Definition

Zufriedenheit (im Beruf) ist kompliziert

Wer sich selbst, sein Leben, seine Umgebung und seine Mitmenschen wertschätzt, ist glücklicher, leistungsfähiger und gesünder als Menschen, bei denen dies nicht der Fall ist.
Wer sich selbst, sein Leben, seine Umgebung und seine Mitmenschen wertschätzt, ist glücklicher, leistungsfähiger und gesünder als Menschen, bei denen dies nicht der Fall ist. Bild Véronique Hoegger

Wer Anerkennung bekommt, bleibt seiner Stelle und seinem Beruf länger treu. Doch wie funktioniert Wertschätzung am Arbeitsplatz? Wie können wir die Treue von Mitarbeitenden positiv beeinflussen?

Von Martin Mühlegg

Für das Wort «Wert» stehen unter anderem die Synonyme Güte, Kostbarkeit und Qualität. Ähnlich nobel verhält es sich mit dem Wort «Schatz»: Reichtümer, Vermögen und Werte. Wenn wir also Menschen, Dinge, Eigenschaften oder Situationen wertschätzen, geben wir ihnen einen hohen Stellenwert. Wir heben sie auf ein Podest und zeichnen sie aus. Wir verleihen ihnen Wohlwollen, Höflichkeit und Dankbarkeit.

Menschen brauchen Beziehungen. Intakte und vertrauensvolle Beziehungen setzen gegenseitige Wertschätzung voraus. Wer sich selbst, sein Leben, seine Umgebung und seine Mitmenschen wertschätzt, ist glücklicher, leistungsfähiger und gesünder als Menschen, bei denen dies nicht der Fall ist. Dies belegen Studien.

Potenzial und Freude beeinflussen

Zu wenig Wertschätzung – im Privaten und in der Arbeitswelt – führt zu brüchigen oder schlechten Beziehungen. Der nicht Wertgeschätzte ist gezwungen, diese Ausgrenzung auszuhalten – oder er zieht sich zurück und beschränkt den Kontakt zu seinen Mitmenschen.

Laut dem Hirnforscher Gerald Hüther kommen diesen Menschen Lebensfreude und Lust am gemeinsamen Gestalten abhanden. Über längere Zeit erfahrene Ablehnung, so Hüther, stabilisiert sich im Frontalhirn zu Verschaltungsmustern und zu einer Haltung. Der Betroffene verliert seine angeborene Lust am Denken und an Beziehungen.

Zunehmend verliert er das Vertrauen in die Fähigkeiten anderer Menschen. Seine negative Einstellung macht ihn unbeliebt. Er reduziert damit das neuroplastische Potenzial seines Gehirns und hat ein höheres Risiko, physisch und psychisch zu erkranken.

All das leuchtet ein. Und doch erzeugt die An- oder Abwesenheit von Wertschätzung immer wieder Konflikte.

Das Problem ist, dass Wertschätzung ein dehnbarer Begriff ist, der von jedem Individuum anders verteilt, empfunden und beurteilt wird.

Wenn wir über das «Wert schätzen» einer Tätigkeit oder eines ganzen Berufsstandes reden, können wir uns also nicht auf die Einschätzungen Einzelner verlassen. Also versuchen wir uns über Studien und Umfragen der Wahrheit anzunähern.

Das Personal-Portal Indeed hat 2016 25'000 Bewertungen von Angestellten ausgewertet. Als wichtigster Faktor für die Zufriedenheit bei der Arbeit stellte sich die Work-Life-Balance heraus (auch dieser Begriff ist dehnbar), gefolgt von der Führungs- und Unternehmenskultur.

Auf den nächsten Plätzen dieser Rangliste folgen Jobsicherheit/Karriereperspektiven und Gehalt/Benefits. Bei der Stellenwahl hingegen sind Bezahlung, flexible Arbeitszeiten und ein guter Standort die wichtigsten Kriterien.

Kleinere Firma, mehr Zufriedenheit

Der Personalvermittlungs-Konzern Robert Half liess 2017 im Rahmen einer Studie 23'000 Angestellte befragen. Berücksichtigt wurden allerdings nur die Branchen Finanzen, Verwaltung, IT und Marketing/Kreativbereich. Das Resultat sollte vor allem dem Auftraggeber zu denken geben (er hat 16'400 Mitarbeitende): Je kleiner die Firma, desto glücklicher die Mitarbeitenden.

Als wichtigste Zufriedenheitsfaktoren stellten sich Stolz (hat mit der selbst empfundenen Sinnhaftigkeit der Aufgabe und dem Image der Firma zu tun), Fairness/Respekt und Wertschätzung heraus. Bei den Frauen rangiert Fairness/ Respekt an erster Stelle.

Die vielen Fusionen und das weitere Wachstum von Grosskonzernen sind also nicht im Interesse des Einzelnen. Das liegt unter anderem daran, dass einzelne Mitarbeiter und Kunden an Bedeutung verlieren und einfacher ersetzbar sind — eben: weniger wertgeschätzt werden.

