Zurück ins Leben

Im Zwischenreich

«Die Ärztin fragt, ob ich einer Reanimation zustimmen würde. Ich weiss, dass sie diese Frage stellen muss, weiss, dass ich eine Reanimation verneint habe in meiner Verfügung. Und doch stolpert mein Herz. Soll das mein Ende sein, hier auf der Notfallstation?»
«Die Ärztin fragt, ob ich einer Reanimation zustimmen würde. Ich weiss, dass sie diese Frage stellen muss, weiss, dass ich eine Reanimation verneint habe in meiner Verfügung. Und doch stolpert mein Herz. Soll das mein Ende sein, hier auf der Notfallstation?» Bild PD

Mit starken Schmerzen ist sie in der Notaufnahme gelandet – eine Infusion wird gelegt. Von nun an nimmt sie vieles nur noch diffus wahr. Die Schriftstellerin Esther Spinner schildert ihre Rückkehr in die Realität und den beschwerlichen Weg zur Genesung.

Von Esther Spinner

Endlich bin ich angekommen, bin in guten Händen, bin nicht mehr ich, ich bin da. Meine Lebensgefährtin hat mich in die Notaufnahme gefahren. Loslassen, wegdämmern, ich bin in Sicherheit und gebe die Verantwortung ab.

Die Pritsche ist recht bequem, ich werde zugedeckt, umsorgt. Eine Infusion wird gelegt, Spritzen sollen helfen gegen die Schmerzen, gegen die Übelkeit. Eine junge Ärztin befragt mich, horcht mich ab, klopft und drückt an verschiedenen Stellen, mein Körper wird öffentlich, erstaunlicherweise stört mich das nicht.

Dösend liege ich, schrecke auf, wenn ich etwas gefragt werde. Öffne ich die Augen, sehe ich meine Lebensgefährtin, immer noch sitzt sie da.

Jemand entschuldigt sich bei mir für das Warten aufs richtige Bett, auf die Laborbefunde, darauf, dass die Ärztin wieder kommt und mir etwas erklärt. Mich stört das Warten nicht.

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Die Ärztin fragt, ob ich einer Reanimation zustimmen würde. Ich weiss, dass sie diese Frage stellen muss, weiss, dass ich eine Reanimation verneint habe in meiner Verfügung. Und doch stolpert mein Herz. Soll das mein Ende sein, hier auf der Notfallstation?

Bleibt mir noch Zeit, mich zu verabschieden, meiner Gefährtin zu danken für viele Jahre liebevolles Beisammensein, für Unterstützung und Anregung? Ich atme tief ein. Nein, sage ich und trotze der Angst, nein, keine Reanimation.

Später bekomme ich ein richtiges Bett, schlafe nun wirklich ein, eingelullt von den Stimmen um mich herum, erwache nur halb, als ich auf die Station gefahren werde. Schmerzen wecken mich, die mit Spritzen gestillt werden.

Die Nacht ist lang, ist kurz, ist voller Gegensätze: schwitzen und frieren, Unruhe und Angst wenn die Schmerzen kommen, Ruhe und Entspannung nach den Spritzen.

Oft schrecke ich auf, frage mich, wo ich bin. Habe ich die Welten gewechselt, bin ich an diesen unbekannten Ort verbannt worden? Diese neue Welt ist pastellfarben, verengt auf die Grösse eines Spitalzimmers, der Denkraum umfasst Krankheit, Behandlung und die neuen Laborwerte.

Freundliche Menschen fragen mich, ob ich Schmerzen habe, alleine aufstehen kann, Begleitung brauche. Sie stellen mir einen Hocker in die Dusche, Seife, Shampoo, Handtuch in Reichweite, ebenso die Glocke. Darüber bin ich froh, fühle mich nicht überwacht, sondern geschützt. Was tun Kranke, die nicht umsorgt werden?

Die Institution sorgt für den Rhythmus: Die Tage beginnen mit Blutdruck- und Pulskontrolle, mit Blutentnahme, gefolgt von Frühstück, Dusche, Arztvisite, Mittagessen, Nachtessen. Ohne diese Struktur würde ich ertrinken.

Mein Körper will Schlaf, langsame Bewegungen, will nicht reden und nicht denken, und wenn denken, dann an den Tod, und wenn reden, dann mit ihm.

Er ängstigt mich und ist doch mein Begleiter. Oft besucht er mich nachts, in meinen Träumen fühlt er sich wohl. Einmal steht er am Kopfende des Bettes, in dem schmalen Raum zwischen Bett und Wand, ein andermal zu meinen Füssen.

Mir kommt das Märchen in den Sinn von dem Heiler, der den Tod überlisten wollte und schnell das Bett des Kranken so drehte, dass der Tod keinen Zugriff hatte. Hier ist niemand, der das Bett umdreht, er könnte also zugreifen. Er tut es nicht. Gibt es jemanden, der mein Leben in Händen hält, wie Rilke schreibt?

