Menschenwürde

Ein Kriterium für den gesellschaftlichen Umgang mit Demenz

Negative Wahrnehmungen und Wertungen führen zu einer Stigmatisierung von Menschen mit Demenz. Darunter leiden nicht nur die Erkrankten, sondern auch deren Angehörige.
Negative Wahrnehmungen und Wertungen führen zu einer Stigmatisierung von Menschen mit Demenz. Darunter leiden nicht nur die Erkrankten, sondern auch deren Angehörige. Bild Mara Truog

Menschenwürde stellt die ethische Grundlage menschlichen Zusammenlebens dar. Sie ist «Grundnorm, Grundwert und Grundrecht in einem». Sie ist das elementare Kriterium allen moralischen Handelns, das dem Anspruch der Humanität genügen will.

Von Heinz Rüegger

Menschenwürde eignet jedem Menschen, einfach weil er Mensch ist. Sie ist weder von irgendwelchen Fähigkeiten (zum Beispiel Rationalität, Beziehungsfähigkeit, Fähigkeit zur Selbstbestimmung) noch von irgendwelchen Leistungen (zum Beispiel moralischer, sozialer, ökonomischer oder kultureller Art) oder den äusseren Lebensbedingungen (Wohlstand oder Armut, Selbstständigkeit oder schwere Pflegebedürftigkeit in einem Heim) abhängig.

Menschenwürde ist ein dem Menschen inhärenter, das heisst unverlierbarer Anspruch auf Schutz und Respekt, zu dem Artikel 7 der Bundesverfassung festhält, er sei zu achten und zu schützen. 

Menschenwürde in diesem normativen Sinn gilt unbedingt, sie ist an keine Bedingungen geknüpft, die allenfalls erfüllt sein müssten, damit jemand Würde zuerkannt werden kann.

Dieses Verständnis von Würde gerät nun aber seit Jahren unmerklich ins Wanken und mutiert zu einem nur noch bedingten Verständnis von Würde, einem Verständnis, das davon ausgeht, dass Würde nur hat, wer gewisse Bedingungen erfüllt, zum Beispiel gewisse Fähigkeiten hat (etwa die Fähigkeit zu Selbstachtung, zu vernünftigem Denken, zu selbstbestimmtem Handeln).

Der berühmte Altersforscher Paul B. Baltes war der Überzeugung, die Menschenwürde schwinde dahin, wenn Demenzen zu einem schleichenden Verlust vieler Grundeigenschaften des Homo sapiens wie etwa Intentionalität, Selbstständigkeit, Identität und soziale Eingebundenheit führten, Eigenschaften, die wesentlich die menschliche Würde bestimmen.

Demenz als Irritation und Provokation

Gemessen an einem ganz auf Kognition und Autonomie fixierten Menschenbild, wie es heute vorherrscht, stellt Demenz eine fundamentale Irritation, ja Provokation dar und «erscheinen Menschen mit Demenz als unwürdige Greise. Leben mit Demenz wäre demnach per se menschenunwürdig» (U.H.J. Körtner).

Der Jurist Eduard Picker hat recht, wenn er feststellt, dass es in unserer Gesellschaft neben einer Verabsolutierung der Würde als unantastbares Gut auf der abstrakt-generellen Ebene zugleich eine gegenläufige Tendenz gibt, auf ethischer, juristischer und praktischer Ebene verletzliches menschliches Leben in seiner Schutzwürdigkeit zu relativieren und Menschen (zum Beispiel solche mit Demenz), die den dominanten gesellschaftlichen Werten nicht entsprechen können, ihre menschliche Würde abzusprechen. Picker spricht von einer «Entvitalisierung der ‹Würde›».

Besonders gegenüber Menschen mit Demenz ist die Meinung weit verbreitet, sie befänden sich in einer entwürdigenden Situation, die Demenz beraube sie ihrer menschlichen Würde.

Vielen fällt es schwer, Würde und Demenz zusammenzudenken.

