Generationen

Ein Miteinander entstehen lassen

«Es ist schön, wenn die Jungen da sind, manchmal sind wir Älteren aber auch gerne unter uns.»
«Es ist schön, wenn die Jungen da sind, manchmal sind wir Älteren aber auch gerne unter uns.» Bild PD

Alltagsbegegnungen zwischen Jung und Alt sind selten. Abhilfe schaffen da offene Einrichtungen für alle Altersgruppen und Kulturen. Diese Treffs ermöglichen generationenübergreifende Begegnungen. Ein Streifzug durch die Quartiere von Stuttgart.

Von Anna Lena Knörr

In der Stuttgarter Stadtbahn der Linie 9 hat in der Sitzgruppe neben mir eine ältere Frau Platz genommen, die offensichtlich ihre Einkäufe nach Hause transportiert. Als sie gerade versucht, das aus ihrer blauen Tasche ragende Möhrengrün aus dem Reissverschluss zu befreien, wird ihr gegenüber ein Kinderwagen mit einem etwa anderthalbjährigen Jungen platziert.

Die junge Mutter stellt einhändig sicher, dass der Kinderwagen nicht wegrollen kann, ohne dabei ihr Telefongespräch zu unterbrechen. Die weisshaarige Dame begrüsst den jungen Zugestiegenen mit einem herzlichen «Hallo, kleiner Mann!». Dabei strahlt sie über das ganze Gesicht. Der in einen bunten Anzug gepackte Blondschopf strahlt zurück.

Das Möhrengrün wird plötzlich zum Spielzeug und hält die wortlose Kommunikation zwischen den beiden so lange aufrecht, bis die immer noch telefonierende Mutter den Kinderwagen mitsamt des nun etwas quengeligen Insassen ein paar Haltestellen später wieder aus der Stadtbahn schiebt.

«Ach, das war jetzt aber nett», sagt die ältere Frau zu mir. Ihr war wohl nicht entgangen, dass ich sie mit einem Lächeln beobachtet habe. «Mein Urenkel ist auch in dem Alter, aber den seh‘ ich ja eh fast nie», seufzt sie und steigt schliesslich aus.

Nicht nur der Dame in der Straßenbahn geht es so, ich weiss das auch aus anderen Quellen:

Begegnungen zwischen Kindern und älteren Menschen finden im Alltag höchstens zufällig oder gar nicht statt. Auch eine grosse Verwandtschaft ist kein Garant dafür.

Diese Tatsache wurde bereits vor einigen Jahren von Sozialplanern und unterschiedlichsten Einrichtungsträgern erkannt und es werden – in Stuttgart sicher ebenso wie anderswo – gezielt Räume und Angebote geschaffen, um generationenübergreifende Begegnungen möglich zu machen.

Inspiriert von meiner Beobachtung in der Stadtbahn besuche ich drei offene, stadtteilbezogen arbeitende Einrichtungen, die mit einzelnen Angeboten oder ihrem Gesamtkonzept gezielt das Miteinander der Generationen fördern.

In der alten Arbeitersiedlung 

In einer der ältesten Arbeitersiedlungen Stuttgarts ist 2015 ein sehr junges Quartier- und Familienzentrum aus einem ehemaligen Lebensmittelladen entstanden. Nachbarn aller Kulturen und Altersstufen sind dort eingeladen sich zu treffen, gemeinsam Kaffee oder Tee zu trinken und das Programm mitzugestalten.

An diesem Sonntag im Dezember gibt es im «Wohnzimmer der Siedlung» die Möglichkeit, gegen ein kleines Entgelt gemeinsam zu frühstücken.

Obwohl ich in einem anderen Stadtteil lebe, komme ich schnell mit den Menschen ins Gespräch und finde an einem Tisch Platz, an dem sich bereits ein junger Rentner, eine über 80-jährige Dame mit Rollator und eine Mutter mit ihrem vierjährigen Sohn Brötchen, Obst und Kaffee schmecken lassen.


Herzlichen Dank an die Herausgeber von «demenz das Magazin» und den Verlag Brinkmann Meyhöfer für die Gelegenheit der Zweitverwertung dieses Beitrags.


Während mir die Älteste am Tisch gerade erläutert, dass sie besonders gerne hier die Gesellschaft sucht, seit ihre Enkelin in die USA ausgewandert ist, beginnt der kleine Junge ein Spiel und bittet uns vier Erwachsene, die Augen zu schliessen.

Mein Sitznachbar, der zugibt, in erster Linie wegen des Essens hier zu sein, hat kurze Zeit später einen Hot-Dog aus Holz in der Hand. Er geht als lachender Sieger aus diesem weitgehend regellosen Spiel hervor, worauf ihm der junge Spielleiter strahlend den Gewinn wieder wegnimmt.

«Manchmal hat es hier Kinder, die überhaupt kein Benehmen kennen, während ihre Eltern seelenruhig vor ihrem Kaffee sitzen», berichtet die ältere Dame und beglückwünscht zugleich die junge Mutter für ihr «braves Kind».

Schön sei es, dass Kinder da sind, aber die Möglichkeit auch Gleichaltrige zu treffen und mit ihnen unter sich zu sein, sollte nicht fehlen, antwortet sie auf meine Frage nach dem Wunsch der älteren Generation, der jüngeren zu begegnen.

Im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag

Unter sich sein – das können Seniorinnen und Senioren in einem auf diese Zielgruppe ausgerichteten «Begegnungs- und Servicezentrum» im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag an den meisten Tagen im Jahr. Das Angebot der Einrichtung wird von der Stadt Stuttgart finanziell gefördert.

