Fallbeispiel: Angst

Die Angst einfach weggewaschen

Anfangs verweigerte Frau Haug hartnäckig jede Pflege. Wer ihr zu nahe kam, kassierte Fusstritte und Boxhiebe.
Anfangs verweigerte Frau Haug hartnäckig jede Pflege. Wer ihr zu nahe kam, kassierte Fusstritte und Boxhiebe. Bild Dominique Meienberg

Irma Haug misstraut fremden Menschen. Schritt für Schritt erarbeiteten sich die Betreuenden das Vertrauen der kleinen und drahtigen Frau. Ein Baderitual spielte dabei eine wichtige Rolle.

Von Martin Mühlegg

Als Irma Haug vor zwei Jahren in die Sonnweid kam, traute sie niemandem. Sie ging davon aus, dass ihr niemand wohlgesinnt sei. In den ersten Wochen war sie nicht nur misstrauisch, sondern zutiefst verängstigt und paranoid. Wenn sich eine Betreuerin auf sie zu bewegte, wich sie zurück und nahm eine Abwehrhaltung ein. Ihre grossen Augen drückten Angst und Entsetzen aus. Manchmal weinte sie, manchmal kniff oder schlug sie unvermittelt ihre Mitbewohner oder Betreuerinnen. Sie beschuldigte die Menschen in ihrem Umfeld, sie bestohlen zu haben. Die Pflege verweigerte sie hartnäckig. Wer ihr zu nahe kam, kassierte Fusstritte und Boxhiebe. 

Irma Haug
Irma Haug Illustration Massimo Milano

Anfangs blieb den Betreuerinnen keine andere Wahl, als sie mit einem Beruhigungsmittel zur Pflege gefügig zu machen. Ruhig und entspannt war Irma Haug nur während ihrer sieben bis acht Stunden langen Nachtruhe. Mit Männern verbindet Irma Haug schlechte Erinnerungen. Ihr Vater missbrauchte sie, ihre Mutter behandelte sie schlecht und deckte die Gräueltaten des Vaters. Mit 16 verliess sie das Elternhaus und zog als Au-pair nach England.

Sie kam zurück in die Schweiz, wurde schwanger und heiratete. Der Ehemann, mit dem sie zwei Töchter und einen Sohn aufzog, behandelte sie ähnlich schlecht wie es ihr Vater getan hatte. Sie scheint ihn bis heute zu hassen – wenn sie seinen Namen hört, reagiert sie mit Aggression und Wut. Nach der Scheidung lebte sie mit einem Mechaniker aus Griechenland zusammen. Dieser liess sie 24 Jahre später sitzen, indem er ohne Vorwarnung und Verabschiedung in seine Heimat zurückkehrte.

Angehörige haben selber genug Probleme

Danach ging Irma Haug mehrere Beziehungen ein, die nicht von Dauer waren. Zuletzt lebte sie mit ihrer erwachsenen und psychisch kranken Tochter zusammen. Die beiden Töchter sind die einzigen Personen, die bis heute regelmässig Kontakt zu ihr haben. Aber auch dieser ist brüchig. Die Töchter ertragen den Anblick der erkrankten Mutter nur ein- bis zweimal pro Jahr. Wenn sie in die Sonnweid kommen, erzählen sie den Betreuenden vor allem von ihren eigenen Krankheiten und Problemen. An Informationen über das Verhalten ihrer Mutter zeigen sie wenig Interesse: «Ich will das nicht hören, ich habe selber genug Probleme.»

Wie instabil die Familie Haug war und ist, zeigt sich auch am Verhalten ihres Sohnes. Er hat den Kontakt vor Jahren abgebrochen. Haugs Wut auf ihre Ex-Partner und die Enttäuschung über das Verhalten des Sohnes bekommen vor allem die männlichen Bewohner und Betreuer der Sonnweid zu spüren. Nicht selten kassieren sie Schläge von der kleinen Frau, die überraschend viel Kraft hat.

«Sie haben mein Geld gestohlen!»

Irma Haug arbeitete als Verkäuferin in einem Supermarkt. Sie war knapp 60 Jahre alt, als sie auf dem Weg zur Arbeit von einem Auto angefahren wurde. Sie erlitt schwere Kopfverletzungen und erholte sich nur langsam davon. Ihre Arbeit konnte sie nach dem Unfall nicht mehr aufnehmen. Sie lebte von da an von einer Invalidenrente. Zwei Jahre später kam sie wegen einer Harnwegentzündung ins Spital. Dort fiel den Mitarbeitern das eigenwillige Verhalten der Frau auf. Eine neurologische Untersuchung zeigte auf, dass ihre Hirnleistung massiv reduziert war.

Die Betreuer und Bewohner der Heime fürchteten sich ihrerseits vor Haug, weil sie Schläge austeilte und keine Pflege duldete.

