Frühstücksbegleitung

Gemeinsam statt einsam in den Tag

Pflegende achten beim Essen häufiger auf Kalorien- und Nährstoffzufuhr als auf die individuellen oder psychosozialen Bedürfnisse derer, die gepflegt werden.
Pflegende achten beim Essen häufiger auf Kalorien- und Nährstoffzufuhr als auf die individuellen oder psychosozialen Bedürfnisse derer, die gepflegt werden. Bild Dominique Meienberg

Während die Pflege am Morgen sehr viel zu tun hat, sind Seelsorge, Aktvierung, Ergo- und Physiotherapie kaum beschäftigt. Daraus ist im Pflegezentrum Bachwiesen in Zürich die preisgekrönte Idee der Frühstücksbegleitung für Menschen mit Demenz entstanden.

Von Margot Klein

Ess- und Trinkarrangements tragen mit dazu bei, dass sich Menschen mit Demenz in einer Institution wohl und ernst genommen fühlen (Hung & Chaudhury, 2011). Bekannt ist auch, dass Rituale und Aktivitäten rund um Essen und Trinken bei Demenzerkrankten identitätsstützend wirken können (exemplarisch Evans, Crogan & Shultz, 2005).

Studien deuten jedoch darauf hin, dass Pflegende beim Essen häufiger auf Kalorien- und Nährstoffzufuhr achten als auf die individuellen oder psychosozialen Bedürfnisse derer, die gepflegt werden. (exempl. Gibbs-Ward & Keller, 2005).

Früher wurden Im Pflegezentrum Bachwiesen die Bewohnerinnen und Bewohner von zwei Spezialabteilungen in den Essraum begleitet und erhielten dort ihr Frühstück. Während der Mahlzeit waren sie sich selbst überlassen und wirkten unruhig oder apathisch.

Die Pflegepersonen bestätigten diesen Eindruck. Sie wünschten sich eine qualifizierte Frühstücksbetreuung, weil sie selbst mit den Arbeiten in den Zimmern absorbiert seien.

In der Folge entstand das Projekt «Multidisziplinäre Frühstücksbegleitung» mit der Absicht,

  • den von Demenz betroffenen Menschen einen ruhigen und angenehmen Start in den Tag zu ermöglichen und
  • Ihnen Zuwendung und angemessene Unterstützung beim Frühstück zu geben, damit sie das Essen geniessen und sich auf eine natürliche und alltagsbezogene Art beschäftigen können.

Die Idee: Multidisziplinär begleiten

Das Pflegezentrum Bachwiesen gehört zu den Pflegezentren der Stadt Zürich. Auf acht Abteilungen und in einer externen Wohngruppe leben rund 150 meist hochbetagte Menschen.

Der Wunsch nach einem anderen Frühstücksarrangement entstand auf zwei Abteilungen für Demenzerkrankte mit Weglaufgefährdung und/oder Verhaltensauffälligkeiten.

Die Seelsorge meinte spontan, dass sie sich an dieser «basismässigen, alltags- und handlungsorientierten Weise» der Betreuung von Menschen mit Demenz beteiligen wolle.

Zudem stellte sich heraus, dass die Physio- und Ergotherapie am Morgen nur wenig Kontakt und Zugangsmöglichkeiten zu den Bewohnenden hatten. Daraus entstand die Idee einer multidisziplinären Begleitung.

Schnelle Umsetzung

Verschiedene Disziplinen wurden angefragt, ob und wann sie die Frühstücksbegleitung übernehmen könnten. Die Abteilungen erstellten eine Bedürfnisliste mit dem Unterstützungsbedarf und den Vorlieben der Betroffenen.

Die zukünftigen Begleiter und Begleiterinnen wurden von den Abteilungen auf ihre Aufgabe vorbereitet und im Juli 2016 war es schliesslich soweit: Die Begleitpersonen begannen ihre Einsätze und führen sie bis heute an jedem Wochentag durch.

Daran beteiligt sind Aktivierungstherapie, Seelsorge, Physio- und Ergotherapie. Die Pflegenden sind sehr zufrieden mit dem Arrangement: Sie wissen die mobilen Bewohner in der Obhut der Begleitpersonen und können sich um jene kümmern, die Unterstützung in den Zimmern brauchen.

Allgemeiner Eindruck ist, dass das Frühstück nun in einer ruhigeren Atmosphäre stattfindet, die Bewohner/innen weniger streiten und weniger oft den Esstisch verlassen, um zu wandern. Alle Beteiligten sind mittlerweile überzeugt von diesem Arrangement.

