Wissenstransfer und Netzwerk

«Ohne Austausch bewegt man sich in Parallelwelten»

«Durch meine Grosseltern war ich mit Chancen und Herausforderungen des Älterwerdens vertraut», sagt die Gerontologin Aimée Fehr.
«Durch meine Grosseltern war ich mit Chancen und Herausforderungen des Älterwerdens vertraut», sagt die Gerontologin Aimée Fehr. Bild Martin Mühlegg

Das Netzwerk Demenz beider Basel vermittelt Wissen und vernetzt Institutionen und Berufsleute. alzheimer.ch sprach mit Aimée Fehr-Spring über vielbeschäftigte Hausärzte, interne Weiterbildungen und die Situation von Menschen mit Demenz in Kalifornien.

Von Martin Mühlegg

alzheimer.ch: Sie sind beim Netzwerk Demenz beider Basel für den Wissenstransfer verantwortlich. Was beschäftigt Sie in diesen Tagen?

Aimée Fehr-Spring: Die Bewirtschaftung der Sozialen Medien und Gespräche mit Vertretern anderer Organisationen. Man muss den Austausch pflegen, Synergien schaffen, sonst bewegt man sich in Parallelwelten.

Schlussendlich haben wir das gleiche Ziel vor Augen: Bessere Betreuung und Pflege, mehr Lebensqualität für Betroffene. Wir sind gerade im Gespräch wegen einer Projektzusammenarbeit im Bereich Lehrvideos und beschäftigen uns mit dem Aufbau einer Datenbank. Wir brauchen da eine gute Lösung, denn schliesslich soll sie einen Mehrwert bieten im Vergleich zu dem, was schon existiert.

Was schwebt Ihnen vor? Wie wollen Sie sich von anderen Demenz-Plattformen unterscheiden?

Unsere Plattform ist für Praktiker (Hausärzte) und für sonstige Berufstätige, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit dem Thema Demenz zu tun haben. Entsprechend sollen die Beiträge praxisrelevant sowie kurz und bündig sein.

Zeitmangel wurde in Interviews mit unseren Mitgliedern meist als grösstes Hindernis bei der Weiterbildung genannt.

Ausserdem ist es uns ein grosses Anliegen, möglichst barrierefreie Demenzinformation anzubieten. Viele Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen oder Spitex, gerade auch auf Stufe Pflegehelfer, verfügen nicht über ausreichend Deutschkenntnisse, um von den angebotenen Demenzinformationen wirklich profitieren zu können.

Netzwerk Demenz beider Basel

Der Verein Netzwerk Demenz beider Basel dient als Plattform für die strategische Vernetzung und den interprofessionellen Austausch von Praktikern im Demenzbereich. Nebst der Funktion als gemeinsame Schnittstelle gehört auch der science-to-practice Wissenstransfer zu den zentralen Aufgaben. Das Netzwerk bietet praxisnahe Veranstaltungen, erstellt Dokumentationen in «einfacher Sprache», startet im Oktober mit der Multiplikatoren-Ausbildung für innerbetrieblichen Wissenstransfer.

Wie bringt man die Berufsleute dazu, sich Zeit zu nehmen und sich über Demenz zu informieren?

Indem wir die Informationen berufsrelevant, niederschwellig, kurz und bündig halten. Ausserdem benutzen wir verschiedene Kanäle, um verschiedenen Zielgruppen gerecht zu werden. Wir verwenden teilweise bewusst eine einfache Sprache, um möglichst barrierefreie Demenzinformation anbieten zu können.

Ausserdem entwickeln wir Informationsmaterial für den internen Gebrauch in Altersinstitutionen, damit sich der Wissenstransfer leichter in den Arbeitsalltag integrieren lässt.

Hausärzte sind an einer sehr wichtigen Schnittstelle. Wie erreichen Sie diese vielbeschäftigen Personen?

Es ist sehr wichtig, dass Hausärztinnen und Hausärzte in unserem Vorstand vertreten sind. Christian Gürtler-Plattner ist Hausarzt und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Hausärztinnen und Hausärzte beider Basel. Dank ihm finden wir den Zugang zu Weiterbildungsangeboten.

Wir sind sehr darauf bedacht, unsere Inhalte auf das jeweilige Zielpublikum ausgerichtet zu gestalten.

Auch Hausärztinnen und Hausärzte sind oft in Zeitnot. Sie sind dankbar für anwendungsorientierte Informationen. 

Der grössten Teil Ihres Zielpublikums dürften die Pflegenden ausmachen...

Rund 70 Prozent unseres Zielpublikums sind Pflegehelferinnen und Pflegeassistentinnen. Für viele unter ihnen gibt es einige Barrieren zu überwinden, um sich das für sie relevante Demenzwissen zu erschliessen. Zugleich ist es jedoch auch die Gruppe von Berufstätigen, die mitunter den meisten direkten Kontakt mit Menschen mit Demenz hat. Guter Wissenstransfer für diese Zielgruppe ist uns deshalb ein grosses Anliegen.