Irma Haug kam in ein Pflegeheim, wo sie sich vom ersten Tag an von Betreuenden und Mitbewohnern bedroht fühlte. «Sie haben mein Geld gestohlen», sagte sie immer wieder. «Sie wollen mir alles wegnehmen. Sie machen das nur mit mir, nicht mit den anderen.» Haug wurde in zwei weitere Heime verlegt. Die Betreuer und Bewohner der Heime fürchteten sich ihrerseits vor Haug, weil sie Schläge austeilte und keine Pflege duldete. Sie mochte niemanden an ihren neuen Wohnorten, und niemand mochte sie. Nach mehreren Monaten in verschiedenen Heimen wurde sie in die Sonnweid verlegt.

Die Angst der Betreuenden

Einige Wochen nach ihrem Eintritt begann eine positive Entwicklung. Einerseits suchten die Betreuenden nach Wegen, das Vertrauen von Irma Haug zu gewinnen, ohne den Respekt vor ihrem Willen zu vernachlässigen. Erste Erfolge erzielten sie, als sie mit ihr durch die Gartenanlage spazierten. Andererseits zeigte sich, dass sich Haug vor allem vor Menschen fürchtete, die sie nicht kannte. Wöchentlich machte sie positive Erfahrungen mit den Betreuenden und wurde zutraulicher.

«Basale Stimulation zu Beginn wäre eine Überforderung gewesen», sagt eine Betreuerin. «Wer so viele schlechte Erfahrungen wie sie gemacht hat, fürchtet sich vor Berührungen. Und wir hatten Angst davor, dass wir etwas falsch machen könnten.» Bereits in den anderen Heimen hatte Haug gerne Gegenstände in die Hände genommen, betastet, angeschaut und drapiert. Die Betreuenden gaben ihr Körbe, die allerlei Gegenstände enthielten. Mit diesen Körben fand sie etwas, das sie beschäftigte und ihr offenbar gefiel.

Die Körperpflege beschränkte sich anfangs auf ein Vollbad pro Woche. Dieses, so zeigte sich im Nachhinein, war der wichtigste Schlüssel zu Irma Haugs Vertrauen. Die Betreuenden haben das Badezimmer auf ihrer Station liebevoll eingerichtet und dekoriert. Es wird darauf geachtet, dass immer die gleiche Betreuende die gleichen Bewohner badet. Sanfte Musik und beruhigende Düfte (zum Beispiel Melisse oder Neroli) begleiten die Badenden.

Ein Vollbad ist für die Bewohner der Sonnweid ähnlich komfortabel wie für die Gäste eines Wellness-Hotels. Trotzdem liess sich Haug anfangs nur unter Beruhigungsmitteln mithilfe zweier Betreuerinnen in die Badewanne bewegen. War sie einmal im Wasser, entspannte sie sich zusehends. Meist war sie nach dem Bad so entspannt, dass sie in ihrem frisch gemachten Bett zwei Stunden schlief. Nach dem Baden machten ihr die Betreuenden Komplimente: «Sie riechen sehr gut, Frau Haug. Ihre Haare sind schön.»

Haug nahm diese Komplimente mit kindlicher Verlegenheit entgegen. Nach einigen Wochen wusste sie, was ihr bevorstand, wenn die Türe zum Badezimmer geöffnet wurde. Ihr Widerstand liess mit jedem Baderitual nach, bis sie sich schliesslich darauf freute. Die Medikamente konnten abgesetzt werden. Parallel dazu legte sie ihre Angst nach und nach ab, so lange sie auf der Station die ihr vertrauten Menschen um sich hatte. Neue Betreuende mussten sich jenes Vertrauen erarbeiten, das Haug den anderen bereits entgegenbrachte.

Heute geniesst sie die Berührungen sogar

Heute wehrt sich Irma Haug nicht mehr gegen die Pflege. Sie geniesst sogar Berührungen und Umarmungen jener Betreuerinnen, die sie gut mag. Die Frau hat erst im Alter von über 60 Jahren gelernt hat, gut gemeinte Berührungen zuzulassen und zu geniessen. Mit ihren Töchtern kann sie diese Erfahrung nicht teilen – sie können diese Nähe nicht zulassen und nehmen kaum teil an dem Leben ihrer Mutter.

«Frau Haug war für uns eine grosse Herausforderung», sagt eine Betreuerin. «Am Anfang war es praktisch unmöglich, sie an den Esstisch zu führen, ihre Kleider zu wechseln oder sie zu pflegen. Umso schöner ist es jetzt, wo wir den Zugang zu ihr gefunden haben. Ich denke, sie spürt, dass wir ihren starken Willen akzeptieren und Verständnis haben für ihre Angst.»

erschienen: 18.04.2016

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