Fahrtüchtigkeit

Soll man sie einfach aus dem Verkehr ziehen?

Notfall
Notfall Illustration Badoux

Einem Menschen mit Demenz mitzuteilen, dass er nicht mehr Auto fahren darf, ist eine heikle Angelegenheit. Nicht immer sind die Betroffenen einsichtig. Auch die Rolle der Angehörigen gestaltet sich schwierig.

Von Petra Schanz

«Mein Vater hat eine diagnostizierte Demenz und der Arzt hat ihm ein mündliches Fahrverbot erteilt. Aber er fährt trotzdem. Er ist ein furchtbarer Dickschädel. Jetzt noch mehr als vorher.» Das schreibt eine Frau in einem Demenzforum und erhofft sich Ratschläge und Tipps von Gleichgesinnten. Wann darf ein Mensch mit Demenz nicht mehr Auto fahren? Die Lage ist weder einfach noch eindeutig. «Es gibt keine klaren Kriterien, im Durchschnitt sind es rund ein bis zwei Jahre nach Diagnosestellung.», sagt Irene Bopp, leitende Ärztin der Memory-Klinik der Universitären Klinik für Akutgeriatrie am Stadtspital Waid in Zürich. 

Mit 70 zur Kontrolluntersuchung

Ab 70 wird in der Schweiz jeder Automobilist alle zwei Jahre zur vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung aufgeboten. Ein Aargauer SVP-Parlamentarier wollte mit einer parlamentarischen Initiative erreichen, dass das Alter der erstmaligen Untersuchung von 70 auf 75 Jahre heraufgesetzt wird. Nun hat der Zürcher Regierungsrat sich in einer Stellungnahme negativ zu diesem Vorhaben geäussert, wie der Tages-Anzeiger berichtete. Dies mit der Begründung, dass sich unter den zwischen 70 und 75 untersuchten Leuten «zahlreiche Personen mit eindeutig verkehrsrelevanten medizinischen Einschränkungen befinden».

Am stärksten wirken sich Aufmerksamkeitsstörungen, Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen sowie Störungen der räumlichen Wahrnehmung auf die Fahrweise aus – viel mehr als Gedächtnisprobleme. Dabei geht es zum Beispiel um die gleichzeitige Verarbeitung von visuellen und akustischen Signalen, die sogenannte geteilte Aufmerksamkeit. Exekutive Funktionen umfassen Planung, Voraussehen von Veränderungen, Flexibilität, Antrieb, Motivation und Impulskontrolle.

Die Wahrnehmung schliesslich braucht es, um Gefahrensituationen oder Verkehrsschilder rechtzeitig zu erkennen und den Überblick und die Orientierung im Verkehr zu bewahren. Dies schreiben die Autoren der «Konsensusempfehlungen zur Beurteilung der medizinischen Mindestanforderungen für Fahreignung bei kognitiver Beeinträchtigung». Das Autorenteam ist eine Expertengruppe aus den unterschiedlichsten Fachgebieten.  

Lieber freiwillig aufhören

«Es kommt aber auch auf die Art der Demenz an», sagt Bopp. Bei einer frontotemporalen Demenz mit mangelnder Impulskontrolle komme es beispielsweise meist schon zu Beginn der Diagnose zu einer Fahruntauglichkeit. Daneben müsse auch beachtet werden, wie eine Person Auto fahre, ob sie schon viele Unfälle hatte, ob sie nah auf das vordere Auto auffahre.

«Menschen mit Demenz haben Mühe, Distanzen und Geschwindigkeiten einzuschätzen, vergleichbar mit kleinen Kindern.»

Irene Bopp
Die Betroffenen warten dann an einem Kreisel oder an einer Kreuzung ganz lange, um plötzlich loszufahren, obwohl andere Verkehrsteilnehmer schon ganz nah sind.

Psychologen oder Ärzte haben im Falle einer Demenzdiagnose also unter anderem die Aufgabe, Patienten über die Problematik des Autofahrens zu informieren. Irene Bopp thematisiert dies meist schon bei Diagnosestellung. «Ich bereite die Patienten darauf vor, dass sie in den nächsten ein bis zwei Jahren damit rechnen müssen, das Fahren aufzugeben.» Bopp hofft, dass auf diese Weise die Patienten den Fahrausweis irgendwann freiwillig abgeben. Nichts findet sie schlimmer, als wenn er amtlich entzogen wird. «Das ist eine enorme Kränkung», sagt sie.

Dr. Irene Bopp-Kistler
Dr. Irene Bopp-Kistler Bild Roland Brändli

Es sei auch wichtig, andere Krankheiten zu berücksichtigen, die sich ebenfalls auf die Fahrweise auswirken können. Beispielsweise Diabetes im Falle einer Unterzuckerung oder eine Medikamenteneinnahme. «Häufig fällt es Betroffenen leichter, sich einzugestehen, dass sie wegen einer körperlichen Krankheit nicht mehr Auto fahren dürfen als aufgrund der Demenz», sagt Bopp.

