen Waschungen die Lebensgeister simulieren

«Pflegeleichte» Bewohnerinnen wie Angelika Huber vergisst man gerne. Man könnte sie einfach auf ihrem Stuhl sitzend dem Schicksal überlassen. Arbeit mit den anderen Bewohnern ist ja mehr als genug da. «Obwohl wir keine Reaktionen von Frau Huber erhalten, haben wir einen Plan und bieten ihr mehrmals täglich aktivierende oder entspannende Impulse an», sagt eine Betreuerin. «Wir stimulieren mit kühlen Waschungen die Lebensgeister, manchmal kämmen wir ihre Haare in der Gegenrichtung oder machen Umschläge, um ihre Knieschmerzen zu lindern. Wir führen Frau Huber immer wieder zu einer Gartenbank mit Blick auf die farbigen Blumen.» 

«Es ist uns wichtig, mit Frau Huber in Verbindung zu bleiben, sie immer wieder anzusprechen, denn wir sind davon überzeugt, dass sie uns wahrnimmt und versteht, auch wenn sie nicht reagieren kann. Wir spüren ein ganz tiefes Vertrauen von ihrer Seite.»

Eine Betreuerin

Auch Handmassagen mit Blumendüften wie Jasmin, Rosengeranien oder Lavendel sind Momente der Zuwendung. Wichtig ist die Erhaltung der Mobilität. Mit kurzen Spaziergängen, Massagen zur Stärkung der Muskulatur und Bewegungsübungen unterstützen die Betreuenden Angelika Huber. Regelmässig begleiten sie die Bewohnerin zu Anlässen im Heim wie Musiknachmittage, Vorstellungen eines Clowns, Bewegungsstunden oder Kuchen backen. Huber nimmt zwar nicht wirklich teil, sondern sitzt einfach da und schaut dem Geschehen zu. Ihre Betreuerin sagt dazu: «Es ist uns wichtig, mit ihr in Verbindung zu bleiben, sie immer wieder anzusprechen, denn wir sind davon überzeugt, dass sie uns wahrnimmt und versteht, auch wenn sie nicht reagieren kann. Wir spüren ein ganz tiefes Vertrauen von ihrer Seite.» 

Angelika Hubers Lebenspartner besucht sie jeden Sonntag. Im Austausch mit dem Betreuungsteam und dem Heimleiter hat er eine Form gefunden, seine Frau zu begleiten. Er sagt: «Die Liebe zu meiner Frau ist immer noch da – aber heute ist es eher das Gefühl einer Vater-Kind-Liebe. So kann ich mein eigenes Leben weiterleben. Ich habe gelernt, den langsamen Abschied zuzulassen.»

erschienen: 18.04.2016

Kommentare