Welche Beschäftigung ist sinnvoll?

Demenz und Langeweile – Literatur und Links

Das Glück des Nichtstuns: Hunde können es besser als Menschen.
Das Glück des Nichtstuns: Hunde können es besser als Menschen. Bild PD

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Langeweile und Musse, Langeweile und Rückzug und Langeweile und Aggressivität. In unseren Medientipps spannen wir einen grösseren Bogen, um schliesslich von der Kultur auf die Wissenschaft zu schliessen: Was bedeutet Langeweile im Umgang mit Demenzbetroffenen?

Von Marcus Klug

Für Einsteiger

Heute schalten wir aus lauter Angst den Fernseher ein oder kramen unser Smartphone heraus, wenn uns langweilig ist. Im Zusammenhang mit unserem Gedächtnis sprechen Forscher allerdings von einem pfleglichen Umgang, wenn wir zwischendurch bewusst abschalten, um unser Gehirn auf «Leerlauf» zu stellen (siehe dazu auch das beigefügte Erklärvideo).

Derartige Zusammenhänge beleuchtet der Kulturjournalist Ulrich Schnabel in seinem herausragenden Werk «Musse: Vom Glück des Nichtstuns». Schnabel spannt den Bogen von grossen kulturellen Geistern und Müssiggängern wie Goethe bis hin zum modernen Menschen, der Musse häufig mit Faulheit verwechselt.

Daneben macht der Autor dem Leser die Entschleunigung des Alltags schmackhaft. Während jedoch der Müssiggang für das bewusste Abschalten steht, ist die Langeweile kein bewusst gewählter Zustand, auch wenn unser Gehirn gelegentliche Langeweile durchaus zu schätzen weiss.

Im Zusammenhang zur Pflege von Menschen mit Demenz muss ich gerade an folgendes Bild denken: Ein Pflegeheim in Bern, da sitzen die Demenzpatienten in Erste-Klasse-Sesseln und schauen statt aus dem Fenster auf einen Film in Endlosschleife, in dem die Berglandschaft vorbeizieht.

Dieses Szenario habe ich aus einem Spiegel-Interview mit dem Pflegeheimleiter und Ethik-Experten Michael Schmieder mit dem Titel «Die sind nicht bescheuert» entnommen. In diesem Interview geht es um den verstörenden Trend, Demenzkranke in einer «falschen» Realität leben zu lassen.

Mir kommt dabei im Zusammenhang mit Langeweile noch eine andere Assoziation in den Sinn: «Künstliche Dauerbeschallung als Zwangsmassnahme».

Wenn wir als professionelle Helfer die Langeweile so wie beinahe alle modernen Menschen als Problem betrachten, wie können wir dann überhaupt zu der Frage vordringen, wann Beschäftigung wirklich sinnvoll ist? Ich finde, dass ist eine bemerkenswerte Frage in der heutigen Zeit.

Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen Langeweile und Aggressivität. Manche Katzen sind unberechenbar, kratzen, beissen und fauchen plötzlich, wenn ihnen allzu langweilig wird. Und was für Katzen gilt, gilt auch für das Tier Mensch, wie schon Konrad Lorenz wusste. Menschen mit Demenz sind zuweilen auf unsere Hilfe angewiesen, wenn es um Beschäftigung geht.

Unser Gehirn im «Leerlauf» (Video in Englisch)


Quelle youtube


Wenn wir uns aber nicht um diese Menschen kümmern und sie in ihren Aktivitäten unterstützen, können sie auch aggressiv werden.
Die nächste Stufe wäre dann der Rückzug, die Apathie. Tagesstruktur, Normalität und Abwechslung sind wichtige Stichworte, wenn es darum geht, Aggressivität und Apathie im Pflegealltag zu reduzieren.

Für Fortgeschrittene und Wissenschaftler

Senioren, so wissen Psychologen, leiden häufiger unter Unterforderung und bezeichnen das Phänomen unter dem Begriff des «Bore-out», abgeleitet vom englischen Wort für Langeweile.

Die Unterforderung führt zu Mattigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit und kann in einer Depression enden.

Entscheidend sei, so sagen die Psychologen, dass sich bei Menschen im Alter nicht das Gefühl einstelle, nicht mehr gebraucht zu werden. Etwas hysterisch formuliert: «Langeweile ist der Burn-out der Senioren».

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Quellen, vor allem in englischer Sprache, die untersuchen, wie etwa aus Langeweile «herausfordernde Verhaltensweisen» wie Depression, Apathie, Agitiertheit und Einsamkeit entstehen können.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Je weniger anregend die Umgebung, desto ausgeprägter die Langeweile. An dieser Stelle seien für die Ursachen und Wirkungsweisen nur exemplarisch ein paar Links zu Forschungen genannt. Etwa die Forschungsstudien «The measurement of boredom: differences between existing self-report scales» (2013), «Enriching opportunities for people living with dementia: The development of a blueprint for a sustainable activity-based model» (2007) oder auch «Activity situations on an Alzheimer´s disease special care unit and residential environmental interactions, time use, and effect» (2005).

Dieser Artikel erschien auf der Website des Dialog- und Transferzentrums Demenz der Universität Witten Herdecke. Wir bedanken uns herzlich für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

erschienen: 12.02.2018

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