Generation Autofahrer

Nicht immer sind die Patienten einsichtig. Dann kommt es zu einer Meldung an das Strassenverkehrsamt (siehe unten). Dies ist auch ohne eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht möglich. «Ich bin zwar nicht verpflichtet, eine Meldung zu machen», sagt Bopp, «aber ich will schliesslich nicht, dass einer meiner Patienten jemanden überfährt.» Sie macht rund einmal pro Monat eine Meldung an die Behörden. Dies bei einer Menge von 400 neuen Patienten pro Jahr. «Weil ich das Thema rechtzeitig anspreche und einen Prozess in Gang bringe, ist diese Zahl nicht so hoch», sagt sie.

Dass die Abgabe des Führerausweises ein so heikles Thema ist, hat auch mit der Generation zu tun, die zurzeit von Demenz am stärksten betroffen ist. «Für mich hat das Autofahren eine andere Bedeutung, als für jemanden, der heute 70 oder älter ist», sagt Bopp. Bei älteren Menschen ist das Autofahren nach wie vor ein Statussymbol. Bei der Generation 80+ sind es vorwiegend die Männer, bei den heute 70-Jährigen zeigt sich das Problem genauso bei den Frauen. «Die Abgabe des Führerausweises bedeutet die Aufgabe der Freiheit», sagt Bopp.

Angehörige im Dilemma

Nicht immer schaffen es Angehörige, die freiwillige Abgabe des Ausweises zu fördern. «Oft haben sie Angst vor der Reaktion des Betroffenen», sagt Bopp. Oder sie sind von der Abgabe ebenfalls tangiert, weil sie dann zum Beispiel niemanden mehr haben, der sie zum Einkaufen fährt.

Irene Bopp stellt in solchen Fällen oft die Enkelfrage. Würde die Tochter ihre Kinder noch mit dem Vater fahren lassen?

Häufig kommt darauf ein vehementes Nein. Bopp rät den Angehörigen in besonders schwierigen Fällen die Schlüssel zu verstecken, das Auto zu verkaufen oder die Batterie abzuhängen, insbesondere dann, wenn Betroffene weiter fahren, obwohl ihnen der Fahrausweis entzogen wurde. Und nicht zuletzt dürfen auch Angehörige eine Meldung beim Strassenverkehrsamt machen – anonym.

Die wesentlichen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einschätzung der medizinischen Mindestanforderungen in Memory-Kliniken.
Die wesentlichen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einschätzung der medizinischen Mindestanforderungen in Memory-Kliniken. Quelle praxis 2012

Liste der Memory-Kliniken in der Schweiz

So läuft eine Kontrollfahrt ab

Geht beim Strassenverkehrsamt eine Meldung betreffend Fahreignungsabklärung ein, wird mit einer entsprechenden amtlichen Verfügung eine verkehrsmedizinische Untersuchung angeordnet. Viele dieser Abklärungen werden im Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich gemacht. Beispielsweise bei Verkehrsmediziner Rolf Seeger: «Wir studieren zuerst Berichte und klären ab, ob es Meldungen von der Polizei gibt.» Im 45-minütigen Gespräch mit dem Betroffenen versucht der Verkehrsmediziner herauszufinden, wie es um die Fahreignung steht. Erst am Schluss wird ein Angehöriger zum Gespräch dazu geholt.

Anschliessend werden Tests zur Sehfähigkeit und zur körperlichen Fitness gemacht, Nebenerkrankungen angeschaut sowie diagnostische Instrumente zur Feststellung einer Demenz angewendet. Dann stellt sich heraus, ob der Betroffene noch fahren kann, nicht mehr fahren kann oder ob er ein Grenzfall ist. «Bei Letzteren – etwa einem Viertel – empfehlen wir der Strassenverkehrsbehörde, eine ärztlich begleitete Kontrollfahrt anzuordnen», sagt Seeger. Die findet sechs Wochen später zusammen mit dem Verkehrsmediziner und einem Fahrexperten des Strassenverkehrsamtes statt.

Der Betroffene hat aber auch die Möglichkeit, auf diese zu verzichten und den Ausweis freiwillig abzugeben. Wer die Fahreignungsabklärung besteht, darf weiterfahren und wird in einem Jahr wieder zur Kontrolle aufgeboten. Wer sie nicht besteht, muss den Ausweis abgeben. Wenn ein Betroffener trotz Fahrausweisentzug fährt – beispielsweise, weil er vergisst, dass er nicht mehr fahren darf – muss je nach dem mit Konsequenzen rechnen.

«Bei einer mittelschweren bis schweren Demenz werden Verfahren oft eingestellt, weil die Betroffenen nicht schuldfähig und auch nicht vernehmungsfähig sind», so Seeger. Bei leichter Demenz kann es nebst strafrechtlichen auch versicherungstechnische Folgen haben: «Die Versicherungen sind in gewissen Fällen sogar verpflichtet, einen Teil des Schadens beim Verursacher einzuziehen, und das kann teuer werden.»

Die Illustration «Notfall» des kürzlich verstorbenen Illustrators und Comic-Zeichners Christophe Badoux ist erstmals im Band «Krank geschrieben» veröffentlicht worden (Edition Moderne ISBN 978-3-03731-153-0).

erschienen: 15.02.2017

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