Seit ein paar Jahren ist mit dieser Förderung der Auftrag verbunden, mit einem entsprechenden Programm zeitweise auch Familien und jüngere Personen einzuladen sowie mit Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zusammenzuarbeiten. In diesem Rahmen findet in der Adventszeit eine «Backstube für Jung und Alt» statt, an der ich teilnehmen darf.

Bei meinem Eintreffen am frühen Nachmittag riecht es bei weihnachtlicher Hintergrundmusik bereits vielversprechend: In der Küche werden Nikolausköpfe zum späteren Verzieren vorgebacken. Neben den Mitarbeiterinnen sind zwei Kaffee trinkende, ältere Damen anwesend, die auf Nachfrage verraten, dass sie sich auf den Besuch der Kinder aus der nahegelegenen Kindertagesstätte freuen.

Kurze Zeit später ist von der Weihnachtsmusik nichts mehr zu hören, stattdessen füllt sich der Raum mit Kindern zwischen zwei und sechs Jahren in Begleitung ihrer Erzieherinnen sowie ein paar Eltern und Geschwister.

Schnell hat jedes Kind die passende Schürze an. Es werden Teigklumpen ausgerollt, Plätzchen ausgestochen und dekorativ bunte Kleinteile auf den Teigwaren und – unvermeidlich – auch auf dem Boden verteilt, manche verschwinden in den Mündern der Kinder.

Die zwei Seniorinnen beobachten das Geschehen mit zufriedenem Gesichtsausdruck, allerdings aus sicherer Entfernung. Eine Dritte trifft ein und mischt sich sogleich freudestrahlend unter die Kinder, die sich beim Auswallen des Teiges gerne helfen lassen.

«Sie hat immer eine riesige Freude, wenn die Kinder da sind», erzählt mir die Leiterin der Einrichtung. Auf die Frage, warum diese Begeisterung nicht von mehr Älteren geteilt werde, erklärt sie mir, dass viele vor dem Trubel zurückschrecken, den die KiTa-Kinder unweigerlich in die sonst eher ruhige Einrichtung mitbringen.

Das Wohn-Café in Stuttgart-Ost

Ob es an der frühen Uhrzeit, dem im Vergleich zum Backen am Vorabend weniger aktiven «Generationenfrühstück» oder gar an den anwesenden Kindern liegt, wage ich nicht zu beurteilen – doch am nächsten Morgen im «Wohn-Café» in Stuttgart Ost ist die Geräuschkulisse für meine kaum an Kinderstimmen gewöhnten Ohren etwas angenehmer.

Von Erzieherinnen und Müttern begleitet sind hier jeden Mittwoch Kinder einer Kindertagesstätte zu Gast, die sich – nicht zufällig – im gleichen Gebäude befindet wie der einladend und grosszügig ausgestattete Quartiertreffpunkt.

Bevor es Brötchen gibt, darf sich jedes Kind aus einem Korb eine kleine Glocke aussuchen und es wird gemeinsam das zu den nun entstehenden Lauten passende Weihnachtslied gesungen. 

Mir gegenüber legt ein sehr aktiv wirkender Senior Lyoner auf sein Brötchen und unterhält sich dabei mit seinem fünfjährigen Sitznachbarn über den Schulranzen des grossen Bruders. Er sei gerne mit den Kindern zusammen, dann dürfe er sich selbst noch ein bisschen wie ein Kind fühlen, sagt er später.

Nach dem Frühstück darf die Spielecke des Wohncafés genutzt werden. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin fortgeschrittenen Alters setzt sich eine zweite Brille auf die Nase.

«Mit zwei Brillen kannst du bestimmt bis nach Afrika gucken!», hatte mal ein Kind zu ihr gesagt. Daran erinnert sie sich immer, wenn sich die Kinder zum Vorlesen zu ihr aufs Sofa setzen.

Sie erklärt mir, dass halb neun für viele Ältere zu früh sei und eine sonst regelmässig anwesende Dame aus dem Stadtteil wegen eines Arzttermins heute leider nicht kommen könne.

Beim Kaffee- und Waffelnachmittag sei die ältere Generation besser vertreten, wie die Leiterin der Einrichtung, die schon viele Begegnungen miterlebt hat, zu berichten weiss: «Die Eltern können ihre Kinder spielen lassen und Senioren aus dem Betreuten Wohnen oder dem Quartier können sich als Wahl-Oma oder -Opa einbringen.»

Wenn es ideal läuft, entstehen aus solchen Begegnungen langfristige Beziehungen und daraus könnten sich möglicherweise gegenseitige Hilfeleistungen ergeben. Der Wunsch, genau dies zu fördern, mag ein Grund dafür sein, dass immer mehr Angebote geschaffen werden, die den Dialog zwischen Jung und Alt unterstützen sollen.

Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass dieser Dialog nicht immer erwünscht ist. In einem Stadtteil sollte ebenso die Möglichkeit bestehen, sich mit Menschen in ähnlicher Lebenslage auszutauschen, (alters-)spezifische Interessen zu verfolgen, vielleicht auch Sorgen zu teilen.

Auch Wochen später bleibt mir die Begegnung zwischen dem kleinen Jungen und der älteren Dame in der Stadtbahn besonders eindrücklich in Erinnerung – wahrscheinlich, weil sie durch den glücklichen Zufall des Aufeinandertreffens überraschend und natürlich wirkte.

Angebote wie die drei, die ich besuchen durfte, können immer wieder neue Türen für solch erfrischende Begegnungen öffnen – und im Gegensatz zur Stadtbahn bieten sie beständig die Gelegenheit dazu, daraus ein Miteinander entstehen zu lassen, sofern die, die sich dabei begegnen, diesen Wunsch teilen.

erschienen: 21.03.2018

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