Wie erreichen Sie diese Personen?

Indem wir von Anfang an Vertreterinnen dieser Gruppe in die Entwicklung miteinbeziehen. Wir haben eine wirklich tolle und motivierte Gruppe von Pflegehelferinnen und Pflegehelfern, die uns dabei unterstützen, ein praxisnahes und passendes Angebot für diese Gruppe von Berufstätigen zu entwickeln.

Wo muss man einklinken, wenn man diese Informationen und Vorhaben in die Spitäler bringen will? Wer sind Ihre Ansprechpartner?

Pflegewissenschaftler und Bildungsbeauftragte in den Spitälern sind sehr gute Ansprechpartner. Weitere Ansprechpersonen sind Demenzverantwortlichen in den Institutionen. Sie kümmern sich in Spitälern und Heimen um Fragen, die im Zusammenhang mit Demenz auftauchen. Diese Demenzverantwortlichen unterstützen wir in ihrer Funktion mit der Multiplikatoren-Ausbildung. Dort vermitteln wir zusätzlich Methoden und Strategien für den betriebsinternen Wissenstransfer.

Was ist mit den Betroffenen und ihren Angehörigen?

Wir konzentrieren uns auf die Berufstätigen im Demenz-Bereich, da diese mit ganz eigenen Fragestellungen zu tun haben.

Die Berufsleute sollten aber ein offenes Ohr haben für die Anliegen der Betroffenen und Angehörigen...

Absolut, das ist ganz wichtig! Deshalb freuen wir uns über die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen. So hören wir regelmässig von aktuellen Anliegen der Betroffenen und Angehörigen, die es aufzugreifen gilt.
 
Was hat Sie als junge Frau zum Masterstudium in Gerontologie gebracht?

Gerontologie war Teil meines interdisziplinären Bachelor-Studiums mit Fokus «Strukturelle Barrieren im Chronic Disease Management» in Berkeley. Unsere Professorin war toll, sie inspirierte einige von uns, sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren.

Ausserdem hatte ich wie viele der späteren Mitstudenten eine sehr gute und enge Beziehung zu den Grosseltern.

Ich war mit den Chancen und Herausforderungen des Älterwerdens vertraut.

Demenz ist auch die Krankheit des Umfelds. Sie haben viele Jahre lang in Kalifornien gelebt. Dort sind die Menschen im Alltag offener, toleranter und hilfsbereiter als in der Schweiz oder in Deutschland. Haben es Menschen mit Demenz deshalb in Kalifornien besser als hier?

Wir sind hier vielleicht etwas kopflastig, eher perfektionistisch und scheinen oft Angst davor zu haben, Fehler zu machen, gegen die sozialen Normen zu verstossen. Ganz allgemein empfinde ich die Akzeptanz gegenüber Vielfalt, verschiedenen Lebensentwürfen und auch Beeinträchtigungen drüben grösser.

Auch Lerneinschränkungen sind dort viel weniger stigmatisierend. Ich denke, es ist kein Zufall, dass die Behindertenbewegung in Kalifornien entstanden ist. Inklusion und Teilhabe sind einfacher, da die sozialen Normen etwas flexibler sind, und dies empfinden viele als sehr entlastend.

Gibt es auch bessere Hilfsangebote in Kalifornien?

Das kann ich so nicht generell beurteilen. Wie bei so vielem in den USA bestehen grosse Unterschiede je nach Region und Einkommen. Doch ist es schon so, dass vieles in der Demenzarbeit hier ursprünglich aus den USA stammt, dort bereits vor vielen Jahren entwickelt und angewandt wurde. 

Welches sind die wichtigsten Bausteine, damit das Netzwerk Demenz beider Basel seine Ziele erreichen kann?

Zeit und Geld…

Man kann bei solchen Projekten nie genug davon haben. Ihr Netzwerk ist noch jung, Angebote wie die online-Datenbank sind im Aufbau. Wann wird es so weit sein, dass Sie sagen können: Ja, jetzt ist es fertig, wir haben das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben?

Wir befinden uns permanent im Prozess.

Fertig ist man nie – und die Realitäten verändern sich laufend.

Einzelne Teile unserer Arbeit sind jetzt schon sichtbar, so werden unsere Weiterbildungsangebote sehr gut besucht. Im nächsten Januar findet der dritte Praxistag Demenz statt.

Ebenso sind die Kurzveranstaltungen «Demenz Kompakt» beliebt. Der nächste Anlass ist mit dem Clown Marcel Briand, dann kommt eine Veranstaltung mit Irene Leu zum Thema Fallbesprechung. Im Herbst gibt es einen Abend zum Thema «Smoothfood, Fingerfood & Co.» mit Markus Biedermann. Im Oktober starten wir dann mit der Schulung der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

erschienen: 18.06.2019

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