Humor

Es braucht mehr als einstudierte Witze

Wie man Menschen berührt lernen Heimleiterinnen und Pflegefachpersonen, Empfangsdamen und Physiotherapeuten in den Kursen der beiden Clowns. «Es geht darum, sich mit der eigenen Unzulänglichkeit zu versöhnen», sagt Marcel Briand.
Wie man Menschen berührt lernen Heimleiterinnen und Pflegefachpersonen, Empfangsdamen und Physiotherapeuten in den Kursen der beiden Clowns. «Es geht darum, sich mit der eigenen Unzulänglichkeit zu versöhnen», sagt Marcel Briand. Screenshot Marcus May

Lisa Bögli und Marcel Briand sind Clowns. Im Auftrag von Alters- und Pflegeheimen verbreiten sie unter den Bewohnenden eine heitere, gelassene Stimmung. Wie sie das machen und worauf es dabei ankommt, erklären sie dem Heimpersonal in ihren Kursen. Doch ist Humor überhaupt lernbar?

Von Nadja Belviso

Lisa Bögli wurde in ihrer Rolle als Clownin auch schon ans Sterbebett gerufen. Da sass sie vielleicht nur, nichts weiter. Vielleicht summte sie eine Melodie. Vielleicht klebte sie einen kleinen Holzmarienkäfer ans Bett, der später der Pflegefachfrau erst beim Waschen des Toten auffallen würde.

Wenn von Humor in Pflegeheimen die Rede ist, geht es selten um Stand-Up-Comedy und Schenkelklopfen.

Es sind die leisen Töne, die zu jener gelassenen Heiterkeit führen, die Lisa Bögli ebenso wie ihr Berufskollege Marcel Briand als Ziel ihrer Arbeit sehen.

Dass es dazu mehr braucht als einstudierte Witze, liegt auf der Hand. «Lachen ist überhaupt nicht das Ziel», sagt Lisa Bögli. «Vielmehr sind alle Emotionen willkommen. Wichtig ist mir, dass ich mit meiner Arbeit berühre und dass sich die Atmosphäre im Raum verändert.»

Das kann eine gesichtslose Stoffmarionette sein, die fröhlich über den Tisch tanzt und eine Frau mit Demenz an den Dorfpolizisten erinnert, den sie damals so wahnsinnig gern geküsst hätte.

Das kann ein Eichhörnchen in Form einer Handpuppe sein, das von Lisa Bögli geführt fast eine halbe Stunde am Bett eines scheinbar bewegungsunfähigen Mannes verbringt, bis dieser plötzlich den Arm hebt, um es zu streicheln. Ein Moment, den beide zum Weinen brachte: die Clownfrau und den alten Mann.

Wie man Menschen berührt lernen Heimleiterinnen und Pflegefachpersonen, Empfangsdamen und Physiotherapeuten in den Kursen der beiden Clowns.

«Es geht darum, sich mit der eigenen Unzulänglichkeit zu versöhnen.»

«Denn genau diese Leistung müssen Menschen, die an Demenz erkranken, erbringen», erläutert Marcel Briand. Die Haltung, die dadurch möglich werde, erleichtere es, sich mit Menschen zu verbinden, die Stück für Stück Abschied nehmen von Freiheiten, Fähigkeiten und sogar von Eigenschaften.

So erzählt er von einer übergewichtigen Patientin, die von einer Pflegefachfrau zur Toilette begleitet wurde. Als sich die Patientin mit Hilfe der Pflegerin setzen wollte, passierte es. Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten sass plötzlich die Pflegende auf der Toilette und die Patientin auf ihrem Schoss – mit heruntergelassener Hose.

Die Pflegerin bemerkte: «Das haben wir aber auch schon eleganter hingekriegt.» Und beide mussten lachen. «Hätte sich die Pflegerin jetzt geärgert, wäre es für die Patientin beschämend gewesen», sagt Marcel Briand.

Auch in Lisa Böglis Seminaren ist Selbsterfahrung zentral: Wo sind meine Grenzen? Wo sind meine Schwächen? Kann ich darüber lachen? Für einen liebevollen, zugewandten Humor, der niemals verletzend sein darf, brauche es Empathie, auch mit sich selbst.

Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, helfe vermutlich auch, eine weitere unverzichtbare Fähigkeit zu erwerben: Stille auszuhalten. Momente, in denen scheinbar nichts passiert.

«Der Mann, der damals in seinem Bett in den Aufenthaltsraum geschoben wurde, hätte die Eichhörnchen-Handpuppe nicht gestreichelt, wenn ich meiner inneren Unruhe und dem Drang, mich wieder um die anderen zu kümmern, nachgegeben hätte», sagt die 29-Jährige.

