Sonnweid der Campus

Haltung ist lernbar

Die Haltung der Betreuenden ist ein zentraler Aspekt beim Umgang mit Menschen mit Demenz. Sonnweid der Campus vermittelt in seinen Kursen neue Sichtweisen, welche die Haltung und das Verhalten der Teilnehmer positiv beeinflussen können.

Von Andrea Mühlegg-Weibel

«Der Mensch steht für uns im Mittelpunkt (und da ist er nie im Weg).» Dieser Satz aus unserer Präsentation zum Umgang mit Menschen mit Demenz ist verpflichtend und auch ein wenig provozierend. Viele Leitbilder bauen auf dieser Überzeugung auf. Deshalb sind die Unterstützung und Vertiefung einer wertschätzenden, respektvollen und personenzentrierten Haltung ein oft gewünschtes Bildungsthema. Aufbauend auf dem Bildungsverständnis «der Mensch ist lebenslang lernfähig» lässt sich demnach auch die Haltung eines Menschen bilden. In diesem Zusammenhang stellen sich für Bildungsverantwortliche vor allem zwei Fragen:

Worauf basiert die Haltung eines Menschen?

Haltung basiert gemäss Fachliteratur auf den Annahmen zum Menschsein. Die Grundannahmen zum Menschsein umfassen anthropologische, erkenntnistheoretische, ethische und metaphysische Annahmen zur menschlichen Existenz. Jeder Mensch hat eigene Annahmen, sie sind einzigartig und geprägt von seinen Erfahrungen im Leben. Gemeinsam mit der biologisch-genetischen Prägung und durch die Sozialisation entwickelt der Mensch Kompetenzen. Diese Entwicklung steht in ständiger Wechselbeziehung zu seinem familiären, sozialen und kulturellen Umfeld. Gezeigtes Verhalten ist als dauernder Austauschprozess von Aktion und Reaktion zu verstehen.

Der Schriftsteller Paul Nizon sagte dazu: «Man müsste wissen, als wer man gedacht ist.» Da wir dies nicht wissen, befindet sich der Mensch auf einer lebenslangen Sinnsuche. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ergibt sich aus der Fähigkeit, sich immer wieder aus beengenden Situationen zu befreien und Rahmenbedingungen zu suchen, die eher die kreative Veränderung stützen als die Anpassung fördern.

Dies sollte generell zu lebenswerteren Bedingungen für die Gesellschaft und die Umwelt mit allen Kreaturen führen. Für diese Hoffnung lohnt es sich, auf individueller und soziokultureller Ebene sinngebende Dinge zu tun – wie beispielsweise Menschen mit Demenz zu betreuen. Somit scheint Haltung unser Verhalten zu prägen. Im Alltag ist dies lebendig, erfahrbar und sichtbar.

Bild Dominique Meienberg

Wie können wir Haltung weiterentwickeln?

Da Haltung durch das Verhalten eines Menschen erlebbar wird, können Bildungsangebote dienlich sein, die uns unsere Prägungen bewusst machen. Das gemeinsame Erarbeiten von Verhaltensweisen im Team basiert auf der Überzeugung: Menschliche Realität wird immer subjektiv wahrgenommen und erlebt, trotzdem ist es in gewissen Situationen möglich, andere Sichtweisen zu verstehen und die eigenen zu erweitern. Auf diesem Weg können wir gemeinsam neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten in der Betreuung entwickeln. Nachfolgend ein Beispiel einer solchen Gruppenarbeit.

 

 

 

Übung zur Entwicklung neuer Sichtweisen

Bilden Sie drei Gruppen. Im Beziehungsdreieck «Bewohner – Mitarbeiter – Angehörige» erhält jede Gruppe ein Überthema. Ihres ist «die Mitarbeitenden».

Diskussionsthema: Haltung prägt Verhalten

Diskutieren Sie an Ihrem Tisch folgende Fragestellungen und gestalten Sie dazu Ihr Tischblatt. Welche Stichworte verbinden Sie mit dem Begriff Haltung? Beispiele: Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Empathie usw. Solche Begriffe werden oft als Worthülsen wahrgenommen, deshalb hilft es, sie gemeinsam zu füllen. Bearbeiten Sie zwei bis drei Stichworte der Haltung vertieft.

Welche Werte und Normen leiten Sie von Ihrer Haltung ab? Beispiel Respekt: Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, einander ernst nehmen usw. Welche Verhaltensweisen leiten Sie von Ihren Werten und Normen ab? Beispiel Verlässlichkeit: Wir halten uns an Vereinbarungen, wir haben eine Mitsprache usw. Einander ernst nehmen: Wir respektieren die Meinungen der anderen, wir hören aktiv zu, wir geben ehrliche Feedbacks usw.

Das gemeinsame Erarbeiten und Definieren von verbindlichen Abmachungen sowie der Konsequenzen bei Abweichungen stärkt das Team in der Zusammenarbeit. Dies wirkt sich direkt auf die Qualität ihrer Betreuung aus. Um nicht nur Nettigkeiten auszutauschen, unterstützt die Moderatorin einen solchen Prozess, indem sie zu Offenheit motiviert, querdenkt, unausgesprochene Themen in den Raum stellt oder mit Fragen provoziert.

Lernen im Kursraum

Die bewährten Bildungsangebote in der Betreuung von Menschen mit Demenz (Validation, Kinästhetik, basale Stimulation, Ethik, Alltagsgestaltung, palliative Pflege) basieren alle auf einer vergleichbaren Grundhaltung, die den Menschen in den Vordergrund stellen. Sicher ist den Bildungsverantwortlichen bewusst, dass in einem zweitägigen Kurs nur ganz kleine Schritte in Richtung Erlernen einer neuen Betreuungsstrategie möglich sind.

Trotzdem erfahren wir, dass durch Wissensvermittlung und Übungen im Kursraum die Reflexion und Anpassung der Teilnehmenden vertieft werden. Und da alle diese Angebote eine wertschätzende Grundhaltung als Basis haben, erhalten die Teilnehmenden jedes Mal neue Perspektiven, die sich auf ihre Haltung und somit auch ihr Verhalten auswirken.

erschienen: 13.01.2016