Altersfreundliche Stadt

«Alte Menschen haben eine Menge Ressourcen»

Barrierefreiheit, soziale Teilhabe und Aktivitäten fördern die Lebensqualität älterer Menschen.
Barrierefreiheit, soziale Teilhabe und Aktivitäten fördern die Lebensqualität älterer Menschen. Bild Unsplash

Eine einzige Stadt in Deutschland darf sich Age-friendly City (AFC) nennen: Radevormwald bei Wuppertal. Was macht die Stadt besonders altersfreundlich? Ein Gespräch mit Reinhold Hikl, dem Vorsitzenden des Trägervereins aktiv55plus.

Von Franziska Wolffheim

alzheimer.ch: Seit 2016 gehört Radevormwald zum WHO-Netzwerk der besonders altersfreundlichen Städte. Wieso ausgerechnet diese Kleinstadt mit 22 500 Einwohnern?

Dr. Reinhold Hikl: In Radevormwald liegt der Anteil der über 65-Jährigen bei 25 Prozent, das ist immerhin ein Viertel. Anfang dieses Jahrtausends hat die Stadt an einem Projekt der WHO – «Gesundes und aktives Altern» – teilgenommen.

Seit 2005 kümmert sich der Trägerverein aktiv55plus um eine besonders gute Lebensqualität der Seniorinnen und Senioren. Insofern war es konsequent, dass der Bürgermeister die Mitgliedschaft beim WHO-Netzwerk beantragt hat. Bislang ist Radevormwald die einzige Age-friendly City in Deutschland, aber ich hoffe, dass bald mehr Städte dabei sind.

Reinhold Hikl
Reinhold Hikl Bild PD

Was macht Radevormwald besonders altersfreundlich?

Nehmen wir einmal den Bereich Verkehr: Alle wichtigen Straßenübergänge im Stadtkern sind barrierefrei und haben rutschfeste Markierungen. Für Rollstuhlfahrer gibt es Querrillen, die das Bremsen am Straßenrand unterstützen, für Sehbehinderte haben wir ein spezielles Leitsystem.

Es gibt wenige Ampeln, dafür aber viele Verkehrsinseln zum Pausieren. Mit diesen Maßnahmen soll auch das Einkaufen erleichtert werden. Alte Leute, die wenig im Internet shoppen, sind für Geschäftsinhaber eine wichtige Zielgruppe.

Wo können ältere Mitbürger miteinander ins Gespräch kommen?

Auf dem Marktplatz stehen Begegnungshocker zum Klönen. Außerdem gibt es viele Bänke mit Armlehnen, die das Aufstehen erleichtern. In der Innenstadt haben wir ein generationenübergreifendes Haus der Begegnung, zu dem auch ein Bürgercafé gehört.

Darüber hinaus versuchen wir, die alten Leute ins kulturelle Leben einzubinden.

Wir haben einen Bürgerbus eingerichtet, der regelmäßig von den Außenbezirken in den Stadtkern fährt, flexibel nach den Bedürfnissen der Bürger – auch abends, wenn Veranstaltungen in der Stadt stattfinden.

Age-friendly City

Das weltweite Netzwerk für altersfreundliche Städte der Weltgesundheitsorganisation WHO umfasst eine Reihe von Städten und Kommunen. 44 Länder sind derzeit beteiligt. Auf einer Weltkarte findet man die beteiligten Städte und Kommunen.

Die WHO hat eine Checkliste von 82 Kriterien erstellt. Wichtige Bereiche sind Wohnen, Verkehr, öffentlicher Raum, Gesundheitsdienstleistungen, soziale Beteiligung und Integration. Die Kriterien dienen den beteiligten Städten und Kommunen zur Selbsteinschätzung und Dokumentation von Fortschritten.

Die Schweiz ist mit Genf, Bern, Vevey und Lausanne vertreten, Deutschland mit Radevormwald. Österreich ist derzeit noch nicht dabei. In Europa ist Irland Spitzenreiter bei den altersfreundlichen Städten und Kommunen.

Welche Möglichkeiten haben Ältere, die noch fit sind und etwas für die Gemeinschaft tun wollen?

Sie können sich zum Beispiel in unserem Reparaturcafé engagieren, Staubsauger oder Fahrräder reparieren, Kleidung ausbessern. Lehrerinnen im Ruhestand haben die Möglichkeit, ehrenamtlich im Kindergarten vorzulesen.

Auch die Fahrer der Bürgerbusse arbeiten ehrenamtlich und sind meist etwas älter. Sie alle sind froh, ins kommunale Leben eingebunden zu sein ...

... damit sie gar nicht erst einsam werden und dadurch marginalisiert sind.

Genau. Eingebunden sein ist ein wesentlicher Faktor zum Gesundbleiben. Es stärkt das Selbstbewusstsein, wenn sich jemand gebraucht fühlt.

Altern ist eben nicht nur ein Defizitmodell, sondern genauso ein Ressourcenmodell.

Auch alte Menschen haben eine Menge Ressourcen. In vielen Heimen oder Arztpraxen wird nur auf die Defizite geschaut. Das finde ich sehr schade.

Die WHO hat eine Liste mit 82 Kriterien für altersfreundliche Städte erstellt. Wie viele davon haben Sie schon bearbeitet?

Rund 60 Prozent. Bei der Bearbeitung der Kriterien handelt es sich um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Wir wollen uns natürlich in allen Bereichen weiter entwickeln.

Was haben Sie als nächstes vor?