Ich liege in einem Zimmer im achten Stock, Blick auf Spielzeugmenschen, die ihre Spielzeughunde ausführen, Blick auf Berge, Bäume und Himmel. Ich liege aller Verantwortung enthoben. Noch ist es nicht soweit, dass ich selbst Verantwortung übernehmen muss für meine Genesung.

Noch schauen andere dafür, dass sich Organe erholen, Schmerzen gedämpft werden, dass das, was gesund ist, gesund bleibt. Nur ganz langsam nähert sich mir die betriebsame Welt, die Zimmertür öffnet sich und lässt Besucherinnen ein, dann erste eigene Schritte aus dem Zimmer heraus, Schritte im Korridor, in der feuchten Hand den Infusionsständer, der mir vermeintliche Sicherheit gibt.

Hin und zurück, einmal, zweimal, vorbei an hastenden Pflegepersonen, an Besucherinnen, deren Schritte viel schneller sind als meine.

Noch weiss ich nicht, wie lange mir der Weg von der Haustüre zur Bushaltestelle werden wird.

Irgendwann ist es wieder möglich, mich an ein gestriges Gespräch zu erinnern, ist es möglich, einige Worte aufzuschreiben. Die Infusion wird gezogen und hinterlässt eine Lücke. Ich bewege den Arm sorgfältig, wie wenn ich noch immer aufpassen müsste, dass die Nadel am Ort bleibt und die Schläuche sich nicht verheddern.

Es geht aufwärts, sagt die junge Ärztin, so lange geht es aufwärts, bis die neuen Laborwerte bekannt sind, danach wird eine neue Infusion gelegt, und ich bin beinahe erleichtert. So ist es wieder richtig.

Dann geht es wirklich aufwärts. Der Chefarzt verabschiedet sich und wünscht alles Gute. Eine Woche lang werde ich umsorgt von meiner Lebensgefährtin, lebe ich in einem Zwischenreich, bis ich es wage, die erste Nacht allein in meiner Wohnung zu verbringen.

Ich taste mich an mich heran. Zögernde Schritte. Wer kommt, wann? Wo halte ich mich fest? Die Hände um die heisse Teetasse gelegt, sitze ich und staune. Wo war ich und wo bin ich jetzt? Immer noch unruhige Nächte, den Tod in den Träumen. Einmal lässt er meine Mutter sterben, die schon lange tot ist.

Bin ich noch krank oder schon gesund? Der Weg vom Bett zum Sofa scheint mir lang. Doch nach wenigen Tagen wage ich mich mit meiner kleinen Hündin an die Morgenrunde. Ganz langsam, schwer atmend, da der Weg hinter dem Haus leicht ansteigt.

Den langen Spaziergang übernehmen meine Nachbarinnen, die auch für mich einkaufen. Mein erster Versuch endete kläglich, ich wusste nicht, wie ich mich bewegen sollte zwischen den übervollen Gestellen, zwischen den hastenden Menschen.

Ich stehe neben mir, bin doppelt, bin da und dort, bringe die Welten nicht zusammen. Gehöre ich zu den Kranken, zu den Gesunden?

Das Aushalten der Schwäche, des Nichtmögens, des Nichtkönnens braucht Kraft, die ich kaum aufbringen kann. Auf meinem Sofa beginne ich zu genesen, beginne ich, ich zu sein. Das dauert.

Nach einigen Tagen der Besuch bei der Hausärztin. Die Blutwerte zeigen: Ich habe den Berg überwunden. Nun ist es an mir, mich wieder zu übernehmen. Die Welt ist wie sie war. Ich aber betrachte sie mit anderen Augen.

Nach der Ausbildung zur Krankenschwester veröffentlichte Esther Spinner 1981 ihren ersten Roman «die spinnerin». Seither hat sie verschiedene Kinderbücher und Romane verfasst. Verschiedene Weiterbildungen wie Berufsschullehrerin für Pflege, Psychodrama und Poesie- und Bibiliotherapie eröffneten ihr das Feld der Schreibkurse.

Seit fast 30 Jahre arbeitet Esther Spinner selbständig als freischaffende Kursleiterin und Autorin. Immer wieder gelingt es ihr in Vorträgen oder Artikeln die Pflege aus einem sprachbezogenen Blickwinkel zu beleuchten. Ihre Texte kreisen um Menschen in Trauer oder Menschen, denen die Sprache abhanden gekommen ist, sei es aus Krankheitsgründen oder durch Migration von einem Sprachraum in den andern.

Besonderes Vergnügen machen ihr Anagramme, bei denen es darum geht, die Buchstaben eines Wortes umzustellen, so dass ein neues Wort entsteht. Oft bekommt durch diese Neuordnung das Ursprungswort eine bisher ungeahnte Bedeutung.

erschienen: 11.02.2020

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