Viele können sich auch kaum vorstellen, dass ein Mensch mit Demenz durchaus noch über eine gute Lebensqualität verfügen kann. Hinter solchen Haltungen liegen unter anderem fehlendes Wissen über diese Krankheit und entsprechende Vorurteile.

Solche intuitiven, rein negativen Wahrnehmungen und Wertungen von Demenz führen automatisch zu einer Stigmatisierung von und einer Hemmschwelle gegenüber Menschen mit Demenz. Darunter leiden nicht nur die Direktbetroffenen, sondern auch deren Angehörige.

Erhöhung der Sensibilität und Abbau von Vorurteilen

Es ist darum wichtig, dass die durch Bund und Kantone getragene schweizerische Demenzstrategie 2014 – 2019 die Erhöhung der Sensibilität unter der Bevölkerung und den Abbau von Vorurteilen zum ersten gemeinsamen Handlungsfeld erklärt hat.

Hier muss die Grundlage für alle Strukturen und Dienstleistungen zum Wohl von Menschen mit Demenz gelegt werden. Dazu gehört nicht nur das Vermitteln von einschlägigem Fachwissen über das Phänomen Demenz, sondern auch ein fundamentales Hinterfragen von in unserer Gesellschaft dominanten Werten wie Kognition, Leistung, Selbstbestimmung, Flexibilität und Mobilität.

Solche selbstkritische Reflexion ist überaus anspruchsvoll und darf kaum mit begeistertem Applaus in der breiten Bevölkerung rechnen. Aber sie ist zentral.

Sie wird nur dann fruchten, wenn sich möglichst viele Akteure daran beteiligen: Schulen, Erwachsenenbildung, Kirchen, Medien, Vertreter von Pflege- und Betreuungsinstitutionen.

Wichtigkeit konkreter Begegnungen

Abbau von Hemmschwellen bedarf konkreter Begegnungen von Menschen mit und ohne Demenz. Durch solche Begegnungen ergibt sich auch die Möglichkeit, Menschen mit Demenz ihre unverlierbare Würde (verbal und auch einfach durch unser Verhalten und Handeln) zuzusprechen und zu lernen, sie in ihrer Besonderheit und Andersartigkeit zu akzeptieren.

Nur durch die Schaffung solcher Möglichkeiten der Begegnung in einer demenzfreundlichen Gesellschaft kann ein offener Umgang mit von Demenz Betroffenen, deren Akzeptanz und soziale Einbindung gefördert werden, wie das die Eidgenössische Demenzstrategie postuliert.

Zum Ernstnehmen der Würde von Menschen mit Demenz gehörte die Entwicklung und das Angebot einer angemessenen Palette medizinischer und sozialer Dienstleistungen zur Unterstützung von Betroffenen und ihrer Angehörigen. Hier ist in letzter Zeit einiges geschehen. Hilfreiche Entwicklungen sind im Gange.

Die nationale Demenzstrategie weist in die richtige Richtung.

Allerdings ist noch manches zu tun und um die sozialpolitische Bereitschaft, entsprechende Initiativen nicht nur zu fordern und zu begrüssen, sondern auch finanziell nachhaltig abzusichern, ist immer wieder zu ringen.

Zwischen wohlwollender theoretischer Unterstützung und handfestem politischem Einsatz für die in Ziel 4 der Demenzstrategie geforderte angemessene Entschädigung und finanzielle Tragbarkeit von bedarfsgerechten Leistungen besteht ein Unterschied.

Wie weit unsere Gesellschaft die Würde von Menschen mit Demenz wirklich ernst nimmt, zeigt sich daran,

  • ob sie bereit ist, ihre gängigen Wertvorstellungen und Menschenbilder kritisch zu hinterfragen
  • und die Mittel zur Verfügung zu stellen, die nötig sind, um Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen die Unterstützung anbieten zu können, die sie brauchen, um auch mit dem Phänomen Demenz ein gutes Leben führen zu können.

Dr. Heinz Rüegger, MAE, ist freischaffender Theologe, Ethiker und Gerontologe sowie Autor zahlreicher Publikationen im Themenbereich der Altersethik.

erschienen: 27.04.2019

Kommentare