Wir haben in Radevormwald einen relativ hohen Anteil an Hochaltrigen, die nicht in Heimen leben. Wir versuchen, sie so lange in ihren Wohnungen zu belassen, wie es geht und das medizinisch vertretbar ist. Deshalb kämpfen wir für mehr zentrumsnahe, barrierefreie Wohnungen.

Ein Problem ist, dass es in vielen älteren Häusern keinen Aufzug gibt. Eine Frau, die auf ihren Rollator angewiesen ist und im fünften Stock wohnt, ist ohne Aufzug wie in Isolationshaft und muss im Prinzip umziehen. Deshalb setzen wir uns verstärkt für die Verbesserung der Wohnsituation älterer Menschen ein.

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Generationen

Gemeinsam statt einsam

Was tun Sie, damit die alten Menschen, die allein leben, nicht vereinsamen?

Wir bieten eine Reihe von Aktivitäten an, das geht von einer Schach- und Wandergruppe bis zum Sprachunterricht.

Welche Angebote gibt es für Menschen mit Demenz?

In unserem Krankenhaus bieten wir eine Demenz-Sprechstunde für Menschen an, die sich nicht sicher sind, ob sie erkrankt sind oder nicht. Die Betroffenen können anonym bleiben, wenn sie es wünschen. Keiner, der kommt, wird aktenkundig.

Besorgte Angehörige können ebenfalls zu uns kommen. Für sie gibt es eine Selbsthilfegruppe, die sehr nachgefragt ist.

Sitzmöglichkeiten schaffen Räume der Begegnung.
Sitzmöglichkeiten schaffen Räume der Begegnung. Bild Stadt Radevormwald

Menschen mit Demenz verhalten sich oft seltsam, auch und gerade in der Öffentlichkeit. Welche Strategien hat die Stadt?

Wir haben enge Kontakte zu Supermärkten und Sparkassen aufgebaut, damit das Personal auf diese Menschen eingehen kann. Ein Beispiel: Ein älterer Herr hebt viermal am Tag 20 Euro bei der Sparkasse ab.

Wichtig ist, dass die Mitarbeiter nicht darüber lachen oder sich ärgern, sondern sehen, dass der Mann ein Problem hat. Sie können sich mit dem Demenz-Servicezentrum kurz schließen und anregen, dass jemand vom Zentrum den alten Herrn besucht und sich ein Bild von seiner Situation macht.

Ein anderes Beispiel: Eine an Demenz erkrankte Frau kommt regelmäßig in den Drogeriemarkt und macht diverse Cremetöpfchen auf. In der Folge hat sie schon dreimal Hausverbot bekommen. Für Menschen wie sie braucht es eine nachhaltige Lösung.

Wie könnte die aussehen?

Wir haben mit dem Personal des Ladens ein Aufmerksamkeits- und Deeskalationstraining gemacht, damit sie in solchen Situationen besonnen reagieren können.

Geht die Stadt Radevormwald offen mit Demenz um oder gibt es Nachholbedarf?

Ich denke, das Klima ist bereits sehr offen. Wir machen eine Reihe von öffentlichen Veranstaltungen, um das Thema aus der Tabuzone zu holen. Die Resonanz ist sehr gut. Es geht ja nicht darum, die Menschen mit Demenz wegzuschließen. Wir müssen die Gesellschaft demenzfähig machen.

Corona war auch für Radevormwald eine Herausforderung. Was haben Sie für die alten Menschen getan?

Wir haben ein Telefonangebot für ältere Menschen ins Leben gerufen: «Einfach mal reden». Das Angebot ist leider überhaupt nicht in Anspruch genommen worden, da spielten wahrscheinlich Scham und Scheu eine Rolle. Die Menschen waren total verunsichert, haben sich eher zurückgezogen, als um Hilfe zu rufen.

Wir sind dann selbst an die Menschen herangetreten.

In unserem Trägerverein verfügen wir über eine Datenbank von rund 370 Menschen, die wir im Laufe der Jahre immer wieder beraten haben. Unsere Mitarbeiterinnen haben die Namen mit grünen, gelben und roten Punkten versehen und geschaut, wer durch Corona ein erhöhtes Vereinsamungsrisiko hat.

Am Telefon haben wir dann versucht, die individuellen Bedürfnisse dieser Menschen herauszufinden. Das geht vom Einkaufs-Service bis zum Transport zu den Ärzten. Die Leute haben sich über unsere Anrufe sehr gefreut.

Queren ohne Hindernisse: Straßenübergänge sind auf jedwede Bedürfnisse ausgelegt.
Queren ohne Hindernisse: Straßenübergänge sind auf jedwede Bedürfnisse ausgelegt. Bild Stadt Radevormwald

Viele Ältere zeigten depressive Symptome. Wie konnten Sie ihnen helfen?

Wir haben unter verschärften Hygiene-Bedingungen bei ihnen zu Hause Beratungen gemacht oder sie zu uns in den Trägerverein eingeladen. So konnten wir ganz individuell auf ihre Befindlichkeiten eingehen.

Würden Sie persönlich sich wünschen, in Radevormwald alt zu werden?

Ich selbst wohne nicht in Radevormwald, sondern in Wuppertal. Ich würde sehr gern in einer Stadt alt werden, die den WHO-Kriterien für eine altengerechte Stadt entspricht. Ich kann mir auch vorstellen, in einer Senioren-WG zu leben. Ich bin da ganz offen.

Fürchten Sie sich vor dem Alter?

Eigentlich nicht. Aber natürlich ist das Älterwerden nicht immer witzig. Vor ein paar Jahren hat mir die Deutsche Bundesbahn das Seniorenticket angeboten, da war ich schon irritiert und dachte: Was ist denn jetzt los?

erschienen: 12.08.2020

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