Anfängliche Zweifel haben sich als nichtig erwiesen, wie diese Äusserung exemplarisch zeigt:

«Anfangs hatte ich Bedenken. Ich hatte die Vorstellung, dass unser therapeutisches Arbeiten nicht einfliessen kann. Nun hat sich meine Meinung geändert.»

Weitere Beobachtungen und Rückmeldungen deuten darauf hin, dass mit der Frühstücksbegleitung kontinuierlich positive Arbeit an der Person geleistet wird und die Betroffenen glücklicher und zufriedener erscheinen. Im Folgenden einige Beispiele positiver Interaktionen (analog Kitwoods 2016):

  • Anerkennen: Alle werden namentlich und mit Handschlag begrüsst, nach ihrem Befinden gefragt und zum Essplatz begleitet. Die herzliche Begrüssung zaubert schon am frühen Morgen manches Lächeln auf die Gesichter.
  • Verhandeln: Die Begleitperson fragt jeweils, was man essen und trinken möchte, sie zeigt das Buffet, hilft bei der Auswahl oder bringt Angebote an den Tisch. Zuvor hatten sich die Pflegenden hauptsächlich an den Gewohnheiten der Bewohner/innen orientiert.

In diesem Zusammenhang hinterfragt eine Begleitperson die Bedürfnisliste kritisch: «Die Liste war zu Beginn hilfreich. Sie kann jedoch auch hinderlich sein und zur Routine verführen, … immer das Gewohnte zu geben oder anzubieten.»

  • Zusammenarbeit: Die Begleiterin weiss gut Bescheid über Ressourcen, Kompetenzen und Unter-stützungsbedarf der jeweiligen Ansprechperson. Sie lässt sie die Eier aussuchen und selbstständig schälen. Als Frau F. das Ei essen will, weist sie auf eine Stelle hin, wo Frau F. noch etwas Schale entfernen soll.
  • Spielen: Im Anschluss an die Frühstücksbegleitung organisieren einige Begleitpersonen eine Aktivierung. Dabei kommen häufig auch die zurück, die in der Zwischenzeit den Essbereich verlassen haben.
  • Timalation: Die Begleitpersonen zeigen die verschiedenen Speisen und Getränke. Sie lassen die Betroffenen daran riechen, machen auf den Kaffeeduft und ähnliches aufmerksam. Sie lassen sie die Speisen und Utensilien greifen und anfassen. 

Sie gibt Herrn B. abwechselnd die Tasse mit warmem Kaffee und das Glas mit kalter Ovomaltine in die Hand. Man unterhält sich über Temperaturen, und findet heraus, dass Herr B. heute lieber «kühl» trinken möchte. Herr B.s anfängliche Unsicherheit verschwindet und macht Neugierde und Experimentierfreudigkeit Platz.

  • Feiern: Das «Arrangement Frühstücksbegleitung» ähnelt dem Frühstück in den Ferien.

Ein Begleiter erzählt: «Die Frühstücksbegleitung bringt einen gewissen ‹Verwöhncharakter› in die Betreuung, vielleicht sogar ein wenig Ferienstimmung. Eine Bewohnerin rief mir immer zu: ‹Monsieur, bitte noch einen Kaffee›.»

  • Entspannen: Die Atmosphäre während des Frühstücks ist ruhig und einladend. Die ständige Anwesenheit der Begleitperson, ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung, vermitteln Sicherheit. Bei Unsicherheit und Ängsten kann sie schnell intervenieren und, wenn nötig, weitere Unterstützung holen.
  • Validation: Die Bewohner werden mit ihren Sorgen und Gefühlen wahrgenommen.

Frau A. sitzt bereits am Frühstückstisch, als sie plötzlich zu weinen beginnt und über Missempfindungen klagt. Die Begleitperson setzt sich zu ihr und tröstet sie. Sie anerkennt das hohe Alter und die damit einhergehenden Beschwerden der Bewohnerin. Sie erkundigt sich bei einer vorbeigehenden Pflegekraft, was man tun könne und spricht mit Frau A. darüber bis diese sich wieder fängt.