Grosskonzerne nützen vor allem den Aktionären, die damit höhere Renditen einfahren können. Die Entwicklung mit den sich stetig ausbreitenden Pflegekonzernen, die Tausende von Pflegebetten im Angebot haben, sorgt demnach für mehr Unzufriedenheit beim Personal.

Laut Studien haben Berufsleute, die in ihrer Arbeit mit vielen Menschen zu tun haben, ein höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken. An der Spitze dieser Rangliste stehen Pflegepersonen, gefolgt von Erziehern, Sozialarbeitern, Lehrern und Mitarbeitenden in Callcentern.

Die beliebtesten Berufe, so ergab eine Studie der Universität Harvard in Boston, sind Florist/Gärtner (87 Prozent Zufriedenheit) und Friseure/Schönheitspfleger (79). Es folgen Installateure, Marketingmitarbeitende und Wissenschaftler.

Eine 2019 durchgeführte Umfrage der Gewerkschaft Unia unter 1194 Angestellten von Schweizer Alters- und Pflegeheimen ergab:

Nur 20 Prozent der Pflegepersonen denken, dies sei ihr Job bis zur Rente.

Jede zweite will aussteigen, unter anderem, weil der Beruf ihre physische und psychische Gesundheit schädige (49 Prozent gaben dies an).

Zwei von drei Mitarbeitenden fanden die Dienstplanung zu wenig ausgewogen. Unter der eingeforderten Flexibilität der Arbeitszeiten leide die Freizeit und das Familienleben. 79 Prozent der Befragten fühlten sich unterbezahlt, diese Aussage machte vor allem das Assistenzpersonal.

Im Durchschnitt arbeiten Schweizer Langzeit-Pflegepersonen in einem Pensum von 72 Prozent. Eine Pflegehelferin verdient mit dieser Arbeitszeit durchschnittlich rund 2900 Franken brutto. Über alle Berufsgruppen der Altersheim-Mitarbeitenden hinweg fühlen sich 70 Prozent während der Arbeit gestresst.

Als weiteren Grund für ihre Unzufriedenheit gaben viele Befragte die Subjektfinanzierung und die Ökonomisierung der Pflege an. Eine Aussage zur Attraktivität eines Berufes macht die Berufsverweildauer. Hier hat sich in der jüngeren Vergangenheit viel verändert.

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein arbeitete ein Bäcker von der Ausbildung bis zur Pensionierung als Bäcker, ein Jurist blieb Jurist, ein Mechaniker Mechaniker. Die Anzahl der Menschen, die nicht mehr im ursprünglich erlernten Beruf arbeiten, steigt von Generation zu Generation. Studien zeigen, dass mittlerweile rund die Hälfte im Laufe ihres Erwerbslebens den Beruf wechselt.

Besonders häufig tritt der Wechsel des Berufes direkt oder kurz nach der Ausbildung im Alter von 21 bis 22 Jahren auf. Eine 2018 im Kanton Bern durchgeführte Studie ergab: Die Berufsverweildauer von Pflegenden beträgt durchschnittlich 22 Jahre. Das sind sieben Jahre mehr als bisher angenommen.

Entwicklung und Sinnhaftigkeit

Eine Studie der ETH Zürich und der Universität Bern untersuchte, welche Faktoren Mitarbeitende dazu bewegen, die Stelle zu behalten und im Beruf zu bleiben. Die Psychologinnen Guri Medici und Ivana Igic leiteten aus ihren Untersuchungen folgende acht Grundpfeiler der Zufriedenheit am Arbeitsplatz ab:

  1. Berufliche Entwicklung ermöglichen
  2. Konstruktiven Umgang mit Veränderungen fördern und vorleben
  3. Sinnhaftigkeit fördern
  4. Herausforderungen im Alltag gemeinsam meistern
  5. Soziale Beziehungen im Beruf fördern
  6. Verschiedene Anforderungen des Berufs und Privatlebens berücksichtigen
  7. Ressourcen der Mitarbeitenden kontextübergreifend nutzen
  8. Vermeidbare Arbeitgeberwechsel

Der dritte Punkt dieser Aufzählung ist gemäss dem grossen alten Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi der Schlüssel zur «Psychologie des dritten Jahrtausends»: die Sinnhaftigkeit. Der Dichter Antoine de Saint- Exupéry (Der kleine Prinz) würde ihm zustimmen, er hat folgende Worte geschrieben:

«Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.»

Beim Streben nach mehr Arbeitszufriedenheit kann uns auch der Hirnforscher Gerald Hüther beistehen:

«Statt an jemandem vorbeizugehen, als wäre er Luft, können wir die andere Person auch anlächeln. Wir können andere einladen, ermutigen und inspirieren, sich auf eine neue Erfahrung einzulassen, statt ihnen zu sagen, was sie und wie sie etwas machen sollen.»

erschienen: 01.11.2020

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