Neben der intensiven Arbeit an sich selbst gibt es aber auch ganz konkrete Ideen und Werkzeuge, um die Atmosphäre in einem Pflegeheim zu verändern. Die Übertreibung sei zum Beispiel ein beliebtes Werkzeug, erklärt Marcel Briand, ebenso wie das Ansprechen von Tabus.

Mit einer Patientin, die immer wieder ihren Todeswunsch äusserte, übte Marcel Briand das Sterben.

Sie legte sich hin, er korrigierte sie. «Es war für uns beide ein vergnüglicher Nachmittag, der ihr ermöglichte, sich mit ihrem Wunsch auseinanderzusetzen», erinnert er sich.

Neben einer wohlwollenden Betrachtung der Realität und dem Anerkennen der Themen, die beschäftigen, können auch ganz konkrete Scherzartikel zum Einsatz kommen, etwa ein Flutschie: ein mit Wasser gefüllter weicher Plastikschlauch, der sich beim Hantieren gerne verselbständigt. «Viele stellen sich einen Koffer mit Hilfsmitteln zusammen, die ihnen liegen und mit denen sie gute Erfahrungen machen», sagt Briand.

Er selbst nutzt – ebenso wie seine Berufskollegin – gerne alte Gegenstände und recherchiert auch die kollektive Biografie seines Publikums, also etwa: Welche Musik hörte man in den 30er-Jahren in Bern?

Doch kein Tipp und keine Ausrüstung können aus jedem Menschen einen Clown machen. «Es gibt immer wieder Teilnehmende an meinen Kursen, die mit diesem Angebot nichts anfangen können», sagt Briand.

Es sei aber auch nicht das Ziel, dass sich nach einem Kurs plötzlich das gesamte Heimpersonal clownesk durch den Arbeitsalltag bewege.

«Wichtig ist, dass alle etwas darüber gehört haben und dann auch verstehen, was jene tun, die es wirklich anwenden und nicht aus Unwissen darüber urteilen.» Umgekehrt sei es auch nicht so, dass man mit den Kursen etwas komplett Neues in den Heimalltag bringe. «Es gab nie Pflege ohne Humor», ist der ehemalige Stationsleiter überzeugt.

Dass jemand – ob Bewohner oder Betreuende – überhaupt keinen Humor hat, scheint beiden Clowns undenkbar. Bei manchen müsse man eben ein bisschen länger danach suchen, sind sie sich einig.

«Manche können zum Beispiel mit Clowns nichts anfangen, weil sie damit schlechte Kindheitserinnerungen, zum Beispiel im Zirkus, verbinden», sagt Lisa Bögli.

Und sie selbst sei schon als humorlos bezeichnet worden, weil sie gewisse Witze nicht lustige findet. «Was sicher jeder hat, ist ein Sinn für Heiterkeit.»

Welche Art von Humor funktioniere, hänge nicht davon ab, ob jemand Demenz habe, auch davon sind beide überzeugt. Beide haben beobachtet, oder von Angehörigen erfahren, dass die Bewohnenden über dieselben Dinge lachten wie früher, als sie noch keine Demenz hatten.

Ein Muster erkennt Lisa Bögli jedoch: Je aktiver Menschen noch sind, je turbulenter ihr Alltag, umso ausdrucksstärker und lauter arbeite sie. Bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz arbeite sie taktiler, sinnlicher und oft auch reduzierter.

«Es geht nicht darum, zu zeigen, was ich kann», sagt die Clownin, «sondern darum, was die Menschen brauchen.»

Das Potenzial der Freiwilligen

In den Humor-Kursen von Lisa Bögli kommt den freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Altersheimen ein besonderer Status zu. «Sie sind uns Clowns insofern am ähnlichsten, als sie keinen konkreten Auftrag haben», sagt sie. «Sie haben jene Zeit für Zwischenmenschliches, die dem Heimpersonal oft fehlt.» Deshalb sei es so wichtig, dass Freiwillige nicht mit Pflegeaufgaben befrachtet würden. Lisa Bögli macht ihren Kursteilnehmerinnen aus dem freiwilligen Sektor immer wieder klar, wie wertvoll ihre Zeit genutzt ist, wenn sie bei ihren Besuchen nichts aktiv tun. «Man muss nicht immer etwas tun, etwa das Trinkglas reichen, nur um etwas getan zu haben, sondern kann auf die eigene Fähigkeit vertrauen, einmal nichts zu tun, in der Ruhe wahrzunehmen, was die Bewohnenden wirklich brauchen.»

 

Hier finden Sie einen Bericht über eine Studie, die untersuchte, wie sich Humor im Alltag auf Menschen mit Demenz auswirkt.

erschienen: 22.06.2020

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