  • Halten: Manchmal sitzt die Begleitperson einfach nur bei einer Bewohnerin und hält eine Hand oder nimmt sie in den Arm. Dies geschieht unter anderem bei Schwachen und Müden, die wenig Bedürfnis nach Essen und Trinken haben, aber die Gemeinschaft im Frühstücksraum geniessen.
  • Erleichtern: Alle Bewohner brauchen mehr oder weniger tatkräftige Unterstützung beim Frühstück. Die Begleitung bietet diese Unterstützung auf eine einfühlsame und spielerische Weise, so dass Defizite nicht wahrgenommen, sondern ausgeglichen werden.

Eine Begleitperson experimentiert gemeinsam mit Herr B. mit verschiedenen Trinkgefässen, bis eines gefunden ist, das er ohne Probleme zum Mund führen kann.

  • Geben (giving): Animiert durch die Begleitperson versuchen einige Bewohnerinnen, anderen beim Frühstück Hilfestellung zu leisten.

Ein schöner Nebeneffekt:  Das Arrangement der Frühstücksbegleitung bringt nicht nur Bewohner und Personal näher zusammen, sondern stärkt auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit:

«Ich persönlich habe viel mehr Verständnis für andere Bereiche entwickelt.» Oder: «Während der Begleitung bin ich Teamkollege, der sich in das fremde Arbeitsfeld einfühlen kann.»

Ein nachhaltiges Angebot

Die multidisziplinäre Frühstücksbegleitung für Menschen mit Demenz wird von den Beteiligten als wirkungsvoll und sinnstiftend erlebt. Den Bewohner/innen ermöglicht sie schöne Kontakte.

Viventis-Preis

Die Fachstelle Demenz der Fachhochschule St.Gallen und die Viventis Stiftung zeichnen jeweils im November am St.Galler Demenz-Kongress die besten Praxisprojekte in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz in der Schweiz aus. Das Projekt einer disziplinübergreifenden Begleitung von Menschen mit Demenz während des Frühstücks wurde 2017 mit dem 2. Preis ausgezeichnet.

Sie können Gespräche führen, werden gehört, erfahren Austausch und Anteilnahme. Ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung und Autonomie wird nachgekommen, weil sie Essen und Trinken aussuchen, Verpackungen selbst öffnen, Brote selbst streichen und Zucker und Milch selbst in den Kaffee oder Tee geben können.

Ungute Situationen werden schneller aufgefangen. Es entsteht weniger das Gefühl des Ausgeliefert- und Verloren-Seins, sondern ein Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit.

Obwohl keine Messungen durchgeführt wurden, gewinnen wir den Eindruck einer besseren Lebensqualität durch die Massnahme der multidisziplinären Frühstücksbegleitung.

Eine systematische Review und Metaanalyse zur Effektivität von unterstützenden Interventionen beim Essen und Trinken von Menschen mit Demenz deutet ebenfalls darauf hin, dass Interventionen mit einem starken sozialen Element einen Einfluss auf die Lebensqualität zu haben scheinen (Abdelhamid et al., 2016).

Nötig wären unseres Erachtens Studien, welche das Thema soziale Interventionen rund ums Essen bei Menschen mit Demenz weiter erforschen und Evidenz erbringen. In der Zwischenzeit werden wir den Weg der Frühstücksbegleitung auch ohne harte Evidenz gehen, in der Überzeugung, dass sie Sinn ergibt.

 

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.4/2018. Herzlichen Dank an die Redaktion und die Autorin für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

Literatur

Abdelhamid, A., Bunn, D., Copley, M., Cowap, V., Dickinson, A., Gray, L., Howe, A., Killett, A., Lee,J., Li, F., Poland, F., Potter, H., Richardson, K., Smithard, D., Fox. C. & Hopper, L. (2016). Effectiveness of interventions to directly support food and drink intake in people with dementia: systematic review and meta-analysis. BMC Geriatrics 16(26).

Evans, B., Crogan, N. & Shultz, J. A. (2005). Meaning of mealtimes: connection to the social world of nursing home. Journal of Gerontological Nursing. 3(2). 11-17.

Gibbs-Ward, A. & Keller, H. (2005). Mealtimes as active processes in long-term care facilities. Canadian Journal of Dietetic Practice and Research. 66. 5-11.

Hung, L. & Chaudhury, H. (2011). Exploring personhood in dining experiences of residents with dementia in long-term care facilities. Journal of Aging Studies. 25. 1-12.

Kitwood, T. (2016). Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen (7. überarb. Aufl.). Hogrefe: Göttingen

erschienen: 18.04.2018

Kommentare